Bobak Ferdowski

Der erste Marsianer

Text: Muhamed Beganovic 
Bild: Andy Scott

Das Internet kennt Bobak Ferdowsi als Mohawk Guy. Und „sexiest man“ der NASA. Eine Story über das Hirn hinter dem Haarschnitt.

6. August 2012: Eine weiße Sonde mit grauen Feldern dreht sich im Uhrzeigersinn um die eigene Achse. Sie steuert auf Mars, den Roten Planeten, zu. An Bord befindet sich der Mars-Rover Curiosity. Zehn Monate ist die Sonde schon unterwegs. In den Mission-Control-Zentren der NASA ist die Lage angespannt. Männer in den ikonischen blauen Shirts mit dem NASA-Logo und Headsets starren auf ihre Bildschirme. Die Kamera schwenkt, und da ist er: der Mohawk. Bobak Ferdowsi, zu diesem Zeitpunkt 32 Jahre alt, wird zu einer Internet-Sensation. 

Für einen kurzen Augenblick rückt der Erfolg der Curiosity-Mission in den Hintergrund. Fast wird es egal, dass die Sonde trotz schwieriger Bedingungen heil gelandet ist. Als US-Präsident Barack Obama bei der NASA anruft, um ihnen zum Erfolg zu gratulieren, sagt er in Anspielung auf Ferdowsis Frisur: „Ihr seid ein wenig cooler geworden.“ Obama merkt an, dass er einst mit dem Gedanken gespielt habe, sich selbst einen Mohawk wachsen zu lassen. Die Medien und das Internet stürzen sich auf Ferdowsi, fortan als der Mohawk Guy bekannt; „sexiest man at NASA“ ist ein weiterer Titel, mit dem er geschmückt wird. 

Bobak Ferdowsi sieht es nüchtern. „Ich glaube nicht, dass meine Frisur herausstechen würde, wenn es diesen Kontext (Landung der Mars-Sonde) nicht gäbe.“ Es stört ihn auch nicht besonders, dass die Masse nicht genau weiß, was seine Arbeit ist, und stattdessen nur über Oberflächliches wie seine Frisur redet. „Ich glaube, Menschen erkennen nur, dass man, wenn man in diesem oder jenem wissenschaftlichen Feld arbeitet, nicht wie ein Klischee aussehen muss.“ 

Ferdowsi ist plötzlich eine wichtige Persönlichkeit in der Wissenschaftswelt. Sitzt neben First Lady Michelle Obama bei einem Event. Bekommt Heiratsanträge von völlig Unbekannten. Auf Twitter hat er über 76.000 Follower. Es wäre aber unfair, Bobak Ferdowsi nur wegen seiner Frisur zu kennen, denn der Mann, der mithalf, eine milliardenteure Sonde auf dem Mars zu landen, ist mehr als nur cool gekämmt.

Die Landung des NASA Mars Curiosity Rover-Roboters am 7. Juni 2013.  

© NASA // Youtube

Dank Lego zur Nasa

Jedes Kind träumt schon mal vom Weltraum, und bei Ferdowsi ist es nicht anders gewesen. Der Gedanke an Reisen durchs All zieht ihn schon von klein auf an. Nur Astronaut will er nicht unbedingt werden. Bobak Ferdowsi wird 1979 als Kind eines iranischen Einwanderers und einer amerikanischen Mutter in Philadelphia, im US-Bundesstaat Pennsylvania, geboren. Die achtziger und frühen neunziger Jahre sind für ihn prägend, jedes Jahr wird da mindestens eine bemannte oder unbemannte Rakete ins Weltall geschickt.

Und auch die Serie „Star Trek“ spielt eine große Rolle, wie Ferdowsi erzählt: „Es besteht kein Zweifel daran, dass Star Trek mich stark beeinflusst hat. Es ist diese Vision einer besseren Zukunft, in die ich mich verliebt habe.“ Doch es ist ausgerechnet dänisches Kinderspielzeug, das ihn auf seine Karrierebahn lenkt. „Meine Liebe zur Wissenschaft und zum Ingenieurwesen kommt zum Großteil vom Lego-Spielen und vom Science-Fiction-Lesen.“

„Ich glaube nicht, dass meine Frisur herausstechen würde, wenn es diesen Kontext nicht gäbe.“
Bobak Ferdowsi

1991 wandern seine Eltern nach Japan aus. In Tokio besucht Bobak die American School, schließt sie 1997 ab und kehrt für sein Studium in die USA zurück. Im gleichen Jahr landet die Pathfinder-Sonde auf dem Mars. „Es war das erste Mal, dass ich live -zugesehen habe, was auf einem anderen Planeten vorgeht. Da wollte ich dann definitiv ein Teil davon sein“, sagt Ferdowsi. Seinem Kindheitstraum folgend, beginnt er ein Studium der Luft- und Raumfahrt/-Ingenieurwesen an der University of Washington, wechselt 2001 aufs Massachusetts Institute of Technology und beginnt zwei Jahre später, gerade mal 24, für das Jet-Propulsion-Laboratorium der NASA zu arbeiten. Von Anfang an ist er Teil des Mars Science Laboratory.

Leben auf dem Mars

Der Roboter-Rover Curiosity, der Ähnlichkeit mit dem niedlichen animierten Roboter Wall-E hat, arbeitet tüchtig an der Erforschung des Mars. Er dreht Steine um, erkundet die Gegend, misst die Atmosphäre und rechnet ohne Pause. Zu den Zielen des Rovers gehört es, die Atmosphäre, das Klima und die Geologie zu studieren und den Roten Planeten auf seine Bewohnbarkeit zu prüfen. Curiosity entdeckt dabei Dinge, die für die Wissenschaft von großer Bedeutung sind: Auf dem Mars gibt es Stickstoff – das Gas, das für Leben ebenso notwendig ist wie Sauerstoff. Bobaks Rover bejaht eine Frage der Wissenschaft: Mars hat Potential für eine Kolonialisierung. 

Bobak Ferdowsi

Alle starren auf seine Haare. Aber was sagt Bobak Ferdowsi? „Es ist eine Tatsache, dass es vor vier Milliarden Jahren Wasser im Überfluss gab.“ Ja, vielleicht sogar Leben. Spricht er von der Geschichte des Mars? Von der Zukunft der Erde? Und wer ist eigentlich sein Frisör? 

© ROBYN Beck/AFP/Getty Images

Den Roten Planeten kennen wir aus Filmen und Serien. Nahezu in jedem Stück Fiktion leben auf dem Mars Außerirdische, die darauf aus sind, die Menschheit auszulöschen und die Erde zu zerstören. Dabei war es der Mars, den so ein Schicksal ereilt hat. „Es gab beinahe unzweifelhaft eine Zeit, als der Mars bewohnbar war, aber da gibt es noch viel mehr zu erkunden und zu erforschen“, sagt Ferdowsi. Bis dato gab es fast zwei Dutzend Orbiter und unbemannte Landemissionen, die sich der Erkundung des Planeten gewidmet haben.

Nur dem Mond wurde mit 39 Missionen eine höhere Aufmerksamkeit zuteil. Die erste Mars-Mission fand vor mehr als fünfzig Jahren statt, am 5. November 1964. Die Raumsonde Mariner  3 hätte im Vorbeiflug Fotos vom Mars schießen sollen, erreichte aber niemals ihr Ziel. Der Mars bleibt ein widerspenstiger Planet: In fünfzig Jahren und bei insgesamt 21 Mars-Missionen musste die NASA mehrere Rückschläge verkraften. Fünf Missionen wurden gar gänzlich als „Misserfolg“ eingestuft. Die Mission des Mars Science Laboratory, die bereits 2004 begann und 2,5  Milliarden Dollar kostete, zählt nicht dazu.

„Ich glaube, Menschen erkennen nur, dass man, wenn man in diesem oder jenem wissenschaftlichen Feld arbeitet, nicht wie ein Klischee aussehen muss.“ 
Bobak Ferdowsi

Die Landung, sagt Ferdowsi, war schwierig. Die Atmosphäre, die im Raum der Mission Control herrschte, könnte man durchaus als dramatisch beschreiben. Die Sonde wurde mehrfach getestet, aber sie ist zum ersten Mal im Weltall im Einsatz. Ferdowsi erinnert sich an einen der schwierigsten Aspekte in der Entwicklungsphase des Projekts: „Auf der Erde simulieren, was auf dem Mars funktionieren muss.“ Eigentlich fast unmöglich. Ob ein Mensch innerhalb dieses Jahrzehnts auf dem Mars landen wird? Ferdowsi kann sich das gut vorstellen: „Es gibt noch viele ungelöste Herausforderungen für eine bemannte Mission. Wenn aber die Welt beschließt, dass es wert ist, dieses Ziel innerhalb des Jahrzehnts zu erreichen, dann wäre es durchaus machbar.“

„Die Suche nach Leben ist eine der großen Fragen unserer Zeit.“
Bobak Ferdowsi

 Der Mars sei jedenfalls wichtig und der Mühe wert, sagt Ferdowsi. Nicht nur, weil der Planet unsere Phantasie seit eh und je beflügelt, sondern weil „er in vielerlei Hinsicht der Schwesterplanet der Erde ist“. Zum Beispiel, führt Ferdowsi an, gibt es auf dem Mars ebenfalls Schwerkraft, wenn auch eine etwas geringere als auf der Erde. Und es gibt Anzeichen für Leben. „Es ist eine Tatsache, dass es vor vier Milliarden Jahren Wasser im Überfluss auf dem Mars gab. Heute sieht es zwar anders aus, dennoch ist es ein Ort, wo wir Fuß fassen und den wir eventuell auch kolonisieren könnten.“

Die Betonung setzt Ferdowsi hier auf das Wort „könnten“, denn aus seiner Sicht wäre eine Mars-Kolonialisierung nicht unbedingt notwendig, obwohl er gern zugibt, dass es Vorteile geben könnte. Persönlich würde es ihn nicht zum Mars ziehen, die Erde ist für ihn nach wie vor der beste Planet. „Die Erde ist wunderschön, und all meine Freunde leben hier“, sagt Ferdowsi. 

Der Weg nach Europa

Der Mars ist aber nicht die Grenze. Die NASA, und damit auch Ferdowsi, widmet sich schon neuen Projekten. Zur Zeit wird an der OSIRIS-REX-Sonde gearbeitet, die erdnahe Asteroiden untersuchen soll. Noch 2016 soll die Sonde starten. Ebenfalls geplant werden Missionen zum weitab gelegenen Jupitermond Europa und dem ebenso fernen Saturnmond Enceladus. Europa könnte sogar unterirdische Salzmeere haben. „Ich glaube, die Wissenschaft ist an einen Punkt gelangt, wo sie diese eisigen Monde erkunden muss. Es sind Orte mit genügend Wasser und Wärme“, sagt Ferdowsi und fügt an: „Die Suche nach Leben ist eine der großen Fragen unserer Zeit.“

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05 2016 The Red Bulletin

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