Mads Mikkelsen es Hannibal

„Hannibal verschwendet keine Zeit für dumme Menschen“

Interview: Rüdiger Sturm
Bilder: Kenneth Willardt/Corbis Outline

Mads Mikkelsen geht im Red Bulletin-Interview die ­größeren Themen an: Leben und Tod, Gott und die Welt. Und das Radfahren.

Mads Mikkelsen, 48 Jahre, Däne, Sohn einer Krankenschwester und eines Gewerkschaftsfunktionärs, wahrscheinlich derzeit der größte europäische Filmstar. Zum Red Bulletin-Gespräch erscheint er ein ­wenig ungekämmt, unrasiert, das Hemd lose in die Jeans gestopft, aber hellwach und blendend gelaunt. „Bevor wir beginnen, sollte ich Sie vorwarnen“, sagt er. „Wir Dänen sind sehr gut darin, über uns zu ­lachen. Hinter allem, was wir sagen, steckt ein böser Sinn für Humor.“

THE RED BULLETIN: Herr Mikkelsen, Sie waren Bond-Bösewicht, Michael Kohlhaas, Held im ­Wilden Westen und der griechischen Mythologie, aktuell sind Sie Hannibal Lecter. Woher kommt Ihr Faible für extreme Charaktere?

Mads Mikkelsen: Die Antwort ist ganz einfach: Mein Leben ist langweilig. Also muss ein Projekt dramatisch sein, aufregend, verrückt. Ich brauche diesen Kontrapunkt. Komödien zum Beispiel mag ich eigentlich gar nicht. Außer sie sind wirklich durchgeknallt.

Keine ausgesprochene Komödie ist „Hannibal“. Aktuell drehen Sie die dritte Staffel der extrem ­erfolgreichen Serie. Hatten Sie gar keine Bedenken, diese legendäre Rolle zu übernehmen?

Nicht nachdem ich Bryan Fuller getroffen hatte, den kreativen Kopf der Serie. Er wollte mir die Geschichte in zehn Minuten präsentieren. Nach zwei Stunden sprach er immer noch. Er schwärmte von Hannibal wie von einer Liebesaffäre. Nach diesem Gespräch war mir klar: Mit diesem verrückten Kerl gemeinsam will ich das machen.

MAds Mikkelsen es Hannibal

Mann mit Ausdauer: Seinen Durchbruch als Schauspieler feierte Mads Mikkelsen erst mit siebenunddreißig im dänischen Dogma-Streifen „Für immer und ewig“.

Wie sehr muss man sich und wie sehr darf man sich auf die Rolle einlassen, wenn man einen ­Kannibalen spielt?

Hahaha, Sie meinen, ob ich …?

… nicht bis in die letzte Konsequenz, natürlich.

Abgesehen von seinen Ernährungsgewohnheiten, ist er kein klassischer Psychopath. Hannibal Lecter ist keine eindimensionale Bestie. Machen Sie nicht den Fehler, ihn zu reduzieren. Er liebt Kunst, Musik, ­Essen, Sprachen – und eben auch das Töten. Das ist eine Leidenschaft für ihn. Es liegt sogar eine gewisse, hm, Liebe darin. Die versuche ich auch zum Ausdruck zu bringen … Klingt das jetzt zu verrückt?

„Wenn ich merke, dass ich nachzudenken beginne: ganz schlecht. Dann muss ich die Einstellung wiederholen. Egal was der Regisseur sagt.“
Mads Mikkelsen

Vielleicht wollen Sie diesen Gedanken ja ein wenig erläutern.

Er ist eines der schrecklichsten Monster, die wir je ­gesehen haben. Klar. Aber wir können, abgesehen von dieser Grausamkeit, viel von Hannibal lernen. Dass das Leben an der Schwelle zum Tod interessanter ist, zum Beispiel. Weil wir uns dadurch bewusst werden, dass wir das Leben jeden Tag voll auskosten sollen. Hannibal hat auch keine Zeit für Banalitäten, er verschwendet keine Zeit für dumme Menschen. Von ­einer solchen Einstellung kannst du lernen. Dazu kommt, dass mich persönlich sein immenses Selbstbewusstsein einfach fasziniert.

Wieso?

Weil ich ein unsicherer Mensch bin. Ich bin unsicher, jedes Mal, wenn ich etwas ausprobiere, jedes Mal, wenn ich arbeite. Das Gefühl der Unsicherheit ist ein ständiger Begleiter.

Jetzt flunkern Sie.

Nein, keineswegs!

Unsicherheit könnte ja hilfreich sein, wenn Sie ängstliche, zweifelnde Typen spielen. Aber Sie spielen Helden. Wie können Sie zugleich unsicher sein und einen Helden darstellen?

Ich muss die Unsicherheit vergessen. Ich weiß, das klingt einfacher, als es ist. Mein Weg ist, zu versuchen, beim Spielen in eine Art Flow-Zustand zu kommen. Dann denke ich nicht, dann bin ich. Wenn ich nachzudenken beginne, wenn mir bewusst wird, was ich tue: ganz schlecht. Sobald ich merke, dass so etwas passiert, muss ich die Einstellung wiederholen.

Außer der Regisseur ist begeistert.

Keine Ausnahme, nein, ich bestehe darauf, sie zu wiederholen. Ich weiß dann, dass es nicht gut war. Ich weiß das, verstehen Sie? Da kann der Regisseur noch so zufrieden sein.

Mads Mikkelsen es Hannibal

„Manche Leute brauchen die Gefahr für diesen Kick und klettern Berge hoch. Das finde ich überhaupt nicht interessant.“

Neigen Sie ein wenig zum Einzelgängertum?

Unser Job ist auf besondere Weise zugleich sehr ­sozial und sehr antisozial. Wenn wir arbeiten, sind wir nonstop von Leuten umgeben. Sonst könnten wir unseren Job gar nicht machen. Gleichzeitig durchlebt man als Schauspieler seinen ganz eigenen Prozess. Du musst ein fremdes Leben in dir finden und aus­loten. Dabei muss man komplett allein sein, und man muss das auch können, egal wie viele Leute rund um einen sind. Das muss man lernen. Wenn man mal ­gelernt hat, nur den eigenen Gedanken zu folgen und nur der inneren Musik zuzuhören, dann hat das etwas enorm Inspirierendes.

Wie lernt man so was? Innere Reife? Meditation? 

Durch Radfahren.

Ah.

Mache ich jeden Tag. Ein oder zwei Stunden allein, länger, wenn ich in einer Gruppe bin. Radfahren ist meine Droge. Sie können jeden Marathonläufer oder Triathleten fragen – wir alle kennen dieses Gefühl. Wenn du auf deinem Rad sitzt und fast Blut spuckst, dann produziert dein Gehirn diese Endorphine. ­Tolle Dinger. Nach denen wirst du süchtig. Wenn ich ein paar Tage nicht Rad fahren kann, bin ich ein verzweifelter Mensch.

Herr Mikkelsen, Sie legen gerade ein Drogen­geständnis ab!

Hahaha, bis zu einem gewissen Grad, ja. Natürlich gibt es Fälle, wo du vor Erschöpfung einfach nur schwach wirst und dir eine Grippe einfängst. Das ist dann ein schlechter Trip, wenn Sie so wollen. Aber meistens bekommst du einfach eine feine Dosis ­Adrenalin ab. Manche Leute brauchen die Gefahr für diesen Kick und klettern Berge hoch. Das finde ich überhaupt nicht interessant. Was mich inter­essiert, ist, mich bis zu jener Grenze zu puschen, an der wirklich nichts mehr geht. An der ich einfach nicht mehr kann. Das erfüllt mich. 

Was daran, genau? 

Ich habe schon drüber nachgedacht, was es ist. Aber ich weiß es nicht. Ehrlich. Ich bin wohl tatsächlich einfach süchtig nach Sport. Selbst wenn ich nicht auf dem Rad sitze, mache ich irgendeinen Ballsport – Fußball, Handball, Tennis. Und wenn ich Pause ­mache, schaue ich Sportfernsehen.

Mads Mikkelsen es Hannibal

„Abgesehen von seinen Ernährungsgewohnheiten, ist Hannibal Lecter kein typischer Psychopath. Machen Sie nicht den Fehler, ihn zu reduzieren!“

Ein Rad-Trip, an den Sie sich besonders erinnern?

Das war in Los Angeles. Ein Freund hatte zwei Rennräder dabei und forderte mich zu einer Wettfahrt ­heraus. Ich war davor einige Zeit nicht gefahren, aber machte mir trotzdem keine Gedanken. Ich bin ja üblicherweise ordentlich in Form. Dann fuhren wir los … die Hügel rund um Los Angeles rauf und runter. Und es war elend. Ich bin fast gestorben. Aussichtslos, ihn zu schlagen. Fürchterlich frustrierend. Nach dem Rennen sagte ich zu mir: Das kannst du nicht auf dir sitzen lassen. Also kaufte ich mir ein Rennrad, bereitete mich vor, und als ich wiederkam, machte ich ihm die Hölle heiß. Das war ein Heidenspaß, ich sag’s Ihnen.

Man darf sich das so vorstellen, dass Mads Mikkelsen rund um Los Angeles auf öffentlichen Straßen private Radrennen gegen seine Freunde fährt?

(Lacht.) Nicht als Alltagsbeschäftigung. Aber da war es mir ein echtes Anliegen, die Scharte auszuwetzen. Das konnte ich doch nicht auf mir sitzen lassen!

Ich will Ihnen nicht nahetreten. Aber es hat einen Sinn, dass Straßen für Rennen gesperrt werden.

Es war auch gefährlich, muss ich zugeben. Mitten auf der Straße gibt es in Los Angeles ja diese riesigen Abflussgitter fürs Regenwasser. Die sind zu groß, als dass du mit dem Rad drüberfahren könntest. Da bleibt dein Vorderrad stecken. Das kann auch bei ­geringeren Geschwindigkeiten als 50 Stundenkilo­metern unangenehme Folgen haben. Aber ich raste mit knapp 50 Sachen auf so ein Gitter zu. Und sah es zu spät, um ausweichen zu können. Ich wusste: Jetzt gibt es entweder eine kapitale Bruchlandung, oder ich schaffe es drüberzuspringen. Das ist mir dann zum Glück auch tatsächlich gelungen. Das Gitter ­erwischte nur einen kleinen Teil meines Hinterrads. Das war wirklich ziemlich knapp damals.

„Ich bin so was von unreligiös, unreligiöser geht gar nicht. Klar, es wäre schön, wenn es ein gütiges höheres Wesen gäbe. Aber bis wir in diesem Punkt Gewissheit haben, sollten wir unser Leben besser selbst in die Hand nehmen.“
Mads Mikkelsen

Dankt man in solchen Situationen dem Schicksal, seinem Schutzengel?

Ich bin so was von unreligiös, unreligiöser geht gar nicht. Klar, es wäre schön, wenn es ein gütiges höheres Wesen gäbe. Aber bis wir in diesem Punkt Gewissheit haben, sollten wir unser Leben besser selbst in die Hand nehmen. Eigene Taten, eigene Verantwortung, ich halte es lieber so.

Muss dennoch ein herrliches Gefühl gewesen sein, nach so einem Schock heil geblieben zu sein …

Überhaupt nicht! Ich war verärgert und erschrocken. Ich sagte doch vorhin schon: Ich bin nicht an Gefahren interessiert. Mir gibt das keinen Kick.
Aber Sie meinten auch, dass das Leben an der Schwelle des Todes interessanter sei. Was nicht heißt, dass du es fahrlässig riskieren sollst.

Herr Mikkelsen, bei allem Respekt, Sie sagen das, während Sie eine Zigarette rauchen.

Punkt für Sie, hahaha. Ich hab auch versucht auf­zuhören. Hat aber nicht geklappt. 

Überlegen Sie doch mal, wem aller Sie auf dem Rad mit sauberer Lunge die Hölle heiß machen könnten.

Sie haben recht. Würde ich aufhören, könnte ich möglicherweise schneller fahren. Vielleicht gelingt’s mir ja, wenn ich es so sehe.

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01 2015 The Red Bulletin

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