Pharrell Williams

Interview: Andreas Tzortzis
Porträts: Finlay MacKay

Im ersten Teil des exklusiven Interviews mit The Red Bulletin spricht Superstar Pharrell Williams über seine Philosophie und er verrät, was für ihn Erfolg ist.

Allein der Hut, ich meine: dieser Hut!, wäre es schon. Aber dann der Kerl dazu, wenn er flüsternd über Erfolg ablästert, über die Absurdität des Einen-Hit‑machen-Wollens: Abgeklärter, gelassener, souveräner kannst du dir einen Superstar nicht vorstellen.

Pharrell Williams, 41, bestreitet seit 23 Jahren einen guten Teil des Soundtracks unseres Lebens, er hat uns durch chillige Partys begleitet, durch atemlos fummelnde Nächte und entspannte Cruises durch die Nachbarschaft. Nach 23 Jahren bist du in dieser Branche entweder deine eigene Legende, belächelter Dinosaurier oder tot.

Oder du bist Pharrell Williams: 2013 landete er zwei internationale Hits („Get Lucky“, „Blurred Lines“), die ihm vier Grammys einbrachten, darunter sein zweiter als Producer of the Year. Dazu kam natürlich der weltweite Party-Starter „Happy“, samt Oscar-Nominierung und einem Haufen anderer Preise für das dazugehörige 24-Stunden-Musikvideo.

Ob Hut oder „Happy“ oder jetzt sein neues Album, das erste Solo-Album seit acht Jahren:

Hat Pharrell Williams die Gabe, Hypes zu erschaffen?

Nein, sagt er.

Nichts, was er tut, folgt einem Plan, sagt er.

THE RED BULLETIN: Was ist das Erste, worauf du achtest, wenn jemand in dein Studio kommt?

PHARRELL WILLIAMS: Darauf, was die Leute wirklich meinen, wenn sie darüber reden, was sie gerne täten.

Pharrell Williams

“Ich suche nach Kontrasten. Es sind magische Momente, wenn sich Gegensätze vermählen.”

Du musst hinter die Oberfläche hören können, hinter das, was sie sagen. Als Nächstes achte ich auf die Energie, die sie in diesem Moment ausstrahlen. Du weißt schon, ob sie etwas beschäftigt, das können Banalitäten sein wie eine Taxifahrt, ein Streit oder sonst was. Und drittens achte ich auf den Klang ihrer Stimme. Weißt du, ich suche immer nach Kontrasten. Wenn deine Stimme wie Samt klingt und die Leute gewöhnt sind, dich in samtigen Stücken zu hören, sage ich: Probieren wir mal einen harten, rauen Sound. Dann wird es interessant. Wenn sich Gegensätze vermählen, sind das die magischsten Momente, Wie Erdnussbutter und Schokolade in Reese’s Peanut Butter Cups (legendär köstliche US-Süßigkeit; Anm.).

Bei diesem ganzen Rumprobieren, wenn du immer die schrägsten Kombinationen versuchst … Hast du überhaupt keine Angst, danebenzugreifen?

Hm? Wie?

Ganz einfach zu scheitern, meine ich?

Äh …

Ich meine, Scheiße zu bauen. Ich meine die Angst, dass ein Song vielleicht kein Hit wird. Dass eine Modelinie eventuell floppt. Denkst du über so was in der Art nach? Beschäftigt dich das?

Hey, ich verstehe echt nicht, was du meinst, Mann. Mein Gehirn kann diese Frage nicht verarbeiten. Ich meine: Wenn man etwas tut, das man liebt, wovor sollte man sich dann fürchten?

Vor negativen Reaktionen, zum Beispiel?

Wenn Ruhm und Erfolg deine Dinge sind, klar, dann kann das passieren. Aber wer …

Okay, ich versuch’s andersrum. Du stehst ganz oben, seit so vielen Jahren, und hast keine Angst, diesen Platz zu verlieren? Dass eines Tages dieser Instinkt nicht mehr da sein könnte, diese Selbstverständlichkeit, die richtigen Dinge zu tun?

Okay, jetzt kann ich zumindest verstehen, was du meinst. Aber in meinem Leben spielt das trotzdem keine Rolle. Wenn’s dir in erster Linie darum geht, ganz an der Spitze zu stehen, dann such dir ein anderes Business. Die Währung in unserem Biz, ich meine die Währung, die wirklich zählt, sind Emotionen. Keine Zahlen oder so ein Scheiß. Wenn ein Song funktioniert, sollte man einfach dankbar sein. Und sich nicht feiern lassen wie einen beschissenen Superhelden.

Wie entsteht dann das, was man Erfolg nennt?

Man kann Erfolg in unserem Geschäft nicht kontrollieren. Für mich heißt das und das ist eine ganz logische Sache: Ich mache es nicht wegen des Erfolgs. Ich mache es, weil ich das Gefühl habe, dass es sich gut anfühlt und dass es ein paar Leute mögen könnten. Und ganz abgesehen davon: Definiere mal Erfolg. Na?

Das ist einfach. Erfolg …

Gar nichts ist einfach. Hör mal zu, ich werde dir erklären, was Erfolg ist. Erfolg bedeutet, dass – nachdem ich getan habe, was ich getan habe, und viele andere Leute ihre Beitrag geleistet haben –, okay, also wenn du mit allem fertig bist, dass dann Leute für deinen Song voten, dass sie ihn sich im Radio wünschen, dass sie ihn mit einem Freund teilen, dass sie ihn kaufen, dass sie ihn runterladen. Das ist es, was du Erfolg nennst. Aber was hab ich damit zu tun? Ich kann doch nicht kontrollieren, was die Leute da draußen machen. Ich kann nur kontrollieren, was ich mache. Logisch?

Logisch.

Als ich noch jünger war, klar, da habe ich die Sache anders gesehen, weil rund um mich viele Leute ihr Glück am Erfolg gemessen haben. Klar, man möchte für seine Arbeit gewürdigt werden. Aber seine Arbeit wirklich gern zu haben, sie supergut machen zu wollen, von mir aus auch süchtig danach zu sein, das ist wichtig. Das ist gut. Wenn du nach dem Erfolg süchtig wirst, bist du am Arsch.

Klingt alles überzeugend. Aber du kannst mir nicht erzählen, dass du bei der Arbeit nicht danach schielst, was vielleicht Erfolg haben könnte. Dafür bist du doch viel zu sehr Profi.

Okay, du verstehst mich also doch nicht. Nun, ich mache das alles ja schon eine ganze Weile und habe festgestellt, dass es eine Sache gibt, die mir immer was zurück gibt: meine Neugierde. Meine Neugierde auf neue Melodien, auf neue Sounds. Das ist es, was ich kontrollieren kann, und darauf konzentriere ich mich. Erfolg ist nichts, worauf man stolz sein darf. Erfolg ist etwas, wofür man dankbar sein muss. Wie für ein Geschenk. Oder einen Lottogewinn. So was.

Nun ja … aber ohne dich, ohne den Künstler, gäbe es den Song ja nicht. Der Song ist ja nicht vom Himmel gefallen. Ist er nicht dein Werk? Also spirituell gefragt: Bist du nicht mindestens so was wie ein Vermittler? Und damit doch wieder Verursacher von Erfolg?

Sagen wir so: Ich bin Teil eines Prozesses. Darauf können wir uns einigen. In dem Moment, wo du für dich beanspruchst, Vermittler zu sein, bist du ja wieder der Allmächtige, weil du es warst, der etwas von A nach B gebracht hat. Es ist anders. Es ist wie in einem Ameisenbau. Jeder hat seinen Job. Mein Job ist es, hinzuhören und zu versuchen, das, was ich höre, zu kanalisieren. Kanalisieren, das ist gut, ja, das ist ein gutes Wort. Ich mache Songs nicht. Songs werden.

„Wenn’s dir darum geht, ganz an der Spitze zu stehen, dann such dir ein anderes Business. Die Währung in unserem Biz sind Emotionen.“
Pharrell Williams

Es gibt einige Produzenten da draußen, die glauben, dass es möglich ist, Hits zu fabrizieren; dass eine bestimmte Akkordfolge, ein bestimmter Hook, von jemand Bestimmtem gesungen, Erfolg garantiert.

Hahahaha. Na klar.

Aber sie verdienen damit ihre Ferraris und -Maseratis und Millionen-Dollar-Villen.

Scheiß drauf. Was du da beschreibst, ist ein Hamsterrad. Ständig mit jedem konkurrieren und hoffen, dass es dein Song an die Spitze der Charts schafft. Während er natürlich genauso klingt wie alle anderen. Scheiße ist das. Ein Scheißleben. Scheißmusik. Ich mag das Zeug, das anders ist. Und weißt du, was? Ich bin nicht der Einzige. Individualität ist alles, was zählt. Hat die ganze Welt kapiert. Außer den Typen im Musikbusiness. Die Welt der Musik ist der einzige Ort, an dem es Menschen gibt, die dem Irrglauben anhängen, dass eine Formel für Erfolg existiert.

… und Hollywood. Dort werden solche Formeln auch gehandelt.

Film ist anders. Film hat Festivals, auf denen Indie-Filme gefeiert werden. Film hat außerdem den Vorteil, dass er zwei Sinne anspricht, Musik bespielt nur das Gehör. Das war übrigens der Grund für die Krise des Musik-Business, wusstest du das? Ganz einfache Sache im Kern: Die Denkmuster haben sich verändert, die Kids wollen Visuals. Deswegen hat YouTube mehr Publikum als alle Radiostationen zusammen.

Aber du hast schon immer visuell gedacht.

Die meisten Musiker sind so. Ich bin da keine große Ausnahme.

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04 2014 The Red Bulletin

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