nikolaj coster-waldau

Nikolaj Coster-Waldau verrät, wie man alle Staffeln von „Game of Thrones“ überlebt

Text: Rüdiger Sturm 
Bilder: Simon Emmett
Produktion: Josef Siegle

Er überlebte sämtliche Staffeln von GAME OF THRONES, weiß, dass wir alle ­Tiere sind, und kennt das Geheimnis des Glücks. Nikolaj Coster-Waldau sagt: Lass dein Ego los, sonst landest du in der Klapse.

Der Wind schneidet eisig ins Gesicht an der Kattegat-Küste, siebzig Kilometer nördlich von Kopenhagen: Der Winter braust näher, doch Nikolaj Coster-Waldau radelt unermüdlich über die Dünen und durch den Wald bei Tisvildeleje und sieht auch in dieser Kälte noch so unverschämt gut aus wie Jaime Lannister, geläuterter „Game of Thrones“-Bösling. Heute ohne goldene Rüstung, dafür mit umso strahlenderem Grinsen.

THE RED BULLETIN: Mountainbiken bei fünf Grad. Macht Ihnen so etwas Spaß?

NIKOLAJ COSTER-WALDAU: Aber klar. Zu Hause habe ich lauter Frauen um mich. Da brauche ich meine Ausflüge mit Freunden, den Dreck, die Kälte, den Schlamm.

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Mein Vater sagte immer zu mir: „Flieg nur so hoch, wie deine Ohren dich tragen.“

Sind Sie ein Naturbursche?

Wir sind doch im Grunde alle Tiere, und deshalb hat die Natur eine tiefe Wirkung auf uns. Vor kurzem war ich in der Wildnis im Süden von Grönland allein fischen. Eine magische Erfahrung.

Ist das ein Rezept fürs Glücklichsein? Die Dänen sind ja angeblich eine der glücklichsten Nationen der Erde.

Der Trick ist: Wir Dänen haben niedrige Erwartungen. Mein Vater sagte immer zu mir: „Flieg nur so hoch, wie deine Ohren dich tragen.“ 

Als Star einer der erfolgreichsten ­Serien, die es je gab, sind Sie aber deutlich über Ohren-Höhe. 

Wenn der Erfolg der Serie irgendeinen Einfluss auf mein Selbstgefühl hätte, wäre ich schon vor Jahren in der Klapsmühle gelandet. Außerdem wird Angeberei in Dänemark nicht toleriert.

Sie behalten es also für sich, wenn Sie mal so richtig zufrieden sind?

Gelegentlich sage ich Freunden: „Schau dir das mal an.“ Aber ehrlich, wer so ­etwas tut, der will doch nur hören, wie fantastisch er ist. 

Ist der Applaus nicht die Belohnung des Schauspielers? 

Ich kenne Kollegen, die mit den Nerven fertig sind, weil sie permanent hinterfragen, ob man sie eh liebt und sie ihrer ungeheuren Großartigkeit gerecht werden. Daher: Lass dein Ego los und erzähl deinem Publikum eine Geschichte.

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NCW über die ­Notwendigkeit, mit Freunden durch Kälte und Schlamm zu radeln

Was hat Ihnen geholfen, diese Haltung einzunehmen?

Vater zu werden. Das ist wie ein Schock. Du bist auf einmal nicht mehr die wichtigste Person auf der Welt. Bis dahin hast du dich vor deiner eigenen Sterblichkeit gefürchtet, und plötzlich ist es die Sterblichkeit eines anderen Menschen. Das macht dir Angst, du hast keine ­Kontrolle. Meine jüngere Tochter wurde­ von einem Pferd am Kopf getroffen. Sie musste ins Krankenhaus. Sie hätte­ sterben können. Es war furchtbar. ­Gleichzeitig ist es wunderschön und berauschend, Kinder zu haben.

Wann sind Ihre Kinder am glücklichsten?

Wenn wir zusammen sind und etwas ­gemeinsam unternehmen. 

Was hat Sie als Kind glücklich gemacht?

Wenn mein Vater zu Hause war und er nicht zu besoffen war, haben wir Karten gespielt. Oder es gab diese Sendung „Sportsonntag“, wo am Nachmittag ein Spiel aus der ersten englischen Liga übertragen wurde. In der Halbzeit gingen wir nach draußen und spielten selbst. 

Ein besoffener Vater – das klingt nicht nach sorgenfreier Kindheit.

Er war Alkoholiker, er starb 1998. Aber ich hatte eine großartige Mutter – auch wenn wir manchmal Besuch von der ­Polizei bekamen.

Warum das?

Meine Mutter ließ sich immer wieder hinreißen und kaufte Geschenke für meine beiden Schwestern und mich, die sie dann leider doch nicht bezahlen konnte. Ich erinnere mich an jenen Tag, an dem ich meine Mini-Stereoanlage wieder zurückgeben musste…

Peinliche Situation.

Mir tat es hauptsächlich wegen meiner Mutter leid. Ich wusste, wie beschämend das für sie war. Sie hatte einen Job, sie ­arbeitete hart, aber es war schwierig, mit dem Geld über die Runden zu kommen.

Wissen Ihre Kinder, was Sie in Ihrer ­Jugend durchmachten?

Ja, und ich erkläre ihnen auch, dass ihr Leben nicht normal ist. Sie müssen das verstehen. Es ist nicht selbstverständlich, dass du dir wegen Essen und Geld keine Sorgen machen musst. Trotzdem bin ich stolz auf meine Kindheit. Ich war glücklich. 

Glücklich?

Ich finde: Es ist gut, wenn du die dunkleren Seiten des Lebens kennenlernst. Zum Beispiel, wenn Kinder in der Schule gemobbt werden. Das ist heftig, aber wenn du Eltern hast, die dich bedingungslos lieben, dann lernst du, dass du gut genug bist – egal was manche Leute sagen.

COSTER-WALDAUS AUSSTATTUNG:

MT500 Burner-Hose (robuste Downhillhose); Singletrack II-Short (widerstandsfähige Baggy-Short, über den Hosen getragen) beide: endurasport.com

hohe Leder-Trainingsschuhe, schwarz: clarks.co.uk

Endura-Hoodie (Casualwear Essential): endurasport.com

Helm: Specialized Ambush-Helm, schwarz, large; Handschuhe: Specialized LoDown-Handschuhe, schwarz, XL beide: specialized.com

Bike: Specialized Enduro Expert Carbon, 650B, blau-weiß, large tredz.co.uk

Linke Seite Nike-Pulli, schwarz (getragen unter grauem Kurzarm-Sweatshirt); Kurzarm-Heros-Sweatshirt, grau beide: urbanoutfitters.com

Wann haben Sie Ablehnung erfahren?

Tausende Male – jedes Mal, wenn ich eine Rolle nicht bekam. Besonders peinlich war die Geschichte mit meinem Vorsprechen für „Vertical Limit“. Aus ­irgendeinem Grund redete ich mir ein, dass die Testaufnahmen gut gelaufen waren, ging zu „Lisa Kline Men“ am Robertson Boulevard in Los Angeles und belohnte mich mit einem grotesken 1500-Dollar-Einkauf. Als ich erfuhr, dass ich das Vorsprechen versemmelt hatte, brachte ich die Klamotten zurück. Das war am nächsten Morgen, pünktlich zur Ladenöffnung. Ich murmelte etwas von „Es tut mir leid, aber da ist ein Fehler passiert“ und bekam zum Glück mein Geld retour. Den Blick der Verkäuferin hätten Sie sehen sollen. Die pure Abscheu. Ich habe übrigens in meinem ganzen Leben nie wieder so viel Kohle für Kleidung ausgegeben. 

Sie klingen gut gelaunt, wenn Sie das erzählen.

Weil ich im Großen und Ganzen Glück ­gehabt habe. Ich arbeite seit zwanzig Jahren, und ich war immer imstande, meine Familie zu ernähren. Apropos: Was Glück und was Pech ist, erkennst du oft erst ganz am Ende.

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„GoT“-Feschak ­Coster-Waldau beim Biken im ­Hinterland der ­Kattegat-Küste.

Zum Beispiel?

Dass ich die Hauptrolle in „John Carter“ nicht bekam, das war Pech. Zuerst. Aber dadurch konnte ich das Engagement für „Game of Thrones“ annehmen. „GoT“ wurde ein Riesenerfolg. Und „John Carter“ eher nicht so.

Als einer von ganz wenigen Darstellern schafften Sie es bis in die sechste Staffel von „Game of Thrones“. Haben Sie manchmal Angst, die Schöpfer der Serie könnten Ihre Figur killen?

Nein. Ich bin neugierig, wie alles ausgeht.

Gibt es auch etwas, was Sie an Ihrem Job nervt?

Ja, derzeit die Kritik an „Gods of Egypt“. Da regen sich eine Menge Leute im Netz fürchterlich auf, dass ich ein Weißer bin. Dabei ist meine Rolle nicht einmal ein Ägypter. Ich bin ein zweieinhalb Meter großer Gott, der sich in einen Falken verwandelt. Ein Teil von mir will da einfach nur ausflippen, aber dann sagt mein Verstand: „Du kannst nichts dagegen tun. In dieser Diskussion kannst du nicht gewinnen.“ 

„Wir sind doch im Grunde alle Tiere, und deshalb hat die Natur eine tiefe Wirkung auf uns.“
nikolaj coster-waldau

„Wir sind Menschen. Es entspricht unserer Natur, nach vorne zu schauen und nach Lösungen für unsere Probleme zu suchen. Denn wir haben nur dieses eine Leben.“

Bewundernswerte Haltung. Wen ­bewundern Sie?

Jene Hunderttausende, die den Mut ­haben, den schrecklichen Alltag in ihrer Heimat zu verlassen – mit nichts als ihrer Kleidung am Leib. Diese Menschen bewundere ich. Und wir sollten diese Art von Power nutzen, anstatt uns davor zu fürchten. Nehmen Sie die Vereinigten Staaten von Amerika – die wurden von Menschen aufgebaut, die nur eines hatten: die Sehnsucht nach einem besseren Dasein. 

Sind Sie ein Optimist?

Wir sind Menschen. Es entspricht unserer Natur, nach vorne zu schauen und nach Lösungen für unsere Probleme zu suchen. Denn wir haben nur dieses eine Leben.

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04 2016 The Red Bulletin

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