Sizarr: „Rilke? Echt krass!“

Interview: Andreas Rottenschlager
Bilder: Klein & West

Drei junge Musiker aus der deutschen Provinz machen Indie-Pop von Weltformat. Aber was ist ihr Geheimnis? Sänger Fabian Altstötter, 23, über Laptops, moderne Lyrik und einen Scooter-Unfall im Wald.

THE RED BULLETIN: Herr Altstötter, ­beginnen wir das Interview mit einem Gedankenexperiment.

FABIAN ALTSTÖTTER: Okay.

Sie gehen abends aus und lernen eine attraktive Frau kennen, sagen wir in ­einer Bar. Sie erzählen dieser Frau, dass Sie Sänger sind. Und die Frau fragt: „Interessant, wie klingt denn deine Band?“ – Was antworten Sie?

Oooah … da tue ich mir schwer.

Deshalb fragen wir Sie ja.

Wir beschreiben unseren Sound eigentlich nie. Weil Musik immer noch Musik ist. Am besten ist, man hört sie sich an. 

Herr Altstötter! Eine schöne Frau steht vor Ihnen! Sie müssen etwas sagen!

Ich würde sagen: „Keine Ahnung, wie wir klingen. Aber hier hast du meine CD.“ Ich hab nämlich immer eine dabei (lacht).

Auf Ihrer CD würde die Frau dann ­bemerkenswerte Popsongs finden: tiefgründig, dunkel. Lieder, die von Elektro-­Beats und Ihrer rauen Stimme getragen werden. Der „Spiegel“ verglich Ihre erste Platte („Psycho Boy Happy“, 2012; Anm.) sogar mit Radiohead und sprach von „melancholischer Energie“ und „melancholischen Hipstern“. Woher kam denn das mit der Melancholie?

Aus Orientierungslosigkeit. Wir waren neunzehn und zwanzig, als wir unsere erste Platte aufgenommen haben. Wir wollten uns auf kein Genre festlegen, also experimentierten wir am Laptop rum. Da hast du unzählige Möglichkeiten, deinen Sound zu verändern. Unsere Musik klang entsprechend vielschichtig. Und, ja, ein wenig melancholisch. Das gefiel uns.

Die Songs auf Ihrem neuen Album klingen nach wie vor melancholisch, aber reduzierter – „Scooter Accident“ zum Beispiel, die erste Single-Auskopplung. Das Video dazu zeigt Sie nachts auf ­einem Rummelplatz…

… ist Ihnen aufgefallen, es ist in einer ­einzigen Aufnahme gedreht, man sieht keinen einzigen Zwischenschnitt!

Ah, das heißt bei dem Scooter-Unfall am Ende im Wald, das sind Sie?

Da mussten wir dann doch ein wenig schummeln (lacht). Das war ein Stuntman.

Sie bleiben mit „Scooter Accident“ ­Ihrer Linie treu. Vom französischen Schrift­steller Victor Hugo stammt ja der Sinnspruch: „Melancholie ist das Vergnügen, traurig zu sein.“ Hat er ­damit recht?

Das kann man schon so sagen. Trauer ist ein wichtiges Gefühl, das die meisten Leute verdrängen. Die Menschen wünschen sich alles Unangenehme weg. Aber das hat in meinen Augen keinen Sinn. Man braucht Trauer als natürlichen Ausgleich zur Fröhlichkeit. Mich inspiriert Trauer.

„Die meisten Leute verdrängen ihre Trauer. Aber mich als Künstler inspiriert sie.“

Sie erreichen mit Ihren Songs ein breites Publikum. 2013 spielten Sie als Newcomer-Band am SXSW, dem South by Southwest, in Austin, Texas – dem größten Pop-Festival der Welt. Unter Ihren YouTube-Videos finden sich sogar Kommentare aus den USA und China.

Einmal musste ich sogar einer Radio­station aus Kolumbien ein Interview ­geben. Schlechte Telefonverbindung, holpriges Englisch. Aber die wollten alles über unsere Band wissen. Das war irre: Wir kommen aus Landau in der Pfalz, und in Kolumbien sitzen Menschen, die unsere Songs gut finden.

Fakten

Name
Sizarr

Gegründet
2009 in Landau in der Pfalz

Besetzung
Fabian Altstötter (Gesang), Marc Übel (Schlagzeug), Philipp Hülsenbeck (Gitarre, Synthesizer, Gesang) 

Anspiel-Song am neuen Album
Fabian Altstötter empfiehlt „Timesick“, „das klingt am ehesten nach Pop“.

Wie schreibt man Texte, die in Landau und Kolumbien gleichermaßen funktionieren?

Das ist schwierig zu erklären. Ich kann mich noch immer nicht so ausdrücken, wie ich will. Ich denke, daran werde ich wohl mein ganzes Leben arbeiten. Momentan lese ich viel Philosophie: „Ecce homo“ von Nietzsche. Oder Gedichte, hauptsächlich von Rilke.

Rilke? Im Ernst?

Ja, aktuell die „Duineser Elegien“ (eine Sammlung von zehn Klagegedichten, ­erschienen 1923; Anm.). Ziemlich krass.

Was ist denn krass an Rilke?

Seine Gedichte sind wie ein schwieriger Song. Den man dreimal hören muss, um ihn zu verstehen. Rilkes Gedichte muss man auch mehrmals lesen. Dafür faszi­nieren sie dann umso länger.

Wo sollte man sich Ihr neues Album ­anhören, um es zu verstehen? Auf einer langen Autofahrt? Allein im Zimmer? 

Ein Waldspaziergang wäre ideal.

Nachts, wie in Ihrem Video?

Zur blauen Stunde, wenn die Dämmerung hereinbricht. Da ist auch das Licht am schönsten.

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03 2015 The Red Bulletin  

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