Nicolas Cage: „Ich war ein Außenseiter“

Text: Rüdiger Sturm
Illustrationen: Peter Strain

Nicolas Cage im Gespräch über Wut, Schmerzen, Burgen, Schlösser und was im Leben wirklich zählt.

Er war Superheld und Soldat, Alkoholiker und Autodieb. Und all das immer mit dieser manischen Energie, die ihm den Oscar ebenso einbrachte wie arge Verrisse. Kaum ein anderer Hollywood-Star wird zugleich so verachtet und so verehrt wie Nicolas Cage, der Mann, der mit der Tochter von Elvis Presley verheiratet war und seinen zweiten Sohn nach einer Comicfigur nannte. Der richtig viel Geld hatte und fast noch mehr verlor. Seit Jänner ist Nicolas Cage fünfzig und erfindet sich soeben als Schauspieler neu. Kein schlechter Zeitpunkt also für ein etwas grundsätzlicher angelegtes Gespräch.

THE RED BULLETIN: Mister Cage, sehnen Sie sich nach dem Tod?

NICOLAS CAGE: Ich habe es nicht besonders eilig abzutreten. Aber der Tod ist ein wichtiges Thema. Und es ist klug, sich gelegentlich darüber Gedanken zu machen. Denn nur so hat man eine Chance, seine Angst vor dem Tod in den Griff zu bekommen.

Und?

Und was? 

Na, die Angst in den Griff gekriegt?

Ist noch work in progress, sagen wir so. Aber was sollte diese erste Frage mit der Sehnsucht nach dem Tod eigentlich?

Beim Dreh zu Ihrem jüngsten Film „Joe“ haben Sie angeblich eine Wassermokassin-Otter in die Hand genommen. Deren Gift kann tödlich sein.

Das hatte nichts mit Todessehnsucht oder derlei zu tun. Ich entspanne mich so. 

Ich möchte Sie ja nicht belehren, aber es gibt da auch andere Methoden.

Bei meinen Actionfilmen habe ich herausgefunden, dass mich Stunts entspannen. Eine Autoverfolgungsjagd bei 160 km/h, entgegenkommenden Autos ausweichen, versuchen, nicht in die Mauer zu krachen – besser als jede Meditation. Ich funktioniere in solchen Dingen vielleicht ein wenig ungewöhnlich, das mag sein. Ich werde zum Beispiel auch immer entspannter, je mehr Kaffee ich trinke.

„Setze dich genau der Sache aus, vor der du dich fürchtest, und sie verliert ihre Macht über dich.“
Nicolas Cage

Und wenn Kaffee nicht mehr reicht, genehmigen Sie sich ein wenig Schlangengift? 

Hahaha, nein. An dem bewussten Drehtag stand bei „Joe“ eine sehr komplizierte Szene auf dem Programm, und irgendwie war mein Adrenalin-Level nicht hoch genug. Ich war nicht so konzentriert, wie ich sein wollte. Da hatte ich die Idee mit der Schlange und fragte Regisseur David Gordon Green, ob er etwas dagegen hätte. Er meinte: „Versprich mir nur, dass du nicht stirbst. Sonst stehe ich da wie ein kompletter Idiot.“ Ich versprach ihm, nicht zu sterben, nahm die Schlange … und bang – es funktionierte, das Adrenalin schoss mir ein. Ich kann auf Adrenalin surfen, wissen Sie, das ist meine Art, Nervosität unter Kontrolle zu kriegen. 

War da keine Angst dabei?

Oh doch, immer, Angst muss ja sein. Ohne Angst wäre das alles sinnlos. Es geht darum, seiner eigenen Angst ins Auge zu sehen. Dadurch kannst du sie überwinden. Es ist im Prinzip ganz simpel: Setz dich genau der Sache aus, vor der du dich fürchtest, und sie verliert ihre Macht über dich.

Jetzt haben Sie mir aber Appetit gemacht auf ein paar Geschichten über Ängste, die Sie gebrochen haben!

Vor ein paar Jahren ging ich in einem Käfig vor der südafrikanischen Küste tauchen. Ich wollte einem Weißen Hai begegnen, das war eine meiner Urängste schlechthin. Und es wurde eine unglaubliche Erfahrung. Dieser gewaltige Hai, vielleicht einen oder zwei Meter vor mir, starrte mich mit diesen schwarzen, irgendwie leeren Augen an, und auf einmal spürte ich auf eine sehr beruhigende, wunderschöne Art eine Verbindung zwischen uns. Ein Moment völliger Harmonie, großartig. Klingt verrückt, nicht?

Solange Sie mir jetzt nicht erzählen, dass Sie als Nächstes Ihre Angst therapierten und einen Weißen Hai küssten …

Hahaha … eine Story hab ich noch: Einmal fuhr ich in die Sümpfe von New Orleans, wo ich früher gelebt hatte. Da gab es einen 400-Kilo-Alligator. Als wir ihn fanden, schaute er mich von unter der Wasseroberfläche her an und sah dabei aus wie ein Dinosaurier.

Sie sprangen aus dem Boot und schwammen mit dem Alligator um die Wette?

Nein. Ich habe ihn mit Marshmallows gefüttert. Vom Boot aus. Alligatoren mögen Marshmallows!

Wenn man Ihnen so zuhört, könnte man auf die Idee kommen, Sie haben Ihren Beruf verfehlt. Naturforscher, Abenteurer, Solo-Weltumsegler: Wäre das nicht eher was für Sie gewesen?

Da liegen Sie gar nicht so falsch. Als ich sechzehn war, beschloss ich zwei Dinge: erstens, das mit der Schauspielerei wirklich ernsthaft zu versuchen. Und zweitens, dass ich Fischer werde oder zur Handelsmarine gehe, wenn’s doch nicht funktioniert. Das Meer ist meine große Liebe. In der Nähe von Wasser überkommt mich eine unbeschreibliche Ruhe, die ist mit keinem anderen Gefühl vergleichbar.

Was hat Sie an der Schauspielerei so gereizt, dass sie Plan A wurde? 

Sie ist ein perfektes Ventil. Und ich brauchte ein Ventil für all die Energie, die in mir steckte, und zu Beginn vor allem für die Wut. Ich war als Kind bis oben voll mit Wut. Ich bin sicher, ohne die Schauspielerei hätte ich schlimme Fehler gemacht in meinem Leben.

NICOLAS CAGE IN ZAHLEN

Oscars: 1

Oscar-Nominierungen: 2

Ehen: 3

Kinder: 2

Positive Rezensionen für seinen Film „Red Rock West“ (1993): 95%

Positive Rezensionen für seinen Film „Deadfall“ (1993): 0%

Altersunterschied zwischen ihm und seiner jetzigen Frau Alice Kim in Jahren: 20

Kaufpreis für einen von Cage ersteigerten Dinosaurierschädel: 267.000 US Dollar

Steuerschulden 2010: 13,3 Mio. US Dollar

Gesamtgage von 1996 bis 2011: 150 Mio. US Dollar

Woher kam denn all diese Wut?

Ich schaffte es nicht, zu anderen Leuten Kontakt aufzubauen. Ich war ein Außenseiter, keine Freunde, in der Schule unbeliebt. Das tat weh. Sogar mein Vater sagte einmal zu mir, ich sei ein Alien. Das saß so tief drin, dass ich richtig verblüfft war, als mir ein Arzt sagte, dass ich normale Organe und ein normales Skelett habe. So eigenartig das jetzt klingen mag: Mein Leben war damals nicht allzu angenehm. Aber zugleich wusste ich, dass da noch etwas auf mich wartete, etwas, das meinem ganzen Dasein einen Sinn geben würde.

Und das ist die Schauspielerei?

Mit heutigem Kenntnisstand würde ich antworten: ja.

Und Sie sind beim Spielen all das losgeworden, Ihre Wut, Ihre Schmerzen? 

Ich bin kein grundsätzlich wütender Mensch. Die Wut kochte nur in Phasen hoch. Ich weiß, dass das Leben ohne Aggressionen leichter ist. Ich mag diesen Planeten, ich mag es, hier zu leben, ich bin verrückt nach meiner Familie. Am liebsten würde ich den ganzen Tag zu Hause mit meinem achtjährigen Sohn spielen.

Wie entdeckten Sie, dass die Schauspielerei, dass das Showbusiness dieses gesuchte Ventil sein könnte?

Ich vermute, das hat mit meinem Vater zu tun. Er war echt gut darin, meine Phantasie anzuregen. Zum Beispiel musste ich klassische Romane lesen und ein Kapitel dazuschreiben – Huxleys „Schöne neue Welt“, Hesses „Siddhartha“, „Moby-Dick“. Dad baute mir auch eine Holzburg in den Garten. Das war meine Schutzblase, mein Reich. Dort verbrachte ich die meiste Zeit, dort konnte ich in alle möglichen Charaktere schlüpfen. Das war der Anfang meiner Schauspielerei.

Wer Ihre Biografie etwas kennt, weiß um das schwierige Verhältnis zu Ihrem Vater.

In seinen letzten Jahren kamen wir uns wieder nahe. Sein Herzinfarkt 2008 hat mich tief getroffen. Ich bin dankbar für die Zeit, die uns gemeinsam noch blieb.

Wie viel von der Holzburg Ihrer Kindheit steckte denn später in dem Schloss, das Sie in Deutschland kauften?

Wenn ich an das Schloss denke, dann ist es vor allem der Moment, in dem ich es zum ersten Mal sah. Es war ein Wintertag, ich fuhr mit dem Auto durch einen verschneiten Wald, im Radio lief Wagners „Parsifal“, und als ich aus dem Wald rausfuhr, schien draußen die Sonne, der Schnee glitzerte, und da war dieses Schloss … In diesem Moment fühlte ich mich wie zu Hause angekommen. Wenn Sie so wollen: Ja, man kann’s wohl vergleichen mit dem Holzburg-Gefühl meiner Kindheit.

„Wir reden hier darüber, dass ein Mann ein Schloss verkaufen musste. Wenn ich jetzt sage, das war schlimm, was sollen dann Leute sagen, die echte Probleme haben? Wie zynisch wäre denn das?“
Nicolas Cage über seine Geldprobleme

Wie weh tat es, das Schloss verkaufen zu müssen? Sie hatten eine Zeitlang beträchtliche finanzielle Troubles.

Ach, halb so schlimm, in meiner Erinnerung ist das Schloss ja immer noch da. So wie die Holzburg. Und, hey, wir reden hier darüber, dass ein Mann ein Schloss verkaufen musste. Wenn ich jetzt sage, das war schlimm, was sollen dann Leute sagen, die echte Probleme haben? Wie zynisch wäre denn das? Es war einfach so, dass ich mir das Schloss nicht mehr leisten konnte. Ich hatte damals relativ viel Kohle, aber kein Vertrauen in die Banken. Also investierte ich in Immobilien. Dann bewegte sich der Markt in die falsche Richtung … shit happens. Letztlich geschieht ohnehin alles aus einem bestimmten Grund.

Und zwar? 

Ich lebe jetzt anders als früher. Nennen wir es: offener. Nicht mehr versteckt auf einer Yacht oder einem Privatjet oder hinter den Mauern eines Schlossparks. Ich habe mittlerweile jeden Tag auf ganz normale Art mit ganz normalen Menschen zu tun. Das tut richtig gut.

Auch bei der Auswahl Ihrer Filme scheinen Sie die Weichen neu gestellt zu haben. „Joe“ ist weit entfernt von Ihren bizarren Actionspektakeln der letzten Jahre.

Da haben Sie recht, ja. Man könnte sagen: Ich erfinde mich als Schauspieler neu. Ich kehre zu meinen Wurzeln zurück, das heißt zu den dramatischen Charakteren in unabhängigen Produktionen.

Was sagen Sie, wenn ich behaupte: Eine Zeitlang waren Sie der König der B-Movies.

Dass ich das nicht so sehe. Diese Actionfilme kamen einfach daher, weil die Leute sagten: „Du bist kein Actionheld, vergiss es.“ Ich glaube, ich konnte das Gegenteil beweisen. Da wurde ein dramatischer Schauspieler zu einem Actionhelden. Und nun ist die Zeit gekommen, wieder heimzukehren. That’s it.

„Man könnte sagen: Ich erfinde mich als Schauspieler neu. Ich kehre zu meinen Wurzeln zurück.“
Nicolas Cage

Das Adrenalin wird Ihnen fehlen, nicht?

Normalerweise brauche ich das nur, wenn ich drehe. Aber ich finde Motorräder aufregend. Und ich habe noch einen Traum im Leben: Drachenfliegen.

Was, verzeihen Sie, nicht nach dem „Wow, unglaublich/unerfüllbar!“-Lebenstraum eines Hollywood-Stars klingt.

Teil meines Jobs sind Verträge, in denen steht, dass ich Dinge wie Drachenfliegen nicht tun darf. Aber lassen Sie mich von meinem Traum erzählen. Ich bin sicher, Drachenfliegen ist der ultimative Weg, mit der Natur eins zu werden. Du verschmutzt die Umwelt nicht. Du bist frei wie ein Adler. Du lernst, Luft zu begreifen. Ich werde also, und das können Sie mir glauben, eines Tages in die Alpen gehen, in eine dieser Schulen, die dir garantieren, dass du in zwei Wochen den Flugschein hast. Dann werde ich mich mit den außergewöhnlichsten Leuten anfreunden. Mit Leuten, die du einfach anrufen kannst: „Hey, fliegst du heute?“ – „Klar. Lass uns loslegen.“ Dann werde ich in der Früh losziehen und abheben. Nur mit meinen eigenen Flügeln.

Klicken zum Weiterlesen
03 2014 THE RED BULLETIN

Nächste Story