Muse

MUSE: „Lass dir nichts vorschreiben!“

Interview: Marcel Anders
Bilder: Danny Clinch

MUSE ist eine der erfolgreichsten Bands der Welt. Weil sie Madonna einst den Mittelfinger zeigte. Sänger Matthew Bellamy über Selbstbewusstsein, 
Erfindergeist und die Kraft der Banane.  

Über 17 Millionen verkaufte Alben, ein Grammy und ausverkaufte ­Stadiontourneen – seit 1999 sind Muse Kritikerlieblinge und Superstars zugleich. Wie dem britischen Trio dieses Kunststück gelingt? Die Band gibt sich nicht schnell zufrieden. Weder mit Instrumenten noch mit Plattenverträgen, erklärt Frontmann Matthew Bellamy.

THE RED BULLETIN: Was ist das für ein Gefühl, als Jimi Hendrix Ihrer Generation bezeichnet zu werden?

MATTHEW BELLAMY: Solche Komplimente schmeicheln, aber sie sind totaler Blödsinn. 

Dennoch kommen sie nicht von ungefähr. Schließlich haben Sie – ähnlich wie Hendrix in den 1960er Jahren – die Gitarre revolutioniert.

Ich spiele Gitarre, seit ich elf bin. Je besser ich wurde, desto mehr fühlte ich mich von ihren Möglichkeiten eingeengt. Es ist kein Zufall, dass kreative Menschen heute meist zum Computer greifen, um Musik zu machen. Deshalb habe ich eine Gitarre fürs 21. Jahr­hundert entwickelt. 

MUSE: „Reapers“

© MUSE // YouTube

Was kann Ihre Gitarre im Vergleich zu herkömmlichen?

Sie hat einen Touchscreen eingebaut, der direkt mit dem Computer verbunden ist und dem Musiker dadurch ein völlig neues Spielgefühl gibt. Ich hoffe, dass ich technik­affine Kids damit für das ­Instrument begeistern kann. 

Ihr Modell kostet im Handel 4000 Euro. Was macht ein junger Musiker, der sich das nicht leisten kann?

Der soll es genauso machen wie ich. Sich einen Bastler suchen und seine eigene Gitarre entwerfen. Im Internet gibt’s unendlich viele Anregungen und Baupläne. Im Prinzip ist es ganz einfach: Wenn du nicht zufrieden bist mit dem, was dir das Leben bietet, dann gestalte es nach deinen Vorstellungen. Und: Lass dir nichts vorschreiben!

„Wenn du nicht zufrieden bist mit dem, was dir das Leben bietet, dann gestalte es nach deinen Vorstellungen.“
Matthew Bellamy

Ein Beispiel aus Ihrer eigenen Karriere?

Madonna wollte das Muse-Debütalbum „Showbiz“ 1999 mit ihrer Plattenfirma am US-Markt veröffentlichen. Die Sache hatte aber einen Haken: Sie wollte, dass wir unsere Songs neu aufnehmen und eingängiger machen. Wir zeigten ihr den Mittelfinger – und der Deal kam nicht zustande. Aber ich weiß, dass wir ohne diesen Schritt heute nicht dort wären, wo wir sind.

Nämlich auf Stadionbühnen mit teils 100.000 Besuchern pro Konzert. Wie bereiten Sie sich auf solche Riesen-Shows vor?

Ich esse vor jedem Auftritt Bananen. Ein Ritual, das ich mir als Kind von Boris Becker abgeschaut habe. Als er seine Turniere in Wimbledon gewann, stopfte er sich in den Spielpausen ständig Bananen rein. Ich dachte mir: Das muss seine Geheimwaffe sein! 

Verleihen Bananen Ihnen vielleicht etwas zu viel Energie? Ihr Name steht im Guinness-Buch der Rekorde. Als Musiker, der die meisten Gitarren auf einer Tour zertrümmert hat: 140 Stück. 

Das halte ich für maßlos übertrieben. Aber ich war definitiv schlecht drauf auf unserer 2004er-Tour. Wir hatten uns zu viele Konzerte aufgehalst und kämpften mit technischen Problemen. Ein Albtraum! Deshalb zertrümmerte ich aus Frust am Ende der Konzerte gelegentlich meine Gitarre. Aber ich glaube nicht, dass es 140 Stück waren. Maximal 40.

Muse

Wie bauen Sie im Privat­leben Frust ab? Sind Sie ein schneller Autofahrer?

Ganz im Gegenteil. Meine damalige Verlobte (Schauspielerin Kate Hudson; Anm.) verordnete mir vor einigen Jahren sogar einen Kurs für aggressives Fahren.

So etwas gibt’s?

Aggressiv nicht im Sinn von verkehrsgefährdend. Ich lernte dort schnelles und zügiges Fahren. Ich bin eigentlich eher der gemütliche Typ hinterm Lenkrad. Kate fuhr ich nicht sportlich genug.

Und sind Sie heute mit dem Auto schneller unterwegs?

Nicht wirklich. Als mein Schlagzeuger und ich einmal auf einer Rennstrecke gegeneinander antraten, dachte ich erst, ich hätte eine passable Zeit herausgefahren. Er war dann doch fünf Sekunden schneller. Vielleicht sind Drummer einfach bessere Rennfahrer als Gitarristen.

Wie passt Ihre Hi-Tech-Begeisterung eigentlich zur offenkundigen Liebe für alte Autos wie Ihren 1962er Ford Thunderbird?

Ich liebe diesen Wagen. Und zwar gerade, weil er so altmodisch ist. Ihn zu fahren, fühlt sich so an, als würde man ein Segelboot lenken. Sprich: Er ist ziemlich langsam und klobig - perfekt für meine Wahlheimat Kalifornien. 

Hatten Sie nicht auch einmal einen Tesla-Sportwagen, ein rein elektronisches Auto?

Stimmt. Aber das habe ich mittlerweile verkauft, wie auch die meisten meiner anderen Autos. Einfach, weil es irgendwann zu viel wurde. Jetzt habe ich nur noch einen Mustang von 1966, den 1962er Thunderbird und einen Mercedes. Oh, und in England habe ich noch einen Mini. Einfach, weil der Verkehr in London so heftig ist, dass man gar keinen anderen PKW fahren kann.

MUSE: „Psycho“​

© MUSE // YouTube

Um Hi-Tech-Themen geht es auch auf dem neuen Muse-Album „Drones“. In Ihren Songtexten stellen Sie eine interessante These auf: Wir sind alle Drohnen, die von Drohnen gelenkt werden.

Stimmt, das kann man so sagen. Kontrolle war schon immer ein wichtiges Thema für mich. Wobei ich nicht genau sagen kann, warum. Vielleicht liegt es daran, dass sich meine Eltern trennten, als ich ein Teenager war. Ich hatte eine Phase, in der mein Leben völlig aus dem Ruder lief – ohne, dass ich etwas dagegen tun konnte. Mir wurde einfach die familiäre Geborgenheit entzogen. Weshalb die Gründung der Band für mich nichts anderes als eine Flucht war. Und ein Mittel, um selbst Herr über mein Schicksal zu werden. Diese Gedanken hatte ich auch, als es an dieses Album ging.

Ist das Album also ein Apell zur Selbstermächtigung?

Es ist ein Aufruf zu mehr Individualität, mehr freiheitlichem Denken und mehr menschlichem Einfühlungsvermögen – gerade im Hinblick auf die Technik. Wir müssen die Mängel des menschlichen Denkens für unser eigenes Wohlergehen akzeptieren. Denn wenn wir uns ganz auf die Technik konzentrieren, verlieren wir unsere Menschlichkeit. Auf dieser Platte äußere ich meine Zweifel daran, dass technischer Fortschritt uns in die richte Richtung führt.

Entscheidungen über Leben und Tod dürfen nicht von einem Computer ausgehen.
Matthew Bellamy

Ein interessantes Statement …

Ich denke, dass mittlerweile viele Leute das 20. Jahrhundert in anderem Licht sehen. Denn damals fühlte es sich so an, als ob uns die Technik nach vorne bringt. Und das hat sie in Bezug auf Effizienz und Produktivität auch getan. Aber gleichzeitig hat sie auch etliche Menschen arbeitslos gemacht, weil sie nicht mithalten konnten und überflüssig wurden. Das war ein direktes Resultat der allgemeinen Entscheidung für Effizienz über alles andere.

Soll heißen: Mit der vorbehaltlosen Akzeptanz der Technik haben wir uns nur selbst geschadet?

Ja! Und für mich sind Drohnen der Punkt, den man nicht überschreiten darf - an dem wir sagen müssen: „Entscheidungen über Leben und Tod – siehe Drohneneinsätze – dürfen nicht von einem Computer ausgehen.“

Muse

Hand aufs Herz: Haben Sie diese Mini-Drohnen, die man mittlerweile ja relativ günstig kaufen kann, selbst schon ausprobiert?

Die ganz kleinen, die es seit neuestem gibt, noch nicht. Aber ich habe ein großes Modell, einen „Quadcopter“. Und das fliege ich sogar sehr oft. Man kann damit wirklich nette Heimvideos machen.

Das treiben Sie also in Ihrem Haus in Malibu, wenn Sie gerade nicht neue Songs schreiben!

Unter anderem. Wenn ich mich nicht gerade um meinen Sohn kümmere,  recherchiere ich mit meinem Quadcopter. Ich nutze ihn zu Studienzwecken. (lacht) Aber keine Angst, diese Drohnen-Art hat nichts mit der zu tun, die für Militärschläge genutzt wird. 

Also wissen Sie, worüber Sie da singen?

Natürlich habe ich mich damit beschäftigt. Das war doch klar, oder? (lacht) Es ist eine bizarre neue Technik, die plötzlich überall zu sein scheint. Als wäre sie aus dem Nichts gekommen.

Wird diese neue Technik auch bei Ihren Live-Shows zum Einsatz kommen?

Wir werden zumindest versuchen, Drohnenflüge in die Konzerte einzubauen. Aber da gibt es natürlich Auflagen und Vorschriften, die von Land zu Land verschieden sind. Und nach denen müssen wir uns richten. Nach dem Motto: Was gesteht man uns zu? Wie weit können wir den Bogen spannen? Denn natürlich gibt es Bedenken, wenn etwas über die Köpfe des Publikums fliegen soll. Im Londoner Wembley Stadium wäre das zum Beispiel unmöglich. Dort sind die Auflagen sehr streng. 

Lässt sich die letzte Muse-Live-Show mit Robotern und Riesenballons überhaupt noch toppen?

Das ist die eine Frage. Die andere ist, ob wir wieder so eine aufwändige Show wollen oder diesmal etwas reduzierter vorgehen. Wir werden diesmal weniger Video-Wahnsinn auffahren und den Schwerpunkt dafür mehr auf die Musik legen. Und gleichzeitig ein paar Flugobjekte einsetzen. Also: Weniger Film, mehr Musik – und mehr Action über den Köpfen der Zuschauer. Das wird lustig!

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08 2015 The Red Bulletin

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