Marla Blumenblatt

Retro Queen

Interview: Andreas Rottenschlager
Bild: Sony

Ein früheres „Crazy Horse“-Showgirl reanimiert den Pop der 1960er Jahre. So stimmig und überzeugend, dass Schlagerfans ebenso begeistert sind wie Hipster und Styler.

The Red Bulletin: Eines Ihrer Werbeplakate zeigt Sie mit einer Schallplatte in Händen vor dem Matterhorn. Über dem Gipfel prangt der Schriftzug: „Look at all the fucks I give“. Ein Satz, der zum Lebensmotto taugt, nicht?

Marla Blumenblatt: Das war schon immer so bei mir: Ich mach mein Ding. Wenn’s dir nicht gefällt – schau weg. Wenn’s dir taugt – feier mit.

Uns taugt Ihr Debütalbum „Immer die Boys“. Wir hätten nie gedacht, dass ein Mix aus Rockabilly, Pop und Schlager so stimmig sein kann. Wie nennen Sie den Musikstil eigentlich?

Vintage Pop.

Und wie kommt eine Neunundzwanzigjährige auf so eine Idee?

Das hat zunächst mit Roy Black und Fred Astaire zu tun. Als Kind saß ich vor dem Fernseher, wenn ihre Filme liefen. Die ­haben mich infiziert. Und dann gefällt mir, dass diese Musik niemanden ausgrenzt. Bei mir sitzen Hipster, Styler und Schlagerfans im Publikum. Ich selbst sammle auch Schellacks: alte Foxtrott-Medleys oder Tangos von Alfred Hause (deutscher Dirigent, 1920 – 2005; Anm.).

Und die hören Sie natürlich auf einem Grammophon aus Holz.

Ja, tatsächlich! Das Ding ist vom Flohmarkt. Oder besser, es war, vor kurzem ist es kaputtgegangen.

Welcher Künstler hat Sie am meisten geprägt?

Caterina Valente.

Das war jetzt aber nicht im Ernst.

Doch. Die Frau war immer eine Kämp­ferin, das hört man auch, ihre Stimme steckt voll Sehnsucht und Leidenschaft. Kaum jemand hat so eine extreme Bühnenpräsenz.

Apropos Leidenschaft: Die „Welt“ schreibt, Ihre Texte seien „in Worte übertragenes Burlesque“.

Ich mag Zweideutigkeiten.

„Bist du zu sexy, bist du die Bitch; bist du nicht sexy, bist du das graue Mäuschen. Ich habe meinen Weg gefunden.“

Stimmt es, dass Sie Ihre Platte ausschließlich mit Originalinstrumenten eingespielt haben?

Wir haben mit einem Neumann-Mikrofon und Verstärkern aus den 1960ern auf­genommen – alles mono. Klingt ziemlich trashig. Man könnte den Effekt am Computer erzeugen. Aber was gibt es Geileres, als mit echten Musikern aufzunehmen?

Was sagen Sie als Retro-Expertin zum Comeback der Schallplatte?

Es gibt wieder ein Bedürfnis nach Ton­trägern, die man angreifen kann. Und ich denke, es liegt auch daran, dass man Platten bewusst hören muss. Du kannst ein Lied nicht nach drei Sekunden wegklicken.

Ihre Bühnenkarriere begann mit Ballett, als Sie dreizehn waren. Hugh Jackman sagte einmal im Red Bulletin-Interview: „Die härtesten Typen der Welt sind die Tänzer.“ Hat er recht?

Ja. Du musst ein wahnsinniges Durchhaltevermögen entwickeln, weil du stundenlang angeschrien wirst. Es ist wie beim Militär: Sie brechen dich, dann formen sie dich wieder neu. Du bist schlecht drauf? Du hast dir den Fuß verstaucht? Scheißegal, du musst weitertanzen. Ballett ist unterbezahlter Leistungssport.

War das der Grund, warum Sie Ihre Ballett-Karriere beendet haben?

Mich hat mehr das Körperbild gestört: Du durftest nicht Frau sein, musstest dir die Brüste abbinden.

„Scheißegal, du tanzt weiter! Ballett ist unterbezahlter Leistungssport.“

Dann hörten Sie auf zu tanzen und ­begannen zu singen?

Nein, ich beendete das Studium am ­Konservatorium. Danach reiste ich mit ein paar hundert Euro in der Tasche nach ­Paris. Um Geld zu verdienen, versuchte ich es als Tänzerin im „Crazy Horse“. Dort sagten sie als Erstes: „Nimm zwei Kilo zu, damit man deine Bauchmuskeln nicht sieht.“ Nach dem Ballett war das eine ­unglaubliche Befreiung.

Die Arbeit als Showgirl war der Übergang zur Karriere als Sängerin?

Die Zeit in Paris hat mich als Künstlerin geprägt: Das Spielerische aus dem Cabaret spiegelt sich in meiner Musik wider.

Wie viel Erotik kann eine Sängerin ausstrahlen, ohne damit ihre Musik zu überlagern?

Sängerinnen haben es schwerer als ­Sänger. Bist du zu sexy, bist du die Bitch; bist du nicht sexy, bist du das graue Mäuschen. Ich habe meinen Weg gefunden. Du wirst mich meistens mit Chucks auf der Bühne sehen statt in High Heels.

Welchen Duett-Partner wünschen Sie sich für die Zukunft?

Haftbefehl! Einen Gangsta-Rapper aus Frankfurt (YouTube-Hit: „Chabos wissen wer der Babo ist“; Anm.), der seine eigene Sprache aus Deutsch, Kurdisch und Arabisch entwickelt hat.

Retro-Pop und Gangsta-Rap?

Ich mag es, wenn verschiedene Stile aufeinanderkrachen. Nur durch Experimente entsteht neue Musik.

MARLA BLUMENBLATT

Beruf
Sängerin

Studium
Klassisches Ballett am Konservatorium ihrer Heimatstadt Wien und der Tanzschule „Steps on Broadway“ in New York

Anspieltipp am Debüt­album „Immer die Boys“
„Lichter von Berlin“ über Marlas Wahlheimat

Prominenter Fan
Bundespräsident Joachim Gauck, auf dessen Berliner Bürgerfest sie 2013 auftrat

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10 2014 THE RED BULLETIN

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