Dave Grohl

Dave Grohl: Der Rockgott im Exklusiv-Interview

Interview: Marcel Anders
Fotos: David Clerihew

Dave Grohl denkt auch mit 45 und zwei Jahrzehnten als Weltstar nicht daran, sich auf altem Ruhm auszuruhen. Er sagt: „Ich bin mir sicher, dass das, was ich mache, nach den Standards anderer Leute völlig daneben ist. Aber: Scheiß drauf.“ Ein Interview mit dem Mann, der Rock’n’Roll besser kapiert als jeder andere auf diesem Planeten

In den Neunzigern wurde Dave Grohl als Schlagzeuger von Nirvana ein Weltstar. Und blieb es bis heute. Als Bandleader der Foo Fighters (acht Alben, elf Millionen verkaufte Tonträger, zig Auszeichnungen, gigantische Welttourneen), in Kooperationen mit David Bowie, Paul McCartney, Nine Inch Nails oder den Queens of the Stone Age. 2014 legte er seinen ersten Film vor, die Dokumentation „Sound City“. Danach folgte „Sonic Highways“, das wohl ambitionierteste Projekt seiner Karriere: eine Kombination aus neuen Songs sowie einer achtteiligen TV-Serie, in der Grohl nicht nur die Band bei der Arbeit im Studio zeigt, sondern auch unkonventionelle Interviews führt. Mit Dolly Parton, Joe Walsh, Chuck D, Willie Nelson, Rick Rubin oder Barack Obama. Für THE RED BULLETIN kehrte Grohl wieder in die Rolle des Interviewten zurück.

THE RED BULLETIN: Mister Grohl, bei Ihrem Interview mit Präsident Obama sieht man gar keine Sicherheitsleute. Standen die hinter der Kamera?

Dave Grohl:
Nein. Wenn du erst einmal im Weißen Haus bist, ist alles ziemlich entspannt. Sie lassen dich da ja erst rein, wenn sie gecheckt haben, dass du okay bist (kichert). Drinnen ist es sogar richtig nett. Und Obama hatte ein paar tolle Dinge über unser Land und über unsere Musik zu sagen. Ich war ja bei ihm, um über die Geschichte der amerikanischen Musik zu reden, aber auch über Amerika als ein Land, das einem die Möglichkeit gibt, große Dinge zu tun. Egal was hier auch alles schiefläuft: Amerika bietet dir die Freiheit, jemand wie Buddy Guy zu sein.

„Ich bin taub, dumm und blind.“ 
Dave Grohl
Foo Fighters

Die Foo Fighters, das sind (v. li. n. re.): Nate Mendel (Bass), Chris Shiflett (Gitarre), Dave Grohl, Taylor Hawkins (Drums) und Pat Smear (Gitarre)

… jene globale Rock-Ikone, die ohne Ausbildung, ohne Geld, ohne ein Instrument zu beherrschen eine unvergleichliche Karriere machte. Klingt ein wenig nach David Grohl, nicht?

Für mich ist Buddy der Größte. Ich bin ein Schulabbrecher aus Springfield, Virginia, ich habe keinen Abschluss und hatte kein Geld fürs College. Stattdessen habe ich in Jobs geschuftet, die harte körperliche Arbeit verlangten – und nebenbei Punkrock gespielt. Jetzt bin ich in der Rock and Roll Hall of Fame und plaudere mit dem Präsidenten der Vereinigten Staaten von Amerika über Musik. Das heißt nicht, dass ich so ein toller Kerl bin. Das heißt: Was ich erreicht habe, kann im Prinzip jeder erreichen.

Verraten Sie uns, was man dafür tun muss.

Die wichtigste Regel: Kümmere dich nicht um die Erwartungen anderer. Tu die Dinge so, wie du es selbst für richtig hältst. 

Das lässt sich durchziehen?

Klar. Ich habe zum Beispiel keinen blassen Schimmer, wie man Regie führt. Ich mach es einfach, wie ich es für richtig halte. Dasselbe mache ich beim Schlagzeugspielen und beim Songschreiben. Ich bin mir sicher, dass das nach den Standards anderer Leute völlig daneben ist. Aber scheiß drauf. Das führt zu großen Sachen. Nur das!

„Obama? Ich glaube, er hat den beschissensten Job der Welt.“

Haben Sie auch Präsident Obama den Tipp gegeben, auf die Meinung anderer zu scheißen?

Ich glaube, er hat den beschissensten Job der Welt. An dem Tag, an dem ich ihn gesprochen habe, hatte er eine Pressekonferenz, bei der er ankündigte, mehr Truppen in den Irak zu schicken. Dann verlieh er eine Ehrenmedaille an einen Soldaten, der schlimm versehrt wurde, als er einen seiner Kameraden rettete. Dann hatte er noch die Wirtschaft und die internationalen Konflikte um die Ohren. Und dann saß er mit mir zusammen, um über Stevie Wonder zu reden. 

Also wird es vorerst keinen Präsident Grohl geben? 

Hahaha. Ich habe zu viel Blödsinn in meinem Leben gemacht, um je ein öffentliches Amt zu bekleiden. Und wer würde mich wählen?

Mit der Brille, die Sie seit neuestem tragen, sehen Sie aber sehr seriös aus.

Daran sieht man nur, dass ich alt werde. Ich bin taub, dumm und blind.

Mit dem Weißen Haus wird’s also nichts, aber in die Rock and Roll Hall of Fame wurden Sie dieses Jahr aufgenommen – als Schlagzeuger von Nirvana. Warum habt ihr für den Auftritt bei der Zeremonie ausschließlich Sängerinnen aufgeboten?

Weil Kurt Feminist war. Wir dachten nach, wer singen könnte. Und als jemand Joan Jett erwähnte, die First Lady des Rock ’n’ Roll, war alles klar. Die finden wir alle toll.

Dann war da noch der neuseeländische Jungstar Lorde … 

Lorde war meine Idee. Ihr Song „Royals“ ist so etwas wie eine kleine Revolution – mitten in einem Haufen Pop-Bullshit.

Dave Grohl

„Geld interessiert mich nicht. Ich bin Musiker, kein Banker. Und ich bin ein lausiger Geschäftsmann.“

 Sie nehmen sich ja kein Blatt vor den Mund, wenn es um Pop geht …

… nicht um Pop im Allgemeinen. Um aktuelle amerikanische Popmusik. Die ist unglaublich trivial. Völlig bedeutungslos. Keine Substanz. Wenn der Nummer-Eins-Hit in diesem Land von deinem Arsch handelt, haben wir ein verdammtes Problem. (Grohl bezieht sich auf „Anaconda“ von Nicki Minaj; Anm.) Als ich „Royals“ hörte, inmitten von all diesem Mist, dachte ich: „Gott sei Dank! Endlich jemand, der gegen den Strom schwimmt.“ Für mich ist das die Nirvana-Ästhetik. Es ist dasselbe wie damals, als wir populär wurden.

Was ja auch für die Foo Fighters gilt – eine der letzten schweißtreibenden Rockbands in einer digitalisierten Welt …

Leider wahr. Die Leute haben vergessen, was es heißt, richtig loszurocken. Weil sie zu viel vor dem Computer hocken. Weil sie die Technik für ein Wundermittel halten, das uns alle glücklich und reich macht. Aber ich verrate euch was, Leute: Technik macht euch vielleicht reich, aber niemals glücklich. 

Glück wird durch Reichtum erleichtert, nicht?

Das sind zwei verschiedene Dinge. Glück basiert auf Kommunikation, auf Interaktion. Auf dem Gefühl, anderen Menschen etwas Besonderes zu geben. Und das hat in der Musik nichts mit einer Maschine zu tun, sondern mit Gitarre, Bass und Schlagzeug.

Hat die Jugend von heute verlernt, auf konventionelle Weise Musik zu machen?

Ich möchte jetzt nicht wie ein alter Sack klingen. Aber es hat definitiv noch keinem geschadet, ein bisschen an seinem Instrument zu üben und ein Gefühl für Rhythmus und Melodie zu entwickeln.

Ihre Meinung zu EDM?

Zu was?

Electronic Dance Music. Skrillex, Deadmau5 und so weiter.

Ach so, dieser Scheiß. Damit kann ich nichts anfangen. Und abgesehen davon ist das ja auch nichts Neues. Leute wie Suicide oder Atari Teenage Riot machen das seit Jahrzehnten wesentlich besser. 

Was hören Ihre Töchter?

Da habe ich verdammt viel Glück. Das Schlimmste, was sie mir antun, ist Katy Perrys letztes Album. 

Uh.

Hart an der Schmerzgrenze, ja. Aber ich kann sie auch für tolle Sachen begeistern. Ich habe meinen älteren Töchtern Harper und Violet einen Plattenspieler und das Boxset der Beatles gekauft. Jetzt hören sie ständig „Sgt. Pepper’s“, „Rubber Soul“ oder „Revolver“. Mein Rat an alle Eltern: Kauft euren Kids einen Plattenspieler und ein paar vernünftige Alben, und es wird nicht ohne Folgen bleiben. (Lacht.)

Wie steht Dave Grohl zu sozialen Netzwerken?

Keinen blassen Schimmer. Ich weiß nicht, wie man twittert, chattet oder was auch immer. Ich bin nicht auf Facebook und lade keine Bilder auf Instagram. Einfach, weil mich das nicht interessiert. Wenn ich mit jemandem reden will, rufe ich ihn an oder schreibe eine Mail. Das ist alles, und mehr beherrsche ich nicht. Das ist eher was für meine 75-jährige Mama, die völlig darin aufgeht, weil sie sonst niemanden zum Reden hat. Wahrscheinlich muss ich erst in ihr Alter kommen, ehe ich meine erste Homepage ins Netz stelle: „Dave Grohl, Rockstar im Ruhestand“.

Was macht Dave Grohl mit seiner ganzen Kohle?

Ich bringe mein Geld auf die Bank, wo es vor sich hinschimmelt.

Keine Investitionen, keine Fonds, nichts?

Das interessiert mich nicht. Ich bin Musiker, kein Banker. Geld zu haben ist für mich nur ein schöner Nebeneffekt. Es ermöglicht mir, das zu tun, was ich tun möchte, ohne mir Sorgen machen zu müssen.

Villen, fette Autos?

Ich fahre eine Familienlimousine und habe ein nettes Haus, das gerade groß genug ist. Mein einziges Statussymbol ist mein Studio, das 606 in Los Angeles, in das ich Unsummen investiert habe. Aber nur, weil es genauso aussehen sollte wie Atlantis, das legendäre Studio von Abba. Und wenn ihr es unbedingt wissen wollt: Ich habe gerade mein Ferienhaus in Oxnard (eine Stadt an der Küste nördlich von L. A.; Anm.) verkauft – mit Verlust. Das zeigt, was für ein lausiger Geschäftsmann ich bin. Und ich habe auch nicht Malibu gesagt, sondern Oxnard. Die traurige Wahrheit ist: Ich bin spießiges Kleinbürgertum.

Courtney Love plant ein Biopic zu Nirvana. Wer soll Dave Grohl darin spielen?

Hmmm … am liebsten Robert Rodriguez. Aber ich fürchte, damit komme ich nicht durch, hahaha.

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12 2014 The Red Bulletin

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