Stephansdom, Wien

Verboten schönes Wien

Text: Paul Krisai
Bilder: Die 78er – Institut für Stadterkundung

Jedes Dach eine Einladung, jeder Schacht eine Gelegenheit: Urban Explorers erforschen die Stadt hinter der Stadt. Sie klettern auf Kräne, steigen in Hausruinen, schleichen durch U-Bahntunnels. Auf nächtlicher Expedition zwischen Neugier und Vernunft. 

Martins müde Augen verraten, dass er letzte Nacht später ins Bett gekommen ist. „Wir waren um vier Uhr daheim.“ Seit drei Jahren tauchen sein Freund Daniel und er bei Nacht in den Untergrund der Stadt ab. Im Schutz der Dunkelheit erkunden und fotografieren sie Orte, die schwer zugänglich oder gut versteckt sind. Und achten dabei trotz des Adrenalinkicks auf jeden Tritt: „Wenn man nicht aufpasst, kann es lebensgefährlich sein.“

Urban Exploring ist Sightseeing im Untergrund. Jede unversperrte Tür, jede Lücke in einem Bauzaun, jedes Gerüst wird zur Einstiegsluke in eine Stadt, die fast keiner kennt. Leerstehende Hochhäuser und geheime Verbindungstunnels im U-Bahnnetz – Martin und Daniel kommen an Orte, die man im Alltag nicht wahrnimmt.

Stephansdom, Wien

Stephansdom, 1. Bezirk

„Für diese Perspektive sind wir extra auf einen Kran geklettert. So waren wir mit dem Dom ‚auf Augenhöhe‘. Diesen Blick kriegt man sonst nicht.“

© Die 78er – Institut für Stadterkundung

Inzwischen können sie gar nicht mehr durch die Stadt gehen, ohne ständig ihre Umgebung zu scannen: Schiefhängende Jalousien können ein Hinweis sein, dass ein Haus verlassen ist; Baugerüste sind die bevorzugte Aufstiegshilfe; Überwachungskameras die natürlichen Feinde.

Als Martin und Daniel – beide sind Ende 20 und wollen ihre echten Namen hier nicht lesen – den ersten Baustellenkran erklommen, schlotterten ihnen noch die Knie. „Am Anfang hatte ich katastrophale Höhenangst“, sagt Daniel. Er besiegte die Angst, indem er sich so oft wie möglich der Höhe aussetzte. „Wenn du das überwunden hast, merkst du plötzlich: Du kannst überall hin. Nichts hält dich mehr zurück.“ Mit wachsender Erfahrung trauten sich die beiden immer mehr zu, wurden mutiger, aber nicht übermütig. Bis heute sind sie nicht die „Typen, die sich mit einer Hand von einem Kran runterhängen lassen“. „Das wäre uns zu blöd. Wir wollen ja nur schauen. Und fotografieren.“ Mit Szenegrößen wie Mustang Wanted, den sie bereits in Wien empfangen haben, wollen sie sich nicht messen.

Rossauer Kaserne, 1. Bezirk

Rossauer Kaserne, 1. Bezirk, Wien

„In diesem Gebäude sind Verteidigungsministerium, die Landespolizeidirektion und die Sondereinheit WEGA untergebracht.“ Bei dieser Aktion war Martin, der Fotograf der 78er, alleine unterwegs. „Überall waren Polizisten. Ich musste mich oft hinter Scheinwerfern wegducken, damit man mich nicht sieht. Dann auf diesen Burgturm rauf, das Foto machen. Dort oben hat man dann eigentlich seine Ruhe. Es weiß ja niemand, dass man da ist. Im Idealfall zumindest.“

© Die 78er – Institut für Stadterkundung

Das Institut wird zur Institution

Die Bilder ihrer nächtlichen Ausflüge veröffentlichte das Duo von Anfang an im Netz. Unter dem Pseudonym Die 78er – Institut für Stadterkundung treten die beiden auf Facebook auf. Mit über 7000 Likes und mehreren Ausstellungen ist das „Institut“ zur Institution geworden – zumindest, was Urban Exploring in Wien betrifft. Vor kurzem hätten Bekannte am Dach einer Universität ein Liebespaar überrascht, erzählt das Duo. Die Ertappten stellten nur eine Frage: „Seid ihr die 78er?“

„Mach die Augen auf und schau dir die Stadt selbst an.“
Die 78er

Es gibt aber auch kritische Stimmen. Andere Stadterkunder, Vertreter der „Szene“, die ein Ende des Urban Exploring fürchten, wenn zu viele Menschen davon erfahren. Wenn alle Spots verraten, alle Orte geknackt sind. Die 78er teilen diese Sorge nicht: „Wir finden es super, wenn andere Leute sich die Stadt anschauen so wie wir.“ Dass ihr Hobby jemals langweilig wird, glauben sie nicht. „Mach die Augen auf und schau dir die Stadt selbst an. Du findest sicher was.“

Ohne Brechstange

„Urbexer“ behandeln jeden Ort wie ein Museum: Schauen ist erlaubt, angreifen nicht. Im Gegensatz zu Sprayern oder gar Vandalen verändern die Stadtentdecker nichts an den Plätzen, die sie erforschen. Zutritt verschaffen sie sich ausschließlich durch offene Türen oder Fenster – eine Brechstange fehlt in der Ausrüstung.

Trotzdem ist auch ihr Tun illegal. Wer erwischt wird, muss in Österreich unter Umständen mit einer Besitzstörungsklage oder einer Anzeige rechnen. Dem Ukrainer Mustang Wanted drohen in Russland sogar sieben Jahre Gefängnis. So weit wollen es die 78er nicht treiben. Sie gehen keine „unnötigen Risiken“ ein, schützen ihre Identität und blasen eine Aktion auch einmal ab, wenn sie sich als zu gefährlich herausstellt. Denn ihnen geht es um mehr als den Adrenalinkick: „Es geht um das Gefühl, die Stadt von allen Seiten zu kennen.“

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08 2015 redbulletin.com

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