Peter Kruder über Falco

Peter Kruder: „Ohne die Wahnsinnigen gäb’s keinen Fortschritt“

Text: Florian Obkircher
Foto: Oliver Jiszda

Peter Kruder ist der größte heimische Popstar seit Falco – und dessen Bruder im Geiste. Sein Credo: Trau keinem Experten und sag öfter nein.

Es ist der Erfolg, der Falco und Kruder & Dorfmeister eint. Ersterer führte mit „Rock Me Amadeus“ 1986 die US-Charts an. Letztere wurden mit „The K&D Sessions“ 1998 international als Sound der Stunde gefeiert. In puncto Image könnten die exaltierte Rampensau und das coole Kiffer-Duo unterschiedlicher nicht sein. Und trotzdem, sagt Peter Kruder, „bei der Karriereplanung haben wir uns viel von Falco ab­geschaut“.

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THE RED BULLETIN: Herr Kruder, erinnern Sie sich an Ihren Erstkontakt mit Falco?

PETER KRUDER: Das war bei einer Tanzveranstaltung im Jugendzentrum in Favoriten (Wiens 10. Gemeindebezirk, damals ein Arbeiterbezirk; Anm.). Der DJ spielte Falcos „Der Kommissar“, und alle Kids flippten aus. Die meisten sangen den Text auswendig mit. Das fand ich als Vierzehnjähriger irre. Weil’s das erste Mal war, dass da jemand auf Deutsch sang und es cool war.

Drei Jahre später stand Falco mit seinem Hit „Rock Me Amadeus“ am Zenit seiner Karriere, Sie gründeten gerade Ihre erste Band The Moreaus. Fanden Sie Falco da immer noch cool?

Zu diesem Zeitpunkt war er schon jenseits von Cool und Uncool. Er war ein Weltstar. Davor hatte ich totalen Respekt. Meine Band spielte ja auch in seinem MusikvideoWiener Blut“ mit. Tanzend, mit Billa-Sackerln „bekleidet“.

„Falco war klassisch Wien: Oszillieren zwischen Depression und Größenwahn.“

Das heißt, Österreichs ­größte Popstars trafen bereits 1988 aufeinander?

Leider fand der Dreh ohne mich statt. Ich war damals ­Friseur und konnte mir an dem Tag nicht freinehmen.

Wie schaffte es Falco, den US-Markt zu knacken? 

Er war verdammt gut im Kopieren. Das war seine große Stärke.

Das müssen Sie erklären.

Falco studierte die erste Hip-Hop-Welle in den USA. Er schaute sich viel vom Stil der frühen Rapper ab. Genau wie auch von David Bowie

Abkupfern ist eine Strategie für eine Weltkarriere?

Er übertrug Elemente aus der Popwelt in seine eigene. Aus dem New Yorker Pimp machte er den Wiener Strizzi. Seine Aneignungen waren so clever und witzig, dass sich alle darauf einigen konnten. Die Checker, weil sie seine Referenzen verstanden, genauso wie Normalos, weil er den Hip-Hop in ihre Lebenswelt holte.


Falco sagte einmal: „Ich bin ein Unangepasster in einem angepassten Geschäft.“ Kommt Ihnen dieses Gefühl bekannt vor?

Ja, total. Wir unterschrieben in unserer Hochphase nie bei einer großen Plattenfirma. Wir gaben damals auch kaum Interviews. 

Und lehnten einen Remix-Auftrag von David Bowie ab. 

Uns gefiel der Song einfach nicht. Punkt. Diese Verweigerungshaltung war rückblickend sehr wichtig für unsere Karriere. Weil es den Mythos um uns noch anheizte. Viele unserer Underground-Kollegen folgten dem Lockruf der Musik­industrie – und mussten schnell erkennen, dass ihnen der Kompromiss nur kurzfristig Erfolg einbringen würde. Wir dagegen hatten immer eine prinzipielle Abscheu vor dem ganzen Apparat. Genau wie Falco auch. Als MTV ein Interview mit ihm machen wollte, soll er gesagt haben: „Gut, dann sollen s’ kommen.“ Das fand ich wahnsinnig cool. Dieses klassische Wien-Ding halt: Oszillieren zwischen ­Depression und Größenwahn.

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Bringt einen das Nein-Sagen weiter? 

Es ist wichtig, nicht immer dem Rat der selbsterklärten Experten zu folgen. Weil sie dir immer raten, auf Nummer sicher zu gehen. Aber um langfristig erfolgreich zu sein, musst du Risiken eingehen. Ohne die Wahnsinnigen, die den Regeln trotzen, gäbe es keinen Fortschritt. Bei uns war das schon am Anfang so. Viele sagten, wir sollten mit Sängern arbeiten, weil es für Instrumentalmusik keinen großen Markt gäbe. Denkste!

Haben Sie Falco jemals persönlich getroffen?

1997 lud er Richard Dorf­meister und mich in sein Haus in Gars am Kamp ein, um über eine Kollaboration zu reden.

Was wurde daraus?

Leider nichts. Er spielte uns seine „Out of the Dark“-Demos vor und fragte, ob wir nicht irgendwas zusammen machen könnten. Wir antworteten, dass das Zeug dafür schon zu weit fortgeschritten sei, boten ihm aber an, dass er doch auf unserer Platte am Bass etwas einspielen könnte. Das fand er gut: „Weißt eh, irgendwas in E-Dur.“ Aber es kam nicht mehr dazu, sechs Monate später passierte der Unfall.

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Wie haben Sie das Treffen in Erinnerung?

Es war lustig. Wir läuteten an, und dann kam eine schwarzgekleidete Gestalt daher, die Bassgitarre umgeschnallt, und meinte: „Hey Burschen, alles cool? Habts hergefunden?“ Das Erdgeschoß war sein Reich, alles andere gehörte seiner Mutter. Wir saßen fünf Stunden mit ihm zusammen und redeten. Er wirkte frisch und clean. Aber er nahm sich auch selbst auf die Schaufel: „Vor drei Jahren hätten wir jetzt schon eine Line geschnupft, die von Wien bis nach Salzburg reicht.“ Er gab uns auch Karriere-Tipps.

Welche?

Zum Beispiel: „Burschen, ab der ersten Million sofort raus aus Österreich!“ Also was den Steuerwohnsitz angeht. Ich glaube, da hat er heftig Lehrgeld gezahlt.

„Immer auf Nummer sicher? So wirst du nicht lange erfolgreich sein.“
Peter Kruder, 49

Inwiefern?

Er ist ja aus Steuergründen in die Dominikanische Republik gegangen. Aber seine Um­gebung war einfach Wien, die brauchte er, da kannte er sich aus. Sein Problem war, dass ihm das Team fehlte. Er hatte einen Manager, aber keine fünf, sechs Freunde, mit denen er nach Amerika hätte gehen können, um von dort aus die Welt aus den Angeln zu heben.


Deswegen brauchte er auch diese Stadt, diese Freunde, die nichts mit Musik zu tun hatten und für ihn mehr oder weniger eine Ablenkung waren. Das war der Grund, warum er nie weggegangen ist. Zumindest ist das meine Erklärung. 

Sie haben seinen Rat aber auch nicht befolgt.

Stimmt. Weil ich gern in Öster­reich lebe. Und ich mich verpflichtet fühle, meinen Beitrag zu leisten.

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Denken Sie nicht, dass Sie vielleicht noch mehr Erfolg hätten haben können, wenn Sie gleich am Anfang ins Ausland gegangen wären?

Nein. Das wäre ein Fehler gewesen. Viele gehen ins Ausland, weil ihre Karriere nicht in Schwung kommt. Der Punkt ist aber, im Ausland ist die Konkurrenz meist noch härter. Deshalb rate ich: Nutz die ­frühen Jahre daheim, um dir eine solide Basis aufzubauen. Um deinen Stil zu finden.

Eine Lektion, die Sie sich bei Falco abgeschaut haben?

Total. Falcos Auftreten war von Anfang an einzigartig. Bei Konzerten von Drahdiwaberl (der Anarcho-Band, bei der Falco um 1980 Bass spielte; Anm.) trug er einen Anzug – mit durchsichtigem Plastikschutz aus der Wäscherei drüber, damit der bei der Blutspritzerei auf der Bühne nicht dreckig wird. Als es bei ihm inter­national richtig losging, wusste er genau, wer er sein wollte. Er hatte an seiner Kunstfigur jahrelang gearbeitet. 

Wäre er nicht verunglückt, hätte Falco noch einmal voll durchstarten können? 

Jede Karriere hat Höhen und Tiefen. Da kannst du nichts dagegen machen. Wichtig ist es, zu wissen, wie du aus dem Tief wieder herauskommst. Wir lernten Falco als sehr selbstkritischen Menschen kennen. Als jemanden, der sich dieser Abläufe total bewusst ist. Zur Zeit unseres Treffens war er gerade dabei, sich zu häuten, sich neu zu erfinden. Er befand sich mitten in diesem Prozess. Und ich glaube, so clever und talentiert, wie er war, wäre es ihm auch gelungen. 

Don't shoot the piano playa @dark_white #everythingsgonnabeallwhite #philcordia

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Im Rahmen des Red Bull Music Academy Events ­„Junge Roemer: Eine Woche für Falco“ in Wien werden Sie Falco-Songs neu remixen und live präsentieren. Welche werden Sie auswählen?

Ich möchte mir seine schwächsten Stücke zur Brust nehmen. Denn bei aller Falco-Liebe, einige seiner Sachen klingen, vermutlich weil er unter Zeitdruck seitens seiner­ Plattenfirma stand, nicht ganz perfekt. Da möchte ich schauen, ob man sie in neuem Licht erstrahlen lassen kann. Natürlich könnte man sich auch seine Juwele vor­nehmen. Aber da müsste man wirklich eine Sternstunde ­haben – sonst täte man niemandem etwas Gutes.

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02 2017 The Red Bulletin

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