Matt Damon als Jason Bourne

Matt Damon aka. Jason Bourne: „Ein gutes Leben ist die beste Rache“

Text: Hugh Godwin
Fotos: Nino Muñoz/universal pictures

Matt Damon ist Jason Bourne. Nicht nur auf der Leinwand, wo er bereits zum vierten Mal die ­erfolgreichste Rolle seines ­Lebens spielt. 

Wie der Geheimagent auf Identitätssuche ist auch er kaum zu fassen. Erst nach monatelangen Verhandlungen, während denen er kreuz und quer über den Globus streift, nach vagen Zusagen, Terminverschiebungen und Absagen trifft er das Red Bulletin zum Interview. 

In dem sich zu guter Letzt zeigt, dass Damon streng genommen doch kein Jason Bourne ist

In diesem Artikel: 

  • Matt Damons Ähnlichkeiten mit Jason Bourne
  • Welches Training er empfiehlt
  • Wie er es schafft, emotional ausgeglichen zu sein
  • Was Buben und Mädchen wirklich voneinander unterscheidet
  • Wie er mit Niederlagen und Wut umgeht
  • Warum er einen Vizepräsidenten Jimmy Kimmel verhindern möchte

Schau dir den Trailer für Jason Bourne (2016) an.

© diefilmfabrik // YouTube

THE RED BULLETIN: Sie kehren in Ihrer Paraderolle als Agent Jason Bourne zurück. Der Mann hat ganz schön viel Wut im Bauch. Und Sie?

MATT DAMON: Sagen wir’s so: Ich bringe viel von mir in so eine Rolle ein. Auch mein Leben kann ganz schön frustrierend sein.

Wann zum Beispiel?

In der Vergangenheit hat es mich etwa als Freund echt gefrustet, als alle möglichen Leute ungeniert über Ben Affleck herzogen. Zum Glück wird jetzt niemand mehr mit den Augen rollen, wenn ich behaupte, dass er unglaubliches Talent hat. Außerdem gibt es noch meine Kinder – die können mich endlos frustrieren.

Matt Damon boxt um emotionales Gleichgewicht zu bekommen

“Ich weine fast in jedem Film. Ich lebe meine Gefühle in den Konflikten anderer Menschen aus.“

 

Warum gerade die?

Das ist doch immer so, wenn du für jemand eine ganz tiefe und feste Liebe empfindest. Da besteht die Gefahr, dass diese Personen deine Gefühle verletzen und dich aus der Fassung bringen. 

Aber Sie flippen bei ihnen nicht so aus, wie ein Jason Bourne das tun würde?

Nicht in der Öffentlichkeit, denn das würde auf YouTube landen (lacht).

Jetzt im Ernst …

Ich habe das Glück, dass ich mich nicht an meine negativen Emotionen klammere. Wie bei jedem Menschen stauen sich in mir Konflikte auf, aber im Gegensatz zu den meisten lösen sie sich schneller auf.

Weil Sie ein besserer Mensch sind?

Weil ich viel davon in meinem Job verarbeiten kann. Vor kurzem war ich mit einem Freund bei einer Hochzeit. Da gab es einen bewegenden Moment, und auf einmal war er in Tränen aufgelöst. Er meinte, das sei das erste Mal in zwanzig Jahren, dass er heulen würde. Ich dagegen weine in fast jedem Film. Ich lebe meine Gefühle in den Konflikten anderer Menschen aus.

“Boxen kann ich empfehlen: Wenn du da in Form bist, bewegst du dich ganz anders durch den Raum.“

Das kann Ihnen allerdings tatsächlich nicht jeder nachmachen. Was ist sonst gut fürs emotionale Gleichgewicht?

Es hilft mir, wenn ich jeden Tag ordentlich schwitzen kann. Der tägliche Trip ins Fitnessstudio gehört für mich dazu. Das ist gut, um Dampf abzulassen. 

[cutout]Welches Training möchten Sie uns empfehlen? 

Für die Vorbereitung auf die „Bourne“-Filme fing ich mit dem Boxen an. Wenn du da in Form bist, dann bewegst du dich ganz anders durch den Raum, und du hast ein neues Selbstbewusstsein. Ich bin dann auch viel aktiver – anstatt rumzueiern und mich zurückzuhalten.

Boxen Sie ständig?

Nein, nein. Momentan drehe ich einen Film, wo mich der Regisseur explizit gebeten hat, keinen Sport zu machen. Den Unterschied merke ich deutlich.

Sie klingen allerdings nicht so, als wären Sie mies drauf.

Zum Glück habe ich einen Ausgleich – denn ich kann jetzt essen, was ich will. Das hebt meine Stimmung wieder.

Haben Sie’s je mit Yoga oder Meditation versucht?

Ich habe viele Freunde, die auf beides schwören. Ich habe selbst Yoga probiert und weiß, dass ich das machen sollte, denn jedes Mal, wenn ich mich auf der Leinwand sehe, merke ich, wie steif ich eigentlich bin. Das wäre nicht nur besser für meinen Job, sondern auch für mein Leben. Das Gleiche gilt für Meditation. Ich krieg’s bloß verdammt noch mal nicht hin.

#JasonBourne on Twitter

He remembers everything. #JasonBournepic.twitter.com/X8Hnhfb1Z3

Wieso?

Ich finde nicht die Zeit dafür. Ich habe deshalb auch keine Hobbys. Aber wenn ich mal die fünfzig überschreite, werde ich hoffentlich meine Prioritäten neu ­ordnen und mit beidem anfangen.

Matt Damon macht Klimmzüge

Sie und Ihre Frau haben vier Töchter. Fördert eigentlich so viel Weiblichkeit Ihre Ausgeglichenheit? 

Vielleicht. Ich wuchs mit einem älteren Bruder auf, da gab es also viel mehr männliche Energie. Und das hieß: Wir haben uns wie verrückt geprügelt.

Konnten Sie sich nicht ausstehen?

Nein, da steckte keine böse Absicht dahinter. Es war für uns ganz normal und schlicht natürlich, uns zu keilen. Als ich „Der Soldat James Ryan“ drehte, rasierte mir eine Friseuse die Haare ab, und auf einmal fing sie an zu lachen und sagte: „Hatten Sie ältere Brüder? Ihr ganzer Kopf ist mit Narben übersät.“ Denn einmal lieferte ich mir mit meinem Bruder eine Kissenschlacht, und er traf mich so heftig, dass ich quer durchs ganze Zimmer flog und in den Heizkörper krachte.

Sind nicht alle Jungs so?

Na ja, wenn uns Jungen aus den Klassen meiner Mädchen besuchen, dann schnappen sie sich sofort alle Spielzeuge und knallen sie sich an den Kopf. Bei meinen Mädchen sehe ich das nicht. Die sind ­fürsorglich, legen viel mehr Wert auf Kooperation. Das scheint genetisch programmiert zu sein.

Wäre die Welt besser, wenn sie von Frauen regiert würde?

In unserem aktuellen politischen System wäre die Antwort „Ja“. Ich bin jetzt kein Psychotherapeut, doch Männer neigen wohl schneller dazu, das Reden seinzulassen und Meinungsverschiedenheiten ­körperlich auszutragen. Was aber keine Probleme löst. Und auf so einem Planeten wollen wir logischerweise nicht leben.

Brauchen Sie nicht eine gewisse Aggressivität, um Erfolg zu haben?

Da gibt es noch andere Rezepte. Ich erinnere mich an einen japanischen Golfprofi, der mir einen großartigen Tipp gab. Er sagte: „Wenn du den Höhepunkt deines Rückschwungs erreicht hast, dann sagst du: ‚What the fuck.‘ – Das heißt, du musst einfach loslassen. Denn wenn du versuchst, alles zu sehr zu kontrollieren, dann wirst du’s ruinieren. Lass locker.“ Das war ein guter Rat, der wunderbar zu meiner Karriere passte.

Sie sagen immer noch „What the fuck“?

Jedes Mal, wenn ich mich für einen Film entscheide. Du weißt nie, was dabei herauskommt. Denn das ist eine gigantische Gemeinschaftsarbeit, bei der es letztlich auf den Regisseur ankommt. Das heißt: Du spielst ständig Roulette, und das mit enorm hohem Einsatz. „Der Marsianer“, den ich mit Ridley Scott drehte, kostete 110 Millionen Dollar. Ich weiß noch, wie ich mit ihm in der Studiobühne saß und er meinte: „Das hängt jetzt alles nur von dir und mir ab. Schauen wir, dass wir das richtig hinbekommen.“ Da kriegst du echt Angst.

„Was dabei herauskommt, kümmert mich jetzt nicht, ich reiße mich zusammen, konzen­triere mich auf die Arbeit, und ich mache das, was ich für richtig halte und was ich liebe.“

Das klingt so, als würden Sie Ihrem Mantra doch nicht ganz vertrauen.

Doch, doch. Jeder – zumindest alle in den kreativen Berufen – sollte sich daran halten. Du darfst nicht an das Resultat deiner Arbeit denken. Du sagst dir: „Was dabei herauskommt, kümmert mich jetzt nicht, ich reiße mich zusammen, konzen­triere mich auf die Arbeit, und ich mache das, was ich für richtig halte und was ich liebe.“ Genau dann kannst du etwas schaffen, was den ganzen Aufwand lohnt.

Matt Damon boxt für emotionales Gleichgewicht

Auch ein Mann des Worts: Fürs Originaldrehbuch zu „Good Will Hunting“ (1997) erhielt Matt Damon den Oscar, zusammen mit Ben Affleck.

Mit dieser Einstellung können Sie aber auch scheitern.

Klar. Ich habe mir viele Fehlschläge geleistet. Aber ich war immer auf meine Filme stolz, auch auf die, die beim Publikum nicht funktionierten. Am Anfang meiner Karriere lernte ich einige Schauspieler kennen, die sich in eine Schublade packen ließen. Das heißt, sie haben immer wieder das Gleiche gespielt. So wollte ich nie enden, und das hat geklappt.

Dabei hängen auch Sie von anderen Leuten ab, wie Sie vorhin sagten. Was machen Sie, wenn jemand Ihr Vertrauen enttäuscht?

Das kann natürlich passieren. Aber meine Philosophie war immer, lieber offen und unbefangen zu bleiben – auch auf die Gefahr hin, dass ich frustriert oder aufs Kreuz gelegt werde. Ich will nicht in einer permanenten Verteidigungshaltung durch die Welt laufen. 

“Die beste Rache ist, wenn du ein gutes Leben führst.“

Ist das nicht ein bisschen naiv?

Ich möchte sicher nicht mit derselben Person zweimal einen Reinfall erleben. Das wäre dann wirklich mein Fehler. Es gab Fälle, wo ich ausgenutzt wurde, und das wird sicher wieder passieren. Aber ich schotte mich trotzdem nicht geistig ab. 

Wenn jemand Sie reinlegt, würden Sie sich da am liebsten im Jason-Bourne-Stil rächen?

Das ist eine sehr menschliche Regung, aber die überwinde ich ziemlich schnell. Wenn du dich da hineinsteigerst, dann frisst dich das innerlich auf. Die beste Rache ist, wenn du ein gutes Leben führst.

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Haben Sie immer schon so gedacht, oder mussten Sie das lernen?

Bis zu einem gewissen Grad ist das eine Frage der Lebenserfahrung. Als ich neunzehn war, wurde der beste Freund meines Bruders ermordet, und ich kann mich noch gut an die ganzen Gerichtsverhandlungen erinnern. In der Nacht, als die Täter verurteilt wurden, hatte ich einen euphorischen Moment, und ich rief meinen Bruder an: „Wir haben sie erwischt.“ Aber er antwortete nur: „Wen zum Teufel kümmert’s?“ Er meinte natürlich nicht, dass man sie hätte freisprechen sollen, aber er wusste, was Sache war. Ich hatte meine ganze Energie in den Gedanken investiert, dass das Urteil alles ändern würde. Aber das tat es nicht. Es gab keinen Moment der süßen Rache. Das Leben ging weiter, und dir blieb nichts anderes übrig, als mit dem ganzen Schmerz fertig zu werden.

Aber einem Menschen gegenüber haben Sie wohl ganz besondere Rachegelüste …

Ich kann mir schon denken, wen Sie da meinen.

… Ihren Erzfeind, Talkshow-Moderator Jimmy Kimmel, mit dem Sie sich nun schon über Jahre eine medienträchtige Fehde liefern. Werden Sie je zusammen die Friedenspfeife rauchen?

Nein.

Warum so unversöhnlich?

Weil er jetzt Vizepräsident der USA ­werden will. Das ist doch völlig unmöglich. Wobei er sich noch keinen Präsidentschaftskandidaten ausgesucht hat. Stellen Sie sich bloß vor – Donald Trump und Jimmy Kimmel, das wäre das Ende der USA. Ich werde eine Kampagne gegen ihn starten und alles in meiner Macht Stehende tun, um das zu verhindern.

 

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08 2016 The Red Bulletin

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