Sängerin Ängie im Interview über Oralsex und Kiffen

Ängie: Zwischen Oralsex, Kiffen und Lou Reed

Text: Florian Obkircher
Fotos: Alberto Van Stokkum
STYLING: SOO-HI SONG

Sie ist der Albtraum jeder Popstar-­Castingshow: Ängie provoziert. Sie liebt ­Widersprüche. Sie pfeift auf Regeln. Und gerade deshalb geht’s mit der Karriere der jungen Schwedin derzeit steil nach oben.

Ängie hat Fanclubs in Brasilien und Russland, obwohl ihre Musik nicht im Radio gespielt wird. Britische Zeitungen von der „Sun“ bis zum „Guardian“ berichten über sie, obwohl sie erst zwei Songs veröffentlicht hat. Wie das geht? Die 21-jährige Schwedin macht genau das, was man als aufstrebender Popstar nicht machen sollte: Sie bricht mit Erwartungen – und nimmt das Business nicht allzu ernst.
 
Zum Musikmachen kam sie vor zwei Jahren, als sie sich bekifft beim Klamauk-Rappen in der Badewanne filmte und das Video einem lokalen Produzenten schickte. Wenig später nahm sie ihren ersten Song „Smoke Weed Eat Pussy“ im Tonstudio des DJ-Weltstars Avicii auf und unterschrieb einen Plattenvertrag mit dem Branchenriesen Universal Music. Der schlüpfrige Rap-Track war vielen Radiostationen zu heiß. Zum Hit wurde er dennoch – via YouTube. Und dank der britischen Presse, die ihn zum gewagtesten Song des Jahres 2016 kürte. 

Ein ungewöhnlicher Karrierestart. Und dennoch: ein Start, genau nach Ängies Geschmack. Denn, erklärt sie beim Interview in ihrer Heimatstadt Stockholm, um erfolgreich zu sein, musst du dein ­Publikum fordern. 

Hör dir Ängies Debut-Single „Smoke Weed Eat Pussy“ an.

© youtube // ANGIEVEVO

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THE RED BULLETIN: Wie wird man zum kontroversesten Popstar des Jahres?

ÄNGIE: In meinem Fall war das sehr einfach. Ich singe einfach über die Dinge, die mir am meisten Spaß machen.

Da muss ich jetzt fast genauer fragen … 

Nur zu!

„Smoke Weed Eat Pussy“ ist also ein autobiografisches Statement?

Das war es zu der Zeit, als ich den Song schrieb. Meine Freundin hatte mich gerade verlassen. Ich hatte viel Freizeit und war sexuell recht umtriebig. 

Songtexte über Drogen und Sex gab’s im Musikgeschäft schon immer. Warum, denken Sie, hat gerade Ihr Hit die Gemüter so erhitzt? 

Weil ich ein Mädchen bin, das auf Blumen und pinke Klamotten steht. Und weil Mädchen, die auf Blumen und pinke ­Klamotten stehen, normalerweise nicht über Gras und Oralverkehr singen.

Ihre Musikvideos leben von derartigen Widersprüchen. In der einen Szene ­geben Sie die Prinzessin in pastellfarbenen Kleidern, in der nächsten ­präsentieren Sie Ihre großen Tattoos und ziehen an einem Joint. Genießen Sie das Spiel mit Stereotypen?

Total. Weil es im Leben nichts Langweiligeres als Perfektion und Eindeutigkeiten gibt. Um im Leben erfolgreich zu sein, musst du überraschen. Du musst Kontraste schaffen.

Verstört man mit dieser Taktik sein ­Publikum nicht?

Im Gegenteil. Ich glaube, dass man es ­dadurch neugierig macht. Schau dir Rihanna an. Sie wurde erst richtig cool, als sie das böse Mädchen raushängen ließ. Auch ich habe keinen Bock darauf, eine Barbie-Puppe zu sein. Die Leute sollen mich sehen, so wie ich bin. Samt meiner Dehnungsstreifen am Hintern.

Ängie

„Es gibt nichts Faderes als Perfektion.“

„Mein Ziel ist es, jungen Frauen Selbstvertrauen zu geben. Wenn du deine Makel mit Stolz präsentierst, dann sehen sie auch gut an dir aus.“

Wie bitte?

Auf Instagram postete ich letztens ein Foto meiner Dehnungsstreifen. Prompt schrieb mir ein weiblicher Fan, sie bewundere meinen Mut, weil sie sich für ihre eigenen schäme. Wie absurd! Mein Ziel ist es, jungen Frauen Selbstvertrauen zu geben. Wenn du deine Makel mit Stolz präsentierst, dann sehen sie auch gut an dir aus.

Woher nimmt man mit 21 das Selbstbewusstsein, dem Showgeschäft mit seinen Schönheitsidealen den Mittelfinger zu zeigen?

Das hab ich mir von diesem Typen abgeschaut (deutet auf ihr Oberarm-Tattoo: ein Herz mit der Inschrift Lou Reed). Er war ein genialer Songwriter – und der coolste Typ überhaupt. Hat auf alles gepfiffen. Und Journalisten bei Interviews liebend gern zur Sau gemacht. Ich hoffe, er wäre stolz auf mich.

Wie stolz sind eigentlich Ihre Eltern auf die Karriere ihrer Tochter?

Mein Vater mag es nicht, wenn ich über Drogen singe. Aber meine Mutter ist mein größter Fan. Bei Konzerten steht sie in der ersten Reihe. Letztens ließ sie sich ohne mein Wissen ein T-Shirt mit meinem pinkfarbenen Hanfblatt-Logo bedrucken. 

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Warum geht’s in Ihren Songs eigentlich ständig ums Kiffen?

Als Teenager litt ich an einer schweren Aufmerksamkeitsdefizitstörung. Ärzte verschrieben mir Pillen, aber die wirkten nicht. Das Kiffen half mir über die Panikattacken und Depressionsschübe hinweg. Außerdem beflügelt es meine Kreativität. Ohne Gras hätte ich vermutlich nie mit dem Songschreiben angefangen.

Ängie

Inwiefern?

Es bringt mein Hirn zum Schleudern.

Für die meisten wäre das vermutlich ein Grund, nicht zu kiffen.

Lass es mich anders sagen: Es öffnet Teile meines Gehirns, auf die ich sonst keinen Zugriff habe. Ich fühle Dinge, die ich nicht fühlen will. Die ich aber fühlen muss, um mein wahres Ich zu finden. 

Wie ist das mit dem anderen Hauptthema in Ihren Songs?

Du meinst Oralverkehr? Wichtiges Thema, total unterbewertet.

Inwiefern?

Männer nehmen beim Sex zu wenig Rücksicht auf das Vergnügen der Frau. 

Warum ist das so? Weil Männer unsicher sind?

Ach was! Unsicher sind wir doch alle. Und das Einzige, was gegen Unsicherheit hilft, ist, Erfahrung zu sammeln. 

Wäre es vermessen, Sie nach Tipps zu fragen?

Es ist ganz einfach: Rede mit deiner Freundin. Schalte den Macho-Modus ab. Frag sie, was ihr gefällt. Und wichtig: Glaub nicht, dass deine Technik bei jeder Frau funktioniert.

Faves Of Ängie, a playlist by Red Bull Playlists on Spotify

The racy trap-hop singer from Sweden wants people to loosen up a bit. Enjoy her playlist of personal favorites.

„Wenn du ­einen Stock im Arsch hast, hörst du meine ­Musik besser nicht.“
Ängie's Lieblingszitat von ihrem Idol, Lou Reed

Die meisten jungen Musiker gehen ihre Karriere vorsichtig an, weil sie es sich nicht mit Radiostationen verscherzen wollen. Sie aber veröffentlichen Singles, die textlich selbst fürs Nachtprogramm zu gewagt sind.

Nichts könnte mir gleichgültiger sein als Radio-Airplay.

Aber ist Radio-Airplay nicht der Grundstein jeder Musikkarriere?

Das war früher so. Heute entdecken Leute neue Musik auf YouTube. Radiosender springen erst dann auf, wenn ein Song im Netz schon Erfolg hat. Deshalb ist es mir wichtiger, coole Videos zu drehen und Menschen damit zu erreichen. 

Aber auch auf Ihrem eigenen YouTube-Kanal gibt’s Kommentare von Leuten, denen Ihre Freizügigkeit zu weit geht. Was sagen Sie denen?

Ich halte es da mit Lou Reed. Der meinte einmal: „Wenn du einen Stock im Arsch hast, ist es vermutlich nicht die beste Idee, meine Musik zu hören.“

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04 2017 The Red Bulletin

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