Big Data Fussball

Big Data: Ohne Technik wird heute keiner mehr Fußball-Europameister

TEXT: FLORIAN WÖRGÖTTER
Bild: Pixabay

Wie Big Data zum neuen Spielmacher im Fußball wird. Und warum Deutschland ohne HighTech niemals Brasilien und
Argentinien geschlagen hätte.

Fußball-WM 2006. Viertelfinale. Elfmeterschießen. Der deutsche Schlussmann Jens Lehmann zieht mit seinen dicken Torwarthandschuhen einen Zettel aus dem rechten Stutzen. Darauf steht nahezu unleserlich hingekritzelt, wie die Argentinier ihre Elfer am liebsten versenken. Etwa: „Ayala lange warten langer Anlauf rechts“.

Tatsächlich, Ayala startet seinen Anlauf weit hinten, schießt nach rechts, Lehmann hechtet ins richtige Eck, hält. Als später Cambiasso antritt, die gleiche Prozedur. Lehmann ruft die Informationen in seinem Socken ab. Auf dem Zettel ist Cambiasso gar nicht vermerkt, aber das weiß der Inter-Mailand-Star nicht. Lehmann pokert. Lehmann hält. Deutschland ist im Halbfinale. Argentinien hat gut gekickt, Deutschland besser gespickt.

© MartinsGarten // Youtube

Schon damals vertraute der Deutsche Fußball-Bund auf die Erkenntnisse aus Videoanalysen. Dass diese noch nicht ausgereift waren, könnte ein Grund für die Endstation im Halbfinale gewesen sein. 

Mit Daten-Power zum WM-Titel

Bei der WM 2014 in Brasilien nimmt das Spiel ein besseres Ende für die Deutschen. Das Nationalteam kooperiert mit dem deutschen Software-Giganten SAP. Dessen Plattform SAP Match Insights analysiert in Videoaufnahmen die Spielabläufe und Leistung der Nationalmannschaft. Bundestrainer Jogi Löw und sein Team erhalten individuelle Spielanalysen, aber auch Schlüsselszenen und Infos über den kommenden Gegner, auf die sie über eine mobile App zugreifen.

Wenn Nationalkeeper Manuel Neuer also vor dem Endspiel die Elfmeter-Statistik der Argentinier verlangt, bekommt er kein Zettelchen mehr, sondern schaut in sein iPad oder auf das Smartphone. Das Ergebnis ist bekannt: Deutschland wird Weltmeister. Der 13. Mann am Spielfeld: SAPs Big Data.

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Das manische Sammeln komplexer Datenströme, kurz Big Data, hat auch den Profifußball erfasst. Das Milliardengeschäft, in dem für junge Spieler Millionen geboten werden, will nichts mehr dem Zufall überlassen. Wo Leistung erbracht wird, werden Daten gesammelt, die diese Leistung objektivieren und kalkulierbar machen.

Große Fußballklubs und Nationalteams wollen wissen: Wie weit und schnell läuft ein Spieler? Erreichen seine Pässe ihr Ziel? Gewinnt er Zweikämpfe? Wie reagiert der Tormann auf Penaltys? Daher investieren Fußballmanager in hochauflösende Kamerasysteme, Echtzeit-Trainingsanalysen, komplexe Software-Anwendungen und beschäftigen Statistiker, die unüberschaubare Datenmengen auswerten.

BVB setzt auf den Footbonaut

Die Erwartungen an den strategischen Mehrwert sind ebenso groß wie an den sportlichen und finanziellen Erfolg. Doch wie funktioniert die Vermessung der Fußballwelt, deren Fans gerade die Spannung und die Überraschung am Sport so lieben?

Borussia Dortmund zum Beispiel schickt seine Spieler zur Analyse hinter Gitter: Die Ballmaschine Footbonaut nimmt die Spieler beim Einzeltraining im Käfig in die Mangel. Auf einem 14 mal 14 Meter großen Kunstrasen schleudern acht Ballmaschinen von vier Seiten Bälle mit bis zu 120 km/h aufs Feld. Der Spieler muss sie rasch annehmen und hoch oder flach in das jeweils blinkende von insgesamt 72 Feldern schießen. 

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Wenn die Intervalle zwischen den Bällen auf zwei Sekunden sinken, beginnt der Stress, der Schweiß tropft, Stars hetzen umher wie überforderte Kinder. Ein wenig erinnert dieses Prozedere an das Schießen auf Pappkameraden, wie man es aus US-Polizeifilmen kennt. Außerdem piept und blinkt der Käfig wie auf dem Rummelplatz. Das Ziel auch hier: die Konzentration erhöhen, die Reaktionszeit verringern, mit dem Zufall fertig werden – und all das in Daten gießen.

Der „Daten-BH“ als ständiger Begleiter

Noch mehr Aufschluss geben die Informationen, wenn sie mit Positionsdaten aus dem Training am Platz verknüpft werden. Fußballer tragen im Training bereits Brustgurte mit GPS-Sensoren. Selbst in Spielen kommen sie teilweise zum Einsatz.

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Diese messen Sprints, Tempowechsel oder Laufwege der Spieler in Echtzeit. Als visualisierte Bewegungsprofile informieren die Daten über die körperliche Verfassung und die Fähigkeiten eines Spielers. Doch eine hohe Laufleistung ist nicht alles.

Als Dortmund 2011 Deutscher Meister wurde, liefen ihre Spieler laut Statistik am schnellsten von allen. Die Antithese: Der aktuelle Meister Bayern München gehört was Laufleistung angeht zu den Schlusslichtern in der deutschen Bundesliga.

Zahlen allein sind nicht alles, die gesammelten Daten müssen schlüssig aufbereitet und richtig interpretiert werden.

Auch spielerische Intelligenz soll erfasst werden

An der Deutschen Sporthochschule Köln weiß man das. Auch dass kognitive Fähigkeiten, wie Aufmerksamkeit und Übersicht, das Stellungsspiel oder das Antizipieren, viele Schritte sparen können.

Noch ist die spielerische Intelligenz aus den Daten aber nicht herauszulesen. Darin liege die Zukunft der Sportanalyse, mit der man auch Mannschaftskonzepte und Spielphilosophien entschlüsseln werde, ist man sich in Köln sicher.

Daher wird am dortigen Institut für Kognitions- und Sportspielforschung 2016 erstmalig in Europa das Master-Studium „Sportanalyse“ angeboten. Dauer: vier Semester.  Schwerpunkt: sportpraktische Daten generieren und anwenden.

„Moneyball“ - der Traum jedes Daten-Freaks

Ein frühes Lehrstück im sportlichen Einsatz von Statistik lieferte der US-Baseball-Manager Bill Beane mit seinem Klub Oakland Athletics in den frühen nuller Jahren. Nicht nur der Fußball ist auf seine Methode aufmerksam geworden, sondern auch Hollywood

© Moviepilot Trailer // Youtube

Gemeinsam mit einem jungen Statistiker verpflichtete Beane dem Anschein nach unspektakuläre Spieler, ordnete sie als statistische Variablen einer Gesamtstrategie unter, die ihre unterbewerteten Stärken in Summe optimal aufgehen ließ. Das Resultat: ein historischer Ligarekord von 20 ungeschlagenen Spielen in Serie. Die Boston Red Sox kopierten das „Moneyball“-Modell und wurden mehrfacher Baseball-Meister. 

Auch wenn im Fußball der Zufall eine größere Unbekannte darstellt als im Baseball, ließen sich Klubs wie  der FC Arsenal oder der FC Liverpool von den statistisch brillanten Methoden Beanes inspirieren und engagierten ebenso Statistiker für ihre Teams. 

Der Software-Anbieter SAP demonstriert im deutschen Fußball ebenso wie im nordamerikanischen Basketball (NBA) und Eishockey (NHL), wie aus einem Meer an Daten ordentlich Kapital zu schlagen ist.

70 Millionen Daten pro Fußballspiel

Beim deutschen Klub TSG Hoffenheim testete man erstmals die Spielerperformance, indem man Trainingskleidung und Ball mit Sensoren versah. Die Geodaten wurden mit der Software SAP HANA und  einem eingebauten Speicher verarbeitet.

JUST IN: SAP continued their co-innovation ...

JUST IN: SAP continued their co-innovation partnership with the German Football Association (DFB) by creating two new prototype technologies that run on the SAP HANA Cloud Platform: 1. A Penalty Insights function for SAP Sports One to help goalkeepers visualize tactical behavior and tendencies related to penalty kicks of all teams and players competing in #Euro2016 2.

Seitdem Deutschland mit SAP HANA Weltmeister wurde, vertraut auch der FC Bayern München in die weiterentwickelte Software SAP Sports One. Auf der Cloudbasierten Plattform fließen die verschiedensten Daten zusammen: Spielstatistiken, Fitnessdaten, Informationen über Verletzungen, die Medikation und den Heilungsverlauf, Trainingsdaten, Spielanalysen und Scouting-Notizen. Laut SAP werden pro Fußballspiel über 70 Millionen Daten gesammelt.

Außerdem bietet SAP ein Gesamtkonzept für das Vereinsmanagement und Fan-Analysen über Social Media. Alle diese Informationen gebündelt erstellen Spielerprofile, wie man sie einst vom Computerspiel Fußball-Manager von EA kannte, mit dem Zocker den virtuellen Transfermarkt aufmischten.

Der gläserne Fußballer

Tatsächlich existieren Fußballprofis heute auf mehreren virtuellen Plattformen als Avatare wie früher am Computerbildschirm. Sämtliche gesammelten Informationen eines Spielers beeinflussen bereits seinen Marktwert. Daher erfreuen sich Talentsucher an Datenbanken wie transfermarkt.de oder der Software Scout7.

Scout7 Podcast Episode 11 - Player Recruitment from the Non-League

In the latest episode of the Scout7 Podcast, Wigan Athletic's Matt Jackson, Fleetwood Town's Gretar Steinsson & former Tottenham Hotspur Chief Scout Mel Johnson discuss how league clubs monitor non-league football for player recruitment.

Letztere greift auf die Datenbanken von Opta zu, dem Marktführer im Sammeln von Echtzeit-Leistungsdaten, der Profiklubs ebenso bedient wie Wettanbieter oder Sportmedien. Scout7 bietet zu jedem Spieler verschiedenste Statistiken und ergänzt sie mit Videoclips von wichtigen Spielzügen. Darüber hinaus werden Vereine dabei unterstützt, ihre Notizen mithilfe von Datenbanken zu analysieren, und können Spieler direkt vergleichen.

Ihre Bedeutung als Analyse-Instrument wächst massiv, da Scout7 monatlich rund 3.000 Spiele erfasst und auswertet. Doch ähnlich wie in der Politik sind die besten Analysekonzepte wertlos, wenn sie niemand in die Tat umsetzt. Welches Potential steckt also noch in den grenzenlosen Datenmengen? Wie können sie die Zukunft des Fußballs positiv gestalten?

Zwei Szenarien

1 Das Training 

Angriff. Der Torwart rückt weit aus dem Tor heraus. Die Sensorik, die er am Körper trägt, gibt ihm Impulse, in welcher Position er den Winkel zum Stürmer am besten verkürzt. Diese sanfte Elektroschock-Therapie soll dem Torwart während eines Matchs wieder ins Gedächtnis kommen, damit er weiß, was in einer ähnlichen Situation zu tun ist.

Der Stürmer wird während seines Angriffs von einer Kameradrohne überflogen, die seinen Sturmlauf, seine Ballführung, seine Schusstechnik filmt. Nach dem Training werden die einzelnen Angriffe dreidimensional aufbereitet und über eine Virtual-Reality-Brille nachgestellt – aus den Augen des Stürmers, aus den Augen des Tormanns. Während des Trainings noch analysiert der Trainer per GPS-Sender den Herzschlag des Stürmers, der sich vor Wochen einen Bänderriss zugezogen hat.

Das am Bildschirm visualisierte Bewegungsprofil zeigt, dass seine Bewegungsreflexe noch schwach sind. Der implantierte Chip unter seiner Haut erhebt die Blutwerte, eine Bandage auf der Haut misst den Laktatwert– alles ohne Blutprobe. Die Daten raten dem Trainer, der Stürmer solle vorsichtig sein, um einen Rückfall zu vermeiden. Der Trainer gehorcht: Der Stürmer wird für die nächsten Spiele geschont.

2 Das Match

Anpfiff. Mit dem Anstoß beginnt die Datenanalyse in Echtzeit. Video- und Spielstatistiken werden schon während des Spiels automatisch erstellt, ohne dass noch jemand Daten eingeben oder verknüpfen muss. Daher kommt der Trainer bereits zur Halbzeit mit Videos und konkreten Leistungswerten in die Kabine. Das Marketing des Klubs speist die Spieldaten gleichzeitig in das bei den Fans so beliebte Online-Game auf der eigenen Website ein.

 Die Fans sehen daheim auf den Fernsehgeräten und auf dem Second Screen über Laptop, Smartphone oder Tablet, wie die Abseitslinie während des Spiels mit dem Stürmer mitzieht und wo die Viererkette stehen müsste, um den Angriff abzuwehren. Das System entwickelt sogar alternative Szenarien, wie der Ball doch im Tor hätte landen können. Und da die Pulsfrequenz von Spielern nun auch während des Matchs gemessen werden darf, wird vorm Elfmeter gewettet, wessen Herz höher schlägt: das des Tormanns oder des Schützen.

Einzig der Schiedsrichter ist tiefenentspannt, denn seitdem der Videobeweis international zugelassen ist, kann er keine Fehlentscheidungen mehr treffen.

Ist alles berechenbar?

Zweifellos werden Statistik und Videoanalysen den Fußball ebenso prägen wie bereits andere Profisportarten. Bei aller Euphorie über das frohe Datensammeln stellen sich auch im Fußball die gleichen Fragen wie überall, wo Menschen massenhaft Informationen preisgeben: Wie sind die Daten der Spieler geschützt? Was passiert mit den Daten, wenn der Spieler den Verein verlässt? Und wer profitiert zuletzt davon: Klubs, Fans oder Software-Betreiber?

In Zeiten von Big Data erscheint alles berechenbar. Wofür es jedoch keine Formel gibt: das gute Bauchgefühl, das Glück und den Zufall. Auf dem Platz beeinflusst die Intuition jede spielerische Entscheidung – und die kann leicht gestört werden, wenn ein Tormann plötzlich einen Zettel aus seiner Socke zieht und der Schütze sich fragt: „Weiß er, wohin ich schießen werde? Weiß er, ob ich treffen werde?“

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