Mimu Merz

Mimu Merz:
„Ich missbrauche das Publikum als Chor“ 

Text: Florian Obkircher
Foto: Lupi Spuma

Sie dreht die deutsche Sprache durch den Fleischwolf und lässt ihr Konzertpublikum Zeitungsartikel brüllen. Die steirische Musikerin macht Kunst, die eines nicht will: bloß unterhalten.

Mimu Merz verlangt von ihrem Konzertpublikum mehr als nur Aufmerksamkeit: nämlich Zeitungen zu zerreißen, aus voller Kehle zu brüllen und sich gegenseitig anzurufen. Um die Besucher aus ihrer Lethargie zu reißen und sie als Chor zu missbrauchen, sagt sie.

„Am Ende müssen die Besucher ihren Textabschnitt brüllen. Drei ­Minuten lang. Und ich singe drüber.“

Ziel der dreißigjährigen Künstlerin ist, zu überraschen. Und das tut sie mit Erfolg: Ihr Debütalbum „Elegies in Thoughtful Neon“ (2013) wurde vom deutschen Feuilleton für seine elektronischen Chansons und Kunstwörter wie Würstelblower und Geistesgegenwehr gefeiert. Für ihr Radio-Drama „Häcking“ verlieh Ö1 ihr den Kurzhörspielpreis 2014. Und im letzten Herbst wurde Merz unter 6000 internationalen Bewerbern als eine von 60 Jungmusikern für die Red Bull Music Academy in Tokio ausgewählt.

 

THE RED BULLETIN: Bei Ihren Konzerten lassen Sie das Publikum Tageszeitungen zerfetzen. Warum eigentlich?

MIMU MERZ: Jeder Besucher reißt sich einen Schnipsel heraus. Das kann der Bildtext vom Seite-3-Busenmädchen sein oder eine Autoanzeige. Dann lasse ich die Leute ihre Textabschnitte vorlesen. Zuerst leise, dann in Gesprächslautstärke. Und am Ende müssen sie ihren Text brüllen. Drei Minuten lang. Und ich singe darüber.

Interessante Strategie …

Ich missbrauche das Publikum als Chor. Außerdem hole ich die Besucher so aus ihrer passiven Konzert-Lethargie.

Wie bringt man Leute zum Brüllen?

Es braucht kaum Überredungskunst, fast immer machen alle mit. Und das ist auch wichtig. Denn wenn der ganze Raum teilnimmt, dann entwickelt dieser Chor eine extreme Kraft. Die Leute brüllen, sie lassen alles raus. Aber am ärgsten ist die Stille danach. Es ist wie ein Aufwachen; jeder ist voll da. Ein intensiver Moment.

 

„Wenn du stundenlang eingezwängt in der Pariser U-Bahn sitzt, hast du viel Zeit, Wörter zu zerlegen.“

Zeitunglesen als Therapieform?

Es müssen keine Zeitungen sein. Ich verwende für meine Interaktionen Dinge, die billig sind oder die jeder hat. Wie Handys.

Wie lassen sich Handys missbrauchen?

Meine Anweisung: Dreht die Lautstärke voll auf, ruft euch gegenseitig an und -haltet die Handys zusammen. So entsteht eine Lärmwolke aus Rückkopplungen. Die bildet dann die Basis für meine Songs.

Die Berliner „taz“ feierte Sie in einem Artikel zu Ihrer Debütplatte als manische Wortverdreherin. Woher rührt die Lust am Spielen mit der Sprache?

Die erwachte, als ich einige Jahre in Frankreich lebte. Durch die Distanz zum Deutschen. Wenn du stundenlang eingezwängt in der Pariser U-Bahn sitzt, hast du viel Zeit, Wörter zu zerlegen.
 

So kamen Sie auf Dinge wie Siezfleisch?

Genau. Oder Hufberichterstattung. Das fiel mir zur Zeit des Pferdefleisch-Lasagne-Skandals ein. Damals wurde viel huf-berichterstattet.

 

Worum geht es darin?

Es ist eine Geschichte ohne lineare Narration. Ein innerer Monolog aus seltsamen Wortkreationen, Nachrichtenfetzen und unnützen Wikipedia-Fakten.

Aus Fakten wie: „Dichtet man Brieftauben das rechte Nasenloch ab, brauchen sie deutlich länger nach Hause, als wenn man ihnen das linke zuklebt.“

Das stimmt tatsächlich! Zumindest habe ich es im Internet gelesen. Es ist ein Beispiel für tausende unnütze Informationen, die wir täglich aufschnappen. Kennen Sie das YouTube-Video mit dem Ziegelstein in der Waschmaschine? 

Nein. Was passiert darin?

Sie beginnt zu schleudern, dann zerreißt es sie Stück für Stück. Eine schöne Analogie für den Info-Overkill unserer Zeit.

Letzten November nahmen Sie an der Red Bull Music Academy in Tokio teil. Was war Ihr Eindruck?

Es war das beste Feriencamp, das ich als Kind nie hatte: Musiker aus aller Welt arbeiten zwei Wochen lang zusammen. Der perfekte Ort, um Kontakte zu knüpfen und über den Tellerrand zu schauen.

Miriam Moné

Geburtsdatum/-ort
7. August 1984, Judenburg, Steiermark

Erster Karrierezweig
Bevor sie Musik machte, gestaltete sie Visuals für Electro-Künstler wie Ellen Allien und Modeselektor.
Hauptinstrument Der Laptop. Damit komponiert sie ihre Songs, die zum Teil auf Geräuschen von Hundekämpfen und Autounfällen basieren.

Hörproben
www.liska-records.com

 

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03 2015 The Red Bulletin

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