Skrillex

Electro-Punk

Text: Cole Louison
Fotografie: Ben Rayner 

Skrillex ist ein Superstar hinter dem DJ-Pult. Verehrt und verachtet.The Red Bulletin blickte hinter die Kulissen seiner Live-Show und staunte: Im Herzen ist Skrillex ein Punk.

Dreitausend Menschen drängen sich vor den Holztoren des Iroquois Amphitheater in Louisville, ­Kentucky. Noch fünfzehn Minuten bis zum Einlass. Einige nutzen die Zeit, um ihre mitgebrachten Kartonschilder fertig zu bemalen, andere tanzen sich warm – zur Musik, die aus ihren Handy-Laut­sprechern klirrt und kracht.

Die Nacht scheint auch einen Dresscode zu haben, und der lautet: Farbexplosion. Überall sieht man neongelbe T-Shirts und Stirnbänder, knallige Stachelfrisuren, ­offensive Gesichtsbemalungen, bunte Sonnenbrillen, grelle Ganzkörperstrümpfe. Außerdem im Trend: langes Haar, an den Schläfen ausrasiert, Hornbrillen und Lobe-Piercings. So nennt man jene Ringe, die das Ohrloch auf Mantelknopfgröße ausdehnen.

Die meisten der Fans, die ungeduldig auf ihren Helden warten, sind unter zwanzig. Manche aber sind auch deutlich darüber. So wie Terri MacSkimming. Sie steht mit ihrem zwölfjährigen Sohn Andre – neonblaue Streifen auf den Wangen – ganz vorne in der Schlange. „Andre entdeckte Skrillex’ Musik durch seine Freunde im Sommerlager“, sagt sie. „Anfangs dachte ich: Was zur Hölle ist das? Aber jetzt liebe ich den Sound. Nicht zu schnell, dafür hart – dazu kannst du voll abgehen.“

Der Sound, den sie beschreibt, heißt Electronic Dance Music, Szenekürzel: EDM. Skrillex ist einer ihrer Superstars. Losgetreten wurde der Hype vor fünf Jahren von Produzenten wie David Guetta. Gemeinsam mit Vertretern des Mainstream-Pop wie Rihanna und Akon kreierten sie Nummer-1-Hits auf der Basis von Club-Musik-Genres wie Trance, House und Dubstep. Heute spielen junge EDM-Stars in Fußballstadien und auf großen Rockfestivals. Laut dem Wirtschafts­magazin „Forbes“ verdienten die zehn bestbezahlten EDM-DJs der Welt 2013 ­zusammen 241 Millionen Dollar mehr als die Spieler von Real Madrid.

„Diese Euphorie, da ist nichts falsch oder gekünstelt.“
Skrillex

Mit einem Jahreseinkommen von 16 Millionen Dollar findet sich auch Sonny John Moore alias Skrillex auf dieser Liste. In seiner erst vierjährigen Karriere gewann der 26-jährige Schulabbrecher bereits sechs Grammy Awards. Sein Facebook-Profil zählt über 17 Millionen Fans. Während sich draußen die Tore der Arena öffnen, fläzen sich Skrillex und sein Team auf den Leder-Couches im Backstage-Bereich. „Hallo, ich bin Sonny“, stellt er sich mit kratziger Stimme und Bubengrinsen vor. Das lange, gewellte Haar noch nass vom Duschen, das Outfit ganz in Schwarz. Unterm linken Arm sein Laptop, in der rechten Hand eine Zigarette, Marke: American Spirit. Er wirkt aufgekratzt und unterhält sich mit einigen Roadies vor seiner Garderobe. Plötzlich unterbricht ein dumpfes Grollen die Gesprächsrunde.

Die Tischplatte zittert, einige Papp­becher wackeln.„Sorry, Jungs“, sagt Skrillex. „Das ist mein Zeichen. Bis gleich!“ Er sprintet los. Vorbei am Catering, an Kabelbergen. Sein Ziel: der linke Bühnenaufgang, wo Milo & Otis gerade ihr bassgewaltiges Live-Set eröffnen. Das junge Duo aus Los Angeles wärmt die Fans für Skrillex auf. „Die beiden sind gute Freunde“, sagt er. „Super, oder?“ Er kneift die Augen hinter seiner Hornbrille zusammen, reckt die Hand zum Teufelshorn in die Luft und schüttelt seine Mähne.

„Nicht zu schnell, dafür hart – dazu kannst du voll abgehen.“ 

Nach einer Minute bricht er das Headbangen abrupt ab und zieht sein Smartphone aus der Hosentasche. Er starrt aufs zerkratzte Display, rennt mit einem Mal zurück Richtung Garderobe und knallt die Tür hinter sich zu. So wuchtig, dass der aufgeklebte Zettel mit der Aufschrift SKRILLVILLE zu Boden flattert. „Kurz vor der Show zieht er sich immer zurück“, erklärt Skaruse, ein schlaksiger blonder Typ, Skrillex’ Tour-Assistent.

Er berichtet: Am Vormittag hat sein Boss ­angefangen, an einem neuen Track zu basteln. Den will er wohl noch vor seinem Konzert fertigkriegen. Um ihn später gleich live auf der Bühne zu präsentieren. Dieser Arbeitseifer ist charakteristisch für Skrillex. Allein 2011 spielte er mehr als 300 Shows. In manchen Nächten legte er sogar dreimal auf, zwei normale DJ-Sets und eines auf der Afterparty. Obendrein veröffentlichte er in den letzten vier Jahren sechs EPs, im vergangenen März erschien sein Debütalbum „Recess“. Eine Granate von einer Platte. Wie ein Roboter-Aufstand im Kernkraftwerk. Brüllende Synthesizer, sägende Bässe, polternde Dubstep-Beats. Das klassische Stilmittel eines Skrillex-Tracks: anschwellende Sirene, sich stetig steigernder Trommelwirbel. Dann: Sound setzt kurz aus. Roboterstimme. Dann: Bass. Bumm! Den Moment, in dem die Energie förmlich explodiert, nennen Skrillex’ Fans „Drop“.

skrillex tour

Skrillex‘ Laser-Raumschiff entspricht der Größe eines Helikopters

Es ist die Eröffnungsnacht seiner „Mothership“-Tour, auf der er das Album ­vorstellt: 23 Konzerte im Frühjahr und Sommer in den USA, danach Europa. „Ich bin seit vier Jahren fast ständig unterwegs“, sagt Skrillex. „Es gibt für mich nichts ­Tolleres, als zu sehen, wie Leute zu meiner Musik abgehen.“ Für Skrillex bedeutet ein DJ-Gig mehr, als mit Plattenspielern auf der Bühne zu stehen. Skrillex liebt die Show, er liebt das Spektakel. Das war schon 2011 bei seinen ersten größeren Konzerten so, als er mit Licht- und Pyro-Effekten für Aufmerksamkeit sorgte.

Dieses Mal gingen er und seine Crew noch einen Schritt weiter: Im Zentrum der Bühne steht ein mit Laserkanonen ausgerüstetes Raumschiff. Im Cockpit: Skrillex. Hydraulikpumpen bringen den kantigen grauen Metallpanzer zum Schweben. Nebel steigt auf, die riesigen Leinwände flackern wie wild. Ein halbes Jahr lang tüftelten Skrillex und sein Team an der neuen Show.

Ein Schulabbrecher mit 17 Millionen Fans auf Facebook und sechs Grammys.

In ­einer 1000-Quadratmeter-Lagerhalle in Downtown Los Angeles wurde das Raumschiff von der Größe eines Helikopters ­gebaut. Die Leinwand ist drei Stockwerke hoch und wirkt wie ein glühender Monolith. Auf Metallgerüsten zischen auto­matisierte Scheinwerfer über die Bühnendecke, Laserblitze entladen sich über dem Raumschiff in Regenbogenfarben. An der vorderen Bühnenkante sind sechs Kanonen angebracht, die Feuer und Nebel ins Publikum schießen. Acht Trucks sind nötig, um die Bühne von Stadt zu Stadt zu transportieren.

Zurück in den Backstage-Bereich: Aus der verschlossenen Garderobe dringt dumpfes, rhythmisches Poltern – der Meister ist offenbar noch am Tüfteln. Skaruse nützt die Zeit, um die Abreise zu planen. Sofort nach der Show wird die Bühne in die LKW verpackt. Abfahrt: 22.50 Uhr. Schlafen wird die Crew samt Skrillex im Tourbus. Ankunft in Cleveland, Ohio: vier Uhr früh. Fünf Stunden später finden sich Techniker und Bühnenhelfer wieder zum Aufbau am Konzertort ein.

Bleibt bei diesem streng geregelten ­Tagesablauf eigentlich Zeit zum Feiern? „Sehr selten“, erklärt Skrillex, als er aus der Garderobe kommt. „Morgens gehe ich oft joggen, abends esse ich meist nur Salat. Auf Tour muss ich mit den Kräften haushalten.“ Einige seiner Crew-Mitglieder wollten ihn gestern zum Ausgehen überreden. Um den Tour-Start zu feiern. Doch er sagte ab. Gute Entscheidung, wie ihm die Kollegen beim Frühstück bestätigten: Man war in einer heruntergekommenen Strip-Bar mit nur einer Tänzerin und betagten Oben-ohne-Kellnerinnen gelandet.

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08 2014 The Red Bulletin

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