Patrick Fugit Outcast

 Patrick Fugit - Der „Outcast“-Star im exklusiven Interview

Interview: Holger Potye
Foto: Fox Networks

Der Teufel kommt nach South Carolina - in Form einer neuen Hit-Serie. „Outcast“-Hauptdarsteller Patrick Fugit über Exorzismus und den Kampf gegen die eigenen, inneren Dämonen.

Was du in diesem Interview von und über Patrick Fugit lernst:

  • Ein Kind zu schlagen ist nie leicht - nicht einmal für die Kameras
  • Auch negative Erfahrungen können am Ende überaus positiv sein
  • Spider-Man verursacht Albträume
  • Ein leerer Stuhl ist gruselig

Patrick Fugit ist der Star der neuen TV-Serie Outcast von Walking-Dead-Mastermind Robert Kirkman. Diesmal geht’s nicht um Zombies, sondern um Dämonen, die in einer Kleinstadt namens Rome von den Menschen Besitz ergreifen. Exorzismus 2.0 im Serienformat ...  

THE RED BULLETIN: Stimmt es, dass Leute in South Carolina, wo die Serie gedreht wurde, mit Schildern gegen die Dreharbeiten demonstrierten? 

PATRICK FUGIT: (Lacht.) Nun, der Teufel ist niemals aufgetaucht. Also gibt es keinen Beweis dafür. Unser Set wurde nicht belagert und es gab auch sonst keine Schwierigkeiten mit der Bevölkerung vor Ort. Die meisten waren nur neugierig. Aber einige Leute hatten tatsächlich Schilder auf ihren Garagendächern angebracht, auf denen stand, dass wir den Teufel nach South Carolina bringen würden.

© Cinemax // Youtube

Hat Sie das beunruhigt?

Nun ja, eine Menge Menschen im Süden besitzen Feuerwaffen. Aber niemand hat uns belästigt. 

Religion ist dennoch ein heikles Thema in den Vereinigten Staaten.

Stimmt, aber in Amerika hat jeder das Recht auf Meinungsfreiheit und unsere Show bietet verschiedene Blickwinkel zum Thema Religion. Da gibt es einerseits den Pfarrer - Reverend Anderson - und sein Glaubenssystem, andererseits den Zugang über meine Figur, Kyle, und die Religion im Allgemeinen. Es ist ein problematisches Thema. Genau deshalb war die Beschäftigung damit auch so spannend.

Waren die Dreharbeiten belastend? Fiel es Ihnen zum Beispiel schwer, gleich in der ersten Folge ein Kind zu schlagen?

Gabriel (Bateman, Anm.), der den zehn Jahre alten Joshua in der ersten Episode spielt, ging voll in seiner Rolle auf. Das war eine ziemlich intensive Erfahrung. Jeder sieht, wie ich einen kleinen Jungen verprügle, aber in Wahrheit musste ich an diesem Drehtag um mein Leben kämpfen. 

Wie darf man sich das vorstellen?

Er hat mich an den Haaren gerissen und gekratzt. Ich war eigentlich den größten Teil der Szene damit beschäftigt, mich gegen seine Raserei zur Wehr zu setzen. Er hat mich auch unglaublich fest gebissen. Die Szene war bereits durchbesprochen, und am Ende des Tages ist es nur Schauspiel, aber Gabriel war komplett in seiner Rolle. Ich habe versucht, ihm klarzumachen, dass er mich nicht so fest wie möglich beißen muss. Aber er hat ziemlich starke Kiefermuskeln. Kurz: Es waren ziemlich harte Dreharbeiten und die Atmosphäre und das schwierige Thema haben sie nicht gerade erleichtert. Der Entstehungsprozess der ersten Staffel war sehr intensiv, aber ich konnte es dennoch genießen. Outcast ist definitiv kein 08/15-Serienformat. Es ist einzigartig.

"We, who are about to die....

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In der Serie dreht sich alles darum, dass Menschen von Dämonen besessen werden und wie man sie von ihnen wieder befreien kann. In der ersten Episode haben wir gelernt, dass eine Blutspende zum richtigen Zeitpunkt Leben retten kann. 

(Lacht.) Korrekt!

Gibt es noch weitere Exorzismus-Regeln? Licht scheint sie zu stören, die bereits erwähnte „Bluttransfusion“ und die Menschen scheinen nur in dieser einen Stadt, Rome, von Dämonen übernommen zu werden …

Genau darum geht’s in der ersten Staffel: Mein Charakter Kyle und der Reverend entdecken die Regeln des Spiels und lernen, wie sie mit diesem Phänomen am besten umgehen können. Es ist ziemlich taff, denn sie können nicht jedes Mal, wenn sie in Kontakt mit einem dieser Dinger kommen, den Dämonen aus dem Wirt „rausprügeln“. Irgendwann würde jemand getötet werden. Es war für Kyle schon schwer genug mit sich selbst zu leben, nachdem er den Jungen verprügelt hat. Gewalt ist keine Lösung für das Problem. Wir müssen daher Methoden entwickeln, wie wir mit der Bedrohung umgehen, ohne dabei unser Leben, und das Leben des Besessenen zu gefährden, und lernen, wie wir die „Infizierten“ rechtzeitig erreichen, bevor der „Virus“ ausbricht.

„Ich musste an diesem Drehtag um mein Leben kämpfen“

Glauben Sie daran, dass Dämonen von Menschen Besitz ergreifen können?

Ich persönlich nicht. Ich habe nie etwas in dieser Richtung gesehen oder erlebt. Ich würde mich als spirituellen Menschen bezeichnen. Ich bin in Salt Lake, Utah, aufgewachsen. Dort gibt es viele Mormonen und meine Familie ist auch religiös. Ich habe also meine Erfahrungen gemacht, aber für mich beschlossen, dass ich auch ohne Religionsbekenntnis leben kann.

Haben Sie in Ihrem Leben auch schon Kämpfe mit sich selbst austragen müssen? Wo liegen Ihre dunkle Seiten ?

In der Vergangenheit sind einige Dinge passiert, die mich (ver)zweifeln ließen. Jeder Mensch hat dunkle Seiten. Mein bester Freund, mit dem ich aufgewachsen bin, ist 2012 plötzlich verstorben. Es kam völlig überraschend. Danach fühlte ich eine Dunkelheit und Leere in mir, aber zugleich führte diese Erfahrung mich zu einer Art Wiedergeburt. Ich habe gelernt, die Welt aus einem neuen Blickwinkel zu betrachten und mein Verhalten, meine Rolle in diesem Universum, neu zu überdenken.

Können Sie das genauer erläutern?

Vor diesem Ereignis tendierte ich dazu, den Dingen gegenüber eher negativ eingestellt zu sein. Mich interessierten eher düstere Rollen in Filmen, ich liebte Konflikte. Nach dem Tod meines besten Freundes - es passierte natürlich nicht gleich danach, weil die tragischen Umstände einen Zeitraum der Trauer mit sich brachten, aber nach einer Weile - spürte ich, wie ich mich innerlich veränderte. Ich wurde vom Pessimisten zum Optimisten. Ich fühlte eine positive Grundstimmung in mir. Eine Art Gottvertrauen, wenn man so will. Ich fragte mich: Patrick, wie willst du die Welt hinterlassen, wenn du dich von ihr verabschiedest? In welchem Zustand soll sie sein? Ich habe beschlossen, der Welt möglichst positiv und freundlich zu begegnen.

You look as if you've seen a ghost. #Outcast

You look as if you've seen a ghost. #Outcast

Und Ihre Rolle in Outcast ist eine dieser positiven Rollen …

Schon klar, mein Charakter Kyle Barnes ist auf den ersten Blick ein eher dunkler Zeitgenosse und es passieren schlimme Dinge um ihn herum. Die Herausforderung für mich bestand darin, die positiven Seiten in ihm zu finden und sie dem Publikum zu zeigen. Ich möchte Kyle trotz seiner vielen Probleme liebenswert machen. Wie gelingt dir das, wenn du da einen Typen hast, der isoliert lebt, kaum soziale Kontakte hat und zu allem Überfluss auch noch einen zehnjährigen Junge verprügelt? Wie machst du so jemanden liebenswert? Ich hoffe, das gelingt mir im Laufe der ersten Staffel. Wir sehen, was Kyle antreibt und lernen seine Ziele kennen. Und die sind durch die Bank sehr positiv.

„Mein bester Freund, mit dem ich aufgewachsen bin, ist 2012 plötzlich verstorben“

Die Beziehung zwischen Kyle Barnes und Reverend Anderson ist sehr speziell.

Es gibt eine Menge Spannungen. Kyle und der Reverend (Anm.: gespielt von Philip Glenister) haben unterschiedliche Ansätze und Sichtweisen, was die übernatürlichen Phänomene, die in der Kleinstadt auftreten, angeht und wie man mit ihnen umgehen sollte. Beide müssen dazulernen, um eine Lösung zu finden. Aber sie gehen die Sache komplett unterschiedlich an.

Es gibt also Spannungen.  

Ja, es gibt einige sehr intensive Szenen mit Philip (Glenister, Anm.), in denen unerfreuliche Dinge passieren. Bei all den düsteren Rahmenbedingungen ist es umso wichtiger, dass wir immer wieder auch leichte, lustige Momente in die Serie einbauen.

Kyle muss also proaktiv werden, um auch als Charakter liebenswert zu erscheinen.

Ja. Jeder Mensch, der nur Opfer seiner Umstände ist, von ihnen gelenkt wird, und sich nicht dagegen wehrt, sorgt dafür, dass sich dieser Kreislauf ewig fortsetzt. Es muss einen Zeitpunkt geben, wo er von passiv auf aktiv umschaltet, sonst gibt es keine Weiterentwicklung. Es war mir wichtig, Kyle an diesen Punkt zu bringen. Das war, wenn man so will, meine wichtigste Aufgabe in der ersten Staffel.

Outcast Poster Comic Con Art

Haben Sie die Comic-Vorlage zur Serie Outcast gelesen?

Ja, als ich zum Vorsprechen für die Rolle kam, hatte ich mir die bis dahin erschienenen Comics besorgt und sie durchgelesen, um ein Gefühl für die Rolle und die Atmosphäre zu bekommen. Robert (Kirkman, Anm.) will sie mir zwar immer gratis zuschicken, aber ich bestehe darauf, dafür zu zahlen. Ich möchte das Projekt unterstützen. Als Kind war ich allerdings kein großer Comic-Fan. Eher ein Videogame-Fan. Das bin ich übrigens noch immer.

Welche Konsolen-Games lieben Sie gerade?

Zurzeit spielen meine Freundin und ich The Division. Außerdem spiele ich noch immer The Witcher 3. Ich brauche ewig dafür. Mit Hearts of Stone DLC habe ich gerade begonnen und ich liebe es. Außerdem spielen wir Fallout 4. Und natürlich Borderlines

Sie mögen Ihre Videospiele also auch lieber düster.

(Lacht.) Das stimmt!

Die Show deutet an, dass es eine Lösung für das Besessenheits-Problem geben könnte. Eine Art erfolgreichen Exorzismus …

Ein zentraler Punkt von Robert (Kirkmans, Anm.) Überlegungen war: In Filmen wie „Der Exorzist“ geht man mit dem Thema Besessenheit so um: „Okay, es gibt eine Person, die von einem Dämon besessen ist. Wir müssen ihn ihr austreiben.“ Das ist zugleich das Ende des Films. Roberts Zugang ist anders. Er fragt sich: „Wer oder was verursacht das Problem? Wie viele Menschen sind davon betroffen? Und was kann man dagegen tun?“ Reverend Anderson Sichtweise in der Serie lautet: „Wir müssen die Besessenen finden und sie von den Dämonen befreien.“ Kyle wiederum interessiert, woher sie kommen, nach welchem Muster sie sich ihre Opfer aussuchen - und vor allem, warum es so viele Personen aus seinem persönliche Umfeld sind. Da scheint es ein Muster zu geben. Wenn er es entschlüsseln kann, kann er vielleicht auch das Problem stoppen.

Muss man in der Serie an Dämonen glauben, damit sie von einem Besitz ergreifen können? 

Das ist eine der Fragen, die im Laufe der Serie beantwortet werden. Der Reverend und Kyle haben immer wieder Zoff miteinander, weil der Priester christliche Motive zitiert - Heilige und Sünder etc.. Also fragt Kyle ihn: Was hat meine Mutter jemals getan, um das zu verdienen? Sie ging zur Kirche, war ein guter Mensch, und trotzdem wurde sie von Dämonen besessen. Und was ist mit Joshua? Er ist noch ein Kind! Was kann er schon getan haben, um so ein Schicksal zu verdienen? Nach welchem Muster funktioniert also das Phänomen der Besessenheit? Hat es etwas damit zu tun, ob man religiös ist oder nicht? Eine spannende Frage, die uns in der Serie auf Trab hält.

Es gibt derzeit so viele gute Serien. Was ist das Besondere an Outcast?

Nun, wenn man auf die Genres Horror und Thriller steht, ist Outcast definitiv die richtige Wahl. Die Serie ist verstörend und furchteinflössend, aber ihre größte Stärke sind die Charaktere darin. Sie sind noch viel genauer ausgearbeitet als die Charaktere in Roberts Hitserie The Walking Dead. Outcast ist kein Drama, keine Kostümserie, es geht um Horror und übernatürliche Phänomene.

Mögen Sie Horrorfilme und Serien?

Ich bin ein großer SciFi-Fan. Ich mag Fantasy- und historisch angehauchte Serien wie Game of Thrones und Vikings. Beim Thema „Übernatürliche Phänomene in Serien“ würde ich mir wünschen, dass die Macher mehr Zeit und Augenmerk auf die Charaktersierung der Helden legen, und nicht das ganze Budget in Schockmomente und verrücktes Make-up investieren.

Hatten Sie Albträume wegen der Serie?

Die einzigen Albträume, die ich habe, kann man in einem Satz zusammenfassen: Ich bin am Set und habe meinen Text vergessen. Ich habe einen immer wiederkehrenden Albtraum. Darin werde ich als Spider-Man gecastet. Als ich noch ein Kind war, mochte ich Superman, Batman, Zorro und He-Man, aber Spider-Man war für mich immer die Nummer eins. Als in Hollywood das Casting für „Spider-Man“ begonnen hat, war ich genau im richtigen Alter und hätte alles getan, um die Rolle zu bekommen. Ich habe sie nicht bekommen, aber dafür diesen einen Albtraum. Er läuft immer gleich ab: Jemand zieht mich am Ärmel und sagt: „Du musst sofort aufs Set. Du bist der neue Spider-Man. Tobey Maguire ist krank und du sollst für ihn einspringen.”

Was passiert dann?

Ich gehe aufs Set. Aber weil ich größer als Tobey bin, passt mir sein Superheldenanzug nicht. Dann reichen sie mir das Skript für den Tag, aber die Wörter darin verändern sich dauernd. Und Kirsten Dunst ändert von Einstellung zu Einstellung ihren Text. Und ich sage zum Regisseur: „Was macht sie da? Sie verändert absichtlich ihren Text. Sie will mich fertigmachen.“ Diesen Albtraum habe ich immer wieder.

Erinnern Sie sich an einen besonders gruseligen Moment am Set?

(Lacht.) Das Haus, in dem Kyle Barnes in der Serie wohnt, existiert tatsächlich. Eines Tages beschloss ich, es genauer unter die Lupe zu nehmen. Plötzlich entdeckte ich eine Dachbodenluke, die mir vorher noch nie aufgefallen war. Ich öffnete sie und kletterte über eine Leiter auf den Dachboden. Er war ziemlich verlassen, abgesehen von einem Stuhl, der genau in Richtung Leiter ausgerichtet ist. Er war leer.

Was ist so gruselig an einem Stuhl?

Ich habe ein Problem mit leeren Stühlen. Ich bin nicht abergläubisch und glaube auch nicht an Geister. Aber ich kann in keinem Raum schlafen, in dem ein leerer Stuhl steht. Da flippe ich aus.

Ihnen ist aber klar, dass Sie dieses Problem in jedem Hotelzimmer haben werden?

In jedem Hotelzimmer, in jedem Raum muss ich auf jeden leeren Sessel oder jede Couch - überall dort, wo ein Geist darauf Platz nehmen könnte - etwas hinlegen. Egal, ob es eine Tasche ist oder ein paar Schuhe. Dann erst fühle ich mich sicher. Aber zurück zum Dachboden. Ich klettere also hinauf und da steht dieser Stuhl und blickt mich an. Er ist mit Nägeln am Boden fixiert. Und ich frage mich, warum jemand verdammt noch mal einen Stuhl am Boden festnageln sollte. Auf dem Stuhl sitzt eine Gruppe alter Spielzeugpuppen. Sie sehen aus, als würden sie aus dem 19. Jahrhundert stammen. Es war echt gruselig und keiner von der Produktion wusste davon. Es war nicht Teil der Show, es war Teil dieses verdammten, alten Hauses.

Hinweis: Outcast wird ab 6.6. auf dem Sender FOX und u.a. auf SKY ausgestrahlt.

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06 2016 The Red Bulletin

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