Ambarish Mitra Blippar

„Blippar“-Gründer Ambarish Mitra ist ein Meister des Scheiterns

Text: Hannah Stadlober
Bild: Blippar

Ambarish Mitra mauserte sich vom Teeverkäufer zum Startup-Millionär. Mit „Blippar“ erfand er eine App, die Gegenstände auf Knopfdruck erkennt. Seine Vision: nichts Geringeres als die Revolution der Suchmaschine. Statt zu googeln, sollen wir in Zukunft blippern.

Wenn er für jede gefloppte Idee ein paar Dollar bekommen hätte, wäre Ambarish Mitra wohl schon früher Millionär geworden. Denn das Scheitern beginnt für den 37-Jährigen bereits in jungen Jahren: Mitra wächst in einer mittelständischen Familie in Indien auf, in der Schule beschäftigt er sich statt mit Sinus und Cosinus lieber mit Cricket, dem Internet und seinem großen Idol Bill Gates.

Er bekommt schlechte Noten, fällt durch. „Für meine Eltern war das eine riesige Enttäuschung“, sagt er heute. Mit sechzehn wird es ihm zu viel: Er läuft von zu Hause weg und lebt in den Slums von Munirka in Delhi, wo er sich als Teeverkäufer und Zeitungsausträger durchschlägt.

Dass er heute ein Startup mit mehr als 300 Mitarbeitern, 14 Niederlassungen und einem geschätzten Wert von einer Milliarde Dollar leitet, hätte sich damals wohl nicht einmal Mitra selbst gedacht. Neben Tesla Motors, Uber und Airbnb zählt Blippar derzeit zu den innovativsten Tech-Unternehmen der Welt.

„Ich will das Wikipedia der physischen Welt erfinden“, sagt Mitra, den es heute an Geld und Selbstvertrauen nicht mangelt. Blippar, so die Vision, soll irgendwann zum Google des visuellen Suchens werden. Eine Suchmaschine, die nicht mit Worten, sondern über visuelle Informationen funktioniert.

© WORLDWEBFORUM // Youtube

Aber zurück zum Scheitern: Am Straßenrand in Munirka wird der Sechzehnjährige zwar mit Essen und englischsprachigen Zeitschriften versorgt, aber sonst hat er nicht viel. Nach sieben Monaten stößt er in einer Zeitung auf einen eBusiness-Wettbewerb.

Mitra reicht seine Idee neben 3.500 Bewerbern ein – und gewinnt prompt. Mit 10.000 Dollar Preisgeld in der Tasche gründet er sein erstes Startup, ein Gratis-Internetportal für Frauen. Der Junge, dessen Adresse lange „in Munirka in der Nähe des Wassertanks“ gelautet hat, hat es geschafft – zumindest vorläufig.

„Scheitern ist nicht das Gegenteil von Erfolg. Es ist Feedback.“

Ambarish Mitra on Twitter

Thank you @EY_EOY for the recognition... Congratulations @blippar team, partners and investorspic.twitter.com/pOCDrsuPY0

Nach seinem ersten Erfolg zieht es den mittlerweile Zwanzigjährigen nach London, wo seine Ideen weniger gut ankommen: Sei es ein Reiseunternehmen oder eine Art „Twitter meets Periscope“, viele seiner Ideen enden in einem mittleren Desaster. Mitra schlittert knapp am Privatkonkurs vorbei und bekommt es mit der Angst zu tun: Würde er ein One-Hit-Wonder bleiben?

„Mein zweiter Name sollte ‚Scheitern‘ sein“, sagt Mitra heute und meint es ernst. Seiner Vergangenheit kann der mittlerweile 37-Jährige aber trotzdem viel Positives abgewinnen: „Es gehört auch Timing und Glück dazu. Und alles, was ich gemacht habe, hat mich dorthin geführt, wo ich heute bin.“ Nämlich zu Blippar, das inzwischen Investments um die 100 Millionen Dollar eingeheimst hat. „Scheitern ist nicht das Gegenteil von Erfolg. Es ist Feedback.“

© Blippar // Youtube

2008 wendet sich das Blatt für Mitra bei einem Feierabendbier in einem britischen Pub irgendwo am Land. Als die Rechnung über 15 Pfund kommt, legt sein Freund Omar einen 20-Pfund-Schein auf den Tresen. „Wir scherzten herum, wie es wohl wäre, wenn die Königin von England hereinspaziert käme und ihre Pfundnote zurückverlangen würde.“

Als Wassertrinker erinnert sich Omar am nächsten Morgen an den Einfall und baut zusammen mit Mitra eine App, die vor allem auf Partys zum Hit wird: Am Smartphone wird die Queen in ein animiertes Bild verwandelt – Augmented Reality eben. Blippar war geboren.

Mit der App sollen die Menschen mehr von der Welt sehen können, so die Vision ihrer Macher. Blippar ist eine Art Superhirn-App mit Auge: eine Plattform, die die Welt um uns erkennt und Informationen über sie preisgibt. 

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Demonstration gefällig? Mitra zückt sein Smartphone und hält es über eine gewöhnliche Banane. Wenige Sekunden später erscheint ein Icon von einer Banane auf dem Bildschirm, zusammen mit allerlei Informationen zur Frucht: Herkunft, Anbau oder Einkaufsmöglichkeiten in der Gegend.

Der Clou an der Sache? Die Software erkennt Gegenstände ohne Code oder eingebauten Chip, sondern „wie ein Mensch“. Mitra: „Wenn deine Mutter dir als Kind sagt: ‚Das ist ein Sofa‘, dann wirst du in Zukunft auch andere Sofas erkennen – selbst dann, wenn sie anders aussehen.“

„Irgendjemand ist immer schlauer und besser als du. Akzeptiere dich, wie du bist.“

 Je mehr Menschen die App verwenden, umso besser und intelligenter soll sie werden. Noch entspricht das „Gehirn“ der Software dem eines Sechsjährigen. In einem Jahr schon soll Blippar aber auf dem Wissensstand eines Achtzehnjährigen sein. Derzeit nutzen vor allem Industrieriesen und Produktionsfirmen Blippar als Werbeinstrument: Erfasst die App zum Beispiel „Star Wars“-Fanartikel, beginnt eine galaktische Schlacht auf dem Bildschirm. Ein Spiel, bei dem der Nutzer selbst entscheiden kann, vor welchem Hintergrund es stattfindet.

Für Mitra ist die App aber mehr als nur eine Spielerei und Einnahmequelle für Werbekunden. Bald soll die App alles um uns erkennen können. Wie Google eben, aber nicht über Suchwörter, sondern über echte Gegenstände. Weil es viel intuitiver sei, etwas anzuschauen, als herumzutippen, meint Mitra.

Aber ist ein so übermenschliches Projekt nicht geradezu zum Scheitern verurteilt? Und wenn schon, sagt Mitra. Neben Geld und Selbstbewusstsein mangelt es dem Inder heute auch nicht an Weisheit: „Irgendjemand ist immer schlauer und besser als du. Akzeptiere dich, wie du bist“, sagt er und dreht an seinem Goldring.

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