Pioneers

Die Pioniere des Balkans  

Text: Teresa Reiter
Bild: Strawberry Tree

Das Image ist verheerend. Die Wirtschaftslage trübe. Die Not aber macht erfinderisch. Start-ups aus einer Region, die einst Genies wie Nikola Tesla hervorbrachte und heute nicht mehr mit Krieg assoziiert werden will, sondern mit Kreativität.

Man muss wahnsinnig sein, um sich hier mit einem Start-up selbständig zu machen“, sagt Darko Djurić, ein junger Programmierer aus Niš in Serbien, der vor seiner ersten Unternehmensgründung steht. Er zählt die gängigsten Hindernissen mit den Fingern auf: „Erstens ist die Bürokratie eine totale Zumutung. Man verbringt Stunden damit, Förderungsanträge auszufüllen, die dann vielleicht im Müll landen“, sagt der Sechsundzwanzigjährige. „Zweitens gibt es kaum Business Angels. Drittens ist die Wirtschaftslage nicht gerade ein Sprungbrett für Start-ups, und viertens mangelt es an Infrastruktur.“

Und: „Die Kredite haben Zinsen, die man seinem schlimmsten Konkurrenten nicht wünschen würde“, sagt Daniel Rössler von der Agentur der Österreichischen Entwicklungszusammenarbeit (ADA), die Wirtschaftspartnerschaften zwischen österreichischen und südosteuropäischen Unternehmen einrichtet, um Start-ups zu unterstützen. Hinzu kommt freilich das Problem mit dem Image. 

 

Balkan oder Kosovo? „Da runzeln potentielle Partner erst einmal die Stirn“, sagt Rössler. Das sei das Kernproblem, sagt auch Jurica Magoći vom mazedonisch-kroatischen Fueloyal: „Start-ups aus Südosteuropa müssen sehr viel besser als Firmen aus den USA oder Westeuropa sein, wenn sie international erfolgreich sein wollen.“ Aber das geht, „wenn man auf eine verrückte Art beharrlich ist“, sagt Magoći.

Denn allen Widrigkeiten zum Trotz entwickelt sich in den letzten Jahren auf dem Balkan eine vitale Start-up-Szene. Klarer Vorreiter ist Bulgarien, das jedoch als EU-Mitglied über eine günstigere Ausgangsposition verfügt als seine westlichen Nachbarn. Dabei verfüge der Balkan über viele Vorteile, sagt Rössler: die überdurchschnittlich junge Bevölkerung, Kreativität und Risikobereitschaft. Paradoxerweise listet Rössler noch etwas als Vorteil auf: die vielen Probleme. „Für uns als Entwicklungsagentur ist das sehr spannend, weil wir gemeinsam mit Jungunternehmern soziale Probleme auf ganz neue und innovative Weise lösen können. Und von denen gibt es am Balkan leider noch genug“, sagt Rössler. Not macht eben erfinderisch.

Strawberry Tree, Serbien

Nicht nur Erdbeeren, sondern auch Strom wächst eigentlich nicht auf Bäumen. Bei der serbischen Solarenergie-Firma Strawberry Tree ist Letzteres hingegen ganz normal. Schon als er noch zur Schule ging, träumte der Elektrotechniker Miloš Milisavljević davon, so vielen Menschen wie möglich Zugang zu Green Energy zu verschaffen. Gemeinsam mit Studienkollegen gründete er noch an der Universität sein Unternehmen. Seine baumartigen Sonnenkollektoren stehen in Parks und auf öffentlichen Plätzen. Auf einer bequemen Bank gleich daneben kann man sich setzen, sein Smartphone anstecken und das freie Wi-Fi nutzen. Die Bäume verfügen über eingebaute Batterien und eigens vom Gründer patentierte smarte Technik, die dafür sorgt, dass Energie optimal gewonnen und verbraucht wird. Sie überstehen zwanzig Tage ohne Sonnenschein, so lange können sie Energie speichern und abgeben. Gleichzeitig sollen die Smartphone-Ladestationen etwas zur Smart-City-Entwicklung in den Städten beitragen.

 

Strawberry Tree will so nachhaltig genutzte öffentliche Räume schaffen und nutzlose Straßenmöblierung in nützliche verwandeln.

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Smarte Technik. Die Bäume verfügen über eingebaute Batterien und eigens vom Gründer patentierte smarte Technik, die dafür sorgt, dass Energie optimal gewonnen und verbraucht wird.  

© Strawberry Tree

Bei der Unternehmensgründung 2011 wurde Milisavljevićs Erfindung von der EU-Kommission noch als erste urbane Solareinrichtung dieser Art weltweit anerkannt. Wer heute durch den Tašmajdan-Park in Belgrad geht, sieht Jusstudenten und Kindermädchen, Mütter und Touristen, die sich um die Ladestation scharen und heiter miteinander schwatzen. Mittlerweile gibt es dreizehn Strawberry Trees in drei europäischen Ländern mit zusammengenommen 400.000 Nutzern, und das Unternehmen will natürlich weiter wachsen. „Mit unseren Strawberry Trees wollen wir jedem in der Gesellschaft die Möglichkeit geben, nachzuvollziehen, wie wichtig erneuerbare Energien sind. Das ökologische Bewusstsein nimmt zu, und wir sehen schon Verbesserungen im alltäglichen Verhalten der Leute“, sagt Tijana Manitašević von Strawberry Tree.

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Die Sonne anrufen. Sieht aus wie ein spätkommunistisches Denkmal für den Kellner, ist aber ein urbaner Sonnenkollektor mit Gratis-Wi‑Fi und Gratisstrom fürs Smartphone.

© Strawberry Tree

Fueloyal, Mazedonien/Kroatien

In Zeiten wie diesen muss jeder auf seinen Sprit aufpassen. Deshalb hat die mazedonisch-kroatische Firma Fueloyal einen intelligenten Tankdeckel erfunden, der eine Art Zähler enthält. Damit lässt sich die Menge an Benzin, die in den Tank gelangt, messen, um Benzindiebstahl durch Mitarbeiter oder externe Halunken zu verhindern. Trucks in den USA und Kanada etwa verlassen ihre Garagen für bis zu 50 Tage am Stück. Die Fahrer bezahlen beim Tanken dann mit Firmenkreditkarten. Bisher hatten die Truck-Eigentümer keinerlei Möglichkeit, zu kontrollieren, ob dabei nichts abgezweigt wird. 

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Der Smart-Truck. Er weiß, wie viel er getankt hat, und funkt es an die Zentrale. Was Firmen bis zu 2000 Dollar pro LKW und Monat spart. Alles dank eines simplen Zählers für den Tankdeckel, entwickelt von Jurica Magoć i und Igor Hristov.

© Fueloyal

Es wird aber vermutet, dass etwa 15 bis 20 Prozent der Kosten auf Diebstahl zurückzuführen sind, was einen Schaden von rund 2000 Dollar pro Truck im Monat ergibt.

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Sparkurs. In Zeiten wie diesen muss jeder auf seinen Sprit aufpassen - das haben die beiden Gründer von Fueloyal erkannt.

© Fueloyal

Der Kroate Jurica Magoći, Entwickler eines Managementsystems für solche Truck-Flotten, und der Mazedonier Igor Hristov schafften vor knapp einem Jahr Abhilfe, die Konkurrenzprodukte in den Schatten stellen könnte. Während nämlich diese bisher alle einen Umbau der Lastwagentanks erforderten, kann Fueloyal einfach in die bestehenden Tanks eingebaut werden. Der Zähler misst und speichert die Menge des getankten Benzins und übermittelt sie automatisch an das Firmenhauptquartier. Zusätzlich verhindert ein spezielles Ventil, dass Benzin entnommen wird. So können Eigentümer sicher sein, dass das Benzin wirklich in den Tank gelangt und auch dort bleibt. Im Sommer haben Magoći und Hristov, die ihren Hauptstandort mittlerweile in Illinois in den USA haben, das Produkt in den Markt eingeführt. Über zehn Millionen Stück sollen für Kanada, den US-Markt sowie für die EU produziert werden. Vorbestellungen erreichten schnell einen Wert von 350.000 Dollar. Die beiden Gründer unterzeichneten außerdem bereits einen Distributionsvertrag, der weitere drei Millionen Dollar in die Kassen spülen soll.

Nordeus, Serbien

Die vom Balkan? Können doch höchstens gut kicken. Ja, aber nicht nur. 2009 kamen drei fußballverrückte Serben zusammen und legten den Grundstein für eines der erfolgreichsten Fußballmanager-Spiele der Welt: Top Eleven von Nordeus.

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The Special Game. „Fast fünf Millionen User spielen jeden Tag auf ihren Android und Apple-Geräten Top Eleven“, sagt Nikola Čavić. 

© Nordeus

Dabei geht es um gewinnbringende Transfers, die richtige Aufstellung, das beste Training, die ideale Taktik, das größtmögliche Stadion – und natürlich gute Spiele in der Liga, in der Champions League oder einfach unter Freunden. „Unsere Idee war, den Usern von sozialen Netzwerken endlich ein herausforderndes und komplexes Videospiel zu geben. 2009 war das noch selten“, sagt Nikola Čavić von Nordeus. Das Unternehmen hat mittlerweile über 150 Mitarbeiter und zählt fünf Standorte: London, San Francisco, Dublin, Skopje und den ursprünglichen in Belgrad. 

Weltweit versuchen sich etwa 100 Millio­nen registrierte Gamer als Top Eleven-Fußballmanager. „Wir sind stolz, sagen zu können, dass wir das alles selbst finanziert haben“, sagt Čavić. Gleichzeitig sei man „extrem glücklich“ darüber, wie aktiv sich die Videogame-Szene in Serbien entwickelt. Zwar hat alles eher schüchtern begonnen, doch heute gibt es mehr als 30 größere Spiele­entwickler-Studios im Land. Nordeus sieht sie nicht als Konkurrenz, nicht nur weil Nordeus im Vergleich zu ihnen ein Riese ist. „In einer sich erst entwickelnden Region wie der unseren hilft jede weitere Firma, die Branche voran­zubringen. Deshalb sehen wir die Kollegen nicht als Konkurrenten, sondern als Partner – als andere Teams, die auf ein gemeinsames Ziel hinarbeiten“, sagt Čavić.

„The Special One“ macht Werbung für Top Eleven: Chelsea-Manager und Champions-League-Sieger José Mourinho.

iVote, Mazedonien

Wahlen in Südosteuropa sind von jeher ein Anlass für schlechte Witze. Doch gerade aus einem der kleineren exjugoslawischen Staaten stammt ein weltweit verbreitetes System für die elektronische Stimmabgabe. Das Software-Paket Demokra ist eines der wenigen Produkte, mit denen sich der gesamte Zyklus einer politischen Wahl elektronisch organisieren lässt, von der Wählerregistrierung bis zur Auszählung. Das System ist bisher vor allem in jungen Demokratien eingesetzt worden und wird von internationalen Experten als besonders schnell, verlässlich und transparent bezeichnet. Bereits 116 Millionen Wähler in der EU, in Südosteuropa, den USA und in Afrika haben mittels des mazedonischen Demokra ihre Stimme abgegeben. Gleichzeitig bietet iVote das Lernmanagementsystem Epistum an, welches vor allem von großen Organisationen mit geographisch weit verstreutem Personal für dessen Massenausbildung genutzt wird.

Gegründet wurde die Firma von Ljupcho Antovski und Goce Armenski, zwei Professoren für Computerwissenschaften an der Universität Skopje. „Es gibt viele Unternehmen, die ähnliche Softwaresysteme anbieten, aber wir haben ihnen einiges voraus. Wir sind sehr schnell, agil und speziell preislich sehr wettbewerbsfähig. Es gibt eine Menge Firmen, die behaupten, einfach alles anzubieten, aber wir sind eine der wenigen, die eine funktionierende Plattform haben, die leicht individualisierbar und so in kürzester Zeit überall auf der Welt einsetzbar ist“, sagt Armenski. Das Unternehmen generiert gegenwärtig einen Profit, der um eine halbe Million über dem regionalen Industriedurchschnitt liegt. Der Gesamtwert von iVote wird auf etwa zwei Millionen Euro geschätzt.

Pioneers

Stimme für die Demokratie. Über 100 Millionen Menschen in Afrika, Europa und den USA haben bereits mit Demokra gewählt, der Demokratie-Software von Ljupcho Antovski und Goce Armenski, zwei Computer-Professoren aus Skopje.

© ivote

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05 2015 The Red Bulletin

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