Simonne Jones: „Wir sind alle kleine Universalgenies“

Text: Florian Obkircher
Bilder: Andrew Woffinden

Simonne Jones ist Wissenschaftlerin, Erfinderin, Künstlerin, Schauspielerin, Musikerin. Und nun auch Comic-Superheldin. Begegnung mit einer Meisterin der Neugierde.

Wenn Simonne Jones den Raum betritt, ist es einen Moment still. Das liegt zum einen relativ profan daran, dass Simonne Jones Erfahrung als Model hat und dass man ihr das einen Meter neunzig lang ansieht. ­Lockiges schwarzes Haar über großen braunen Augen. Lange, sehr lange Beine.

Das liegt zum anderen am unglaublichen Talent der 26-jährigen Kalifornierin, Menschen zu bezaubern. Ob im Handstand mit High Heels an den Füßen oder beim Zertrümmern einer Gitarre: Egal was sie tut, es sieht elegant aus. Wenn sie erklärt, dass die Kritzelei auf ihrem Handrücken die Strukturformel von Serotonin ist – „meinem Lieblings-Neurotransmitter, hab ich mir heut Morgen aufgemalt“ –, hörst du ihr zu. Wenn sie Lust hat, über den Ersten Hauptsatz der Thermodynamik klugzuschnacken, hörst du ebenfalls zu.

Simonne Jones hat Spaß beim Red Bulletin-Termin in London, sie hat eine selbstgebastelte Gitarre mitgebracht und erklärt in den Fotopausen, wie man analoge Synthesizer verkabelt, 15 Stunden am Stück meditiert oder Bakterien klont. 

Derzeit nimmt die Red Bull Music Academy-Absolventin ihr Debütalbum auf („klingt so, als hätten Depeche Mode ein uneheliches Kind mit PJ Harvey, das im Hinterhof der Einstürzenden Neubauten aufwächst“), pendelt zwischen London, Toronto, Los Angeles und ihrer Wahlheimat Berlin, wo sie 2013 eine große Ausstellung hatte. Überhaupt 2013: In Salzburg war sie bei den Festspielen der Tod. Und sie spielte Konzerte mit Björk und Peaches, „meinen Heldinnen“.

Showtalent

Vom Labortisch auf die Bühne: Derzeit arbeitet die vielseitig talentierte US-Amerikanerin Simonne Jones an ihrem Debütalbum.

„Wenn es etwas gibt, was sich nicht erklären lässt, will ich es erforschen.“
Simonne Jones

THE RED BULLETIN: Was macht ausgerechnet die Electro-Punk-Ikone Peaches zu deiner Heldin? 

Simonne Jones: Ich war auf einem ihrer Konzerte, als ich fünfzehn war. Eine durchgeknallte Zirkusshow mit Riesen­dildos und Transvestiten auf der Bühne. Ab diesem Abend war nichts mehr wie vorher. Nach dem Konzert lernte ich sie kennen, heute ist sie meine Mentorin.

Was kann man denn von ihr lernen?

Auf der Bühne zum Tier zu werden, auch wenn man privat schüchtern ist. Dank Peaches traue ich mich, auf Boxentürme zu klettern und in die Menge zu springen.

Tipps, wie man Bühnenangst ablegt?

Bei mir funktioniert dieser Trick: Ich versuche, mich live in meine Songwriting-Stimmung zu versetzen. Frei und unbeobachtet, so wie man in Unterwäsche durch seine Wohnung tanzt, wenn man allein ist. Das ist die beste Bühnenstimmung.

Wie alt warst du, als du mit dem Klavierspielen angefangen hast?

Ich war drei. Und zehn, als ich mein ­erstes Pianostück komponierte. In der Die-ganze-Welt-hasst-mich-Phase mit vierzehn griff ich zur E-Gitarre. Dann zum Bass. Dann zum Schlagzeug. Und dann zur Sitar. Ich lernte jedes Instrument, das ich in die Finger kriegen konnte.

Mit drei Jahren lernen die meisten Kinder zählen – du Klavier spielen. Wie kam das?

Aus Trotz. Meine Mutter gab meiner ­älteren Schwester Pianostunden. Ich sei noch zu jung, sagte sie. Total unfair! Ich belauschte sie also beim Unterricht mit meiner Schwester, setzte mich danach selbst ans Klavier und versuchte, die Lieder aus der Erinnerung nachzuspielen. Stücke wie Beethovens „Für Elise“. Als Fünfjährige hatte ich den Dreh raus. Haha, du hättest den Blick meiner Mutter sehen sollen.

Musik trifft Wissenschaft

Jones ermittelt die Frequenz von Sternen, verwandelt diese in Klangwellen – und baut sie als Sounds in ihre Songs ein.

Heute bastelst du deine Instrumente selbst. Woher kommt die Idee?

Du meinst meine Gitarre? Ihr Körper ­besteht aus einer Holzkiste und einem ­Besenstiel. Zwei Gitarren-, eine Basssaite. Ähnlich den Gitarren afrikanischer Sklaven, die sie sich auf den Baumwollplantagen bauten. Weil ich aber eine leidenschaftliche Elektronikbastlerin bin, hab ich zusätzlich zwei Tonabnehmer und Buchsen eingebaut. Dadurch kannst du die Gitarre durch zwei Verstärker gleichzeitig spielen – und kriegst einen fetten Bass-Sound, der dir im Magen grummelt. 

Was treibt dich an?

Neugier. Wenn es etwas gibt, was sich nicht erklären lässt, will ich es erforschen. Deshalb studierte ich Biomedizin und arbeitete in Genetiklabors, wo ich Bakterien klonte und das HIV-Genom erforschte.

Sind Wissenschaft und Kunst nicht sehr gegensätzlich?

Gar nicht. Harmonielehre ist im Grunde sehr mathematisch. Eine Harmonie entsteht, wenn du Schwingungen proportional teilst. Warte, ich zeige es dir. (Jones kramt ein schwarzes Notizbuch aus ihrer Tasche und schlägt es auf. Die Seiten sind bis zum Rand vollgekritzelt mit Songtexten, Skizzen und Formeln. Darunter eine, die den Aufbau von Akkorden aufschlüsselt. Im Eck derselben Seite: die Kritzelei einer völlig demontierten Computer-Festplatte.) Ich habe übrigens entdeckt, wie man mit der Spule einer Festplatte ein Bass-Instrument bauen kann.

Das Tollste für dich ist, Dinge zu ent­decken und zu verstehen?

Nicht zu verstehen, zu erforschen. Ver­stehen tötet die Neugier. Meine Kunst soll Neugier in anderen wecken – sie sollen ihre Umwelt, das Universum hinterfragen.

Wie meinst du das?

Mein Lieblingswissenschaftler Nikola Tesla sagte einmal: „Ich glaube, nichts kommt jenem Nervenkitzel gleich, den ein Erfinder verspürt, wenn er feststellt, mit einer großen Idee recht gehabt zu haben. Dieses Gefühl lässt dich alles andere vergessen. Schlaf, Freunde, Essen, sogar Liebe.“ Unglaublich treffend, nicht?

Aber Wissenschaft und Kunst sind doch Gegensätze?

Keineswegs. Für meine Ausstellung in Berlin habe ich sechs computergesteuerte Gemälde mit LED-Lichtern gestaltet. Die Bilder reagieren auf die Bewegungen der Besucher. Wenn du ihnen näher kommst, werden die Lichter heller. Wenn du deine Arme bewegst, verändern sich die Farben. 

Was war das Thema der Ausstellung?

Die Geheimnisse des Universums. Dafür erforschte ich physikalische Phänomene, die auf ähnlichen Mustern beruhen. Ich wählte sechs Motive, vom Urknall bis zum Tod des Universums. 

Tod ist ein gutes Stichwort. Den spieltest du bei einer speziellen „Jeder­mann“-Aufführung bei den Salzburger Festspielen letzten Sommer. 

Es war eine moderne Inszenierung, wir waren zu zweit auf der Bühne. Ich komponierte die Musik für das Stück und performte sie live als One-Woman-Orchester. Mein Partner spielte alle Rollen. Bis auf eine: den Tod. Der Tod war ich. Meine Lieblingszeile war: „Hast deinen Schöpfer ganz vergessen?“ (Simonne spricht den deutschen Satz in breitem ­amerikanischem Akzent; Anm.), wenn ich Jedermann sage, dass er nur mehr eine Stunde zu leben hat.

Und dann legst du ihn um.

Yessss! (Lacht.)

Ein Universalgenie muss man nach seiner Meinung zu Leonardo da Vinci fragen, nicht?

Ich liebe ihn. Ein Genie. Was die wenigsten wissen: Er war auch Musiker! Er spielte die Laute und erfand sogar Instrumente. Da Vinci ist der vorweggenommene Mensch unserer Zeit. Wir sind alle kleine Universalgenies. Wir müssen viel mehr wissen als unsere Vorfahren. Allein um zu verstehen, wie ein Computer funktioniert.

Wir müssen aber nicht alle wissen, wie man Bakterien klont und Theatermusik komponiert. Du weißt das. Klingt nach Superwoman.

Ach, ich bin einfach interessiert. Was ich mache, kann theoretisch jeder tun. Aber es ist lustig, dass du es erwähnst. Weil dieser Tage ein Comic erscheint, dessen Heldin mir nachempfunden ist. Vor ein paar Jahren traf ich Peter Steigerwald von Aspen Comics. Wir plauderten ein wenig. Und ­einige Monate später erzählte er mir, dass er mir sein nächstes Werk widmen wird.

Wer ist diese Heldin?

Sie reist durch die Galaxie und beschützt bedrohte Alien-Arten. Sie hat einen Alien-Hund, ist Musikerin und Wissenschaftlerin. Ich hab den Comic noch nicht gesehen, aber angeblich sieht sie aus wie ich.

Du bist ja eigentlich Solomusikerin, doch letzten Sommer bist du mit einem Orchester aufgetreten. Andere Welt?

Ich spielte vier Konzerte mit dem Rock Symphony Orchestra. Der Dirigent war im Internet auf meine Musik gestoßen und hatte mich gefragt, ob ich sie mit ­seinem Orchester aufführen will. Also arrangierten wir meine Songs für ein 350-köpfiges Orchester. 150 Sänger, 200 Instrumentalisten. Krasse Erfahrung! Ich hatte keinen Schimmer, wie laut ein Orchester ist. Wenn die Percussion-Sektion einsetzt, bebt die ganze Bühne. Eine Rock-Show ist ein Witz dagegen. 

Wie ist es, ein Orchester zu leiten?

Ein erfüllter Jugendtraum! Wenn ich als Kind gefragt wurde, was ich werden will, sagte ich: Wissenschaftlerin, Erfindern, Konzertpianistin, Künstlerin, Tänzerin und Ärztin. Am besten alles gleichzeitig.

Mit 26 hast du schon fast alles erreicht.

Bis auf Ärztin. Vor ein paar Jahren bewarb ich mich an einer Medizin-Uni und wurde sogar aufgenommen. Aber derzeit hat die Musik Vorrang.

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06 2014 THE RED BULLETIN

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