Jeffrey Tambor aus "Transparent" im Interview

Jeffrey Tambor: „Es braucht viel Mut, um authentisch zu sein!“

Interview: Holger Potye
Foto: Getty Images

Wenn du Glück hast, bekommst du als Schauspieler einmal die Chance auf die Rolle deines Lebens. Jeffrey Tambor fand sie, indem er eine Perücke aufsetzte, in ein Kleid schlüpfte und sich in eine Frau verwandelte. Willkommen in der Welt von Maura Pfefferman aus „Transparent“.

Wir haben den Star der Amazon-Prime-Hitserie „Transparent“ beim TV-Festival in Monte Carlo getroffen.

THE RED BULLETIN: Sie haben in Interviews erwähnt, dass sie durch diese Rolle viel über sich selbst gelernt haben. Können Sie das ein bisschen genauer erörtern?

JEFFREY TAMBOR: Als Schauspieler ist man immer auch mit seiner Rolle verbandelt. Und wenn man jemand wie Maura Pfefferman spielt, hat man keine Chancen nicht auch von ihr berührt zu werden. Es klingt vielleicht ein bisschen gekünstelt, aber in gewisser Weise war sie meine Lehrerin. Die Sache ist die: Bei Maura weiß ich nicht immer, wie genau ich eine Szene spielen soll. Ich muss sie ausprobieren, um herauszufinden, was in ihr steckt. Ich muss Mauras Leben leben, um zu verstehen, wie ihr Leben ist. Da hat man keine Chance, nicht von dieser Rolle berührt zu werden.

Maura hat mich verändert. Ich glaube sie hat auch meine schauspielerischen Fähigkeiten verbessert. Ich lerne immer noch dazu. Ich scheine mehr im Hier und Jetzt zu sein. Ich scheine ein besserer Vater zu werden. Ich scheine ein besserer Ehemann zu werden und ich werde von Tag zu Tag dankbarer, weil Maura die Rolle meines Lebens ist.

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Können Sie sich an den Moment erinnern, als Sie sich zum ersten Mal in Maura verwandelt haben?

Ja, ganz genau. Ich war Abendessen in einem Hotel in Los Angeles mit den Beratern der Serie, Reese Ernst und Zachary Drucker, und der „Transparent“-Erfinderin Jill Solloway. Wir haben Essen bestellt, lange geplaudert und uns dann spontan entschlossen, mit Maura auszugehen. Ich habe mich also vor einen Spiegel gestellt, Mauras Perücke aufgesetzt, bin in ein Kleid geschlüpft und habe mich geschminkt.

Wie fühlten Sie sich in diesem Moment?

Wie wenn man einem alten Freund begegnen würde. Aber ich war ganz schön nervös, als ich durch die Lobby gehen musste. Meine Füße haben gezittert. Wir mussten lange auf ein Taxi warten. Und ich sagte mir: Vergiss diesen Moment nie. So fühlt sich Maura jeden Tag. Es war wie ein Erwachen für mich. Mittlerweile habe ich mich schon mehr daran gewöhnt, aber ich bin immer nervös wenn ich mich in Maura verwandle, weil ich meinen Job gut machen will. Ich muss diese Rolle authentisch spielen. Leben hängen davon ab, wie wir gesehen haben. (Hinweis: gemeint ist der Anschlag auf einen Gay Club in Orlando) Maura ist vom weiblichen Standpunkt her betrachtet noch sehr jung. Sie weiß nicht, wie man Make-up aufträgt. Es war schwierig in Frauenschuhen zu gehen. Maura und mir geht es, was das betrifft, sehr ähnlich. Mir war nicht bewusst, wie ignorant wir Männer eigentlich sind. Mittlerweile erwische ich mich dabei, bei Events Frauen zu fragen wie sie ihr tolles Make-up hinbekommen haben. Es dauert Monate, bis man gelernt hat, sich gut zu schminken. Diese Rolle hat mich zum Aufwachen gebracht und dafür bin sehr dankbar.

Cross River NY

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„Es ist wichtig, dass ich diese Rolle authentisch spiele. Leben hängen davon ab, wie wir gesehen haben.“

Sollte sich jeder Mann zumindest ein Mal in seinem Leben in eine Frau verwandeln?

Das wäre gut. Man wird sich gewisser Dinge erst dann bewusst. Eines der kleinen Dinge, die ich gelernt habe, seit ich in der Serie Laura verkörpere, ist, wie viel Vorbereitung es braucht, um eine Frau zu sein. Ich hatte ja keine Ahnung, wie viel Mühe dahintersteckt sich zu schminken, die Kleidauswahl zu treffen, etc. Mein Lernprozess war also groß.

Mussten Sie lange überlegen, bevor Sie die Rolle angenommen haben?

Nachdem ich acht Seiten des Drehbuches gelesen hatte, bettelte ich unsere Show-Produzentin Jill Soloway regelrecht an, die Rolle spielen zu dürfen. Ich bin kein Kind mehr und ich wusste: „Das ist die Rolle meines Lebens.“ Die Familie Pfefferman ist eine typische jüdische Westküsten-Familie. Alles wirkte so authentisch. Als Amazon Prime dann grünes Licht für die Serie gab, wurde mir plötzlich klar: Jeffrey muss wieder die Schulbank drücken. Ich wurde ein wenig nervös. Es folgten einige seltsame Twitter-Meldungen von Leuten innerhalb und außerhalb der Community. Einige Leute meinten sogar, ich sollte mich schämen so eine Rolle zu spielen. Es gibt sie also, die Hater. Das war für mich auch Teil des Lernprozesses. 

Wie haben Sie sich auf die Rolle vorbereitet? 

Ich habe viel gelesen. Die Botschaft der Serie lautet: „Es sind Menschen!“ Ganz egal, welcher Community oder (Rand)gruppe man angehört: Es sind Menschen. Es sind keine Dinge, keine Unnatürlichkeiten. Wir reden hier über Menschen. Die Opfer von Orlando waren Menschen, keine Dinge. Sie waren Söhne und Töchter. Das ist meine Mission: Ich möchte durch meine Rolle der breiten Öffentlichkeit zeigen, dass wir alle Menschen sind - egal, welcher Randgruppe wir angehören.“

Wie erklären Sie sich den Erfolg der Serie „Transparent“?

Wir zeigen in der Show eine moderne Familie. Es ist mir extrem wichtig ein akurates Portät dieser Familie und der Community, in der Maura sich bewegt, zu zeigen. Maura hat viel Geld. Das haben die meisten Transsexuellen nicht. Sie könen sich die nötigen Operationen und Behandlungen zur Umwandlung oft nicht leisten. 

(Macht eine kurze Pause.) Es tut mir leid, ich merke, dass ich gerade emotional werde. Es braucht Mut, um authentisch zu sein. Es braucht Mut, um öffentlich zu dem zu stehen, wer oder was man ist. Darum geht es in der Serie. Als Maura sich dazu entschließt, sich in eine Frau zu verwandeln, flippen ihre Kinder natürlich aus. Die Presse ist in den Reviews ziemlich über die Kids hergezogen und das Publikum hält sie für egoistisch. In Wahrheit haben sie aber nur Angst. Ihr Papa hat die Familie verlassen. Noch schlimmer: Ihr Papa ist jetzt eine Mama.

Bekommen Sie für ihre Darstellung von Maura positives Feedback aus der Community?

Ja, es ist viel positiver, als ich erwartet hatte. Mit der Zeit hatten wir das Vertrauen der Community gewonnen. Und gerade sie wurde schon so oft falsch in den Medien dargestellt. Die meisten transsexuellen Charaktere in Film und TV waren Karikaturen und schlecht geschrieben. Deshalb ist es so wichtig, die Konversation am Laufen zu halten, die Revolution am Laufen zu halten. Ich will nur, dass das Thema in den Medien bleibt, dass wir darüber diskutieren - egal, ob man dafür oder dagegen ist. Ich will einen Scheinwerfer auf dieses Thema richten. Etwas, das immer im Dunkeln passierte, kommt jetzt ans Licht. Und das ist gut so. Ich bin ein Schauspieler. Ich spiele nur eine Rolle, nicht mehr. Ich kann nicht das Sprachrohr dieser Community sein. Im besten Fall kann ich ihr Verbündeter sein.

„Wofür ist das Leben da, wenn nicht um etwas zu lernen?“

Hatten Sie anfangs Angst vor negativen Kommentaren?

Nein. Ich nehme gerne Risiken auf mich. Dein Herz schlägt dann manchmal ein bisschen schneller. Ich wusste nur, die Rolle bedeutete eine große Verantwortung. Jeden Tag lernte ich etwas dazu. Aber wofür ist das Leben da, wenn nicht um zu lernen? Ich bin privilegiert. Ich habe einen Job und freue mich jeden Tag darauf. Die meisten Menschen haben diesen Luxus nicht.

Wie wissen Sie, ob Sie bei einer Szene nicht übertreiben?

Ich habe Berater am Set. Ich kann sie alles fragen. Manchmal sagen sie mir, dass ich meine Beine nicht so weit spreitzen soll. (Lacht.) Es gab da eine spezielle Szene in der zweiten Staffel. Wir drehten gerade die Hochzeit und der Hochzeitsfotograf hat mich mit „Sir“ angeredet. Das stand nicht im Skript. Ich improvisierte und fragte ihn: „Haben Sie mich gerade ‚Sir‘ genannt?“ Und meine Frau in der Serie, Shelly, sagte: „Ja, hat er“. Darufhin sagte ich: „Wir gehen!“ Dann sind wir abgezogen. Das stand alles nicht im Skript. Und unsere Produzentin Jill (Soloway) hat einfach die Kamera laufen lassen. Die Szene wurde verwendet und einige TV-Kritiker bezeichneten sie als die Matrix der Pfefferman-Geschichte. Auf unserem Set ist alles möglich.

Jeffrey Tambor Transparent

Als Sie sich in Maura verwandelt haben, hat das sehr viel Veränderung in die Pfefferman-Familie gebracht.

Ja, sobald ich als Familienvater aus dem Familienkreis ausgetreten bin, ist alles außer Kontrolle geraten. Freuen Sie sich auf die dritte und vierte Staffel. Meine Probleme sind nur ein kleiner Teil des Ganzen. Wir reisen zum Beispiel nach Berlin, um die Wurzeln der Pfefferman-Familie zu erforschen. Ist Ali in einer lesbischen Beziehung, oder nicht? Die ganze Familie Pfefferman ist auf der Suche nach Identität.

Wäre eine Serie wie „Transparent“ auch bei einem Kabelsender möglich gewesen?

Ich glaube, ein Projekt wie Transparent ist nur via Streaming-Anbieter möglich. Das finde ich gerade so cool. Ich liebe es, als 70-Jähriger wieder hip zu sein und genau wie die Kids meine Serien auf einem mobilen Gerät anzuschauen. Das ist die Zukunft. So schauen Kids in der Zukunft fern. Das wird das neue Fernsehen. Und es wird schnell passieren.

Ist es leichter Geschichten bei einem Streaming-Anbieter wie Amazon Prime oder Netflix zu erzählen?

Vom Erzählen her ist es schöner, wenn man eine Geschichte verfassen kann und sich dabei nicht den Kopf zerbrechen muss, ob ich jetzt Werbeunterbrecher einplanen muss oder nicht. Aus der Perspektive des Zuschauers betrachtet ist Streaming-Content wie der Gang in die Bibliothek, wenn man nach einem Buch sucht. Für ältere Semester wie mich wirkt das im ersten Moment vielleicht abschreckend, weil ich über einen PC einsteigen muss. Aber das ändert sich Schritt für Schritt. Fakt ist: Die Geschichte ist wieder König. Charaktere werden wieder wichtig. Und die Geschichten, die wir zurzeit erzählen, sind fabelhaft.

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09 2016 The Red Bulletin

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