Wie sieht der Arbeitsplatz 4.0 aus?

Wie wird unser Arbeitsplatz 4.0 aussehen?

Text: Christoph Kristandl
Bild: Pexels/Pawel Kadysz

Die Technologisierung des Arbeitsplatzes schreitet weiter voran und verändert den Büroalltag. Doch wie wird der Arbeitsplatz 4.0 aussehen. Zwei Experten geben ihre Einschätzungen ab.

Mit Technologie versüßen wir uns nicht nur die Freizeit, sie wird auch immer stärker und in vielfältigerer Art und Weise Teil unserer Arbeit. Für ein Meeting müssen Kollegen längst nicht mehr auf demselben Kontinent sitzen, verschiedene Geräte und Applikationen heben den Berufsalltag auf ein neues Level – und das in beinahe allen Bereichen. 

Dabei drängen sich die Fragen auf: Wohin entwickelt sich der Arbeitsplatz? Hat er als stationärer Ort in manchen Branchen überhaupt noch eine Zukunft oder können viele von uns den Satz „Ich bin IN der Arbeit“ schon bald aus ihrem Sprachgebrauch verbannen?

„Das klassische Büro wird sich weiterhin sehr verändern, wenn es nicht ganz obsolet wird. Es wird vielleicht nur noch ein gelegentlicher Treffpunkt sein“, meint Johannes Bischof von Konica Minolta. Der Geschäftsführer des Bürotechnik-Konzerns will den persönlichen Kontakt mit seinen Kollegen zwar nicht missen, weiß aber aus eigener Erfahrung, dass Büros oftmals verwaist sind.

„Gearbeitet wird, wo man gerade ist. Bei mir ist das bereits so. Egal ob in der Flughafenlounge, im Zug oder auf meinem Bauernhof – ich bin ein Arbeits-Nomade“, erläutert Bischof und sieht in vielen Berufsfeldern eine Entwicklung, weg von der zwingend physischen Präsenz. „Bankfilialen sperren reihenweise zu, weil man sie nicht mehr braucht. Mein Vater hat im Alter von 75 Jahren noch mit Online-Banking begonnen.“

Johannes Bischof, Geschäftsführer von Konica Minolta

Johannes Bischof: „Gearbeitet wird, wo man gerade ist.“

© Konica Minolta

Ermöglicht wird diese Entwicklung von der, in enormem Tempo voranschreitenden, Technologisierung. „Auch physische Arbeit wird davon maßgeblich beeinflusst, wenn ich mir ansehe, wie auf großen Farmen mit GPS-Traktoren Felder bestellt werden. Die Technologie verändert unser Leben, und zwar zu unserem Vorteil, wie ich finde. Ohne die notwendige Geräte könnte ich beispielsweise nicht für vier Länder gleichzeitig zuständig sein“, weiß Bischof, der mit Konica Minolta an ebensolchen Geräten arbeitet:

„Wir müssen noch verstärkter auf Kollaborationstools setzen, optimalerweise für alle Sinne. Wir entwickeln etwa gerade ein Tool, das das Teilen von freier Texteingabe, Grafiken und Bildern sowie deren Veränderung in Echtzeit erlaubt. Auch über tausende Kilometer, die zwischen den Gesprächspartner liegen. Das funktioniert mit Handys, Tablets, PCs oder auch Whiteboards. Alles was die Digitalisierung der Gesellschaft vorantreibt, unterstützende Technologien, disruptive Technologien, digitalisierte Abläufe der Industrie, die Verwaltung von Abläufen in den Büros – das sind Bereiche, in denen sich in den nächsten Jahren viel tun wird und die für uns hochinteressant sind.“ 

Konica Minolta

- Neben der Produktion von u.a. Messgeräten, Healthcare und optischen Produkten, ist Konica Minolta ein führender Hersteller von Bürotechnik.

- Das Sortiment umfasst etwa Office- und Kopiersysteme, Drucker und Scanner. 

- Bis 2006 war der aus Japan stammende Konzern der drittgrößte Kamera-Hersteller der Welt. 

 

Während sich Konica Minolta der Hardware der Zukunft annimmt, beschäftigt sich Matrix42 mit der Software-Komponente des Arbeitsplatzmanagements, Stichwort Arbeitsplatz 4.0. „Diesen Begriff haben wir vor einigen Jahren als Analogie zu jenem der Industrie 4.0 eingeführt. Betrachtet man die Entwicklung des Arbeitsplatzes, so erkennt man mehrere Revolutionen“, erklärt Matrix42-CTO Oliver Bendig.

Matrix42-CTO Oliver Bendig

„Der Arbeitsplatz 4.0 wird eine Konvergenz von vielen Geräten, Applikationen und Dateiablagen sein, die sich wie eine personalisierte Cloud verhält“, meint Oliver Bendig.

© Matrix42

„Die erste betraf die Etablierung von Großrechnern und Datenzentren in Unternehmen - der Beginn der Technologie-Unterstützung. Im zweiten Schritt kam es durch - noch sehr sperrige - PCs und Laptops erstmals zum direkten Kontakt zwischen Mensch und Maschine. Die dritte Revolution wurde von den Mobilgeräten eingeläutet. Das verändert die IT der Unternehmen deutlich, denn früher galt es nur ein Gerät zu verwalten. Die Arbeitsplatzverwaltung hat sich von gerätezentriert zu sehr stark benutzerorientiert gewandelt. Im Durchschnitt verwendet ein Mitarbeiter heute vier Geräte für die Arbeit“, schildert er.

Mit der Beobachtung, dass seine Kunden immer stärker Cloud-basierte Lösungen nachfragen, sieht Matrix42 den Arbeitsplatz 4.0 als „eine Konvergenz von vielen Geräten, Applikationen und Dateiablagen, die sich wie eine personalisierte Cloud verhält“.

„Wir beschäftigen uns sehr damit, dass der digitale Arbeitsplatz den User kennt. Wenn ich an Spotify denke, ist es fast erschreckend, wie gut mich dieses Programm kennt. Es weiß sehr genau, wie meine Präferenzen sind, welche Musik ich mag und welche nicht, wann ich etwas hören möchte – zum Beispiel beim Laufen – und was ich als nächstes hören will. So sollte auch der Arbeitsplatz sein“, sagt Bendig. „Wenn ich beispielsweise jetzt einen Termin mit Ihnen habe, stellt mir der Arbeitsplatz im Optimalfall schon vorab die nötigen Informationen bereit. Er öffnet etwa über den Titel oder den Inhalt des Termins jene Unterlagen, die ich brauche und zeigt mir, wer Sie sind und was Sie machen, beispielsweise über die Integration von LinkedIn etc. Die gesamte IT muss noch serviceorientierter werden und dem Anwender entgegenkommen.“

Matrix42

- Unter dem Motto „Smarter Workspace – Better Life“ bietet Matrix42 Unternehmen zukunftsorientierte Lösungen für modernes Arbeitsplatzmanagement.

- Zu den Kunden zählen u.a. BMW, Infineon und Carl Zeiss.


- Das in Frankfurt/Main ansässige Unternehmen operiert neben Deutschland, Österreich und der Schweiz auch in den Niederlanden, dem Vereinigten Königreich, Australien und den USA.

Neben der Entwicklung von neuen Geräten glaubt Bendig vor allem an die Erweiterung des digitalen Arbeitsplatzes um Geräte, die bisher vordergründig andere Aufgaben erledigen: „Ein Mittelklassewagen trägt heute bereits 70 unabhängige Computerkomponenten in sich und hat teilweise mehr Bildschirme, als ein gewöhnlicher, tischgebundener Arbeitsplatz. Zudem schreitet das autonome Fahren voran, es ist also nur logisch, dass wir im Auto arbeiten werden. Der Kühlschrank könnte uns Mails vorlesen und dank Virtual Reality können vielleicht Chirurgen in einem virtuellen Raum gemeinsam eine Operation vornehmen oder Ingenieure an einem Motor arbeiten, obwohl sie sich in verschiedenen Ländern befinden.“

Ort und Zeit für Arbeit seien zunehmend flüchtig und diese Flexibilität auch von Seiten des Arbeitgebers notwendig, um Talent halten zu können, schlägt Bendig in puncto Dezentralisierung des Arbeitsplatzes in dieselbe Kerbe wie Bischof. Entsprechend den Gegebenheiten springt der arbeitende Mensch der Zukunft, sofern es sein Beschäftigungsbereich zulässt, zwischen Arbeit und Freizeit hin und her, statt einen geregelten Stundenblock abzusitzen.

© Youtube // Matrix42 AG

Und was kommt noch auf den Arbeitnehmer zu? „Eine positive Einstellung zu und ein gesundes Verständnis für Technologie wird unabdingbar werden“, glaubt Bendig. „Es muss nicht jeder alles im Detail beherrschen, aber über das Bedienen von Word und Excel werden die Anforderungen hinausgehen. In den nächsten zehn bis 15 Jahren wird man in allen Arbeitsbereichen mit komplexer Technologie konfrontiert sein. Gut möglich, dass es zur Normalität wird, dass die Kids in ihrer Schulausbildung grundlegende Programmierkenntnisse vermittelt bekommen.“ 

Der Reifegrad bezüglich der Umsetzung eines modernen digitalen Arbeitsplatzes im Stile 4.0 sei unter den Unternehmen sehr unterschiedlich, meint Bendig. Klare Tendenzen für die Vorreiterrollen gibt es aber.

„Bei Startups ist der digitale Arbeitsplatz und die Nutzung von moderner Technologie naturgemäß sehr ausgeprägt. Viele fragen beispielsweise zurecht: ‚Warum soll ich mir eine Telefonanlage anschaffen?’ Auch Vor-Ort installierte E-Mail-Server, Firewalls, etc. verlieren an Bedeutung. Man kann heutzutage alles über den Software Stack lösen. Der Arbeitsplatz wandert immer mehr in die Cloud und somit in den Browser.  Der Browser wird zum neuen Betriebssystem. Die Google-Applikationen ermöglichen zum Beispiel eine sehr moderne Arbeitsweise hinsichtlich der gleichzeitigen Bearbeitung von Dokumenten. Die meisten von uns sind ja noch mit dem Speichern und Herumschicken von Dokumenten aufgewachsen. Dies ist für die Generation Y und Z häufig schon heute nicht mehr nachvollziehbar“, sagt Bendig.

Weitere Vorreiter sind Medien- und IT-Unternehmen, aber auch im Banken- und Finance-Bereich herrsche große Aufgeschlossenheit, teilweise sogar Aufbruchsstimmung, bezüglich moderner Technologie. „Ein Kunde in Australien, eine große Bank, hat etwa ein gesamtes Bürogebäude smart gestaltet. Es gibt  keine Telefone, dafür ist überall Sensorik verbaut. Investitionen in moderne Technologie wird oft als Wettbewerbsvorteil erkannt“, erläutert Bendig, der aber auch andere Beispiele kennt: „Der CEO einer Versicherung hat mir kürzlich gesagt, dass er darüber nachdenkt, Home-Office über VPN zu ermöglichen – und das im Jahr 2016.“

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