Carlo Ratti im Interview über Städte der Zukunft

Carlo Rattis Gedanken zu unseren Städten der Zukunft

Interview: Christoph Kristandl
Foto: Lars Krüger

Wie werden sich unsere Städte verändern und wie wird das unser Leben beeinflussen? Fragen, die Carlo Rattis tägliche Arbeit sind. Ein Interview mit dem Direktor des „MIT Senseable City Lab“.

Wenn Carlo Ratti über Städte spricht, dann tut er das mit einem Funkeln in den Augen. Er glaubt fest daran, dass wir unsere Metropolen der Zukunft durch Technologie, Sensoren und Echtzeitinformation deutlich verbessern können. Mit einigen seiner Projekte zeigte er bereits, welche Möglichkeiten uns die Technologie gibt, um das Funktionieren von Städten zu verstehen und zu optimieren.

Er weiß auch, warum wir Menschen uns - trotz Risiken - auf die voranschreitende Digitalisierung der urbanen Abläufe einlassen: „Lebensqualität!“ Die ist es nämlich, die uns letztlich überzeugt.

Im Gespräch mit dem Direktor des Senseable City Lab am Massachusetts Institute of Technolegy (MIT) erfahren wir, …

  • wie sich Städte verändern werden
  • welchen Effekt moderne Städte auf uns haben werden
  • welchen momentanen Trend er als überbewertet erachtet
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THE RED BULLETIN INNOVATOR: Professor Ratti, wie werden unsere Städte in 20 Jahren aussehen?

PROF. CARLO RATTI: Aus architektonischer Sicht denke ich nicht, dass die Stadt der Zukunft sich in ihrem Erscheinungsbild dramatisch von jenem der heutigen Stadt unterscheiden wird. So wie sich auch die römische „Urbe“ nicht so sehr von unseren heutigen Städten unterschied. Wir werden immer horizontale Stockwerke zum Leben brauchen, vertikale Wände, um Räume zu trennen und geschlossene Gehäuse, um uns vor der Außenwelt zu schützen. Was sich dramatisch ändern wird, ist die Art, wie wir die Stadt in ihrer Konvergenz von digitaler uns physischer Welt erleben werden.

Wie sieht Ihre Vision einer perfekten „Smart City“ aus?

Ich bin kein großer Fan des Begriffs „Smart City“. Ich bevorzuge es,  mir unsere Städte als „senseable“ vorzustellen, im doppelten Sinn - „able to sense“ und „sensible“. Ich denke, diese Definition drückt meine Vision besser aus. Sie ist stärker auf die Bedürfnisse der Menschen fokussiert als auf Technologie per se. Vor diesem Hintergrund glaube ich, dass es keine perfekte, intelligente Stadt gibt. Heute experimentieren viele Städte mit verschiedenen Dingen, je nach ihren spezifischen Charakteristiken und Bedürfnissen. Singapur zum Beispiel erforscht neue Ansätze der Mobilität, Kopenhagen bemüht sich um Nachhaltigkeit, Boston um die Einbeziehung der Bürger, etc.

© Youtube // Carlo Ratti Associati

Wird es notwendig sein, neue Städte am Reißbrett zu entwerfen, um das volle technologische Potenzial auszuschöpfen?

Es ist in der Tat möglich, neue Städte von Grund auf zu bauen, wie die Beispiele von Masdar (Vereinigte Arabische Emirate) und Songdo (Korea) zeigen. Allerdings neigen solche Städte dazu, stumpf und uninteressant zu sein. Seit ihrer Entstehung vor über 10 000 Jahren waren Städte stets das Ergebnis von aufbauenden, kollaborativen Prozessen. Generell würde ich sagen, wir brauchen keine neuen Städte, aber eine neue Denkweise. Urbane Gebiete verändern sich als natürliche Konsequenz des Faktes, dass das Internet den physischen Raum erobert und zum Internet of Things (IoT) wird. Und dieses Potenzial verändert das urbane Leben in sehr vielen Dimensionen.

Worin liegt der größte Vorteil, unsere Städte smart zu machen? Und sehen Sie auch Nachteile?

Wenn diese Städte richtig funktionieren, können sie unsere Lebensqualität signifikant steigern. Etwa, wenn wir weniger Zeit im Verkehr verlieren, weil wir durch Sensoren und Echtzeitdaten für einen besseren Fluss sorgen können. Von Nachteilen würde ich nicht sprechen, aber von Risiken - wie dem Hacken von städtischen Systemen.

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Welchen Effekt werden smarte Städte auf unser Verhalten und Zusammenleben in der Stadt haben?

Dazu fallen mir zwei Wörter ein: Nachhaltigkeit und Geselligkeit. Blicken wir auf ein Ding, dass das Aussehen von Städten im 20. Jahrhundert geprägt hat: das Auto. In den USA sind Autos im Durchschnitt zu 95 Prozent der Zeit ungenutzt. Schätzungen zufolge könnte jedes Fahrzeug, das gemeinschaftlich genutzt wird, etwa über Sharing-Systeme, zehn bis 30 in Privatbesitz befindliche Autos auf den Straßen ersetzen. Solche Dynamiken könnten mit der Etablierung von selbstfahrenden Autos exponentiell steigen. Sie versprechen einen dramatischen Einfluss auf das urbane Leben, weil sie die Grenze zwischen privaten und öffentlichen Formen des Transports verschwimmen lassen werden.

„Ihr“ Auto kann Sie morgens in die Arbeit bringen und dann, statt nutzlos auf dem Parkplatz zu stehen, ein anderes Mitglied Ihrer Familie befördern. Oder aber auch jemanden aus Ihrer Nachbarschaft oder Ihrer Social-Media-Community. Das könnte zu einer Stadt führen, in der  - zumindest theoretisch – auf Anfrage jeder transportiert werden kann, mit einem Bruchteil der Autos, die heute unterwegs sind. Ähnliche Sharing-Dynamiken sind auch für andere Lebensbereiche denkbar, wie Energie oder Abfallwirtschaft.

Welche Objekte, von denen wir das heute noch gar nicht denken, werden in Zukunft mit uns kommunizieren?

In den 1950er Jahren prophezeite der Mathematiker und Philosoph Norbert Wiener eine Zukunft, in der „Nachrichten zwischen Menschen und Maschinen, zwischen Maschinen und Menschen sowie zwischen Maschinen und Maschinen eine immer bedeutendere Rolle“ in der Gesellschaft einnehmen werden. Sein Schluss lautete: „Effektiv zu leben heißt, mit adäquaten Informationen zu leben.“ Die meisten Objekte der Zukunft werden sowohl mit uns als auch untereinander sprechen.

Welcher Trend aus dem Umfeld zukünftiger Städte wird Ihrer Meinung nach im Moment überbewertet und wird sich nicht durchsetzen?

Vielleicht Elon Musks Hyperloop. Ich halte das für keine großartige Idee. Die Art von Erlebnis, die Hyperloop zwischen San Francisco und Los Angeles vorschlägt, mit langen Wegen zu vorstädtischen Haltestellen und einem kurzen Trip in einer kleinen, dunklen Röhre, das gefällt mir nicht sonderlich. Vor ein paar Wochen war ich in London und musste von dort aus nach Paris. Ich hätte vom Stadtzentrum zum Flughafen Heathrow fahren, 45 Minuten fliegen und dann eine weitere Fahrt vom Flughafen Charles de Gaulle ins Zentrum von Paris auf mich nehmen können. Stattdessen habe ich es sehr genossen, zwei Stunden im Eurostar zu verbringen. Ich war online, der komfortable Sitz wurde während der Reise zu meinem Arbeitsplatz und zudem konnte ich die prächtige englische und französische Landschaft genießen. Während des Trips dachte ich mir, ich hätte das schönste Büro auf der ganzen Welt! Wenn wir davon ausgehen, dass unsere Züge – und irgendwann unsere selbstfahrenden Autos – eine Erweiterung unserer Arbeitsplätze und Zuhause werden, sollten wir uns dann nicht darauf konzentrieren, sie noch komfortabler zu machen und sie für die Beförderung von einem Punkt zum anderen zu optimieren, anstatt über eine so sehr am 20. Jahrhundert angelehnte Idee von schnellem Reisen zwischen zwei großen Knotenpunkten nachzudenken?

Welche Innovation erwarten Sie persönlich am sehnsüchtigsten?

Es gibt noch so viel zu erfinden – vor allem im sich so schnell entwickelnden IoT-Bereich. Ich sehe aber nicht nur in der Verbindung der digitalen und physischen Welt, sondern auch in der Einbeziehung der biologischen Welt großes Potenzial. Das wird vermutlich die nächste Grenze, die wir überschreiten werden.

 

Prof. Carlo Ratti referiert neben weiteren namhaften Experten auf der am 29. und 30. März in Wien stattfindenden MIT Europe Conference.

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03 2017 THE RED BULLETIN INNOVATOR

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