Marc Michael Wanda beim Shooting für THE RED BULLETIN

Marco M. Wanda: „Hart arbeiten ist viel wichtiger als Kreativität“

Interview: Andreas Rottenschlager
Fotos: Maria Ziegelböck

Marco Michael Wanda befindet sich mit seiner gleichnamigen Band im Höhenflug. Doch auf der Suche nach Inspiration sind die Beatles nicht immer die einzigen Begleiter des Sängers und Songwriters. Manchmal müssen auch andere Mittel seiner Kreativität auf die Sprünge helfen.

Seine Songtexte retten kaputte Ehen. ­Inspirieren lässt er sich von Taxifahrern und den Beatles. Und er weiß, wie man ­Kreativität erzwingt. (Spoiler: Um eine gute Idee zu entwickeln, muss man kein Genie sein.) Wanda-Sänger Marco Michael Wanda im Interview.

THE RED BULLETIN: Marco, Ihre Band wird im ­gesamten deutschen Sprachraum für Lieder ­gefeiert, deren Texte Sie schreiben. Was machen Sie, wenn Ihnen einmal nichts mehr einfällt?

MARCO MICHAEL WANDA: Sie meinen Schreib­blockaden? Die gibt es immer wieder. Meistens sitze ich sie einfach aus.

Sie sagen das so lapidar. Immerhin leben Sie von Ihrer Musik.

Ja. Aber ich habe mittlerweile gemerkt, dass ich ­immer etwas schreiben kann, wenn es ernst wird.

Was macht Sie so sicher?

Dass ich mein Handwerk gelernt habe. Bevor ich ­anfing, Lieder zu schreiben, bin ich jahrelang durch Wien gezogen und habe interessanten Leuten zu­gehört: Schriftstellern, Jazzmusikern, Betrunkenen, Taxifahrern. Ich habe meine Seele mit ihren Geschichten aufgeladen und so meine Sprache als ­Liedermacher gefunden. Wenn ich heute einen Song schreibe, rufe ich diese Sprache ab.

Dass Sie sich von Musikern und Schriftstellern inspirieren lassen, verstehen wir. Aber was kann man von Betrunkenen und Taxifahrern über Kreativität lernen?

Dass es egal ist, wer etwas sagt. Solange die Leute ihre Geschichten aufrichtig erzählen. Nur das zählt.

Marco M. Wanda beim Shooting für THE RED BULLETIN

Dürfen Kreative bei Vorbildern kopieren? „Klar“, sagt Wanda. „Jeder Handwerker lernte früher von seinem Vater.“

Mit Ihrer Art, Geschichten zu erzählen, sind Sie extrem erfolgreich. Die beiden Wanda-Alben „Amore“ und „Bussi“ wurden mit Platin aus­gezeichnet. Auf Ihren Konzerten tanzen Künstler neben Geschäftsleuten, egal ob Sie in Vorarlberg oder Berlin spielen. Wie erreichen Sie so ein ­großes Publikum?

Mit Ehrlichkeit. Unsere Herzen stehen offen, sobald wir die Bühne betreten. Die Leute merken das. Wir haben uns als Band unsere Mission lange überlegt. Wanda grenzen niemanden aus: Die Künstler und ­Geschäftsleute können gemeinsam an der hemmungslosen Rock-’n’-Roll-Party teilhaben.

Zu Ihren Partys kommen mittlerweile bis zu 20.000 Menschen. Sind Sie vor Auftritten nervös?

Nein. Warum?

Weil es für die meisten Menschen schwierig ist, das Ergebnis ihrer kreativen Arbeit vor Publikum zu präsentieren.

Mag sein. Für mich ist das die Erfüllung meines ­Lebens. Ich habe nichts so sehr genossen wie die 120 Konzerte mit Wanda in den vergangenen sechs Monaten.

„Wer gut werden will, muss Niederlagen schneller wegstecken.“
Marco M. Wanda

Was machen Sie, wenn im Publikum keine Stimmung aufkommt?

Auch solche Abende gibt es, klar. Aber spätestens nach der Hälfte des Konzerts haben wir die Leute ­immer (lacht).

Sie sagten vorher, dass Sie mehrere Jahre gebraucht haben, um das Liederschreiben zu lernen. Wir wollen heute über Rezepte sprechen, mit denen man Kreativität ganz spontan anregen …

Drogen.

Wie bitte?

Drogen müssen auf die Liste.

Ein verstaubtes Klischee. Finden Sie nicht?

Es schadet jedenfalls nicht, Grenzen überschritten zu haben. Und zurückzukommen. Und dann darüber zu schreiben. Das ist auch eine Erfahrung.

Nehmen wir an, es sind gerade keine Drogen da: Wie kann man Kreativität spontan anregen?

Es hilft, sich an guten Beispielen zu orientieren. Ein Song. Ein Buch. Ein Gemälde. Man kann diese Beispiele als Sprungbretter nutzen und sich auf ein Niveau federn, auf dem es sich leichter arbeiten lässt. Als ich die Lieder für Wanda schrieb, habe ich zum Beispiel oft die Beatles gehört.

Welcher Beatles-Song eignet sich besonders gut als kreatives Sprungbrett?

„Strawberry Fields Forever“.

Ein eher komplexer Song. Angeblich brauchten die Beatles 26 Takes, um das Lied einzuspielen. Was ist daran inspirierend?

Dass die Akkorde keinem fixen Schema folgen, wie im Blues oder Rock ’n’ Roll. Der Song hat alle tradi­tionellen Strukturen gesprengt. Genau das macht ihn so spannend.

„Sie würden staunen, wie hart Mozart an sich gearbeitet hat, um gut zu werden. Harte Arbeit ist viel wichtiger als Kreativität.“
Marco M. Wanda

Hilft die Sprungbrett-Methode auch bei kreativen Aufgaben im Alltag? Wenn ich eine PowerPoint-Präsentation erstellen muss? Oder einen Geschäftsbericht für meinen Chef schreiben? 

Klar. Man kann sich für alles in Stimmung bringen. Beim Schreiben. Beim Ostereiermalen. Man kann sich auch in Stimmung ficken!

Wunderbar. Aber was ist, wenn ich mich von den Beispielen eingeschüchtert fühle? Weil ich niemals so kreativ werde wie die Beatles?

Sie müssen aufhören, Kreativität zu bewundern! Das ist ganz wichtig. Hört auf zu staunen!

Wie meinen Sie das?

Kreativität an sich hat nichts mit Hochkultur zu tun. Sie kommt aus dem Volk. Handwerk ist kreativ. Tassen anmalen. Decken häkeln. Kreativität ist das Natürlichste überhaupt. Jeder Mensch kann kreativ sein.

Aber nicht jeder kann Lieder schreiben wie John Lennon und Paul McCartney. Oder Opern kom­ponieren wie Mozart.

Sie würden staunen, wie hart Mozart an sich ge­arbeitet hat, um gut zu werden. Er hat sogar Konzerte abgebrochen, wenn ihm etwas Neues eingefallen ist. Er sagte zu seinem Publikum: „Sie können jetzt ­gehen. Ich muss komponieren.“ Hart arbeiten ist viel wichtiger als Kreativität. 

© Youtube // ProblembaerRecords

Ich muss also nicht hochbegabt, sondern nur extrem fleißig sein, um mit meiner PowerPoint-Präsentation Erfolg zu haben?

Egal mit welcher kreativen Leistung Sie Geld ver­dienen wollen: Sie müssen viel mehr arbeiten als in einem normalen Beruf. So viel ist sicher.

Zu Ihren kreativen Leistungen gehört, neben ­Liederschreiben und Singen, auch Ihre Live-Performance. Sie springen ins Publikum, werfen Frauen Kusshände zu oder drehen Pirouetten wie ein Tänzer. Von welchen Rockstars schauen Sie sich solche Posen ab?

„Wie man es schafft, negative Kritik nicht persönlich zu nehmen? Lass dir ein paar Eier wachsen! Das ist eine Frage des Willens.“
Marco M. Wanda

Mir gefallen Sänger, die mit ihrem Körper ihrer Stimme dienen. Die einen Ton singen und ihren Körper darauf reagieren lassen. Kurt Cobain zum Beispiel …

… der Sänger von Nirvana? Der war doch eher für zertrümmerte Gitarren berühmt. In einem Konzertvideo hechtet er in das Drum-Set seines Schlagzeugers.

Er war eben ein Bewegungstalent. Kurt Cobain hat mit seiner Gitarre getanzt und sich wundervoll bewegt. Das versuche ich auch.

Es ist also okay, wenn sich ein Kreativer seinen Stil zusammenkopiert?

Na klar. Rock ’n’ Roll ist Diebstahl. Außerdem blickt die Menschheit auf ein 120.000 Jahre altes kulturelles Erbe zurück. Warum sollten wir das nicht nutzen? Jeder Handwerker lernte früher von seinem Vater. Man gab Wissen weiter und fügte Neues hinzu.

Was ist, wenn ich mit meiner PowerPoint-Präsentation trotzdem scheitere?

Es ist gut, einmal gescheitert zu sein. Sonst gewinnt die Arbeit nicht an Dringlichkeit.

Marco M. Wanda auf einem Sofa im Bristol Hotel

Marco M. Wanda: „Es tut gut, mit einer Idee gescheitert zu sein. Sonst gewinnt deine Arbeit nicht an Dringlichkeit.“

Als erfolgreicher Künstler sagt sich das leicht. Woran sind Sie gescheitert?

Ich bin oft und hart kritisiert worden. Von meinem Vater zum Beispiel. Ich habe ihn einen meiner ersten Prosatexte lesen lassen, noch bevor ich mit dem Liederschreiben anfing. Er hat sich eine Woche mit dem Text beschäftigt. Dann teilte er mir sein Urteil mit: „Der Text ist scheiße.“

Hatte er recht?

Im ersten Moment dachte ich nein. Ich war furchtbar wütend. Ein paar Tage später las ich den Text noch einmal mit fremden Augen. Da bemerkte ich dessen Schwäche: Man konnte ihn nicht nachfühlen. Mein Vater hatte also recht.

Was haben Sie aus seiner Kritik gelernt?

Dass man wenig Zeit hat, um gut zu werden. Man muss Niederlagen schneller wegstecken. Das unterscheidet erfolglose von erfolgreichen Kreativen.

„Anscheinend sind unsere Konzerte Drehscheiben für menschliche Kontakte. Den Gedanken finde ich schön.“
Marco M. Wanda

Wie schaffe ich es, negative Kritik nicht persönlich zu nehmen?

Lass dir ein paar Eier wachsen.

Okay.

Das ist eine Frage des Willens, wirklich. Einfach ­weitermachen. Es gibt keine Blamagen.

Fassen wir zusammen: Ich lasse mich inspirieren, kopiere selbstbewusst von meinen Idolen, arbeite­ hart an meiner PowerPoint-Präsentation und nehme Kritik nicht persönlich. Wie erkenne ich am Ende, ob das Ergebnis gut ist?

Indem Sie schauen, ob es den Leuten gefällt. Es muss ein gesundes Verhältnis zwischen Zuspruch und ­Qualität geben. Wenn einer sagt: „Oh, ihr versteht mich alle nicht, aber schaut her: Hier ist ein Einzelner, der mich versteht!“, ist das falsch. Es muss genau ­umgekehrt sein.

Mit Wanda ist Ihnen das jedenfalls gelungen. Ihre Botschaften sind Exzess und Liebe. Stimmt es, dass Sie mit Ihrer Musik sogar ein geschiedenes Ehepaar versöhnt haben?

Ja. Die zwei kamen nach einem Konzert in München zu uns. Das Paar hatte sich scheiden lassen. Danach kauften sie sich unabhängig voneinander unser ­Album „Amore“. Irgendwann begannen sie sich über unsere Liedtexte zu unterhalten. So fanden die beiden wieder zusammen.

Wow.

Sie finden das bemerkenswert?

Natürlich. Sie nicht?

Christina Aguilera hat sicher auch einige Ehen ­gerettet mit ihrer Musik. 

Ihre Lieder haben zwei Menschenleben positiv ­beeinflusst. Das schafft man mit einer PowerPoint-Präsentation eher selten.

Vielleicht haben Sie recht. Erst kürzlich hat mir ­wieder ein Fan erzählt, dass er auf einem Wanda-Konzert eine Frau kennengelernt hat. Anscheinend sind unsere Auftritte Drehscheiben für zwischenmenschliche Kontakte. Diesen Gedanken finde ich schön.

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04 2016 THE RED BULLETIN

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