Ex-WikiLeaks-Sprecher Daniel Domscheit-Berg

Ex-WikiLeaks-Sprecher Daniel Domscheit-Berg über die Macht der Digitalisierung

Interview: Christoph Kristandl
Foto: Serviceplan

Was denkt einer der ehemals führenden Köpfe der Enthüllungsplattform WikiLeaks über Transparenz und Digitalisierung? Daniel Domscheit-Berg im Interview.

Informatiker Daniel Domscheit-Berg war WikiLeaks-Sprecher und enger Vertrauter von Julian Assange, bis er die Bewegung 2010 im Streit verließ. 

Im Rahmen des Serviceplan-Innovationstags in München traf The Red Bulletin Innovator ihn zum Gespräch über …

  • Transparenz
  • die Macht der Digitalisierung
  • die Motivation hinter WikiLeaks
  • die heute schwache Position der Plattform
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THE RED BULLETIN INNOVATOR: Wie sehen Sie die immer stärker zunehmende Transparenz in unserer Gesellschaft? Wir als Individuen geben sehr viel von uns preis und Konzerne wissen ohnehin alles über uns. 

DANIEL DOMSCHEIT-BERG: In der Diskussion über Transparenz ist es für mich wichtig, die grundlegenden Begrifflichkeit zu klären. Der Umstand, dass Menschen in sozialen Netzwerken darüber schreiben, was sie den ganzen Tag so machen, hat für mich nichts mit Transparenz zu tun. Das ist heute eine andere Art von Öffentlichkeit in Gegenüberstellung zu Privatsphäre. Der Begriff Transparenz ist eher dort anzusiedeln, wo es um Strukturen geht. Für mich ist Transparenz die Möglichkeit, etwas Hintergründiges durchschauen und verstehen zu können und damit meinen Horizont zu erweitern. Wenn ich die Möglichkeit habe, Einblick in Entscheidungen des Staates zu nehmen, wenn ich nachvollziehen kann, ob sich ein Unternehmen ethisch verhält, dann ist das für mich Transparenz. 

Das ist aber nur eine Seite. 

Richtig, demgegenüber steht eine Transparenz des Individuums, jene Transparenz die Google, Facebook und andere Konzerne sich schaffen, indem sie alle Informationen über uns kennen. Das ist auch eine Art von struktureller Macht, die ausgeübt wird. Was ich von meinem Alltag preisgebe, ist aber ein völlig anderes Thema als die Fragen: „Wie viel verstehe ich davon, wie die Welt funktioniert und wie viel kann man manipulieren, wenn man alles weiß?“

Daniel Domscheit-Berg

2007 schloss er sich WikiLeaks an, half mit, das Projekt auszubauen, und wurde einer der wenigen Vollzeitmitarbeiter.

Nach seinem Ausstieg versuchte er mit der Plattform „OpenLeaks“ an die Arbeit von WikiLeaks anzuknüpfen.

2011 veröffentlichte Domscheit-Berg das Buch „Inside WikiLeaks: Meine Zeit bei der gefährlichsten Website der Welt“, eine der Vorlagen zum Film „Inside WikiLeaks: Die fünfte Gewalt“.

Wie seine Frau Anke Domscheit-Berg war auch er zwischenzeitlich Mitglied der Piratenpartei.

Bleiben wir bei dieser Form der Transparenz. Ist es nicht eine enorme Diskrepanz: Staat, Institutionen und Konzerne wissen alles über uns, aber wir haben keinen Einblick, was dort vor sich geht?

Das ist eine vertauschte Welt. Aber wir sind mit der voranschreitenden Digitalisierung – die eine Revolution in der Art unseres Kommunizierens darstellt - in einer ähnlichen Situation wie bei der Einführung des Buchdrucks. Vor etwa 600 Jahren reduzierte seine Einführung die Hierarchien in der Gesellschaft. Davor gab es nur wenige, privilegierte Menschen die schreiben konnten und damit entschieden, was und mit welchem Tenor etwas festgehalten wird. Mit der Technologie des Buchdrucks wurde diese limitierte Hoheit über die Information und das Wissen aufgehoben. Viel mehr Menschen konnten ihre Gedanken aufschreiben und vervielfältigen lassen. Plötzlich kam Martin Luther und konnte das gesamte System der Welt infrage stellen.

„Wir können diese Macht von Institutionen ähnlich abschaffen oder zerstören, wie es der Buchdruck mit der katholischen Kirche und ihrer Informationshoheit gemacht hat.“

Heute haben wir durch das Internet eine ähnliche Situation, aus der unendliche Möglichkeiten entstehen. Und eigentlich ist es das, worauf wir hinarbeiten müssen; dass das Individuum über die Möglichkeiten, die es hat, ermächtigt wird. Im Moment entstehen immer mehr Hierarchien, wir sind in einer Phase, in der große Unternehmen, ebenso wie der Staat, durch digitale Technologien extrem mächtig werden. Wir können diese Macht aber ähnlich abschaffen oder zerstören, wie es der Buchdruck mit der Inforamationshoheit der katholischen Kirche gemacht hat. So, dass das Wissen demokratisiert wird und die Menschen es sind, die den Staat und die Unternehmen kontrollieren. 

In „Inside WikiLeaks: Die fünfte Gewalt“ verkörpert Daniel Brühl die Rolle von Daniel Domscheit-Berg.

© Youtube // Constantin Film

Wer muss diese Aufgabe übernehmen?

Ich meine, das ist die Aufgabe der Gesellschaft. Das ist eine sehr vage Antwort, dessen bin ich mir bewusst. Aber Sie und ich und alle Ihre Leser sind heute mächtiger als je zuvor. Wir haben Reichweite, wir haben Werkzeuge, mit denen wir Reichweite erzeugen können, und wir können uns organisieren – all die Dinge, die uns dazu befähigen, die Welt mitzugestalten. Wir können allerdings nicht erwarten, dass jemand anderes für uns diese Welt gestaltet. Wenn wir diese Aufgabe jemand anderem überlassen, dann wird das Google, Amazon oder sonst jemand sein. Und das Ergebnis wird nicht die Welt sein, die für uns das volle Potenzial ausschöpft, welches die digitale Revolution uns zur Verfügung stellt.

Und doch hat es den Anschein, als würden wir genau auf so jemanden warten.

Das ist ja immer das Problem mit dem Hoffen auf den Erlöser - er kommt nie. Das sieht man auch am WikiLeaks-Projekt. Das einzige wirkliche Problem, das dieses Projekt hatte, war, dass es irgendwann zu viel Persönlichkeit bekam. Zu viele Leute meinten, dass da jetzt ein neuer Guru kommt, der das Heil der Transparenz über uns bringt. Plötzlich war das Projekt zu sehr fokussiert auf die Person Julian Assange und darauf, dass ein Einzelner bestimmen soll, wie die Geschicke der Welt laufen. Einer alleine kann nie die richtigen Entscheidungen treffen, die Welt ist viel zu kompliziert dafür. Es braucht diese Intelligenz des Schwarms.

Wie war es für Sie, nach den großen WikiLeaks-Enthüllungen plötzlich in der Öffentlichkeit zu stehen? Davor waren Sie es gewohnt, im Hintergrund zu arbeiten, unter einem Pseudonym. 

Ich bin generell kein öffentlichkeitsscheuer Mensch. Ich bin gerne im Kontakt mit Menschen, ich tausche mich gerne aus und ich bin auch zugänglich. Aber ich habe durch WikiLeaks miterlebt, dass einem das öfftenliche Interesse auch zu Kopf steigen kann, dass es eine Persönlichkeit verändern kann. Das hat bei mir dazu geführt, dass ich genau davor Angst hatte. Zum Glück ist mir das nicht passiert.

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Wie hat sich der öffentliche Druck auf Sie und Ihr Leben ausgewirkt?

Eigentlich fast gar nicht. Alle bei WikiLeaks wussten natürlich, dass sich durch die veröffentlichten Dokumente mächtige Institutionen und Staaten potenziell auf die Füße getreten fühlen werden. Aber die Idee dieses ganzen Projekts und der Grund warum ich mich involviert habe, war der Gedanke: Je mehr Fakten wir auf den Tisch legen, desto weniger Raum bleibt für Verschwörungstheorien. Und dann hielt die Verschwörung plötzlich in unserem eigenen Projekt Einzug. Es hieß, es gäbe Beweise dafür, dass Geheimdienste Fotos von uns machen und uns verfolgen würden. Aber diese Beweise wurden nicht einmal intern gezeigt. Es gab Interviews und Berichterstattung, dass Julian auf dem Flug zu einer Konferenz verfolgt worden wäre und er meinte, er könne das mit Passagierlisten belegen. Aber keiner, den ich kenne, hat diese Listen je gesehen und ich glaube bis heute nicht, dass sie überhaupt existieren. Ich tue mir mit alldem, was damals vielleicht stattgefunden hat, sehr schwer, weil ich keinen Beweis dafür habe. Und solange ich keinen Beweis habe, will ich mich einer Verschwörungstheorie gar nicht hingeben. 

© Youtube // QuoShop

Paranoia war für Sie gar kein Problem?

„Umso mehr Fakten wir auf den Tisch legen, umso weniger Raum bleibt für Verschwörungstheorien.“

Was wäre denn die Konsequenz? Dass ich vielleicht allen erzählen kann, dass ich verfolgt werde, weil ich mich mit all den Mächtigen angelegt habe. Vielleicht finden Leute das cool, vielleicht bekomme ich dadurch so etwas wie Fans, aber was bringt mir das? Es wäre nur eine Einschränkung meiner eigenen Freiheit. Ein Schritt in die Paranoia, den ich mir selbst auferlege und der eigentlich völlig unsinnig ist. Darauf habe ich gar keine Lust.

Welches Gefühl haben Sie heute, wenn Sie Berichte über WikiLeaks und Julian Assange sehen?

Zum Teil wird immer noch über dieselben alten Themen gesprochen, die vor sechs Jahren dazu geführt haben, dass ich das Projekt verlassen habe. Etwa die Frage, ob Dokumente redigiert werden müssen. Und nach wie vor ist das Projekt untrennbar mit der Person Julian Assange verknüpft und rund um seine Situation gibt es viel Diffuses - das ist genau das Gegenteil von dem, wofür WikiLeaks immer stehen sollte. Die Grundidee, Fakten zu publizieren, ist etwas, das total scharfe Kanten braucht. Die Abläufe, wie etwas publiziert und aufbereitet wird, das muss alles klar sein, damit das Projekt nicht angreifbar ist. Ich sehe WikiLeaks heute in einer sehr schwachen Position, denn die großen Enthüllungen der letzten Jahre sind allesamt nicht über WikiLeaks gelaufen. Menschen, die mit einem klaren Wertegerüst an einen Leak herangehen und sich moralisch getrieben fühlen, die suchen sich ihren eigenen Weg. Das, was bei WikiLeaks landet, ist oftmals von der Absicht getrieben, irgendetwas zu manipulieren. Der US-Wahlkampf hat das ganz massiv gezeigt. Die Leute, die diese demokratischen E-Mails rüberreichen, sind keine Whistleblower, es sind keine Menschen, die über einen moralischen Anspruch die Welt verbessern wollen. Man benutzt WikiLeaks als Instrument, um auf die Geschicke der Welt Einfluss zu nehmen. Und das ist nicht das, was ich mir davon erwartet hatte.

Wenn man sieht, wie schwer manchen Whistleblowern das Leben gemacht wird, wie viel man teilweise aufgeben muss, wie würden Sie dann jemanden dazu ermutigen, etwas ans Tageslicht zu bringen?

Heute haben Whistleblower einen besseren Stand als vor etwa zehn Jahren. Es ist definitiv so, dass sie durch die Mitte der Gesellschaft geschützt sind. Dennoch findet sich das politische System am anderen Ende des Spektrums wieder und widerspricht der Populärmeinung, weil das System immer noch nicht bereit ist, Whistleblowern den Schutz zu bieten, den sie brauchen. Aber ich glaube, dass es gerade den Mut der Whistleblower benötigt, an die Öffentlichkeit zu gehen, um den kulturellen Wandel voranzutreiben.

Wollen wir eigentlich alles wissen bzw. wäre es überhaupt gut für uns?

Die Frage, ob wir alles wissen wollen, ist eine andere als die, ob es gut für uns ist. Es gibt leider zu viele Menschen, die gar nicht alles wissen wollen. Zu viele Menschen sehen nicht, dass die Digitalisierung jene Art von Demokratisierung mit sich bringt, die dazu führen kann, dass sich das Leben für alle verbessert. In ein paar Jahrzehnten könnte es vielen Menschen auf der Welt deutlich besser gehen. Es ist unsere Aufgabe, mehr über Korruption zu erfahren und wir müssen ganz viele Strukturen aus der heutigen Gesellschaft abschaffen oder komplett neu überdenken. Wir dürfen davor auch keine Angst haben. Es wäre fatal gewesen, wenn die katholische Kirche die Buchpresse unter ihren Fittichen gehalten hätte und ihre Macht damit eingedämmt hätte. Genauso fatal wäre es, wenn die korrupten Organisationen, die die Geschicke der Welt leiten, es schaffen würde, die Macht des Internets für sich zu behalten. Die Menschen müssen es schaffen, dass es seine volle Macht entfaltet und wir die Welt um uns herum neu erfinden können.

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12 2016 THE RED BULLETIN INNOVATOR

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