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Aus einem anderen Jahrhundert 

Interview: Andrew Swann
Bilder: Klaus Pichler

The red Bulletin hat sich mit dem österreichischen Elektrokoko-Trio Johann Sebastian Bass auf eine musikalische Zeitreise begeben

Spätestens seit der österreichischen Vorausscheidung zum European Song Contest ist Johann Sebastian Bass auch einer breiten Öffentlichkeit ein Begriff. Das Trio, das nach eigenen Angaben aus dem Jahr 1757 in die Jetztzeit katapultiert wurde, gewährte The Red Bulletin eine private Audienz. Einzige Voraussetzung für das Gespräch über unterschiedliche Epochen, legendäre Parties und den Nachteil der deutschen Sprache: Wir mussten uns fesch machen.

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Heart of Stone von Johann Sebastian Bass

THE RED BULLETIN: Ihr seid 2011 sozusagen in Wien „gelandet”, was war das Erste, das ihr damals gemacht habt?

JOHANN DAVIDUS BASS (JD): Gestaunt. Wir waren sehr überrascht. Wir wussten nicht, dass wir hier landen werden. Es war eigentlich ein Schock.
JOHANN MARTINUS BASS (JM): Danach sind wir auf ein Bier gegangen, in diesen Morrison Club, den es leider nicht mehr gibt, und haben uns angeschaut, was sich in der Musikkultur so tut. Und da haben wir uns sofort in Bass verliebt.

Wie hat das Bier geschmeckt?

JD: Hervorragend!
JM: Die Qualität ist etwas besser geworden und die Auswahl ist gigantisch!

Was hat sich in Wien seit eurer „Zeitreise” verbessert?

JD: Es ist offener geworden. Es gibt die Digitalisierung, es gibt das Internet und wir machen uns das, was das Musikalische angeht, auch zu Nutzen.
JOHANN DOMENICUS BASS (JDO): Es gibt viel mehr Chancen für selbstständige Musiker - es ist einfacher geworden, etwas zu organisieren und Leute zu motivieren, dahin zu kommen.
JM: Was wirklich besser geworden ist, ist die Kommunikation heutzutage. Jeder darf sagen, was er will. Damals durfte man das nicht wirklich. Man kann sich viel einfacher als Musiker präsentieren, weil es jetzt genügend Kanäle dafür gibt. 

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Das schrille Trio, bestehend aus Johann Martinus Bass, Johann Domenicus Bass und Johann Davidus Bass, singt Elektrokoko.     

„Die Wiener von heute sollten mehr Energie in die Kleiderauswahl stecken und sich fesch machen!“
Johann Sebastian Bass

Ich war vor kurzem am Wiener Flughafen und da gab es eine Werbung mit dem Slogan „Vienna, The World’s Musical Capital”. Ist Wien wirklich so musikalisch oder lebt die Stadt vom Glanz alter Zeiten?

JDO: Beides. Ich glaube, solche Slogans leben natürlich von den alten Traditionen, die sehr hoch gelobt werden. Manche Leute vergessen einfach, was heutzutage an Musik produziert wird und im Umlauf ist, im Vergleich zu früher. Viele Leute sind wahrscheinlich der Meinung, dass es Komponisten wie Beethoven, Mozart oder Bach heutzutage gar nicht mehr gibt und das ist natürlich ein Irrglaube. Es gibt einen Nachholbedarf, dass die Leute im eigenen Land endlich einmal davon überzeugt werden, dass es so etwas schon noch gibt - und zwar einfach um die Ecke von dir.

Warum singt ihr auf Englisch?

JM: Ich bin ein großer Fan der Talkbox und auf Englisch ist es viel einfacher zu singen! Ich habe einmal versucht mit der Talkbox ein Lied auf Deutsch zu machen und es war die Hölle. Es war nur krr, kwak, schk
JD: Und dazu kommt noch, dass wir die Welt erobern wollen. 
JDO: Aber großen Respekt vor allen, die auf Deutsch singen und Erfolg haben! 
JD: Absolut. Und ein paar deutsche Fragmente finden sich auch in unserer Musik. Unsere Wurzeln können wir nicht leugnen. 
JM: Vielleicht wird es auch in Zukunft mehr … nur weil ich einmal auf Englisch gesungen habe, heißt das nicht, dass ich das für immer und ewig machen muss. Vielleicht machen wir beim nächsten Album die Hälfte auf Französisch, ein Viertel auf Deutsch und ein Viertel auf Italienisch … 

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Johann Sebastian Bass sind drei Kunstfiguren, die laut eigenen Angaben per Zeitmaschine aus dem Jahr 1757 in das Wien der Jetztzeit katapultiert wurden.   

Wer sind derzeit eure Lieblingsbands?

JM: Also, von Bilderbuch kann man nur Fan sein. Wir hören sehr viel Elektro – Julian und der Fux ist auch sehr stark.
JDO: Bands wie Robb, oder Fijuka sind auch sehr gut.
JD: Wir lieben auch König Leopold!
JM: Oooh, wie könnten wir die vergessen! Die sind wunderbar!
JD: ⅝ erl in Ehr’nElektro Guzzi, es gibt derzeit einfach so viele gute Musiker in Österreich.

Stellt euch vor, WienTourismus würde euch als Botschafter der Stadt Wien anheuern und schickt euch zurück ins Jahr 1750, um das Wien von 2015 zu promoten. Was würdet ihr sagen?

JM: Der Slogan wäre wahrscheinlich „Wien 2015 – das Beste aus dem Barock und das Beste aus der Neuzeit.“  Wir würden sagen … 
JD: … nach wie vor ein Musikschmelztiegel.  
JM: Wir würden sicher mit der Offenheit werben. Und mit der multikulturellen Vielfalt. Es ist schön, dass davon in Österreich so viel vorhanden ist. Der Slogan wäre „Wien 2015, ist wie jetzt, nur ohne Pest”. (Alle lachen.) 

Was können die Wiener von heute aus der Vergangenheit lernen? 

JM: Sich ein bisschen fesch zu machen! Das fehlt den meisten Menschen einfach. Man sollte sich ein bisschen mehr Mühe geben, wenn man auf die Bühne geht. 
JD: Es wäre schön, wenn man ein bisschen Respekt dem Publikum gegenüber zeigt, und sich ein bisschen herrichtet.
JM: Einfach Energie in die Kleidungsauswahl stecken - und sich fesch machen!   

Vodoo von Johann Sebastian Bass

Was sagt Johann Sebastian Bass zu Modern Culture wie Twerking“ und Selfies“?

JD: Uns ist aufgefallen, dass sich die Menschen viel weniger miteinander unterhalten. Das ist definitiv negativ!
JM: Früher gab’s ja auch Gesellschaftstänze. Man hat die Quadrille getanzt, heutzutage wird getwerkt… Es ist, wie es ist. Wenn es dem Volk gefällt, warum nicht!

Habt ihr schon getwerkt?

JM: Ich habe es schon probiert. Es ist viel schwieriger, als es aussieht.
JD: Ist das das, wo Arbeitskollegen sich filmen und …
JM: NEIN, Booty Shaking!
JD: Asoooo, Arschwackeln? Das macht die, wie heißt die Hannah Montana-Dame?
JM: Miley Cyrus.
JD: Ja genau, achso, jetzt kenne ich mich aus. Ich muss sagen, dieses „Twerking“ steht uns noch bevor. Und „Selfies“ haben wir natürlich oft selbst gemacht. Regelmäßig nach Konzerten bitten uns Fans ein „Selfie“ mit ihnen zu machen - selbstverständlich machen wir das. 

„Johann Sebastian Bach würde uns wahrscheinlich windelweich schlagen!“
Johann Dominicus Bass

 Wie geht ihr mit der Sprache von heute um? Was ist euer Lieblingswort, das es damals noch nicht gegeben hat? 

JM:
Oida? (Alle lachen.) 
JD: Oida lässt sich sehr gut aussprechen. Wie man merkt, haben wir uns der Sprache von heute angepasst. 
JM: Aber was verwende ich sonst? Ich muss mir das kurz durch den Kopf gehen lassen. 
JDO: Low Frequency Modulation. (Lacht.)
JM: Genau, es gibt sehr viele Anglizismen die oft verwendet werden, wie „Sampling“, „Track“ oder „Song“. Es gibt nicht einmal mehr das Wort Lied!
JD: Es gibt nach wie vor das gute alte Schubertlied, aber in der Unterhaltungsmusik redet man immer von einem „Song“.
JM: Und das verwenden wir mittlerweile auch. Gerade in der Musiksprache haben wir sehr viele Anglizismen übernommen. 

 

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Johann Sebastian Bass touren derzeit durch Österreich und die Schweiz. Alle Infos zu den Konzerten gibt es hier.

Was würdet ihr Bach fragen, wenn er euch jetzt gegenüber sitzen würde?

JD:
Also, ich glaube, dass er uns windelweich watschen würde, wenn er unsere Musik hören würde! (Alle lachen.) 
JDO: Ja, da sind wir uns alle einig. Interessant würde er unsere Musik sicher finden, aber er würde es mit Sicherheit anders machen.
JD: Vor allem viel besser!!  

Ihr nennt eure Musik „Elektrokoko“ – also Elektro-Pop mit barockem Flair – Was darf man unter Barock-Flair verstehen?

JM: Da geht es nicht nur darum, dass in jedem unserer Lieder etwas Barockes vorkommen muss, sondern es geht viel mehr darum, dass wir mit unserem Auftreten ein gewisses Flair verbreiten wollen. Manchmal ist es der Klang des Cembalos, manchmal sind es alte Melodien oder auch einfach nur unsere Perücken und unsere Erscheinung.
JD: Es geht um den Brückenschlag zwischen dem Barock und der Jetztzeit – inklusive allem, was dazwischen liegt. Vom 18., 19., 20. Jahrhundert bis mittlerweile zum - was haben wir für ein Jahrhundert?
JDO: Das 21. Jahrhundert
JD: Genau, bis zum 21. Jahrhundert. Das ist ja gar nicht so leicht zu merken! Wir bedienen uns an der Musik der gesamten Zeit – und lieben sie und das fließt auch in unsere Musik mit ein. 

Was wollt ihr mit eurer Musik erreichen? 

JD: Wir wollen das machen, was aus uns heraus kommt und was uns gefällt, und je mehr Menschen wir damit erreichen, desto schöner ist es für uns. 
JM: Bei uns geht es darum, zu zeigen, dass wir da sind. Wir wollen tanzbare Musik machen und die Leute sollen Freunde daran haben. 

Was war die beste Party, die ihr jemals besucht habt?

JD: Also, die Parties am Hof mit König Ludwig XV. und davor mit Ludwig XVI. waren ziemlich exzessiv und haben viel Spaß bereitet. Aber in der heutigen Zeit? Domenicus war beim Life Ball dabei … 
JDO: Ja war ich, aber die besten Parties waren immer die Zirkus Maximus Parties im Morrison Club. 
JM: Zirkus Maximus ist wahrscheinlich das, was am ehesten einer Orgie gleicht! 
JDO: Rhinoplasty ist auch immer gut. 
JM: Das Problem ist, dass heutzutage alles schon industrialisiert worden ist. Man kann kein ausgelassenes Fest mehr feiern, so wie damals, wo einfach irgendjemand eine Orgie veranstaltet hat. Heutzutage geht man auf ein „Festival”, wird durchgeschleift und ist verpflichtet, mit den und den Leuten zu feiern und das und das zu konsumieren - und das ist nicht so schön.
JDO: Die Lautstärke darf zum Beispiel eine gewisse Dezibel-Marke nicht überschreiten - man ist darauf angeweisen, wann die Party zu Ende sein muss. All das waren natürlich Sachen, die es damals nicht gegeben hat. 
JM: Aber Gott sei Dank gibt es WG-Parties! 
JD: Ja! Da geht schon die Post ab!
JM: Je privater die Party ist und je kleiner und gemütlicher, desto ausgelassener ist es! 

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08 2015 Redbulletin.com

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