Jean Reno

Jean Reno und ein Adler namens Cleopatra

Text: Herbert Völker
Fotos: Maria Ziegelböck

Atemraubende Erlebnisse mit Adlern, die einen Film in sensationellen Aufwind bringen: „Wie Brüder im Wind“ zeigt zudem die neue Seite jenes Mannes, der einmal Léon war, das aber für völlig unwichtig hält, Jean Reno.

Jean Reno hat diesen leicht verschleppten Gang, als wäre der Mensch etwas unfroh, aber so war er ja auch in der geschmeidigsten seiner Filmrollen. In „Léon – der Profi“ trainierte der französische Schauspieler täglich hundert Bauchaufzüge, was ihm zugutekam, als er kopfunter aus der Plafond-Luke feuerte und wieder in die obere Etage zurückfederte. Er mag auch so dreinschauen, wie er geht: Das klassische fade Aug’ kann blitzartig scharfstellen und teuflisch glitzern, je nach Bedarf. Dies macht ja diesen absolut einmaligen Jean Reno aus, wie er geht und schaut und gerne schweigt. Die Nase hilft auch, natürlich.

Jetzt sitzt Jean Reno im Neutral-Modus an einem Dorfplatz in Südtirol. Hier würde grundsätzlich tiefer Friede herrschen, wenn nicht gerade Tobias Moretti um die Ecke dröhnte und eine heftig plusternde KTM so abstellte, wie eben Moretti eine KTM abstellt. Da hat das ganze Tal was davon, und auf der Alm pfeift das Murmeltier die Jungen zurück in den Bau.

Reno und Moretti sind Gegenspieler im Film „Wie Brüder im Wind“, in dem ein Adler und ein Junge auf faszinierende Weise die Hauptrollen spielen. Tobias indes erzählt, dass er kürzlich eine klassische MV-Agusta-Rennmaschine gekauft hat. Aber ja doch, Straßenzulassung hat sie auch, da grinst er ziemlich tirolerisch. Jean Reno, der im West Village in Manhattan wohnt, lächelt milde. Das Thema einer Stradale ist ihm fern. Tobias geht duschen, er ist fünf Stunden über die Berge geritten. Reno sagt, wir sollen endlich anfangen mit den Fragen.

THE RED BULLETIN: Sie spielen im Film „Wie Brüder im Wind“ sehr überzeugend einen Mann aus den Bergen. Haben Sie da Erfahrung?

JEAN RENO: Überhaupt nicht. Ich komme vom Meer, dann von der Großstadt. Als ich herkam, gab es sechs Meter Schnee, und an die Höhenluft musste ich mich auch erst gewöhnen. Dann war ich fasziniert von dieser Schönheit da oben – fantastisch, einzigartig. Allerdings schaue ich auch jetzt im Sommer jeden Morgen noch ziemlich ratlos auf diese klobigen Bergschuhe, die ich anziehen soll. 

Adler - "Wie Brüder im Wind"

Was hat Sie dazu gebracht, hier heraufzukommen und sich mit Felsen und Adlern einzulassen? 

Die Story war gut. Sie hat eine Menge von dem, was mich interessiert – einsame Menschen auf der Suche nach ihrer Identität, ein Leben in Freiheit, und das in dieser unglaublichen Landschaft. 

Ihre Rolle ist die eines Einzelgängers in einer Story, deren Ende offen bleibt. Als Typ werden Sie danach aber in besserem Zustand ins Leben entlassen, als man das von den meisten Ihrer Rollen gewohnt ist. Schließt sich da der Kreis vom Auftragskiller zum Lonely Cowboy, der seinen Frieden mit der Welt findet?

Uh-uh, nur keine Missverständnisse! Ich halte immer Distanz zu meinen Rollen. Ich möchte eine Rolle aufbauen, die nicht ich ist. Ich glaube, ein Schauspieler sollte nicht nur sich selber benutzen, er sollte etwas aufbauen. Die Story ist interessanter als ich. Ich will nicht mein eigenes Leben mit meinen Rollen vermischen. Wenn ich meine Arbeit fertig habe, gehe ich heim und bin daheim. Mein Leben lässt sich nicht anhand meiner Rollen nachzeichnen. Hier sitze ich und bin Jean Reno, nicht der einsame Ranger im Gebirge … und hier wuseln übrigens meine Kinder herum.

„Ich musste haargenau befolgen, was der Falkner sagte, dann gab es kein Problem“
Jean Reno über seine Filmarbeit mit den Adlern

„Wie Brüder im Wind“ läuft ab 29. Jänner in den Kinos.

© YouTube // Warner Bros. DE 

Zurück zum Film. Wie sieht für Sie die Verdichtung des Plots aus?

Sehr spezielle Menschen, jedenfalls Einzelgänger, haben irgendwann eine gemeinsame Story. Es ist ein Adler, der sie zusammenführt, das ist fantastisch, vor allem in der Art, wie Naturdoku und Fiction miteinander verschmelzen. Das ist schon etwas ganz Außergewöhnliches, ich glaube weltweit außergewöhnlich.

Hatten Sie selber Kontakt mit dem Adler, habt ihr euch berührt, einander ins Auge geschaut, sozusagen Kräfte gemessen?

Es gab ja etliche Adler im Film, in allen Entwicklungsstufen, teilweise an den Menschen gewöhnt oder auch völlig frei in der Natur. Ich erlebte die Küken, die Heranwachsenden bei ihren ersten Flugversuchen. Ich spürte die Klauen, die sind ja auch bei jungen Tieren unglaublich kräftig. Den engsten Kontakt hatte ich dann mit der ausgewachsenen Cleopatra. Ich musste haargenau befolgen, was der Falkner sagte, dann gab es kein Problem. Ich durfte den Vogel nehmen, er schaute mich an … unglaublich … wie ein Cäsar, der auf das niedere Volk blickt.

… oder eben wie Cleopatra dreinschaut …

… im herrschaftlichen Gehabe scheint es wenig Unterschied zwischen männlichen und weiblichen Steinadlern zu geben – und beim Beutemachen schon gar nicht. Fantastisch ist die Adlerbetreuung oben nahe dem Drehort, das machen zwei Männer und eine Frau. Ihre Dusche ist der Wasserfall an den Felsen, sie schauen auf das Tal, sie schauen auf die Wolken, sie leben wie Philosophen, und sie sind glücklich. Für heutzutage ist das sehr unwirklich. Sie sind übrigens zuständig für bis zu zehn Adler, Jungvögel und ausgewachsene Tiere, das wechselt während des Drehs.

Steinadler beim Film "Wie Brüder im Wind"

Fiction und Naturfilm sind in „Wie Brüder im Wind“ auf eine derart aufregende Weise verwoben, wie man das noch nie erlebt hat. Sehen Sie in der Kinolandschaft eine Zukunft für ein Genre Fictional/Factual?

Auf jeden Fall. Wenn du eine Erfahrung gewonnen hast, möchtest du sie fortsetzen. Viele Geschichten kommen aus der Natur, und dann möchte man erleben, wie sie weitergehen. 

Er schaute mich an … unglaublich … wie ein Cäsar, der auf das niedere Volk blickt.
Jean Reno über den Augenkontakt mit einem Adler

Als Kinogeher erleben wir Sie seit gut 25 Jahren, aber nur durch Ihre Rollen. Sie halten sich aus dem Gerede raus. Wie hat sich Ihr Leben als Künstler und Mensch geändert?

Ich habe weniger Geduld als früher. Nicht wegen meiner Arbeit, sondern wegen meiner Familie. I hope that I am a better person. Insgesamt habe ich ein wunderbares Patchwork-Kuddelmuddel mit sechs Kindern aus drei Ehen. Ich versuche, meinen Job umfassender zu verstehen, indem ich Menschen besser akzeptiere. Ich habe mit Autoren, Regisseuren, Kameraleuten, Schauspielern zu tun, die jede Menge Ideen einbringen. Das Talent dieser Menschen, ihre zündenden Funken kann ich jederzeit in meinen Job einfließen lassen. Ich lebe mehr von den Geistesblitzen und Impulsen meiner Umwelt, da bin ich viel offener geworden.

Wir ersparen uns die Frage nach Ihrem Lieblingsfilm, weil man da eh nie eine Antwort kriegt …

… richtig …

… und fragen halt andersrum: Was war Ihnen am wichtigsten bislang, insgesamt? 

Das Wichtigste sind die Leute, mit denen ich gearbeitet habe. Ich habe immer noch Kontakt mit Natalie Portman (als sie das Mädchen Mathilda in „Léon“ spielte, war sie noch nicht mal zwölf; Anm.), hab mitgekriegt, wie sie erwachsen wurde, geheiratet, eine Familie gegründet hat. Das ist wertvoller als ein Film. Ein Film, das ist Vergangenheit – sobald er gedreht, geschnitten und in den Kinos gelaufen ist. Er ist vorbei. Ich kann nicht in der Vergangenheit leben. Die Erinnerung an die alten Filme kommt, wenn ich an die Menschen denke, mit denen ich diese Filme gemacht habe, an das gemeinsam Erlebte. Hier werde ich an die Berge denken, was sich da oben abgespielt hat, mit einem fabelhaften Jungen, mit Tobias, mit den Adlern, natürlich: mit den Adlern, die bleiben unvergesslich.

„Wie Brüder im Wind“: So sieht ein Adler die Welt für den Film

Einen Kinofilm dieser Art hat es noch nie gegeben, wenn auch mit „Der Bär“ (Jean-Jacques Annaud, 1988) ein Markstein für das Genre gesetzt wurde. Steinadler sind indes nicht so kuschelig wie schlaue Bären und sehr viel schwieriger zu irgendwelchen Filmrollen zu überreden. 

Abgesehen davon stand reiner Wildlife-Dreh am Beginn des aktuellen Werks. Vorerst wurde drei Jahre lang das Leben von Adlern in den verschiedensten Gegenden verfolgt, mit sensationellen Ergebnissen. Erst dann wurde mit der Zusammenführung von Natur- und Spielfilm begonnen. Ein ewiges Thema in der Natur: Dass sich oft nur das stärkste unter den Jungtieren durchsetzen kann, schwächere werden von den älteren preisgegeben. Im Film „Wie Brüder im Wind“ ergibt sich daraus die Spielfilmhandlung von der Bergung eines Adlerkükens bis zu einem Open End unter den extremen Umständen des Hochgebirges. Jean Reno und Tobias Moretti geben archaisch anmutende Einzelgängertypen.

Die Greifvogelwarte Landskron in Kärnten versorgte die Drehorte in Ost- und Südtirol mit Adlern in ihren verschiedenen Phasen der Entwicklung. Die Vögel sind zwar an ihren Falkner gewöhnt, behalten aber ihre grundsätzliche Lebensart bei, und die findet sich ganz sicher nicht in einem Doku-Fiction-Drehbuch.  

Brustgeschirr für den Adler

Ein Blick auf das kleine Adler-Brustgeschirr

So konnte das Projekt nur durch eine Qualität von Filmarbeit funktionieren, die einen neuen Standard in puncto Aufwand, Perfektion und Präzision setzt. Ein Beispiel: die Entwicklung einer ultraleichten Kamera für Vögel mit Brustgeschirr, Halterungen, Mini-Spezialgelenken und Optiken. Alles ist so winzig, dass sich ein halbwegs freundlich gestimmtes Tier das Ding gern ins Gefieder steckt und sensationelle On‑board-Aufnahmen ermöglicht, wie eben der Adler die Welt sieht.

Federführend für den Wildlife-Part sind die ohnedies schon hoch akklamierten Österreicher Otmar Penker (im Bild oben rechts) und Gerald Salmina, der erstaunliche Adler-Coach ist Franz Schüttelkopf (im Bild oben links). Regisseur für die Reno- und Moretti-Abteilung des Films ist der Spanier Gerardo Olivares.

Filmstart: 29. Jänner

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02 2016 The Red Bulletin

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