Manillio: Lektionen für den Erfolg

Ich, Manillio - 5 Lektionen auf dem Weg zum Erfolg

Text: Alex Lisetz
Fotos: Janosch Abel

Manillio ist der mutigste Rapper der Schweiz. Weil er so ist, wie er ist, und nicht, wie andere ihn haben wollen. Seine inspirierende Message: sich selbst treu zu bleiben macht glücklich und erfolgreich.

An einem denkwürdigen Tag hängte Manillio gerade die Buntwäsche auf. Dann läutete das Telefon. Sein Album „Kryptonit“ hatte es auf Platz 1 der Schweizer Hitparade geschafft.

Manillio schloss die Augen und atmete dreimal tief durch. Hinter ihm lagen zehn Jahre Arbeit, und zehn Jahre Zweifel. Jetzt hatte er endlich erreicht, wovon er immer geträumt hatte. Jetzt konnte er tun, was er wollte.

Und das tat er: Er hängte den Rest der Wäsche auf. Erst die Socken, nach Paaren geordnet. Dann zwei Jeans. Drei T‑Shirts. Und alles andere, was von der 40-Grad-Ladung noch im Korb lag. So ist Manillio.

Lies weiter, um zu erfahren, welche 5 Lektionen Manillio auf seinem Weg zum Erfolg gelernt hat …

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Sei ein Unikat
Lektion 1

Wir treffen uns mit Manillio, weil wir vermuten, dass uns die Welt belügt. Du musst nach den Regeln spielen, sagt sie, wenn du Erfolg haben willst. Du musst stromlinienförmig sein und marktkonform. Eine Marke, schrill und laut. Manillio, 29, ist nichts von alldem.

„Manillio traut sich, seinen Weg zu gehen, ohne sich um die Gesetze des Showbiz oder die Codes der Szene zu scheren“
Talente-Scout Simon den Otter

„Wir haben Manillio auch deshalb einen Plattenvertrag angeboten, weil er keinem Trend nachläuft, sondern er selbst ist“, sagt Simon den Otter. „Manillio ist ein Wunderknabe“, sagt Büne Huber. Huber ist Schweizer Musik-Urgestein, den Otter ist Talente-Scout beim Major Label Universal Music. Beide haben die Karriere Manillios über Jahre verfolgt, seine Mixtapes-Serie „Jurassic Parts“, seine ersten Festival-Auftritte, den Durchbruch mit „Jede Tag Superstar“ (2009) und das vielbeachtete zweite Album „Irgendwo“.

„Manillio traut sich, seinen Weg zu gehen, ohne sich um die Gesetze des Showbiz oder die Codes der Szene zu scheren“, sagt den Otter. „Das hat mir imponiert.“ Könnte es sein, dass Erfolg in Wirklichkeit gar nicht so entsteht, wie uns die Welt weismachen will?

Steh zu dir 
Lektion 2

Manillio (richtiger Name: Manuel Liniger) lümmelt in einer Ecke seines Stammcafés, der „Turnhalle“ in Bern. Er trägt blauweiße Socken in blauweißen Nike-Sneakers, einen braunen Pulli und einen scharfen Scheitel. Manillio sieht nicht aus wie ein Rapstar, eher wie der Nachbar aus der Studenten-WG, der der Omi von Tür sieben jeden Dienstag die Einkäufe hinaufträgt. Dabei ist sein Aussehen noch der kleinste Regelbruch. 

„Hochdeutsch rappen? Das spüre ich nicht. Über Partys schreiben? Interessiert mich nicht. Unsicherheiten verstecken? Ist mir zu anstrengend.“

Der Solothurner rappt über den Tod, die Vergänglichkeit und unsere Unfähigkeit, ehrlich miteinander zu sprechen – statt über Bitches und Gewalt. Manillio macht in Lyrics und Interviews seine Schwächen zum Thema, statt andere in öffentlichen Beefs runterzumachen. Manillio macht Witze darüber, dass er singt, obwohl er nicht singen kann. Es braucht Mut, so wie Manillio zu sein. 

Kann es sein, dass dieser freundliche Normalo dickere Eier hat als all die Gangsta, all die großmäuligen Alphatiere rund um ihn? Doch wie bleibt man sich selbst treu, Manillio? Manillio versteht nicht einmal die Frage, er weiß gar nicht, wie das gehen soll, nicht er selbst zu sein. „Du könntest hochdeutsch rappen statt schwyzerdütsch“, helfen wir, „und fünfzehnmal so viele Leute erreichen.“

„Hochdeutsch spüre ich nicht“, sagt er. „Du könntest über Partys schreiben statt übers Älterwerden und Sterben“, schlagen wir vor. „Das interessiert mich nicht“, sagt er. „Du könntest deine Unsicherheiten verstecken“, fällt uns ein. „Ist mir zu anstrengend“, sagt er.

Manillio beim Training

Manillio will seine Arbeit immer gut machen, niemals nur gut genug. 

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Kenne dich selbst
Lektion 3

Rapper Manillio auf der Bühne

Manillio beginnt langsam, Spaß an der Fragerei zu finden. Er liegt tiefenentspannt in seinem Polsterstuhl, aber seine Augen sind hellwach. „Du musst als Erstes herausfinden, wer du selber bist“, sagt Manillio. „Weißt du, wo deine Wurzeln sind und wo du hinmöchtest? Was für dich richtig ist und was falsch? Wenn nicht, kann dich jede Kritik verunsichern. Und zwar egal, ob du künstlerische Ziele hast, sportliche oder berufliche.“ 

Aber wenn die Kritik berechtigt ist? „Ich sage nicht, dass man Kritik ignorieren soll. Aber ich glaube, dass alles, was man aus innerer Überzeugung tut, besser wird als alles, was man tut, weil man glaubt, dass man es so tun soll.“ Sein aktuelles Album ist dafür ein gutes Beispiel. „Monbijou“, der große Radiohit auf „Kryptonit“, war nämlich eigentlich nicht der große Radiohit auf „Kryptonit“. Der echte liegt noch immer in Manillios Schublade.

„Die Plattenfirma hat einen Song geliebt, der sich für mich nicht richtig anfühlte“, sagt Manillio. „Ich habe ihn dann lieber gar nicht mit aufs Album genommen.“ Denn: „Man weiß ohnehin nie genau, was der Karriere wirklich nutzt oder schadet. Darum kann man gleich tun, was sich richtig anfühlt, und lassen, was sich falsch anfühlt.“ 

„ich glaube, dass alles, was man aus innerer Überzeugung tut, besser wird als alles, was man tut, weil man glaubt, dass man es so tun soll.“ 
Manillio beim Training

Versenkt: Mit seinem Nr.-1-Album „Kryptonit“ landete Manillio 2016 einen echten Wirkungstreffer.

Sei offen und kritisch
Lektion 4

Anerkennung für seine Arbeit zu bekommen ist Manillio wichtig. Aber Erfolg darf niemals das Hauptziel sein, sagt er. „Wenn du dir selber treu bleibst, kann Erfolg ein Nebenprodukt sein. Aber wichtiger ist etwas anderes. Wenn du deinen eigenen Weg gehst, macht dich das glücklicher, als wenn du immer nur die Erwartungen anderer Leute erfüllst.“ 

„Wenn du deinen eigenen Weg gehst, macht dich das glücklicher, als wenn du immer nur die Erwartungen anderer Leute erfüllst.“ 

Manillio ist jetzt so weit, freimütig seine Schwächen auf den Tisch zu legen. „Der rote Teppich bei den Swiss Music Awards zum Beispiel“, sagt er, „der war ein Albtraum für mich. Oder wenn ich ein Fernsehinterview habe. Dann bin ich schon eine Stunde vorher nervös.“ Manchmal bekommt er den Ratschlag, sich als Prominenter auch wie ein Prominenter zu benehmen. „Dann höre ich: ‚Gib doch nicht zu, dass es dich nervös macht, in der Öffentlichkeit zu stehen! Wie sieht denn das aus!‘ Aber es macht Stress, seine Gefühle zu verstecken.“ 

Den Mut zu fassen, unangenehme Gefühle offen auszusprechen, nimmt den Druck aus fast jeder Situation, glaubt er: „Nachher kann man viel unbeschwerter weitermachen.“ Sich selber treu zu bleiben macht also manches im Leben einfacher. Aber nicht alles. Seine eigenen Erwartungen zu erfüllen, das ist zum Beispiel viel schwieriger, als die Erwartungen anderer zu erfüllen. „Was glaubst du denn“, fragt Manillio, „warum seit meinem letzten Album drei Jahre vergangen sind?“ Manillio will seine Arbeit immer gut machen, niemals nur gut genug. „Das ist manchmal anstrengend. Aber es hält mich davon ab, Quatsch zu releasen, für den ich mich mal genieren würde.“ 

Manillio: Lektionen für den Erfolg
Leb, was du fühlst
Lektion 5

Manillio sieht trotzdem so aus, als wäre er mit sich selbst ganz zufrieden. „Das war nicht immer so“, sagt er. Als Jugendlicher fand er sich selbst gar nicht gut. Das Plattenauflegen und Texteschreiben half ihm, nach und nach den handelsüblichen pubertären Selbsthass zu überwinden und sich mit seinen Unsicherheiten besser auszusöhnen als die meisten von uns.

„Wenn man tut, was einen glücklich macht, kann man auch im Beruf sein privates Glück verwirklichen und umgekehrt“

„Wenn man tut, was einen glücklich macht, kann man auch im Beruf sein privates Glück verwirklichen und umgekehrt“, sagt er. Vielleicht muss es ja nicht immer so dramatisch abgehen wie beim emotionalsten Erlebnis seiner Karriere, das zugleich den Kreis mit dem emotionalsten Erlebnis seines Privatlebens schloss. Manillio wird jetzt ernster als sonst.

„Mein Vater starb, bevor ich mit Rap anfing“, sagt er, „er war Journalist, von ihm habe ich mein Sprachtalent geerbt. Ein paar Monate vor seinem Tod hat er mich zu meinem ersten Rap-Konzert mitgenommen, Freundeskreis im Berner Bierhübeli. Mein aktuelles Album da zu taufen war also ein persönliches Highlight.“ Manillio verkaufte das Bierhübeli an diesem Abend zum ersten Mal solo aus. Und nichts in seinem Leben, sagt er, habe sich je richtiger angefühlt.

Manillios Hit “Zona” aus dem Album “Kryptonit”

© youtube // ManillioVEVO

Manillio on Tour
  • 17.12. Royal, Baden
  • 22.12. Zauberwald Festival, Lenzerheide
  • 28.12. Altjahrswoche, Schwarzenburg
  • 13.01. Hotel Wetterhorn, Hasliberg
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01 2017 The Red Bulletin

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