Lemmy Kilmister

„Alternative Rock? Was für ein Scheiß!“

Foto: Robert John
Interview: Andrew Swann und Andreas Rottenschlager 

Hochofen des Heavy Metal: Seit vier Jahrzehnten füllt der inzwischen neunundsechzigjährige Motörhead-Sänger Stadien mit Songs, die wie Sturzkampfbomber klingen.

München, ein kahles Backstage-Zimmer: Lemmy Kilmister sitzt in der Ecke und wirft Münzen in einen Spielautomaten. Der Motörhead-Sänger hat seinen ­Kavallerie-Hut tief ins Gesicht gezogen. Auf seinem Tisch liegt ein silberner Dolch. 

Seit vier Jahrzehnten füllt der inzwischen Neunundsechzigjährige Stadien mit Songs, die wie Sturzkampfbomber klingen. Seine Band hat Disco, Punk und Grunge überlebt. Das Konzert heute Abend ist seit drei Wochen aus­verkauft. Wir räuspern uns. Lemmy blickt auf. Der Mann, der mit „Iron Horse“ eine Hymne auf die Hells Angels schrieb, hat erstaunlich sanfte Augen.

Motörhead: „Heartbreaker“

© UDRmusic // YouTube

THE RED BULLETIN: Herr Kilmister, gegen wen wollten Sie rebellieren, als Sie als junger Mann die lauteste Band der Welt gründeten?​ 

LEMMY KILMISTER: Na gegen alle. Eltern, Nachbarn, Politiker. An dieser Haltung hat sich nichts geändert. 

Die Haltung hat sich nicht geändert, aber 1975 haben Sie doch etwas anders ausgesehen…

Ich trug eine alte Armeejacke und ließ mir die Haare bis zum Arsch wachsen. Ich bin im England der Nachkriegszeit aufgewachsen, als es Rock ’n’ Roll noch gar nicht gab. Als Teenager mussten wir die Musik unserer Eltern hören. Und die war natürlich scheiße. Dann kamen Chuck Berry und Elvis. Wir dachten: „Wow! Darauf haben wir gewartet.“ 

„Trends bringen dich nicht weiter.“
Lemmy

Sie feiern 2015 vierzig Jahre Motörhead. Wie bleibt man als Band so lange erfolgreich? 

Indem man auf Trends pfeift. 

Das ist alles? 

Klar. Man darf Rock nicht überinterpretieren. ­Theorie, Gefühl, der ganze Scheiß. Wir spielen laut und schnell. Leute kommen zu unseren Konzerten. Ende der Story.

Die Bibel

Brennende Wohn­wagen, LSD-getränkte Shows, ein donnernder E-Bass: Lemmys Autobiografie „White Line Fever“ (Heyne Verlag) erzählt das Leben des Rock-Titanen auf 300 Seiten. Pflichtkauf!

 

Sie haben als eine der ersten westlichen Rock-Bands im damals kommunistischen Jugoslawien gespielt und argentinische Stadien ausverkauft, Japan ist eines Ihrer erfolgreichsten Länder. ­Haben Sie sich nie gefragt, warum Menschen mit so verschiedenen kulturellen Hinter­gründen zur selben Musik ausflippen? 

Weil Rock international ist. Du hörst die Musik, ein Blitz schießt deine Wirbelsäule hoch. Wir spielen drei Akkorde, und die Leute flippen aus. 

Japanische Metal-Heads? Seltsame Vorstellung. 

Haben Sie eine Ahnung! Japanische Rock-Fans sind irre. Sie drehen sich Elvis-Locken, ihr Haar ist perfekt dafür. Und erst die Frauen! (Imitiert seine Pressesprecherin:) „Lemmy, äh, wenn du mit dem Mädchen fertig bist, könnten wir dann wieder in den Backstage-Bereich?“ (Und mit der eigenen Stimme:) „Okay, gib mir noch eine halbe Stunde.“

Was finden Frauen so toll an Rockstars? 

Sie reflektieren Ruhm. Gut, manche wollen auch nur mit gutaussehenden Typen schlafen. Ich bin heute nicht mehr so hübsch wie früher. Trotzdem kommen immer wieder Frauen nach den Shows zu mir. Die haben diesen Blick drauf, Sie wissen schon. Damit kann ich gut leben. 

Warum haben Sie nie geheiratet? 

Ich habe keine gefunden, die mich davon abhält, anderen nachzuschauen (lacht). Irre eigentlich. Außerdem sind wir seit vierzig Jahren auf Tour. Nicht gut für eine stabile Beziehung. 

Unsere Theorie für den Erfolg von Motörhead: Sie verkörpern das Image des Rockers in einem Zeitalter, in dem Rebellen fehlen.

Das stimmt. Es gibt keine jungen Rockstars mehr. Zumindest solche, bei denen du „Wow!“ sagst. Die Jungen spielen heute alle Alternative Rock. Was für ein Scheiß: Alternative. Eine Alternative, zu was? Sie müssen schon uns nehmen, es kommt nichts Besseres nach.

Sie werden dieses Jahr siebzig. Wie verhindert man, im Alter spießig zu werden?

Tun Sie’s einfach nicht.

Haben Sie keinen konkreten Tipp?

Hhm … Sie arbeiten doch in einem Büro, oder?

Ja.

Lassen Sie sich die Haare wachsen. 

Ich glaube, das ist den Leuten im Büro egal.

Tun Sie es trotzdem. Sie wären überrascht, wie ­viele das noch immer anpisst.

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07 2015 THE RED BULLETIN

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