Pioneers Festival 2016

„Die Macht ist heute stärker mit uns als je zuvor“

Text: Jürgen Furian
Bild: Pioneers/Michael Holmes

Das Zeitalter der Tüftler, Spinner und Erfinder ist gekommen, glaubt Jürgen Furian. Der Mitgründer des Pioneers Festival sieht unendliche Möglichkeiten im Bereich der technischen Weiterentwicklung, die es zu nutzen gilt.
Jürgen Furian
Jürgen Furian

Jürgen Furian ist Mitbegründer des Pioneers Festival und eine Schlüsselfigur der österreichischen Startup-Szene.

Vor ein paar Jahren stieß Schach-Legende Garri Kasparow in der Sendung „Durch die Nacht mit …“ junge Ingenieure und Erfinder vor den Kopf: Wo bleiben die Innovationen, die unseren Alltag verändern, fragte er angesichts von ein paar Robotern, die unbeholfen durch den Raum rollten. „1927 flog Charles Lindbergh über den Atlantik. 42 Jahre später, 1969, gab es die Boeing 747. Wieder 42 Jahre später, also 2011, die gleichen Flugzeuge.“ In den letzten vier Jahrzehnten, stellte Kasparow fest, sei nicht allzu viel passiert.

Wow, das hat gesessen, dachte ich mir damals. Wir hatten gerade unsere erste große digitale Startup-Konferenz (Startup Week) in Wien hinter uns, Jungunternehmer aus ganz Europa waren in Aufbruchsstimmung. Ihr Motto: „Jetzt kommen die Erfinder!“

Kasparows Worte spiegelten hingegen ein ganz anderes, weniger positives Bild wider und hinterließen bei mir einen bleibenden Eindruck. Wo waren die Marty-McFly-Hoverboards, die Pflegeroboter und selbst­fahrenden Autos, die wir seit Jahrzehnten in Science-Fiction-Büchern vorgezeichnet bekamen? Müssten  wir nicht längst auf dem Mars leben, mit unseren Cyber­autos in ferne Galaxien fliegen, während Roboter zu Hause Heim und Kinder hüten?

Den totalen Stillstand hat es allerdings auch nicht gegeben: Den Wandel vom Großraumcomputer zum Supercomputer im Taschenformat verdanken wir  der sogenannten „Demokratisierung von Technologie“. Schon Sokrates soll gesagt haben: „Das Geheimnis der Veränderung ist, dass man sich mit all seiner Energie nicht darauf konzentriert, das Alte zu bekämpfen, sondern darauf, das Neue zu erbauen.“ Und diesem Prinzip sind einige Menschen über Jahrhunderte gefolgt. Man nennt sie Garagentüftler, Visio­näre und manchmal auch Unruhestifter oder Spinner. Wir nennen sie Pioniere – und das ist ihr Zeit­alter. Ein Zeitalter, in dem jede Person die Möglichkeit hat, Geschichte zu schreiben.

„Das Geheimnis der Veränderung ist, dass man sich mit all seiner Energie nicht darauf konzentriert, das Alte zu bekämpfen, sondern darauf, das Neue zu erbauen.“
Sokrates

Eine dieser Geschichten dreht sich um Biotech – die vielleicht größte Revolution der Gegenwart. DNA-Sequenzierung ist eine Methode, mit der sich die einzelnen Bestandteile eines DNA-Strangs bis ins kleinste Detail bestimmen lassen. Das kann man sich wie bei einem Scanner vorstellen, der eine verschlüsselte Nachricht liest und sie mithilfe einer Software entziffert. Dadurch lässt sich die DNA genau unter­suchen, verstehen und auch bearbeiten – natürlich nur unter Berücksichtigung ethischer Grundregeln.

Dank DNA-Sequenzierung könnten Krankheiten wie Malaria bald der Vergangenheit angehören. Derzeit tüfteln Forscher an einem krankheitsresistenten Gen, das sie infizierten Moskitos einpflanzen. Die Hoffnung: Die Quälgeister beherbergen das Virus nicht mehr und geben das immunisierte Erbgut auch gleich an ihre Nachkommen weiter. 

Das Revolutionäre an der Sache ist, dass sich bis vor nicht allzu langer Zeit nur große ­Pharmakonzerne Techniken wie diese leisten konnten. Wie zuvor bei Computerchips sind die Kosten für DNA-Sequenzierung in den letzten Jahren rasant gesunken. Gleichzeitig wird das Ergebnis mehr als doppelt so schnell erzielt. Das macht Forschung in dem Bereich plötzlich auch für Kleinunternehmen und sogar Startups leistbar.

Ähnliches passiert mit 3D-Druckern: Die stellen mittlerweile nicht nur Schokolade, Bausteine oder lustige Figuren her, sondern auch menschliches Gewebe, ja ganze Organe. Der Prototyp eines in 3D biogedruckten Ohrs wurde Anfang des Jahres vorgestellt. Einer Maus konnte bereits erfolgreich eine Miniver­sion implantiert werden, um die sich zwei Monate später bereits neues Gewebe gebildet hatte.

Oder Computerchips: Im Moment sprechen wir darüber, wie sie unter der Haut unsere Kreditkarten ersetzen könnten. Auf medizinischer Ebene überlegt man, wie sie unsere Werte messen und uns vorwarnen könnten, wenn etwas nicht stimmt. Das wäre mal ein echtes Gesundheitssystem.

Wir können die Zukunft nicht vorhersagen. Aber die letzten Jahre haben gezeigt, dass die von Kasparow wahrgenommenen 42 Jahre Stillstand längst durchbrochen sind und sich vieles beschleunigt hat: 2014 stellten wir bei Pioneers den Prototyp für ein fliegendes Auto vor, 2015 die Ideen für das Transportsystem Hyperloop. Und derzeit arbeitet das Startup Boom Technology an einem Flugzeug, das uns mit Überschallgeschwindigkeit durch die Lüfte befördern soll. 

Das Zeitalter der Pioniere ist das Zeitalter der unendlichen Möglichkeiten. Es ist die Zeit, zu bauen, zu erfinden, zu träumen – und auch ein wenig zu spinnen. Eines ist klar: Die Macht ist heute stärker mit uns als je zuvor. Nützen wir sie! 

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