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„Schirch ist nicht das Gegenteil von schön“   

Interview: Lea Wieser
Bilder: Klaus Pichler

Die österreichische Band ⅝ erl in Ehr’n hat sich mit The Red Bulletin getroffen, um sich über die Wiener Ur-Identität, Schmatzen und das Leben zu unterhalten.

Das „Wiener Soul” - Quintett mit dem seltsamen Namen ist irgendwie anders. So richtig einordnen kann man sie nicht - weder optisch, noch musikalisch. Die ungewöhnliche Formation kombiniert Jazz-, Blues-, und Soul-Vibes mit Wiener Mundart, humorvollem Charme und einem Hauch Kritik. ⅝ erl in Ehr’n haben sich ihre eigene Nische geschaffen und sind stolz darauf. Mit The Red Bulletin sprechen die beiden Sänger der Band, Max Gaier und Bobby Slivo” Slivovsky, über die Wiener Kultur, ihre Vorliebe für Bier und Schmatzgeräusche.

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„Alaba, How Do You Do?“ von ⅝erl in Ehr’n

© YouTube // ⅝ERL IN EHR’N

THE RED BULLETIN: Was ist für euch typisch Wienerisch?

BOBBY „SLIVO“ SLIVOVSKY: Die Sprache.
MAX GAIER: Multikulti. Schmelztiegel. Aus dem Vollen schöpfen können, weil’s so bunt ist.
BS: Ja, da schließ’ ich mich eh an. War’s scho’ immer.

Findet ihr es schade, dass die Wiener Mundart verloren geht – ich bin das perfekte Beispiel dafür …

BS: Kommt d’rauf an, wo man in Wien hingeht.
MG: So richtige Wiener Mundart moch’ ma jo eh ned, wir singen eher österreichische Umgangssprache. Es ist natürlich schön, wenn Dialekte und kulturspezifische Merkmale weiterleben und es wäre schade, wenn das ausstirbt. Wenn wir alle nur mehr Englisch sprechen, dann haben wir nur so wenig Fälle und so wenig Möglichkeiten – wenn alles nur mehr null und eins ist, dann wird’s fad.

Geht es euch um die Bewahrung der Wiener Ur-Identität?

BS:
Ja, aber wir schreiben unsere Texte ganz einfach in der Sprache, in der wir leben, träumen und wos weiß i.
MG: Wir moch’n des ned, weil wir irgendwas bewahren wollen, sondern weil wir’s nur so kennen. Kloar, gibt’s hier a Leute, die auf Englisch guade Texte schreib’n, des trau’ i mir halt ned zu. Es wird glaub’ i peinlich, wenn wir anfangen auf Englisch zu singen.

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Das Quintett besteht aus Max Gaier (unten rechts), Bobby Slivovsky (unten links), Miki Liebermann (oben links), Hanibal Scheutz (oben Mitte), Clemens Wenegr (oben rechts).

Ihr singt in Wiener Mundart. Wie funktioniert das international gesehen? Ihr habt unter anderem schon einmal ein Konzert in Kairo gegeben…

BS: Sehr gut eigentlich, da ging’s halt nimmer um die Texte, die sind dann eher sekundär und die Musik steht an erster Stelle und es ist schön, wenn das den Leuten trotzdem gefällt.

Wen wollt ihr mit eurer Musik ansprechen?

BS: In Wahrheit würden wir gerne alle ansprechen – aber das suchen wir uns ja ned wirklich aus. Was ich sagen kann ist, dass unser Publikum sehr gemischt ist. Da nimmt halt der Enkel den Opa mit oder umgekehrt und des g’foit erna beiden - und die Oma kummt a mit. Was is’ unser Schnitt? 20-80. Des is’ eh a Kompliment.

„Wir müssen schon jedes Monat schauen, wie wir das alles überleben. Aber es geht sich immer alles aus.” 
Bobby „Slivo" Slivovsky

Weil du gerade die Oma erwähnt hast - In einem Interview hast du, Slivo, mal gesagt, dass „deine Oma noch immer glaubt, dass du es erst geschafft hast, wenn du im Musikantenstadel bist“ – würdest du ihr den Gefallen tun?

BS: Nein, bei aller Liebe. Nicht einmal als Kunstprojekt.
MG: Nur wennst ihn selber moderierst. (Lachen.)
BS: Des schaff’ ich psychisch ned – physisch wahrscheinlich schon.

Habt ihr häufiger mit der Verbindung zur österreichischen Volksmusik „zu kämpfen“?

MG: Wir werden in Städten anders wahrgenommen als am Land - wir werden überall anders eingeordnet. Was aber auch super ist, weil wir sind immer gleich. Das zeigt eigentlich nur, wie bunt wir sind - und unser Publikum. Wir singen auch von Vielfalt und das gehört zur Geschmacksbildung. Wenn i no nie an Schweinsbrotn g’essen hob oder a kan Koriander, dann konn i ned darüber urteilen. 

„Siasse Tschick“ von ⅝ erl in Ehr’n

© YouTube // ⅝ERL IN EHR’N

Man kann euch musikalisch gesehen nicht wirklich einordnen – würdet ihr sagen, dass ihr euch eure eigene Nische geschaffen habt?

BS: Was ich weiß ist, dass wenn ma a Nummer hört, hört ma, des is „⅝ erl in Ehr’n“ und darauf bin ich stolz. Wir haben echt eine Art Sound-Branding. Und wenn jemand sagt, das ist das Genre „Wiener Soul“, dann sind wir auch nicht unglücklich, weil da sind wir die einzigen.

Wie würdet ihr eure Musik beschreiben für jemanden, der sie noch nie gehört hat?

BS: (Aus dem Bauch heraus.) A bissl übertrieben.
MG: I würd’ sagen: „Schirch ist nicht das Gegenteil von schön“. Das ist ein ganz ein wichtiges Ding. Schön und schirch gleichzeitig.
BS: Zwischen aggressiv und lieblich, irgendwo dazwischen. Schwierig. Da würde ich lieber das Publikum befragen. Oder einen Telefonjoker nehmen, oder so. 
 

„I find des scho’ wichtig, dass es den Amadeus gibt, weil sonst würde überhaupt niemand mehr mitbekommen, dass wir eine Musikszene in Österreich haben.”
Bobby „Slivo" Slivovsky

Eure Texte sind, nennen wir es „politisch angehaucht“ - steckt eine Mission dahinter?

MG: Das Politische schreiben wir uns nicht auf die Fahnen, es ist ganz normal als Mensch, politisch zu sein, wenn man die Kausalität erkennt - wenn man erkennt, dass wenn i wos moch, dann passiert wos. Wir sind alle politisch und es ist alles politisch. Jedes Liebeslied ist politisch. 
BS: Jeder kleine Bub, jedes kleine Mädchen denkt sich irgendwann einmal, er oder sie will die Welt verändern. Wir sind nicht die Weltveränderer, Musik verändert eher uns. Aber ein richtig politischer Mensch geht auf die Straße und sagt, was er denkt. Die Politik fängt beim Dialog an und als Musiker führst du einen Dialog mit dem Publikum. 
MG: Wie ich lebe, wie ich einkaufe, alles ist politisch. In unserer Musik sieht man halt nicht, dass wir super Müll trennen. 

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Ihr aktuelles Album heißt „Yes We Does“ und erschien letztes Jahr bei „Viennese Soulfood Records“. 

Ist die nächste Monatsmiete hin und wieder finanziell gesehen ein Thema?

BS: Sagen wir so, es wirkt so einfach. Wir haben drei Amadeus gewonnen, aber wir müssen schon jedes Monat schauen, wie wir überleben. Trotzdem geht sich immer alles aus.

Wie wichtig sind euch eure Amadeus-Awards?

MG: Es ist eine willkommene Abwechslung, dass man als Band auf eine Verleihung geht, das ist ein Fest für die Musik. Für mich zählt eher der olympische Gedanke „Dabei sein ist alles“, aber natürlich ist es auch lustig, das zu gewinnen. Bei einem Tischtennis-Match gegen den Slivo will i a gewinnen, auch wenn i waß, i hob jetzt ned so a guade Chance. I find‘ a die österreichische Nationalmannschaft sollte zu jeder WM oder EM fahren, um Weltmeister oder Europameister zu werden und nicht um das Achtelfinale zu erreichen. Das ist eine Grundgeschichte.
BS: I find des scho’ wichtig, dass es den Amadeus gibt, weil sonst würde überhaupt niemand mehr mitbekommen, dass wir eine Musikszene in Österreich haben (Lacht.)

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Ein Achterl in Ehr’n kann keiner verwehren - die Wiener Band bevorzugt trotzdem Bier. 

Entstehen eure Lieder in einem demokratischen Prozess - sprecht ihr euch ab in der Band?

MG:
 Inhaltlich diskutieren wir natürlich schon mit allen. Aber der Slivo und ich geben textlich hauptsächlich den Input, weil wir müssen es ja auch singen.

Was inspiriert euch für eure Musik?

BS: Das Leben inspiriert uns. Was das Leben halt so ausspuckt - mehr ist es nicht. Wir leben in Wien, also auch das, was hier passiert. Würden wir durchschlafen, würden wir keine Texte schreiben.

Fakten

Name:
⅝ erl in Ehr’n

Mitglieder:
Max Gaier (Gesang), Bobby Slivovsky (Gesang), Miki Liebermann (Gitarre), Hanibal Scheutz (Kontrabass), Clemens Wenger (Akkordeon, Wurlitzer, Klavier)

Gründung: 
2006

Erfolge:
Ende März 2015 gewannen ⅝erl in Ehr’n zum dritten Mal den Amadeus-Award in der Kategorie Jazz/World/Blues. 

Aktuelles Album:
„Yes We Does“

 Ihr kümmert euch um alles – vom Label „Viennese Soulfood Records“ bis hin zum Booking. Gibt es eine Aufgabenteilung unter euch? 

MG: Das ist relativ breit aufgeteilt, da hat jeder von uns Fünf viel zu tun. Slivo checkt zum Beispiel den Bus für die Tour und ist so biss’l das Tour-Management, er bringt uns von A nach B. Ich mache mit dem Hanibal so Buchhaltungsgschicht’n, die Miki auch, der Bumpfi [Clemens Wenger] macht die Social-Media-Sachen. Dann haben wir noch den Sebastian, unseren Booker. Er ist ein Freund von uns und fungiert quasi als sechstes Achterl.

BS: Wir sind eine Firma mit sechs Mitarbeitern und alle sind gleichberechtigt. Total einfach eigentlich.

Wie würde Viennese Soulfood schmecken – welches Gericht wäre es?

MG: 
Wichtig ist immer tierisches und pflanzliches Fett, des muaß immer in Kombination sein, es kann ruhig a bissl a Butter dabei sein. Knoblauch auch.
BS: Petersilie schmeckt uns auch gut.
MG: Es darf ruhig ein Fleischgericht sein.

Bio oder nicht?

BS: Wenn wir es uns leisten können, dann gerne Bio. 
MG: Es wäre irgendein Eintopf, der lange schmort, wo ganz viele verschiedene Sachen dabei sind - es ist ein gehaltvolles Essen.
BS: (wirft ein) Mit viel Knoblauch hoffentlich.
MG: Wo dann im Mund alles so: (macht Schmatzgeräusche). Man muss auf jeden Fall schmatzen.

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In einem Interview habt ihr einmal gesagt, dass euer Name „das Schlechteste an der Band“ ist – Änderungsvorschläge?

BS: 
Puuh, mittlerweile habe ich mich schon so abgefunden damit. (Seufzt.) 

Wie seid ihr überhaupt auf die Namensschöpfung ⅝ erl in Ehr’n gekommen?

BS: Wir haben ganz am Anfang mal in einem Beisl gespielt und haben einen Namen gebraucht.
MG: Des war a unangenehmes Thema und das wurde halt schnell abgehandelt, wie man sieht. Wir leben jetzt damit und wir füllen den Namen mit Inhalt.
BS: Der Spruch ein Achterl in Ehr’n kann keiner verwehr’n, und wir sind 5 … Es ist extrem unspektakulär. Und wir trinken ned amoi Wein. Vor allem hast du Alkohol drinnen, des is nie guad. Des sind dann die fünf Alkoholiker.
MG: Und die Schmähs … hey, wie schaut’s aus, fünf Liter in Ehren? Wo man sich dann auch irgendwann denkt: HAHA.
BS: Oder wenn man sich a kleines Bier bestellt und jemand kummt her und sogt „I hob glaubt, du trinkst an Wein“. Des wird halt irgendwann fad.

Seid ihr mit eurem bisherigen Erfolg zufrieden?

BS: Müde und zufrieden. Wir haben schon echt g’hackelt. Wir können mittlerweile schon genießen, aber die Arbeit bleibt.
MG: Die Leute sind sehr nett zu uns – wir kriegen immer ein sehr, sehr positives Feedback. Da merkt man richtig , dass wir die berühren und dass das, was wir machen wichtig ist für die. Das gibt rein emotional schon Kraft für komische Zeiten.
BS: Die Leute sind bei unseren Konzerten textsicher. Es ist echt ein schönes Gefühl, wenn zwei Drittel mitsingen – das ist unglaublich. 

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08 2015 Redbulletin.com

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