Mustang Wanted

Die Höhe der Tiefe

Text: Daumantas Liekis 
Bilder: mustangwanted.com  

Mustang Wanted klettert auf Wolkenkratzer, Brücken und Kirchen. Ungesichert. Er wurde damit zum Star und zum Gejagten. Ein Gespräch über Abgründe.

Unser Gespräch findet in Kiew statt, nachts. Der Mann, der sich Mustang Wanted nennt, heißt Grigorij, ist 28 Jahre alt, Ukrainer, stammt aus Kiew. Mit den tief in den Taschen seiner alten Trainingshose vergrabenen Händen und der Kapuze im Gesicht sieht er nicht so aus, aber ­Mustang Wanted ist ein Star.

Hundert­tausende Follower auf Facebook, Twitter und Instagram, seine YouTube-Videos werden Millionen Mal geklickt.

Es gibt nicht allzu viele Städte auf der Welt, durch die er so ungestört spazieren könnte: Mustang wurde in jedem Land, das er bisher besuchte, von der Polizei festgenommen. Weil er auf Wolken­kratzer kletterte, auf Brücken, auf Türme, auf Kirchen. Ohne jede Sicherheits­vorkehrung. Und er überstrapaziert ­damit den Humor der Behörden. Sollte er russischen Boden betreten, drohen ihm sieben Jahre Haft.

THE RED BULLETIN: Mustang, Hand aufs Herz – gar keine Angst vor der Polizei?

MUSTANG WANTED: Je größer die Chance, erwischt zu werden, desto besser. Die ­Herausforderung ist dann größer. Am liebsten klettere ich über Gerüste an der Fassade, für jeden sichtbar. Und nur fürs Protokoll: Ich breche keine Schlösser auf. Ich achte speziell darauf, niemandem zu schaden.

Mustang Wanted

2011 / KIEV / 110 METER
Irgendein Haus im Zentrum: Das Brett, auf ­dem Mustang stand, war morsch.


Für Trendsportler, die auf Hausdächer klettern, gibt es eine Bezeichnung: Roofer. Du bist der wahrscheinlich ­bekannteste Roofer der Welt…

… stopp, nein, ich bin kein Roofer. Was ich da oben mache, ist mehr als Roofing. Denk doch an die Sache in St. Petersburg vor ein paar Jahren, die Baustelle mit dem riesigen Kran. Ich bin da mit meinen BASE-Jumper-Freunden hoch, ging auf der Metallkonstruktion herum, zog meine Tricks ab. Stell dir mal einen Roofer vor, der so was macht. Kein Roofer spaziert auf einem Metallbalken, der gerade mal ein paar Zentimeter breit ist. Es ist wie Slacklining, nur schwieriger, denn die Bewegungen einer Slackline kannst du ganz einfach ausgleichen und kontrollieren. Auf den Metallstreben eines Krans, noch dazu in 200 Meter Höhe, ist das unmöglich. Der Wind rüttelt an der Stange, auf der du stehst, es ist quasi unmöglich, ­diese Situation zu kontrollieren. 

Du hast, offensichtlich, auch dieses Abenteuer überlebt.

… wenn uns langweilig wurde, starteten wir den Kran und drehten ihn im Kreis.

Was war das höchste Gebäude, auf das du bisher geklettert bist?

Das war in Dubai, der Princess Tower. Ich hing dort frei an einer Kante in 414 ­Meter Höhe. Ich hab es aber nicht ­wegen des Höhenrekords gemacht. Es ging um das Erlebnis. Erlebnisse sind mehr wert als Rekorde.

Es ist einer der atemberaubendsten ­Anblicke im gesamten Internet: Du hängst da nur an den Fingerspitzen in schwindelerregender Höhe. Ein professioneller Kletterer würde ­Sicherheitsgeschirr verwenden, ein Seil, mindestens einen Helm …

Ich vertraue meinen Händen mehr als ­jeder Kletterausrüstung. Und weil du das Internet angesprochen hast: Es ist mir egal, wie viel Aufmerksamkeit ich bekomme. Die Leute können machen, was sie wollen. Wenn sie meinen Kanal abonnieren wollen oder mein Zeug auf Social Networks liken wollen, sollen sie das ­gern tun. Ist mir gleich. Die Meinung der Öffentlichkeit macht mich weder stärker noch schwächer. Ich tu einfach, was mir Spaß macht – auf Gebäude klettern und coole Videos machen.

Mustang Wanted

2013 / KIEV / 105 METER
Irgendwo in der Innenstadt: Vorher versteckte sich Mustang einige Tage auf dem Dach.

Mit dem Klettern allein ist es nicht ­immer getan. Du machst bei Minusgraden Klimmzüge auf vereisten ­Metallstreben einer mehrere hundert Meter hohen Brücke. Du fährst Skateboard über Abgründen. Verstehst du, dass das die Polizei provoziert?

Ob Kiew, Moskau, Bratislava, Budapest, Berlin oder Dubai, überall hatte ich schon Ärger mit der Polizei. Aber ich verstehe es nicht. Ehrlich. Schaden meine Aktionen irgendjemandem? Nein, niemandem. Eben. ­Warum also sollte ich ins Gefängnis ­wandern?

Du landest erstaunlich selten tatsächlich im Gefängnis. Wie schaffst du es, der Polizei zu entkommen?

Ich laufe davon. Klingt banal, ist aber ­wirkungsvoll. Polizisten laufen langsamer als ich. Die heikelste Situation ist es, wenn ich gerade auf eine Brücke klettere und oben die Polizisten in ihrem Auto warten. In diesem Fall gibt es ja keinen Fluchtweg. Also muss ich sie überlisten. Ich muss ­gegen ihre Fahrtrichtung rennen. Dann sind sie es, die von der Brücke gefangen sind. Denn um zu wenden, ­müssen sie erst das andere Ende der ­Brücke erreichen. Das verschafft mir mehr als genug Zeit.

Reagieren Polizisten überall gleich auf deine Aktionen?

Europäer sind höflich. Wirklich. Höfliche Leute dort bei der Polizei. Ich erinnere mich zum Beispiel an diese sehr hohe Brücke in Budapest. Es war ein sonniger, heißer Tag, das Klettern war anstrengend und schwierig. Plötzlich stach mich eine Wespe in den Arm. Keine Ahnung, was die so weit oben getrieben hat. Ich erreichte die Spitze der Brücke, doch mein Arm machte mir wegen der verdammten Wespe zu schaffen. Klar, jemand hatte mich vom Boden aus gesehen und die ­Polizei gerufen. Sie nahmen mich fest, aber vorher boten sie mir medizinische ­Versorgung an. Das fand ich nett.

„Ich brauche nichts gegen die Angst zu tun, weil ich keine Angst habe. Ich bin entspannt und konzentriert.“
Mustang Wanted
Mustang Wanted

2014 / MOSKAU / 240 METER
Lomonossow-Universität: Seit diesem Stunt droht Mustang in Russland Gefängnis.

In Russland droht dir Gefängnis.

Sieben Jahre, ja. Die russischen Polizisten sind auch die brutalsten. Ich kletterte vergangenes Jahr auf dieses Gebäude in Moskau und bemalte in 176 Meter Höhe den Sowjetstern in den Farben der ­Ukraine.

Mustang Wanted

2014 / KIEV / 40 METER
Irgendwo in der ­Innenstadt: Ein ungestörter ­Fotoplatz – eine echte Seltenheit.

Mich haben sie nicht erwischt. Aber vier meiner Freunde, BASE-Jumper, die zufällig dabei waren, wurden verhaftet und stecken seither im Gefängnis. Was ich tue, verhöhnt die Vernunft der ­bestehenden Gesetze. Würde ich grundlos auf der Straße auf Menschen schießen, bekäme ich drei Jahre. Jetzt soll ich für sieben Jahre ins Gefängnis, weil ich auf ein 176 Meter hohes Gebäude rauf­geklettert bin und einen Stern angemalt habe? Kranke Welt.

Wie reagieren die ukrainischen ­Beamten auf deine Aktionen?

Sie machen gerne Fotos von mir. (Lacht.) 

Eine kuriose Begegnung mit Polizisten?

Beim Abstieg vom Princess Tower in ­Dubai, von dem ich vorhin erzählt habe. Da rannte ich zwei Wachleuten in die Arme, unglaublich große Kerle, unglaublich hässlich, sie sahen aus wie Affen. Sie redeten irgendwelches Zeug auf Arabisch, ich verstand kein Wort. Dann packte mich einer, natürlich wehrte ich mich, fast wäre es zu einer Schlägerei gekommen. Aber dann zeigte ich ihnen Videos und Fotos von mir, auf denen ich auf anderen Gebäuden rumturne. Das gefiel ihnen. Als dann die Polizei kam, war längst alles entspannt. Sie fragten mich, wie ich aufs Dach gekommen war. Sie dachten, ich hätte Schlösser geknackt oder so. Aber es hatte einfach jemand ein Fenster im obersten Stockwerk offen gelassen. Das konnte ich aufklären. Und dann ließen sie mich frei.

Mustang Wanted

2011-2012 / MOSKAU / 140 METER
Irgendwo am Stadtrand: Es war so kalt, dass Mustangs Hände am Metall festfroren.    

Gibt es so etwas wie eine Philosophie hinter dem, was du tust?

Philosophie interessiert mich, das habe ich sogar einige Jahre studiert. Ich bin aber dann von der Uni wieder weg, weil mich Titel und Diplome weniger interessieren. Das braucht man alles nicht, um glücklich zu sein. Ich habe meine eigene Philosophie. Versuch erst gar nicht, sie zu verstehen.

Mustang Wanted

2010 / KIEV / 50 METER
Fussgänger-Brücke zur Truchanow-Insel im Dnjepr: Hier kletterte Mustang schon als Kind – damals natürlich ohne Rad.  

Ich bin davon überzeugt, wenn du etwas gern tust und wenn du keinem damit schadest, ist das gerecht. ­Niemand kann dir einreden, es sei ein Verbrechen. Und merk dir: Ich tue das nicht, um reich oder berühmt zu ­werden oder um als ­Athlet Rekorde aufzustellen. Ich mach es einfach, weil ich es gerne tue.

Was tust du gegen deine Angst, wenn du nur an den Fingerspitzen in ­hunderten Metern Höhe baumelst?

Nichts. Ich brauche nichts gegen die Angst zu tun, weil ich keine Angst habe. Ich bin entspannt und konzentriert. Nur darauf kommt es an. Entspannung und Konzen­tration sind die Voraussetzungen für ­Kontrolle.

Was tust du an einem entspannten Abend zu Hause?

Tee trinken. Nur Tee. Nie Alkohol oder andere Drogen. Und ich schaue mir Videos von James Kelly an, wie er Skateboard fährt. Der ist so unglaublich entspannt auf seinem Board.

Mustang Wanted

2012 / MOSKAU / 156 METER
Hochhaus aus der Zeit Stalins am Kudrinskaja-Platz: Mustang balanciert auf dem Stern an der Spitze.

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05 2015 The Red Bulletin

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