Mieux

Mieux: „Musik machen, ohne Angst zu haben“

Interview: Andrew Swann 
Bilder: Oliver Hofmann

Mit ihrem Mini-Album, das derzeit international Wellen schlägt, ist Mieux eine Band, die man nicht so schnell vergessen wird. Im Interview erklären sie The Red Bulletin, wie alles begonnen hat.

Rhythmischer Dance, erwachsene Elektro-Klänge, harmonische Beats und ein Drone-Sound. So beschreiben sich Mieux selbst – kompliziert auf eine unkomplizierte Art und Weise. Wir haben die beiden Musiker zum Interview getroffen, wo sie uns von der Seriosität ihrer Musik erzählt haben und davon, wie ein Besuch von Herrn Papa alles verändern kann. 

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„Rush“ - MIEUX

© YouTube // Mieux

THE RED BULLETIN: Euer Mini-Album heißt “Are You Happy” – seid ihr heute glücklich?

FELIX WOLFERSBERGER: Ich bin nur froh, dass wir zum Interview pünktlich gekommen sind!

CHRISTOPH PRAGER: Es kommt darauf an, auf welcher Ebene. Auf einer professionellen Ebene sind wir sehr glücklich, persönlich eigentlich auch. Politisch gesehen, darf ich gar nicht erst anfangen …

Was versteht ihr unter glücklich sein?

FW: Auf die Musik bezogen, ist es schon ein absolutes Glücksgefühl, wenn wir uns einig sind (Lacht.) 

CP: Für mich bedeutet glücklich sein, nicht mehr nervös zu sein beziehungsweise “on the edge”. Einfach nicht wegen irgendetwas in der Zukunft nervös zu sein. 

Was hat der Titel eigentlich zu bedeuten?

CP: Der Titel kommt von einer Dokumentation aus dem Jahr 1968, die Felix ausgegraben hat. Es geht um zwei Nonnen in New York, die einfach auf der Straße Menschen fragen, ob sie glücklich sind oder nicht. Das hat uns inspiriert. 

„Einfach nicht wegen irgendetwas in der Zukunft nervös zu sein.“
Christoph über das Glücklichsein

Es sind nur sieben Lieder auf dem Release – Wieso?            

CP: Wir haben gar nicht daran gedacht, dass es nur sieben Tracks sind. Wir wollten einfach was raushauen und ein Album hätte wahrscheinlich noch länger gedauert. 

FW: Es geht um den Moment der Frische und darum, nicht nach einem Jahr oder noch länger immer daran arbeiten zu müssen. Die Frische der ersten Tracks geht dann verloren und man fängt zu zweifeln an.

Mieux

Die Wiener Felix Wolfersberger und Christoph Prager sind das Elektro-Duo Mieux.

Was hat euch inspiriert, Musik zu machen?

FW: Bei mir hat alles mit dem „Detroit Sound“ angefangen, die rollenden Drums, das ist für mich einfach herausgestochen. Damals war ich neunzehn oder so, habe gerade frisch zum Studieren angefangen und fast schon wieder aufgehört. (Lacht.) 

Musik habe ich aber immer schon gemacht - ich hatte ein paar Freunde in der Schule, die auch auf Musik gestanden sind und wir haben uns am Nachmittag getroffen und zusammen geklopft. Wir waren so eine Elektro-Punk-Trash-Irgendwas-Band. Das waren meine ersten musikalischen Erfahrungen und Live-Auftritte.

Felix, wie war dann der erste Live-Auftritt?

FW:
Chaotisch, ich habe sogar ein paar Zeilen gerappt.

CP: Echt? Das ist eine Offenbarung!

FW: Ich kann mich noch ganz genau daran erinnern. Mein Vater wollte das Konzert eigentlich besuchen, hat dann aber mitbekommen, dass der Eintritt 5 Euro kostet. Ich bin auf der Bühne vor fünf bis zehn Leuten aufgetreten und er ist draußen beim Eingang gestanden. Von dort aus hat er reingeschaut und dabei die so Augen zusammengekniffen [imitiert seinen Vater], weil er nicht so gut sehen kann. Dann hat er gewunken, sich einfach umgedreht und ist gegangen! Er hatte schlicht kein Interesse daran, für diesen Scheiß Geld auszugeben. (Lacht.) Da wusste ich, dass ich unbedingt weiter machen muss.

Rappen ist dann wohl kein Thema für das nächste Album?

FW: Ich glaube, ich habe dieses Kapitel hinter mir …

Wie seid ihr dazu gekommen, zusammen Musik zu machen?

CP:
Unser erster offizieller Release war 2012. Wir haben 2011 angefangen, zusammen R’n’B-Remixes zu machen. Wir hatten eher einen Spaßfokus am Anfang, hatten überhaupt keinen Plan und haben einfach nur Musik gemacht. 

FW: Wir wollten einfach weg von dem beziehungsweise etwas anderes machen, als das, was wir solo schon gemacht hatten.

CP: Die Überwindung der eigenen Grenzen.

„Fishing“ - Mieux

© YouTube // Mieux

Wie entstehen eure Lieder? Wie schaut die Zusammenarbeit zwischen euch aus?

FW:
Ziemlich asozial! Am Anfang zumindest. Wir sitzen meistens alleine zu Hause am Computer und basteln an ein paar Ideen, dann geben wir dem anderen Bescheid, dass etwas in der Dropbox ist. Total unspektakulär.

CP: Es ist wirklich genau so.

FW: Es gibt keine Rollenverteilung, die Ideen starten immer anders. Jede Nummer ist eigentlich ein kompletter Neustart.

CP: Es ist ein ständiger Streit und eine Wiederversöhnung mit sich selbst. In letzter Zeit sind wir viel häufiger zusammen im Studio, aber es gibt Zeiten, in denen wir uns gar nicht sehen und nur über Dropbox arbeiten.

FW: Dann ist iMessage unser Hauptkommunikationsmittel – ding, ding, ding, ding.

CP: Aber es gab auch Songs, bei denen wir uns nicht einmal zum Mischen getroffen haben, eigentlich könnten wir theoretisch auf anderen Kontinenten leben und noch immer Musik zusammen machen.

FW: Wobei miteinander zu reden und schnell Probleme zu lösen, auch echt wichtig ist.

CP: Absolut, aber ich arbeite gerne allein und habe vor Kurzem etwas über Kamasi Washington gelesen, dem bei Kendrick [Lamar] im Studio fünf Leute zugeschaut haben - das mag ich gar nicht. Manchmal braucht man einfach Zeit, auch wenn es nur zwanzig Minuten sind, um etwas zu kreieren. Ich will nicht, dass Leute neben mir sitzen und die crappy Versionen hören!

Funktioniert die Zusammenarbeit gut? 

CP: Es gibt immer Diskussionen oder Momente, bei denen wir uns nicht einig sind.

FW: Aber das muss es auch geben. Wenn alles glatt liefe, dann würde irgendetwas nicht stimmen.

Mieux

Ein Spaßprojekt ist Mieux schon lange nicht mehr, meint Christoph Prager, die eine Hälfte des Duos.    

Es schaut ziemlich kompliziert aus, was ihr da auf der Bühne macht …

FW:
Kompliziert ist es nicht, eher geschickt gelöst. (Lacht.) Man ist oft ziemlich stationär bei der Geschichte und visuell ist es oft ein bisschen lähmend für das Publikum und für uns selbst auch. Deswegen haben wir etwas Neues entwickelt mit Geräten, Instrumenten und so weiter. Das gibt den Liveshows einen schönen Fluss, weil wir uns abwechseln oder uns zur Hand gehen. Es ist nicht kompliziert, aber man muss sich viele Gedanken darüber machen, was man eigentlich will. Es muss so choreografiert sein, dass wir nicht einmal Zeit haben, eine Zigarette zu rauchen!

Mieux

Alles, was das Elektro-Duo zum Musikmachen braucht. 

CP: Die Leute haben nicht immer verstanden, was wir auf der Bühne tun und jetzt ist es viel einfacher, eine direkte Beziehung zum Publikum aufzubauen. Es ist viel wichtiger, dass man sehen kann, was wir genau machen als einfach nur zwei Dudes, die sich hinter ihren Laptops verstecken.

Wie viele Instrumente habt ihr dafür verwendet? Ihr scheint multi-instrumentell zu sein …

FW: Das stimmt nicht wirklich. Das hören wir oft.

CP: Bei uns ist alles ein bisschen punkig. Wir können die ein oder andere Melodie auf einigen Instrumenten spielen, was für das Livespielen reicht, aber multi-instrumentell sind wir nicht. Ich bin Bassist und ich traue mich zu sagen, dass ich Bassist bin. Aber spontan etwas auf dem Keyboard zu spielen, geht nicht, ohne es vorher zu Tode geübt zu haben. Deswegen kann ich nicht behaupten, dass ich Keyboardspieler bin.

Euer Name bedeutet grob aus dem Französischen übersetzt „besser“ oder „der Beste“ – wieso also Mieux?

FW: Das ist so ein Zusammenkommen aus unseren zwei Soloprojekten. Von Minor Sick MI und EUX von Feux, Daraus ist Mieux geworden.

Also nichts mit Sprachkunst? 

CP: Das wussten wir schon! Es kommt von dem Gedanken, ohne Grenzen zu denken, den Anspruch zu haben, immer besser zu werden. Fehler aus den Soloprojekten zu verbessern.

FW: Aber es ist eher nach innen zu sehen als nach außen. 

„Daddy“ (Live Version) - Mieux

© YouTube // Mieux

Jemand, der „Are You Happy” durchhört, kann nur glücklich am Ende sein. War das so gewollt?

CP: Nein, nicht wirklich. Ich finde zum Beispiel nicht, dass es ein „Happy“-Album ist. Aber wir wollten unbedingt etwas Harmonisches aus der Auseinandersetzung mit Harmonien machen. Wir haben ganz bewusst andere Sounds genommen, so was wie Steel Drums. Ein „Dark“-Album ist es aber definitiv auch nicht. Diese musikalische Phase, in der alles „deep“ und „dark“ sein muss, ist, glaube ich, zu Ende und „Are You Happy“ ist ein neues Kapitel. „Fishing“ zum Beispiel ist sehr positiv.

FW: Wenn man es durchhört, ist es kein „Strahler-Album“, vielleicht „Fishing“ ein bisschen, aber übertrieben glücklich, ist es auf keinen Fall. Eher dezente Glücklichkeit. (Lacht.)

CP: Wir wollten unbedingt eine Balance zwischen Rhythmus und Harmonien haben. Es ist nie „Cheeeese“ bei uns, das kann man wohl laut sagen. Es ist lustig, dass viele Leute, die Musik quasi auf den Titel zurückführen wollen, denn der Titel kam erst nach der Musik. Wir haben die Musik nicht mit diesem Titel im Hinterkopf gemacht.

Was ist für euch ein guter Elektro-Track? Was muss dabei sein? 

CP: Ich möchte gerne mitsingen können!

FW: Die Drums sind für mich ein sehr wichtiges Element. Sie sind die Basis für einen Track und müssen immer dabei sein.

CP: Ich muss wieder betonen, das Mitsingen hat etwas!

Wie schaut’s aus mit dem Remixen? Einiges habt ihr bereits gemacht. 

FW: Das Remix-Ding ist etwas, das ein bisschen zur Seuche geworden ist. Es gibt einen Track von einem Künstler und am nächsten Tag gibt es tausende Remixes davon.

CP: Es ist eine Riesenindustrie geworden – man macht einen Remix-Contest und baut auf die Träume der jungen Produzenten, um aus Hundert einen Guten herauszufischen.

FW: Wir sind sehr wählerisch.

CP: Wir machen nicht diese typischen Dance- oder House-Remixes, aber wir machen gerne einen Remix für Leute, die interessant sind, bei denen wir das Gefühl haben, dass wir zusammen arbeiten und etwas in einem neuen Licht darstellen können. Leute können auch gerne unsere Musik remixen, da sind wir sehr offen!

„Es geht um die Überwindung der eigenen Grenzen.“
Christoph über das Musikmachen

Als Antwort auf die Frage, wo ihr in Zukunft hinwollt, habt ihr 2013 gesagt: „Mieux war nie Wurscht aber immer etwas Scheißdrauf“. Was sagt ihr heute zu der Frage, wo ihr hinwollt?

CP: Da geht es um die Freiheit des Projektes, einfach anders zu sein und sich nicht einengen zu lassen. Es hat auch etwas mit dem Keine-Grenzen-Kennen und keine vorgefertigten Ziele zu haben, zu tun, das ist das „Scheißdrauf“. Ich glaube jetzt stimmt das „Wurscht“ nicht mehr - es ist schon wichtig, aber trotzdem immer noch ein bisschen „scheiß drauf“!

FW: Ich finde bei dem „Scheißdrauf“ geht es einfach darum, dass wir nicht so verkrampft an die Arbeit herangehen.

CP: Musik machen, ohne Angst zu haben.

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07 2015 Redbulletin.com

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