Lenny Kravitz Photoshooting The Red Bulletin Mark Seliger

Lenny Kravitz: It ain’t over

Text: Brandon Perkins
Bilder: Mark Seliger
Produktion: Josef Siegle

Lenny Kravitz bringt gerade sein zehntes Studioalbum heraus. Und einen Fotoband. Ist mit seiner Innendesign-Firma weltweit erfolgreich. Und spielt nebenbei in Hollywood-Blockbustern. Wir haben ihn in New York City getroffen.
Mark Seliger Fotograf
Mark Seliger

Gut hundert Magazin-Cover fotografierte Mark Seliger ­bislang für „Rolling Stone“, „Vanity Fair“ und „GQ“, im Portfolio des Texaners tummeln sich Musiklegenden von Keith Richards bis Kurt Cobain. Für The Red Bulletin inszenierte Seliger Lenny Kravitz in seinem Studio in New York.

Lenny Kravitz treffen heißt Musikgeschichte treffen, nicht mehr und nicht weniger. „Let Love Rule“, „It Ain’t Over Till It’s Over“, „Always on the Run“, „Are You Gonna Go My Way“: Kann man sich ernsthaft vorstellen, dass es diese Songs einmal nicht gegeben hat? 

Seine 25 Jahre im Musikbusiness ­haben Lenny Kravitz, der im Mai fünfzig wurde, reich gemacht. Das ist das Gute daran, wenn du einen Welthit nach dem anderen schreibst. Das Schlechte daran: Die Leute vergessen, was für ein verdammt guter Künstler du bist.

Bei Lenny Kravitz kommt noch etwas anderes dazu. Er hat sich konsequent über alles hinweggesetzt, was in der Branche gerade angesagt war. 

Das war bereits ganz am Beginn seiner Musikkarriere in den späten 1980ern so. Da war er so pleite, dass er in seinem Ford Pinto schlafen musste. Lehnte aber Verträge ab, weil die ihm einen Musikstil vorschrieben, der ihm nicht behagte.

In bewusstem Gegensatz zu den meisten schwarzen Künstlern – allen voran dem Hip-Hop-Kollektiv N.W.A rund um Ice Cube und Dr. Dre – thematisierte er in seiner Musik seine Herkunft nicht. Obwohl einiges zu erzählen gewesen wäre: Vater weiß, Mutter schwarz, Lenny kam 1964 auf die Welt, als es in den USA nicht ungewöhnlich war, dass gemischtrassige Paare auf der Straße angespuckt wurden. 

Während die Schwarzen rappten, erfanden die Weißen Ende der 1980er den Rock neu und nannten ihn Grunge. 

Und was machte Lenny Kravitz? Er schrieb Songs, die nach einem Mix aus David Bowie und Motown klangen. 

Die Kritiker lachten. 

Lenny Kravitz Photoshooting Mark Seliger

Für immer jung

Dieser Mann ist seit Mai fünfzig Jahre alt. Und 85 Prozent aller Frauen denken an dasselbe, wenn sie an ihn denken.

© Foto: Mark Seliger

Kravitz hielt an seinem Stil fest – und auch an seiner unüblichen Arbeitsweise. Denn er schrieb, spielte, produzierte und arrangierte seine Songs im Alleingang, nur unterstützt von einer kleinen Gruppe enger Freunde. Und er arbeitete immer konzentriert, aber immer schnell.

All das ist auch heute noch so. Kravitz spielt nicht mit einer Band. Kravitz ist die Band. Seine Gitarrenriffs, Basslines und Hooks sind keinen Songwritern oder ­Studiomusikern zu verdanken. Sondern einer Jeepfahrt auf den Bahamas, zum Beispiel, die ihn zu den hymnischen Akkorden von „Fly Away“ inspirierte. „Are You Gonna Go My Way“ entstand „in gerade mal fünf Minuten“, wie er erzählt.

Seinen eigenen Weg zu gehen kann sich auszahlen: Seit der Veröffentlichung seines Debütalbums „Let Love Rule“ im Jahr 1989 verkaufte Lenny Kravitz knapp 40 Millionen Platten.

Sein neues Album „Strut“, sein zehntes, nahm er binnen zwei Wochen auf, mehr oder weniger im Alleingang.

„Ich verdrücke mich gern, wenn ich an Songs arbeite. Fliege auf die Bahamas, auf irgendeine ruhige Insel, setze mich mit meiner Gitarre unter einen Baum“, sagt er beim Red Bulletin-Gespräch in ­einer Dachterrassen-Lounge in New Yorks Greenwich Village. „Als es dann so weit war, habe ich Streicher einfliegen lassen, Hornisten, drei Backgroundsänger und natürlich Craig Ross, meinen Buddy. Aber das meiste habe ich selbst erledigt, Gitarre, Bass, Schlagzeug, Keyboard.“

Der Titel des aktuellen Albums ist ­übrigens ein Zitat von Oma Kravitz. „Strut your stuff, baby, you look great!“, sagte die. Zu Deutsch: „Zeig ihnen, was du draufhast, Baby, du siehst großartig aus!“

Großartig auszusehen macht Kravitz auch mit fünfzig nicht wirklich Probleme. Das sieht man auch beim Shooting in New York. Dass er alle paar Minuten mit Fotograf Mark Seliger über die Bilder diskutiert, die der gerade geschossen hat, hat aber nichts mit Eitelkeit zu tun. Vielmehr wird fachgesimpelt; in Kürze erscheint Kravitz’ Bildband über Paparazzi, der Gejagte wirft den Blick zurück auf die Jäger. 

„Klar möchte ich auf einem Bild gute Figur machen, aber viel wichtiger ist mir die Bildkomposition. Ich nenne es ‚die ­Architektur eines Fotos‘“, sagt er.

Lenny Kravitz Mark Seliger Photoshooting

One-Man-Show

Lenny Kravitz spielt nicht mit einer Band. Lenny Kravitz ist die Band. Seine Musik-Karriere ist im Grunde ein Alleingang.

© Foto: Mark Seliger

Seine unglaublichen Allrounder-Qualitäten hat Kravitz in den letzten Jahren auch in Hollywood unter Beweis gestellt. 

Er übernahm Rollen in Streifen wie Lee Daniels’ Oscar-nominiertem „Precious“, dem Millionen-Blockbuster „Die Tribute von Panem“ und in „The Butler“ – sogar Präsident Barack Obama bekannte öffentlich, er sei Fan des Films, der ihn „zu Tränen gerührt“ habe. (Was Kravitz als bekennendem Demokraten, der für Obamas Wahlkampf 2008 den Song „Change“ schrieb, besonders gefreut haben dürfte.)

„Wieso ich so gerne als Schauspieler arbeite? Ganz einfach. Wenn ich im Studio bin, ist das allein mein Ding. Meine Musik, meine Produktion. Ich tue, was immer mir gerade in den Sinn kommt … alles meins“, sagt Kravitz. „Das ist auch gut so. Aber ich brauche die Abwechslung. Ich brauche es, mit anderen Menschen zusammenzuarbeiten, fremde Ideen zu hören. Ich mag es auch, mich den Vor­stellungen des Regisseurs zu fügen. Filme zu machen, weißt du, lenkt meinen Fokus weg von mir selbst.“

Lenny Kravitz Photoshooting Mark Seliger New York

Schwere Zeit

„Die Zeit war der reine Horror. They just fucked me. Also blieb mir nichts anderes übrig, als mein eigenes Label zu gründen“, sagt Lenny Kravitz über seinen Streit mit Atlantic Records.

© Foto: Mark Seliger

Musiker, Fotograf, Schauspieler? Nicht genug für ein Universalgenie. Lenny Kravitz unterhält eine Bio-Farm in Brasilien und betreibt seit 2003 ein mittlerweile weltweit tätiges Interior-Design-Unternehmen: Kravitz Design entwarf etwa die Kulissen der „Queen Latifah Show“ oder richtet Designer-Hotels ein. 

„Strut“ eröffnet ein zusätzliches ­Betätigungsfeld: Kravitz’ zehntes Album erscheint auf seinem eigenen Label Roxie Records – benannt nach seiner 1995 ­verstorbenen Mutter Roxie Roker, einer schwarzen TV-Pionierin in den USA.

Nach zwanzig Jahren bei Virgin ­Records und den Erfahrungen mit seinem letzten Album „Black and White America“, das 2011 bei Atlantic Records erschien, beschäftigte sich Lenny Kravitz intensiv mit der Aufgabe und den Möglichkeiten moderner Musik-Labels. Und kam zu dem Schluss, sich nicht mehr in die Hände ­anderer begeben zu wollen.

Der Frust über den Streit mit Atlantic rund um sein letztes Album ist auch nach drei Jahren immer noch da. 

„Das war der größte Fehler meiner Karriere“, sagt er. „Diese Zeit war der ­reine Horror. They just fucked me. Klar muss man ihre Situation verstehen. In der Branche ist längst nicht mehr so viel Kohle wie früher, die Jobs der Leute hängen am seidenen Faden. Alle haben Angst. Heute sitzt der eine Typ an den Hebeln, zwei Wochen später ein anderer. Aber das kann ihr Verhalten nicht entschuldigen. Sie haben mich menschlich enttäuscht. Haben mir Dinge erzählt, die einfach nicht stimmten. Also blieb mir nichts ­­anderes übrig, als die Sache in die eigenen Hände zu nehmen.“

Natürlich muss man Lenny Kravitz, den Weltstar-seit-einem-Vierteljahrhundert-Kravitz, den Goldenes-Händchen-für-alles-Kravitz, fragen, ob es diese eine Facette seiner Tätigkeiten gibt, diesen einen Erfolg, dieses eine Werk, das mehr bedeutet als alle anderen.
Er antwortet ein wenig ausweichend. Aber dann schleicht sich doch dieser eine Titel ins Gespräch, der Lenny Kravitz’ ­Karriere mehr prägte als jeder andere:

„It Ain’t Over Till It’s Over“.

„Es gibt diese Songs, die machen … Wham. Das war so ein Song. Ich wusste es bei diesem mehr als bei allen anderen. Und ich wusste es in dem Moment, in dem ich ihn geschrieben hatte.“
Lenny Kravitz

Die Single-Auskoppelung aus seinem zweiten, 1991 erschienenen Album „Mama Said“. Es ist Lenny Kravitz’ größter Song. Und sein privatester. Er schrieb ihn, als ­seine Ehe mit Lisa Bonet in die Brüche ging, die dank ihrer Rolle in der „Bill Cosby Show“ (seit 1984) ein Megastar in den Staaten war. Der Pop-Superstar und der gefallene Engel (Bonet hatte ihre „Cosby Show“-Rolle nach Sexszenen in „Angel Heart“ [1987] verloren) – die Beziehung war ein Fressen für die Klatschpresse, ebenso wie ihre Hochzeit, der vergebliche Kampf um ihre Beziehung, das Ende.

„Es gibt diese Songs in einer Karriere … wie soll ich sagen, die sind einfach – wham“, sagt Kravitz. „Das ist so einer. Ich wusste es bei diesem mehr als bei allen anderen. Und ich wusste es in dem Moment, in dem ich ihn geschrieben hatte.“

„It Ain’t Over Till It’s Over“ ist ein so monumentales Werk, dass viele Leute glauben, Kravitz hätte den Song gar nicht selbst geschrieben, sondern eine Nummer von Smokey Robinson gecovert. 

Kravitz lacht. „Was sagt uns das? Sie halten den Song für einen Klassiker!“ Breiter Grinser. „Was kannst du Besseres über einen Song sagen, als dass er ein Klassiker ist? Und was gibt es für ein besseres Gefühl, als zu wissen, dass du selbst diesen Klassiker geschrieben hast!“

Die Single-Auskoppelung aus „Strut“ heißt „The Chamber“ und ist eine Kreuzung aus peppigem Funk und bluesigem Rock ’n’ Roll, angereichert mit einem Hauch Disco, inklusive Referenz an Blondies 1978er-Superhit „Heart of Glass“. Was womöglich zufällig passierte, aber durchaus Sinn ergibt: „The Chamber“ ­erzählt von einer schmerzvollen Liebe – aber es gibt kein Gesicht, an dem man die Liebe und den Schmerz festmachen könnte. Kravitz ist heute besser darin, sein ­Privatleben privat zu halten, als er es zu Zeiten der Ehe mit Bonet oder seiner Verlobung mit Victoria’s-Secret-Model Adriana Lima im Jahr 2002 war. 
Überhaupt, die Sache mit dem Promistatus und, man kommt nicht drum herum, dem Status eines Sexsymbols. 

Wie fühlt es sich an, wenn man ein paar Monate nach seinem 50. Geburtstag weiß, dass ungefähr 85 Prozent aller Frauen an dasselbe denken, wenn sie an Lenny Kravitz denken?
„Soll ich ehrlich sein? Ich finde das vor allem erstaunlich. Darüber denke ich gar nicht nach. Ich versuche einfach, mein Leben zu leben. Mich auf die Dinge zu konzentrieren, die ich tue. Nicht darauf, wie ich wahrgenommen werde“, sagt er.

„Das habe ich von meiner Großmutter gelernt“, ergänzt er dann noch.

Aha, „… zeig ihnen, was du draufhast, das?“

„Nein. Sie sagte noch was. Sie sagte: ‚Lenny, vergiss nie das Wichtigste: Jeder ist ein Freak. Jeder auf seine Weise. Du auch. Du musst akzeptieren, wie du bist. Du musst dein eigenes Freak-Leben leben.‘“

Klicken zum Weiterlesen
10 2014 The Red Bulletin

Nächste Story