Léa Seydoux

„Ich war eine Außenseiterin“

Text: Rüdiger Sturm
Bilder: Marcel Hartmann/Contour par Getty Images  

Léa Seydoux war nervös. Trank ein Bier. Vermasselte das Vorsprechen, vergaß ihren Text. Und bekam die Rolle des Bond-Girls.

THE RED BULLETIN: Einige Ihrer Verwandten sind hohe Tiere in der französischen Filmindustrie. Sie selbst wurden Filmstar. Eine Frage des Startvorteils?

LÉA SEYDOUX: Nein. Ich habe immer mein eigenes Ding gemacht. Ich selbst wollte Schauspielerin werden, aus mir heraus. Und da gab es auch keine Privilegien.

Woher kam der Wunsch, Schauspielerin zu werden?

Ich war eine Außenseiterin, immer allein. Als Kind haben mich die anderen gehänselt, weil ich nicht gut angezogen war. Ich kam mir vor wie das hässliche Entlein. Später, mit achtzehn, begann ich dann eine Art Suche nach mir selbst. Ein Freund von mir war Schauspieler, und ich fand dieses Leben toll. Also beschloss ich, es selbst zu versuchen. Obwohl ich davor Angst hatte.

Warum denn das?

Weil ich vor allem Angst habe. Ich hasse es zu fliegen. Ich kann Höhen nicht ausstehen. Den Bond-Film drehten wir unter anderem in der marok­kanischen Wüste, und ich fürchtete mich total, denn da waren nur Leere und Hitze. Und vor Leere und Hitze habe ich … was denken Sie?

Nun ja …

Richtig.

Aber als Schauspielerin sind Sie solchen Situationen laufend ausgesetzt. Klingt nach falscher Jobwahl.

Im Gegenteil. Wenn ich arbeite, vergesse ich meine Ängste. Da bin ich im Hier und Jetzt.

Sweet Seydouxtion: Die französische Schauspielerin verdreht 007 in „Spectre“ die Augen.

© James Bond 007 // YouTube

„Ich selbst wollte Schauspielerin werden, aus mir heraus. Und da gab es auch keine Privilegien.“
Léa Seydoux

Schauspielerin zu sein heißt ja nicht nur spielen, sondern auch vorsprechen, Kontakte pflegen…

Das ist auch der schwierige Part. Bevor ich die Rolle in „Spectre“ bekam, hatte ich ein Vorsprechen mit dem Regisseur, und ich war so nervös, dass ich ein Bier getrunken habe. Dadurch verlor ich die Kontrolle. Ich konnte mich nicht mehr an meinen Text erinnern, lief rot im Gesicht an und schämte mich so sehr, dass ich alles ruinierte.

Und bekamen die Rolle trotzdem. Sie wurden betrunken zum Bond-Girl?

Wäre eine gute Story, aber sorry, nein, ich hatte das Glas nicht mal ganz ausgetrunken.

Und dann, bei den Dreharbeiten, war alles okay, abgesehen von der Wüste natürlich?

Im Gegenteil. Die Berge in den Tiroler Alpen hinaufzufahren – ich habe ja Höhenangst. Später musste ich Stunts machen, zum Beispiel einen Sprung aus acht Metern. Außerdem machte es mich nervös, auf Englisch zu spielen und mit Daniel Craig zu drehen, mit dem ich noch nie gearbeitet hatte. Aber es ist immer so: Sobald die Kamera läuft, ­ziehe ich mein Ding durch.

„Aber es ist immer so: Sobald die Kamera läuft, ­ziehe ich mein Ding durch.“
Léa Seydoux

Wollten Sie niemals etwas weniger Aufreibendes ­machen?

Nie. Ich fürchte mich zwar vor allem, aber ich mag das. Ich bin gewissermaßen nach dieser Angst süchtig. Denn sobald ich das, wovor ich Angst hatte, geschafft habe, ist das ein großartiges Gefühl.

Léa Seydoux

Léa Seydoux in Schöne und das Biest. Privat kämpft sie gegen ihre Phobien - und zieht daraus die Kraft, die sie für ihre Karriere braucht.

© A.P.L. Allstar Picture Library/Pathé

Ihr Tipp für alle Leute, die von Ängsten geplagt werden? Es kann ja nicht jeder Schauspieler werden, um Ängste zu überwinden.

Aber jeder kann eine für ihn passende Tätigkeit finden. Entscheidend ist, dass du an dich glaubst. Hab keine Angst vor der Angst, sondern suche ihre Nähe, das ist mein Tipp. Es ist sehr aufregend, sich selbst zu überwinden. Nichts macht dich so stark, wie deine Ängste zu überwinden.

Sie wurden also wegen Ihrer Ängste stark?

Ja. So kann man das sagen. Durch die Angst habe ich gelernt, dass ich die einzige Person bin, auf die ich mich voll verlassen kann.

Aber zum Abschluss ver­raten Sie uns eine Angst, die Sie nicht überwinden?

Die vor dem Fliegen. Das wird nicht besser. Ich nehme vorher jedes Mal eine Xanax-Tablette.

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11 2015 the red bulletin

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