Quentin Tarantino

Quentin Tarantino: „Ich will den Ring im Triumph verlassen“

Interview: Rüdiger Sturm
Foto: Getty Images

Quentin Tarantinos Schaffenskraft ist ungebrochen, wie er auch mit seinem neuen Film „The Hateful 8“ beweist. Für The Red Bulletin gibt er einen Einblick in seine Arbeitsweise und kreativen Tricks – die ihn bis zum Grab begleiten sollen.

THE RED BULLETIN: Ihr neuer Film dreht sich um Charaktere, die – wie der Titel schon sagt – von Hass erfüllt sind. Was machen Sie selbst, wenn Sie mal solche negativen Emotionen spüren?

QUENTIN TARANTINO: Es ist interessant, dass Sie das fragen. Denn das Drehbuch zu diesem Film entstand genau aus solchen Gefühlen heraus. Ich war zu der Zeit sehr depressiv und wütend und habe dann all diese Emotionen in die Charaktere einfließen lassen. Damit habe ich meine Probleme kreativ verarbeitet.

Woher kam diese Tiefstimmung?

Darüber würde ich jetzt nur ungern sprechen.

Sie sind aber hoffentlich nicht mehr so wütend wie früher, als Sie Leute sogar niedergeschlagen haben?

Ich glaube nicht. Und wenn du jemandem eine verpasst und dafür 30.000 Dollar Strafe zahlen musst, dann überlegst du dir zweimal, wie du dich das nächste Mal abreagierst.

The Hateful Eight läuft ab 28. Jänner im Kino.

© YouTube // vipmagazin

Eigenlich wirken Sie ja so, als würden Sie ständig auf der kreativen Welle surfen. Woher kommt das?

Ich bin mit meinem Kollegen Richard Kelly, der Filme wie „Donnie Darko“ gemacht hat, befreundet. Zur Zeit, als ich mit „Inglorious Basterds“ große Erfolge feierte, traf ich ihn auf einer Party, und er drückte mich da praktisch gegen die Küchenwand und meinte: „Ich weiß, was du denkst. Du hast diesen Film gemacht, auf den du stolz bist, und jetzt würdest dich am liebsten für eine Zeitlang komplett zurückziehen. Aber mach das ja nicht. Jetzt ist nicht die Zeit für Pausen. Du hast eine Goldmine gefunden, und die musst du bis zum absoluten Ende ausbeuten. Verliebe dich jetzt wieder in eine Idee, greif zur Feder und schreibe drauf los. Betrüge dich nicht selbst.“ Und er hatte Recht, das jetzt ist meine Zeit. Ich muss sie nutzen. 

„Ich will kein alter Mann sein, der nicht weiß, wann er die Party verlassen soll.“
Quentin Tarantino über seinen Abschied als Regisseur

Und es fällt Ihnen leicht, neue Ideen zu finden?

Der entscheidende Punkt ist, dass du dich nicht zu sehr unter Druck setzt. Wenn du ein Date hast, dann denkst du dir ja auch nicht gleich: „Ich werde diese Frau heiraten.“ Nein, du willst nett eine Tasse Kaffee mit ihr trinken oder gemeinsam Spaß im Kino haben. Was mir auch hilft, ist, dass ich noch etwas anderes mache, was viel mühseliger ist. Ich schreibe zum Beispiel filmtheoretische Studien, und das fällt mir nicht leicht, weil ich es nicht gewohnt bin. Ich muss ständig umarbeiten. Wenn ich dann mit einem Drehbuch anfange, dann ist das im Vergleich dazu so was von einfach. Ich fliege regelrecht dahin.

The Hateful Eight Trailer

Quentin Tarantino brachte neben anderen Stars Kurt Russell und Samuel L. Jackson zusammen auf die Leinwand.

© Constantin Film

Aber vermissen Sie nicht die Zeit, als Sie ein unbekannter Angestellter im Videogeschäft waren und niemand große Erwartungen an Sie hatte?

Absolut nicht. Die Leute sollen etwas von mir erwarten. Ich sehe meine Karriere wie eine Kette, jeder Film ist ein Glied darin und die soll so stark sein wie möglich. Denn ich werde diese Kette mit ins Grab nehmen. Und selbst damals hätte ich es gemocht, wenn mich die Leute gekannt hätten. Denn das hätte bedeutet, dass sie respektieren, was ich sage. Wenn ich ihnen seinerzeit einen Film empfohlen habe, hieß es: „Was hat Quentin schon für eine Ahnung?“ Jetzt ist es so: „Oh Quentin mag diesen Film! Dann muss er interessant sein.“

Weil Sie schon vom Ende Ihres Lebens sprechen. – Stimmt es, dass Sie mit 60 als Regisseur aufhören wollen?

Ich bin mir nicht auf den Tag genau sicher. Aber ich will kein alter Mann sein, der nicht weiß, wann er die Party verlassen soll. Ich will mein Gesamtwerk nicht mit irgendwelchem greisenhaften Zeug verpfuschen. Ich will den Ring im Triumph verlassen – als der Typ, den Sie hier vor sich erleben. Das kann aber meinetwegen auch mit 62 sein.

Klicken zum Weiterlesen
01 2015 Redbulletin.com

Nächste Story