Seasick Steve

„Niemand unter 50 sollte Rockstar sein“

Interview: Marcel Anders
Bilder: Scott Campbell

Seasick Steve wurde es mit 62. Das war vor elf Jahren. Davor war er Landstreicher.

THE RED BULLETIN: 2004 machte Sie Ihr erstes Album „Cheap“ zum Star. Seither haben Sie eine Million Tonträger verkauft, Jack White und Dave Grohl als Fans gewonnen. Sie wohnen komfortabel. Ihr neues, siebtes Album „Sonic Soul Surfer“ ist dennoch wieder eine no-budget-Produktion: nicht im High-Tech-Studio, sondern daheim aufgenommen. Übertreiben Sie es nicht mit der Koketterie?

Steve Wold: Das hat einen ganz anderen Grund: Nichts klingt besser als meine alten Bandmaschinen. Vergiss dein Studio. Überhaupt wurden die Dinge früher besser produziert. Sieh dir Autos an. Kisten aus den 1950er-Jahren fahren heute noch. Denkst du, man wird in 30 Jahren noch Autos von 1995 sehen? Die sind dann doch längst verrostet.

Zu Ihrer Garderobe: Worin besteht der Reiz von Holzfällerhemden und Latzhosen? Reizt es Sie nicht, einmal einen guten Anzug zu tragen?

Ich habe Fotos von mir als Vierjähriger, auf denen ich dieselben Klamotten trage wie heute (lacht). Und ich käme nie auf den Gedanken, etwas daran zu ändern.

„Summertime Boy“ Seasick Steve

Das heißt dann also, Seasick Steve keine Kunstfigur, Seasick Steve ist echt?

Es gibt keinen anderen Charakter, in den ich schlüpfen könnte, wenn ich auf die Bühne steige. Keine Ahnung, wie das andere Künstler handhaben. Ich wechsle ja nicht einmal die Klamotten. Ich bin immer nur ich. Und ich hätte nie gedacht hätte, dass einer wie ich im Musikgeschäft erfolgreich sein könnte.

Was bedeutet Erfolg für jemanden, der nie Geld hatte. Für einen, der Landstreicher und Straßenmusiker war?

Meine Rechnungen bezahlen zu können und sich keine Sorgen machen zu müssen. Ich habe einen Traumjob. Ich spiele Konzerte vor 50.000 Leuten. Das hat etwas Surreales, etwas von einem Traum. Deshalb bin ich der glücklichste Mensch auf Erden.

Was ist Ihr größter Luxus?

Meine Autos. Ich habe einen 51er-Chevy, einen 55er-Cadillac Coupe de Ville und ein altes Motorrad – eine Indian. Das Lustige ist: Wenn ich damit fahre, habe ich nicht das Gefühl, in einem Oldtimer unterwegs bin. Diese Karren erscheinen mir nicht alt. Es sind einfach die Autos, die ich mein ganzes Leben gefahren bin.

Wie reagieren die anderen Verkehrsteilnehmer auf Ihre alten Schlitten?

Ich hatte einmal einen verbeulten 49er-Dodge, mit dem ich von Norwegen durch Deutschland bis runter nach Frankreich gefahren bin. Auf der Autobahn haben mich die Leute regelrecht angestarrt. Ein Porsche-Fahrer hat sogar eine Vollbremsung hingelegt, weil er nicht glauben konnte, was da auf der rechten Spur dahinkriecht (lacht). Es war als ob ich mit einer fliegenden Untertasse unterwegs wäre.

Musik-Manager sagen dir, was du tun sollst, versprechen dir das Blaue vom Himmel, wenn du dich so oder so verhältst.
Steve Wold

Bei all der Nostalgie, verfolgen Sie, was sich im aktuellen Musikgeschehen tut?
Ich höre wenige aktuelle Platten. Neue Sachen entdecke ich vor allem auf Festivals. Ab und zu kaufe ich mir aber dann doch neue Musik. Wie die Platte von Michael Kiwanuka – ein wunderbares Album - oder das Debüt von Frank Ocean.

Wie erklären Sie sich, dass Sie von jüngere Kollegen wie Dave Grohl, Jack White und Nick Cave verehrt werden?

Ich lernte Dave beim Isle-Of-Wight-Festival in England kennen. Dave sah sich meine Show an und lud mich darauf hin zu seinem Gig mit den Foo Fighters ein. Während seines Konzerts hielt er inne und meinte: „Ich habe heute etwas Umwerfendes gesehen, eine der besten Bands aller Zeiten.“ Ich hatte ehrlich keine Ahnung, von wem er spricht. Dann nannte er meinen Namen und ein Scheinwerfer strahlte mich am Bühnenrand an! Er kam rüber und nahm mich in den Arm. Was für ein Gentleman!

Gibt es etwas, das Sie von ihm lernen können?

Was ich an Dave liebe ist, dass er beim Spielen immer hundert Prozent gibt. Genau wie Jack White. Sie geben alles und schwitzen wie die Säue – das finde ich toll.

Wenn Sie sich vor Augen führen, was Sie in so kurzer Zeit erreicht haben, wünschen Sie sich dann, Sie hätten früher angefangen?

Darüber habe ich oft nachgedacht. Und weißt du was? Niemand unter 50 sollte Rockstar sein. Musik-Manager sagen dir, was du tun sollst, versprechen dir das Blaue vom Himmel, wenn du dich so oder so verhältst. Als 20-Jähriger hätte ich ihnen geglaubt und mich zum Trottel gemacht. Nein. Besser du wartest. Dann hast du mehr Durchblick und Lebenserfahrung.

Seasick Steves neues Album „Sonic Soul Surfer“ erschien am 23. März.

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05 2015 The Red Bulletin

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