Pharrell Williams

„Erst als mir die Ideen ausgegangen waren, funktionierte es“

Interview: Andreas Tzortzis Porträts: Finlay MacKay

Im zweiten Teil des exklusiven Interviews erzählt Pharrell Williams, wie der Megahit „Happy“ entstand, warum man nichts erzwingen kann und was für ihn Reichtum ist.

THE RED BULLETIN: Ich erinnere mich an ein Interview, das du mit Spike Lee geführt hast. Ihr habt darüber geredet, wie wichtig die Nummer „Fight the Power“ (von den Hip-Hoppern Public Enemy; Anm.) in seinem Film „Do the Right Thing“ (von 1989; Anm.) war. Was tun Songs mit dem Gefühl, das man von einem Film bekommt?

PHARRELL WILLIAMS: Bei einem Film bereitet der Regisseur zwei verschiedene Sinneseindrücke für dich auf, er ist der Kurator dieser beiden Sinne. Bei Musik bleibt der optische Teil deiner eigenen Vorstellung überlassen. Dein Geist kann sich selbst etwas ausmalen. Da sind Filme sozusagen bevorzugt. Aber ich denke, dass die Musikindustrie das verstanden hat und am Aufholen ist. So viele Indie-Künstler sagen heute: „Ich will nicht eurer Vorstellung überlassen, was ich fühle, wenn ich diesen Song mache. Ich möchte es euch zeigen.“

Pharrell Williams

„Es geht immer darum, auf das Einzigartige abzuzielen.“

Gibt es einen bestimmten Künstler, der das deiner Ansicht nach besonders gut hinbekommt? Irgendeinen jungen Typen, den in drei Jahren die ganze Welt kennt?

Du musst gar nicht mal suchen. Denn weißt du was? Sogar auf dem Level vom ganz großen Mainstream-Pop gibt es Künstler, die den Dreh raus haben. Denk nur an Beyoncé. Ihre Visuals waren so stark, dass ihr Marketing schlicht in ein paar Tweets und ein paar Pics auf Instagram bestand. Beyoncé hat die Plattenindustrie zum Umdenken gebracht … zumindest den smarteren Teil davon.

Hast du dir am Anfang deiner Karriere mit den Regeln der Plattenindustrie schwergetan?

Ich war siebzehn, Mann! Ein Kind. Ich hatte keinen Schimmer, was wirklich ablief. Ich wusste nur, was mich antrieb. Und das ist dasselbe, was mich heute noch antreibt, nämlich Musik, die mich packt, Musik, bei der ich nicht anders kann, als mir einfach zu denken: „Wow, phantastisch.“

Du hast 2014 ein neues Album am Start, das erste Solo-Album seit acht Jahren. Woher wusstest du, dass jetzt die richtige Zeit dafür ist?

Ich wusste es gar nicht. Ich weiß nie irgendetwas. Wissen ist gefährlich, weißt du, mit strikt festgelegten Dingen hatte ich nie Erfolg. Du musst dich auf dich selbst verlassen. Auf deine Erfahrungen und deine Erinnerungen an deine Erfahrungen. Ich bin jetzt einundvierzig … Ich habe gelernt, einfach offen zu sein, und diese Offenheit ermöglicht mir, Erfahrungen zu machen. Wenn mir die Idee für eine Melodie zufliegt, dann versuche ich, mich sofort darauf einzulassen, weil sie mir vielleicht kein zweites Mal kommen wird.

„Was heißt: „nicht am Punkt“? Shit war das! Erst als mir die Ideen ausgegangen waren, funktionierte es.“
Pharrell Williams

Wissen ist also … Ohnmacht?

Kein schlechter Gedanke. Wenn ich mit einer festgelegten Einstellung reingehe, blockiere ich all die Dinge, die mich weiterbringen. Vielleicht verpasse ich das Beste, was mir je passierte, nur weil ich nicht offen genug war. Verstehst du das? Als ich damals die Wahnsinnsgelegenheit bekam, am ersten Teil von „Ich – Einfach Unverbesserlich“ (Animationsfilm von 2010; Anm.) zu arbeiten, musste ich lernen, einfach hinzuhören. Ich hatte das Gefühl, ich kann Songs machen und alles … aber nein, Mann, die Songs wussten schon, was sie wollten. Ich musste sie einfach geschehen lassen, durfte sie bestenfalls begleiten. Wenn du dich selbst weglässt, dein Ego, deine Persönlichkeit, und nur dein Gefühl ranlässt, dann kommt das beste Zeug raus. Glaub mir das.

War es schwierig für dich, diese Lektion zu lernen?

Es war eine großartige Lektion. Ohne sie hätte es „Happy“ nicht gegeben. Ich hatte davor neun verschiedene andere Songs für diese eine kleine Szene.

Neun? Und alle nicht am Punkt?

Was heißt „nicht am Punkt“? Shit war das! Erst als mir die Ideen ausgegangen waren, funktionierte es. Erst nach diesen neun Anläufen war mein Kopf frei und offen, und ich begriff endlich: „Okay. Gru war ein grimmiger Bösewicht im ersten Teil. Jetzt ist er happy.“ Also wie schreibt man einen Song über -jemanden, der happy ist und deswegen gnadenlos gute Laune hat? Und dann kam der Song. „Because I’m happyyyy …“, hörst du es nicht?

Aber du hattest die Grundzüge des Songs, eine Idee, eine Vorstellung?

Ich hatte gar nichts. Genau deswegen hat es geklappt.

Erzähl uns was über dein neues Album.

Ich bin vom Gefühl ausgegangen. Ich habe mich nicht rundherum umgesehen, was gerade passiert, was dieser Typ macht oder jener, wer in den Charts oben ist und wer unten. Keine Einflüsse von außen. Die ganze Musik basiert nur auf Gefühlen, nicht auf Gedanken. Und das ist es, was ich so daran mag. Denn wann immer ich in meinem Leben über etwas zu viel nachgedacht habe, habe ich es verkackt.

Du überlegst also: „Wie klingt Euphorie? Wie klingt Traurigkeit? Wie klingt Kichern?“

Im Prinzip ja, nur überlege ich eben nicht.

Ich meine, du weist Emotionen Klänge zu?

Ja, aber das ist nichts Besonderes. Das machen alle Musiker. Nur macht es jeder von uns auf seine eigene Art. Und diese Art illustriert, wer du bist. Die Art, wie du Dinge tust, macht aus dir denjenigen, der du bist. Wir sprechen alle dieselbe Sprache, aber wir verwenden die Worte unterschiedlich, jeder auf seine eigene Art. Genauso ist es bei der Musik. Zumindest wenn es echte Musik ist, klar.

Warum heißt dein neues Album „Girl“?

Das hat schon seinen Grund. Aber gehen wir einen Schritt zurück. Ich will dir erklären, wie ich arbeite. Am Beginn des Entstehungsprozesses standen die Begriffe „festlich“ und „feierlich“. Und ich wollte auch, dass sich alles urgent anhört, dringend.

„Dringend“ ist ein, äh, interessantes Wort im Zusammenhang mit Musik. Ich meine, nach „dringend“ klingt eine Feuerwehrsirene.

„Urgent“ bedeutet: Hey Mann, was ist das?, wenn du die Musik hörst.

Also stehenbleiben und hinhören.

Dass sie jetzt gehört werden muss. Das meint es. Es geht immer darum, auf das Einzigartige abzuzielen. Und dein eigenes Gefühl als Kompass zu verwenden. Wir sind so ignorant gegenüber unseren Gefühlen geworden. Doch dein Gefühl ist wie ein … es verbindet dich mit deiner Seele, deinem Geist. Unsere Gefühle sind erstaunlich. Du merkst, wenn jemand hinter dir steht, selbst wenn er kein Geräusch macht. Du kannst einen Raum betreten und merkst, wenn dich jemand nicht leiden kann. Du kannst einen Raum betreten und merkst, ob zwischen zwei Leuten was läuft. All das sind Gefühle. Mit diesem Album hatte ich vor, mich auf diese Macht der Gefühle zu konzentrieren.

Das Album heißt „Girl“. Weil es für Frauen gemacht wurde?

Oh ja. Frauen waren gut zu mir und meiner Karriere.

„Das Coolste, worüber du reden kannst, ist deine Reise, wo du warst und ob du eine gute Zeit hattest.“
Pharrell Williams

Was musst du an einer Frau verstehen, um einen Song für sie zu schreiben?

Nun, ich glaube, meistens bekommen wir Songs zu hören, die über und nicht für Frauen geschrieben wurden. Es ist wie bei den meisten Produkten, verstehst du? Sie sind nicht wirklich für Frauen gemacht, sie zielen lediglich auf ihre Unsicherheiten ab. Aber wie machst du es denn dann richtig? Mein Ansatz ist ganz klar dieser: Geh an die Sache ran, während du wirklich sie vor deinem geistigen Auge hast. Dann schreibst du nicht etwas an sie ran oder um sie rum, verstehst du? Dann schreibst du etwas für sie.

Es gibt immer auch so etwas wie die Frage, ob ein Künstler mit seiner Kunst etwas bezwecken will. Ist das dämlich? Oder beschäftigt dich diese Frage doch irgendwie?

Meine Hoffnung ist, dass die Leute sagen, dass sich die Musik gut anfühlt. Das ist es.

Das klingt aber einigermaßen bescheiden.

Oh, Mann, ganz im Gegenteil! Denn wenn es sich gut anfühlt, dann müssen die Leute nicht nachdenken. Sie können einfach nur fühlen. Die Leute sind es leid, zu denken. Nimm nur das Internet: immer und überall News, tragische News. Ich glaube einfach, dass die Menschheit, wir alle, im Augenblick ein bisschen ausgebrannt sind.

„Meine Hoffnung ist, dass die Leute sagen, dass sich die Musik gut anfühlt. Das ist es.“
Pharrell Williams

Wir wollen einfach dazu zurückkehren, zu fühlen. Wir brauchen das auch. Wenn du dich umsiehst: Das ist der Grund, warum Drogen immer mehr die Macht übernehmen. Weil die Leute fühlen wollen. Weil ihr Geist mit so viel Kacke überflutet ist. Amokläufe in Schulen, Sextourismus, Kidnapping, nukleares Wettrüsten, die ganze Scheiße.

Und diese ganze Scheiße ist auch allgegenwärtig.

Es ist direkt da in dieser „Fernbedienung“, die früher mal ein Telefon war und die inzwischen zwanzig neue Features hat, ohne die du nicht mehr leben kannst. Das Telefon an sich, mit Leuten zu sprechen ist wahrscheinlich das unwichtigste. Aber davon abgesehen, bekommst du einfach ständig all diese Bilder und all diese News, was einen dazu bringt, so viel zu denken, dass wir die Wichtigkeit des Fühlens nicht mehr wahrnehmen. Deshalb wollte ich Musik machen, von der ich hoffe, dass die Girls sie fühlen. Gefühle sind es, die uns noch immer zur überlegenen Spezies auf diesem Planeten machen. Gefühle, nicht Gedanken.

Das hast du aber nicht immer so gesehen.

Ich habe Musik immer gefühlt, schon als ich ein kleines Kind war. Aber dass sie der Schlüssel ist, habe ich erst in den letzten zehn Jahren oder so begriffen. Denn davor drehte es sich um Privatflüge, Ferraris, Schmuck, all diesen Scheiß. Ferraris werden alt. Sie verlieren an Wert, sobald du sie einen Meter fährst. Ich mag Ferraris, wirklich. Aber ein Ferrari zählt nicht. Den kannst du nicht mitnehmen, wenn du abtrittst. Du nimmst deine Gefühle mit und die Erlebnisse, die dir diese Gefühle verschafft haben.

Und auch das, was man anderen gegeben hat.

Yeah, das ist Reichtum, Mann, du hast es kapiert. Das Coolste, worüber du reden kannst, ist deine Reise, wo du warst und ob du eine gute Zeit hattest. Das Wichtigste ist, dass du dann zurückblickst und sagst: „Mann, war das geil.“

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04 2014 The Red Bulletin

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