Deichkind

„Warum singen Sie Werbe-Slogans, Deichkind?“

Interview: Andreas Rottenschlager

Die Hamburger Elektro-Rapper schreiben Deutschlands klügste Pop-Songs. Tipps holen sie sich von Psychologen, einer Achtziger-Band und eigenen Facebook-Scouts.

THE RED BULLETIN: Ihre Alben werden von Hip-Hop- und Elektro-Fans gekauft. Auf Ihren Konzerten tanzen Feuilleton-Leser neben Kampftrinkern. Wie ­schaffen Sie das?

HENNING BESSER: Ganz einfach – du holst dir von jedem dieser Typen einen in die Band. Philipp hat Chemie studiert, Ferris (Hilton alias Sascha Reimann, Rapper von Deichkind; Anm.) ist Kfz-Mechaniker. In unserer Bühnen-Crew gibt es Extremsportler, Hobby-Angler und Trinker.

Und Sie schreiben Texte, um die Sie jede Werbeagentur beneidet: Titel wie „Bück dich hoch“, „Arbeit nervt“ oder „Leider geil“ sind in den Sprachgebrauch eingegangen. Wie bleiben Sie als Mitte-Dreißig- bis Vierzigjährige so nah am Zeitgeist?

BESSER: Wir beschäftigen Trendscouts. 

Jetzt verarschen Sie uns.

BESSER: Nein. Wir haben vier Angestellte, die für uns soziale Medien nach Trends durchforsten. Außerdem schicken wir sie in die Clubs nach Berlin und New York. Die gehen für uns feiern und schreiben dann Berichte.

Was steht in diesen Berichten?

BESSER: Zum Beispiel, dass Jugendliche sensibel auf Werbung reagieren – vor allem in sozialen Medien. Sie wollen sich informieren, ohne dauernd mit Werbung zugeschissen zu werden. Deswegen haben wir einen Song über dieses Thema geschrieben – „Powered by Emotion“. 

Ein ganzes Lied? Über Online-Werbung?

SEBASTIAN DÜRRE: Über die Dauer­präsenz von Werbung. Alle Strophen bestehen nur aus Slogans.

„Leider geil“

Album: Befehl von ganz unten; Veröffentlicht: Februar 2012

Ich fasse zusammen: Ihre Texte stammen also aus eigener Marktforschung – und aus der Werbung.

BESSER: Nicht nur. Wir lesen auch Bücher. „Der schnelle Weg zum Nr.1 Hit“, zum Beispiel. Von KLF, einer britischen Elektro-Band der Achtziger und frühen Neunziger. Standard-­Lektüre, haben wir alle drei ­gelesen. Keine Verarsche jetzt. Echt.

PHILIPP GRÜTERING: Außerdem schauen wir YouTube. Dort kannst du alles über Musik lernen: Gitarre spielen, Freestyle-Rap, wie man kreativer wird.

Welches YouTube-Video macht denn bitte kreativer?

BESSER: „Prof. Peter Kruse über Kreati­vität“. 

„Wir haben unsere Bühnen-Anzüge mit Smartphones beklebt. Die kosten jetzt 50.000 Euro.“

Wer ist das?

Ein deutscher Psychologe. Sehr genial. Echt. Anschauen!

Ab Anfang März testen Sie Ihre Songs vor Publikum, Ihre Tour füllt mittlerweile Stadien. Wie wollen Sie Ihren Ruf als eine der wildesten Live-Bands Deutschlands verteidi…

DÜRRE: Moment! Wir sind die wildeste Live-Band Deutschlands! 

BESSER: Wir haben drei Jahre an der ­neuen Show gearbeitet. Die Band wird Handy-Smokings tragen. Anzüge aus edelsten Haute-Couture-Stoffen. Die ­haben wir vorne und hinten mit Smartphones beklebt. 

DÜRRE: Die Handy-Bildschirme leuchten im Dunkeln. Es gibt drei Anzüge. Jeder kostet 50.000 Euro. 

FAKTEN:

Name:
Deichkind

Gegründet:
1997 in Hamburg

Besetzung:
MCs: Philipp Grütering („Kryptic Joe“), Sebastian Dürre („Porky“) und Sascha Reimann („Ferris Hilton“); Regie und Kostüme: Henning Besser („La Perla“)

Musik:
Elektro-Hip-Hop für Trichtertrinker und Intellektuelle

Wird es wieder Riesen-Trampoline, LED-Sonnenbänke und Bürosessel-Choreographien geben, wie auf der letzten Tour?

GRÜTERING: Verraten wir nicht. Wir sind eine Band, die gern überrascht.

BESSER: Sagen wir so: Bei der letzten Tour brauchten wir vier Trucks für das Equipment. Diesmal sind es acht. Aber wir haben immer noch alles selbst zusammengeschweißt. Im Gegensatz zu vielen ­Megastars, die den Bühnenbau längst ausgelagert haben. 

DÜRRE: Wir schweißen selbst. Weil wir geiler sind als die.

Ihr wildestes Konzert bisher?

DÜRRE: Wir haben alles schon erlebt: ­minus 20 Grad in den Bergen vor der Skisprungschanze. Wir spielten im T-Shirt. Und plus 42 Grad in Budapest. Da mussten sie die Teenies reihenweise aus dem Publikum ziehen. In manchen Hallen ­gingen sogar die Feuerzeuge aus, weil nicht mehr genug Sauerstoff da war. Wir sind eben keine Band, die Bach-Sonaten auf dem Cello performt.

Fühlt es sich nicht albern an, als knapp Vierzigjähriger ein Smartphone-Kostüm zu tragen und vor 10.000 Jugendlichen über Werbung zu singen?

DÜRRE: Nein. Es ist toll! Macht ja auch Riesenspaß. Deichkind-Konzerte schaffen Freiräume zum Ausflippen. Und dazu ­laden wir euch alle ein.

GRÜTERING: Alle. Außer Nazis. Die ­können wir nämlich nicht leiden. 

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04 2015 The Red Bulletin

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