„Es ist wie Selbsttherapie“

Text: Florian Obkircher
Foto: Universal Music

Vor zwei Jahren wischte er noch Toilettenböden. Heute ist er ein Star und - wie seit dieser Woche bekannt - der neue James-Bond-Theme-Sänger. Sam Smith über surreale Momente und das Coole an seinem Namen.

Auf den ersten Blick wirkt Sam Smith unscheinbar. Schwarze Kleidung, Undercut-Frisur, schüchterner Blick. Doch wenn der Dreiundzwanzigjährige zum Mikrofon greift, wenn er seine faszinierende Stimme erhebt, erstarren selbst Stars wie Adele und Taylor Swift in Ehrfurcht. Wie ein Opernsänger wechselt Smith behände zwischen den Oktaven, in seiner Stimme stecken Soul und Leidenschaft. Auf seinem Debütalbum „In the Lonely Hour“ vereinte er Gospel-Balladen und sommer­liche Dance-Pop-Songs. Der rote Faden: genau, diese Stimme!

Eine Stimme, die ihm nun auch die Ehre zuteil werden ließ, den Titelsong im neuen James-Bond-Film Spectre zu interpretieren. Anlässlich dieser Neuigkeit rufen wir uns noch einmal das Interview, das Smith The Red Bulletin im Vorjahr gab, in Erinnerung.

THE RED BULLETIN: Dein aktueller ­Terminplan ist knackevoll – Preisverleihungen, Pressetermine, Konzerte in ganz Europa. Wie sah dein Leben vor einem Jahr aus?

SAM SMITH: Anders. Zu Weihnachten vor einem Jahr war ich pleite. Richtig pleite.

„Richtig“ heißt …?

Nicht mal genug Geld für ein Zugticket, um meine Eltern zu besuchen. Um wenigs­tens ein bisschen Geld zu verdienen, putzte ich die Toiletten in einer Bar. Die ganze Nacht hindurch. Es war ziemlich übel. Vor allem, wenn Leute neben das Klo kotzten. Und dann noch ihr Bierglas im Erbrochenen zerdepperten. Das waren die Highlights jener Nächte.

Wie kommt man vom Kloputzen zum Songschreiben?

Ich wollte immer mein Leben dokumentieren, aber Tagebuch zu schreiben war nicht mein Ding. Songs zu schreiben schon. Es ist wie Selbsttherapie für mich. Wenn ich gewisse Stücke singe, dann ist das, wie in einem Fotoalbum zu blättern.

„Mein Stimmumfang ist so groß, weil ich als Kind ständig Whitney Houston mitgesungen habe.“
Sam Smith


Mit einem Unterschied: Ein Tagebuch ist sehr persönlich, Songs teilt man mit der ganzen Welt.

Es fällt mir auch nicht immer leicht, sie vor Publikum zu singen. Ich bin kein scheuer Typ. Aber es ist doch eine emotionale Überwindung. Nach manchen Konzerten fühle ich mich richtig einsam.

Einsamkeit ist überhaupt ein zentrales Thema deines Debütalbums.

Ich hatte bisher noch nie eine richtige ­Beziehung. Deshalb fühlte ich mich immer irgendwie allein. Der tapferste Moment meines Lebens war, als ich mir das selbst eingestand. Ich sprach mit meiner Mutter am Telefon und sagte plötzlich: „Ich fühle mich total einsam.“ Mein Album „In the Lonely Hour“ zu nennen ist ein mutiger Schritt. Also, für mich.

Viele deiner Songs wirken trotzdem sehr leichtfüßig, etwa „Money on My Mind“. Ist diese Ambivalenz gewollt?

Das liegt an der Produktion. Ich liebe ­unbeschwerte Pop-Sounds. Ein Song auf dem Album heißt „Leave Your Lover“. Der Text: „Verlass deinen Liebsten, verlass ihn für mich.“ Es geht darum, jemanden zu lieben, der verheiratet ist. Tieftrauriger Song. Das kriegst du beim ersten Hören aber gar nicht mit, weil er so positiv und sommerlich klingt. Ich mag dieses Spiel mit den Stimmungen.

Dein Stimmumfang ist beeindruckend. Eine Gabe der Natur?

Ich hatte schon mit acht Jahren Gesangsunterricht. Vorher sang ich leidenschaftlich bei Songs im Radio mit. Aber nur bei Stücken von Sängerinnen. Männliche Stimmen haben mir nie gefallen. Vermutlich ist mein Stimmumfang deshalb so groß, weil ich als Kind ständig Whitney Houston mitgesungen habe (lacht).

Zu Jahresbeginn hast du die zwei ­wichtigsten Nachwuchspreise Englands ­gewonnen (Critics’ Choice/Sound of …; Anm.). Setzt dich das unter Druck?

Nein. Ich konzentriere mich auf die Musik und mein Album. Ich sehe diese Preise als Plattform, um einen guten Start hinzu­legen und so viele Menschen wie möglich zu erreichen.

Heute finde ich den Namen klasse. Er ist so langweilig, dass er schon wieder cool ist.
Sam Smith über seinen Namen

Im Zuge des medialen Hypes um deine Person gibt es aber sicher Momente, die sich surreal anfühlen, oder?

Ständig. Letztens lobte mich sogar Adele auf Twitter. Adele! Meine Heldin! Es bleibt wenig Zeit, um den Trubel zu verarbeiten. Nach der Grammy-Preisverleihung in Los Angeles kam ich zurück nach London und saß mit meinen Mitbewohnern in der WG-Küche. Ich hatte die Jungs zu diesem Zeitpunkt seit drei Wochen nicht gesehen. Wir blickten uns an und lachten los: „Mann, was geht da ab?“

Mit einem Namen wie Sam (eigentlich: Samuel Frederick; Anm.) Smith – denkt man da über ein Pseudonym nach?

Mit neunzehn war ich fest entschlossen, einen Künstlernamen anzunehmen. Ich terrorisierte mein Umfeld regelrecht, bat jeden um Vorschläge. Einige waren unglaublich komisch. Am Ende war es mein Vater, der meinte: „Komm, warum nennst du dich nicht einfach Sam Smith?“ Heute finde ich den Namen klasse. Er ist so langweilig, dass er schon wieder cool ist.

Sam Smith - Die Fakten

Name
Samuel Frederick Smith

Geburtsdatum/-ort
19. Mai 1992, Bishop’s ­Stortford, England

Anfänge
Als Kind stellte er sich bei Dinnerpartys seiner Eltern auf den Esstisch und sang Karaoke-Songs von Madonna und Whitney Houston.

Preise
u.a. 4 Grammys 2015 für „Best Pop Vocal Album“ (In the Lonely Hour), „Best New Artist“, „Record of the Year“ (Stay with me), „Song of the year“ (Stay with me)

Hits
Smith’ Kollabo-Track mit dem Rapper Naughty Boy „La La La“ landete in Großbritannien auf Platz 1, ebenso die Singles „Money on my mind“ und „Lay me down“. „Stay with me“ erklomm neben UK u.a. auch in Kanada, Neuseeland und Irland die Spitzenposition.

Die besten Stories von The Red Bulletin 

>>> Hol dir jetzt unseren Newsletter <<<
Klicken zum Weiterlesen
07 2014 The Red Bulletin

Nächste Story