Bakterien-Sprays

Wieso duschen? Zeit für die Bakterien-Sprays!

Foto: Corbis  

Bakterien-Sprays werden unsere Duschen ersetzen. Davon ist David Whitlock überzeugt. Er hat sich zuletzt irgendwann Ende der neunziger Jahre gewaschen. Und überlässt anderen die Drecksarbeit.

Knapp 16.000 Liter Dusch- und Badewasser. Sechs Stück Seife. Vier Flaschen Duschgel bzw. Shampoo. Das ­alles verbraucht ein Europäer durchschnittlich in ­einem Jahr, um sich sauber zu halten. Alles komplett umsonst. Das behauptet zumindest David Whitlock, Chemiker vom nicht gerade als unseriös geltenden Forschungsinstitut MIT. Whitlock erzählt freimütig, dass er sich zuletzt irgendwann Ende der Neunziger Jahre geduscht habe. Seither lässt er andere für sich putzen: Legionen von Bakterien, die sich auf ­seiner Haut wohlfühlen. Whitlock und sein Start-up AOBiome ­haben ein Spray entwickelt, das Duschen überflüssig machen soll.

Der Star in der Sprühdose heißt Nitrosomonas ­eutropha, ist stäbchen- oder birnenförmig und findet sich normalerweise im Boden. Es ist ein zwei Mikrometer langes Bakterium, das von Ammoniak lebt. (500 hintereinander aufgereiht wären also einen ­Millimeter lang.) Zweimal am Tag sollte man sich dem Bakteriennebel aus der Dose aussetzen, erklärt Whitlock. Milliarden von kleinen „Nitros“ lassen sich dabei auf der Haut nieder und beginnen dort ihr Wunderwerk.

 

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Insgesamt trägt ein erwachsener Mensch etwa hundert Billionen Mikroorganismen spazieren – ­zusammen wiegen diese gut zwei Kilo.

Wieder eine Hautflora wie unsere ungewaschenen Vorfahren: „Mother Dirt“ macht es möglich.

© YouTube // Curmudgeon Video

Bevor die Menschen begonnen haben, sich fast täglich zu duschen und sich bei jeder Gelegenheit die Hände mit Seife zu waschen, erzählt Whitlock, hätten sich die Putzbakterien auf unserer Haut sehr wohl gefühlt. Und dort für natürliche Sauberkeit ­gesorgt, indem sie unseren Schweiß wegfraßen. Was wir heute als Hygiene und Sauberkeit bezeichnen, hat im Lauf der letzten zwei Jahrhunderte mit Sicherheit viele schwere ansteckende Krankheiten eingedämmt. Aber, so Whitlock, übertriebene Hygiene beschere uns auch Allergien – und bahne den Weg für andere Krankheitserreger, die davor von freundlichen Bak­terien wie den „Nitros“ abgewehrt worden waren. Whitlock hat nachgewiesen, dass die Anwesenheit von Ammoniak-oxidierenden Bakterien auf der Haut Entzündungen und Irritationen eindämmt. Und das Immunsystem stärkt.

Insgesamt trägt ein erwachsener Mensch etwa hundert Billionen Mikroorganismen spazieren – ­zusammen wiegen diese gut zwei Kilo. Die meisten davon sind in unserem Darm zu Hause, wo sie für uns unverzichtbare Dienste bei der Verdauungsarbeit erledigen. Dass man diese unsichtbaren Freunde mit probiotischen Joghurts oder anderen Nahrungs­mitteln unterstützen kann, hat sich mittlerweile herumgesprochen.  

Dave Whitlock ist überzeugt, dass unsere Hautbakterien bald eine ähnlich steile Popularitätskurve in der öffentlichen Meinung nehmen werden wie ihre Cousins aus der Darmflora. Sein Spray, der unter dem Markennamen „Mother Dirt“ verkauft wird, soll uns die gesunde Hautflora unserer ungewaschenen Vorfahren zurückgeben. Dirty ist das neue Clean.

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01 2016 The Red Bulletin

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