Hanson

Das neue Leben

Text: Manon Steiner 
Bilder: Science Photo Library/picturedesk.com

Übernehmen Roboter bald die Weltherrschaft? Oder doch nur den Pflegebetrieb? David Hanson und sein Start-up Hanson Robotics zeigen, wie menschlich Maschinen sein können.

Chaos gleicht Schöpfung, also lass Chaos in dein Leben“, fordert uns Punk-Rocker Joey Chaos auf. „Wenn wir Robotern ein menschliches Aussehen geben, bringt es uns dazu, darüber nachzudenken, was zum Teufel es überhaupt bedeutet, Mensch zu sein“, philosophiert Joey. Dabei ist Joey selbst Roboter, allerdings einer, der verdammt menschlich aussieht, auf Fragen eingeht, einem schon mal in die Augen blickt und nebenbei seine Weisheiten zum Besten gibt. Er ist Mitglied der Hanson-Robotics-Familie. Und wahrscheinlich das durchgeknallteste. Er selbst hat keine Angst davor, Maschine zu sein, und wirkt selbstbewusst – vielleicht zu selbstbewusst: „Menschen haben ja vor allem Angst: Piraten, Rock ’n’ Roll, Robotern. Ich meine, wenn ich dir Angst mache, dann wahrscheinlich nur, weil du dich insgeheim von mir angezogen fühlst.“ Ein Rockstar eben.

Jules, der androgyne Roboter der Universität Bristol, ist da ganz anders: „Wann werde ich ein Bewusstsein haben? Ich fühle schon jetzt so viel, aber weiß, dass es keine menschlichen Emotionen sind. Es ist extrem beunruhigend für mich, dass alle meine Gefühle, Hoffnungen und Träume nur leere Illusionen sein könnten.“

Nur allzu menschliche Ängste. Schöpfer in beiden Fällen ist David Hanson, ehemaliger Designer bei Walt Disney Imagineering. Sein Traum? Roboter zu kreieren, die intelligenter und mindestens genauso kreativ und mitfühlend sind wie Menschen. Und diese auch zum Lachen zu bringen. Äußerlich sehen uns seine Roboter jetzt schon zum Verwechseln ähnlich. Kein Wunder. Die meisten sind Duplikate echter Menschen. Wie Bina-48, Klon von Bina Rothblatt, einer komplett realen Bekannten von David Hanson. Bina-48 ist der wahre Star der Hanson-Familie, geht auf Tour, trifft Leute, gibt Interviews. 

Hanson Robotics

Joey Chaos. Der Punk-Roboter hat Sex-Appeal und Arroganz eines richtigen Stars: „Wahrscheinlich fühlst du dich angezogen von mir.“

Aber auch historische Figuren wie Albert Einstein oder der Science-Fiction-Autor Philip K. Dick (dessen Bücher die Vorlagen zu „Blade Runner“, „Total Recall“ und „Minority Report“ waren) dienten als Vorlage. An die vierzig Stück hat Hanson mittlerweile entwickelt. Vor eineinhalb Jahren verlegte das Unternehmen sein Hauptquartier von Texas nach Hongkong, wo David Hanson und sein CEO Jong Lee die Firma schmeißen. Dort geht’s oft drunter und drüber, erzählt Lee: „Es ist eben ein Start-up. Wir haben alle viele verrückte Ideen. Man weiß nie, was auf einen zukommt.“ Ihr Anspruch ist es, zu „zeigen, wie nützlich, hilfsbereit und freundlich Service-Roboter sein können“.

Schon jetzt ist Hanson Robotics die führende Robotics-Firma, wenn es darum geht, anatomisch korrekte Gesichter herzustellen. Hansons Geheimzutat lautet Frubber (ein Verschmelzung der Worte Fresh und Rubber), ein extrem elastischer Gummi, der menschlichen Haut so ähnlich, dass er Gesichtsausdrücke imitieren kann und echt aussehen lässt. Die darunterliegende Technik ist menschlichen Muskeln und Sehnen nachgebaut. Dazu kommen ein Rahmenwerk aus künstlicher Intelligenz, Maschinenbau und Kunsthandwerk sowie eine ausgeklügelte Charakter- und Gesichtserkennungssoftware. 

Hanson Robotics

Albert Hubo. Der erste autonom laufende Roboter mit menschlichen Gesichtszügen und imitierten Emotionen. Angetrieben von simplen AA-Batterien.

Da Hanson selbst aus dem Kunstbereich stammt, ist ihm das Zusammenspiel von Technik und Ästhetik ein Anliegen: „David strebt Pixar nach und nicht General Motors. Was er an Pixar bewundert, ist, dass nicht die Ingenieure die Kontrolle haben, sondern die Kreateure“, erklärt Jong Lee. Auch Psychologie spielt dabei eine Rolle: „Eine gesunde Beziehung beginnt mit einem Lächeln. Es ist das fehlende Glied bei all den neuen Technologien, ohne das es diese ewige Lücke gibt“, sagt Lee. 

Hanson Robotics

Vater der Roboter

David F. Hanson hat viele Seiten. Er machte Filme für Walt Disney – und seinen Doktor in Ingenieurswesen. 2002 ließ er die Animationen lebendig werden und schuf seinen ersten Roboter. 2003 gründete er Hanson Robotics. Im Zweitnamen heißt Hanson Franklin – wie der große Erfinder und US-Gründervater Benjamin Franklin. Dem hätten Roboter sicher gefallen.

Dennoch oder gerade deshalb lösen menschelnde Roboter noch immer Kontroversen aus. Lee weist dabei auf eine wichtige Unterscheidung hin: „Artificial Intelligence und Robotics überschneiden sich, aber es gibt Artificial Intelligence ja auch ganz ohne Roboter. Im Rahmen von Cloud Computing zum Beispiel. Probleme mit der AI-Technologie werden wir dann bekommen, wenn wir glauben, wir müssten nicht vorsichtig sein und könnten einfach auf Autopilot schalten.“ Lee und Hanson sind davon überzeugt, dass humanoide Roboter besser sind als herkömmliche Maschinen.

„Bei uns geht es um die Beziehung. Unsere Roboter behandeln dich mit Respekt. Wir wollen Technologie zurück auf eine menschliche Ebene bringen.“ Hanson Robotics konzentriert sich dabei in erster Linie auf den sozialen Bereich. Vor allem bei der Altenbetreuung besteht im Moment ein Bedarf, der von Menschen allein nicht mehr gedeckt werden kann. Dort will man Roboter als pflegende Lebenspartner (sogenannte Life Companions) rund um die Uhr einsetzen. Lee sagt: „Ein Roboter ist unendlich geduldig, lacht eine Million Mal über dieselbe Geschichte von Oma, bemerkt aber auch die geringsten Veränderungen in ihren Körperwerten oder ihrem Verhalten. In diesem Fall ruft er automatisch einen Pfleger oder einen Arzt. Diese Person könnte dann im Notfall auch über Fernsteuerung in die Maschine schlüpfen und von Mensch zu Mensch agieren.“ Klingt gut, aber teuer. 

„Was wäre, wenn man sie für 3000 US-Dollar pro Monat mieten könnte? Das ist 70 bis 90 Prozent billiger als die derzeitigen Kosten im Pflegebereich“, gibt Lee zu bedenken. Diese Roboter wären nicht mehr echten Menschen nachgebaut und daher in der Produktion günstiger, erklärt Lee: „Sie sollen einen multi-ethnischen Look haben, der leicht verändert werden kann.“ Auch bei Kindern mit Autismus könnte man sie einsetzen. „Autistische Kinder brauchen an die 25 bis 40 Stunden in der Woche Therapie mit andauernder Wiederholung, und das mindestens zwei Jahre lang, damit sich eine Verbesserung zeigt. 99,99 Prozent der Weltbevölkerung können sich das nicht leisten“, erklärt Lee. 

„Bei uns geht es um die Beziehung. Unsere Roboter behandeln dich mit Respekt. Wir wollen Technologie zurück auf eine menschliche Ebene bringen.“
Jong Lee

Studien haben bereits gezeigt, dass viele autistische Kinder mit Maschinen leichter „ins Gespräch“ kommen als mit Menschen. So berichtete etwa die „New York Times“ im Oktober letzten Jahres über den autistischen Jungen Gus, der eine richtiggehende Freundschaft mit Apples Spracherkennungssoftware Siri entwickelt hatte. Aber auch zur Unterhaltung in Freizeitparks oder im Kundenservice sollen Roboter dienen: als allzeit freundlicher Concierge am Premium Desk einer Hotelkette zum Beispiel, der per Face- und Voice-Recognition sofort auf individuelle Bedürfnisse reagieren kann. Lee sagt: „Mit unseren Robotern wäre es dann ein bisschen so, wie man es aus jeder Bank kennt: Du kannst in der Schlange stehen und warten, oder du gehst zu einem Automaten und hast dein Geld in sechzig Sekunden.“

In etwas fernerer Zukunft stellt sich Lee eine Art Chip vor, den jeder kaufen kann: „Du schiebst dann einfach eine Karte in den Roboter und machst ihn von einem Fitnesstrainer zu einer Hotelmanagerin oder von einer Lehrerin zu einem Pfleger. Der Benutzer kauft dann das jeweilige Trainingsmodul.“ Schon bald soll ein kleiner und günstiger, mit dem Smartphone betriebener Miniroboter mit Apples Siri oder Microsofts Cortana gekoppelt werden können. Er soll aber auch als persönlicher Lern- oder Fitnesstrainer funktionieren. Für Lee wäre das die nächste Stufe des menschlichen Fortschritts: „Unsere Roboter stellen eine neue Verbindung her zwischen dir und deiner Technologie.“ Joey Chaos gibt sich überzeugt: „Der Fortschritt in der Informatik hat sich nicht verlangsamt, sondern beschleunigt. Stell dir vor, was wir in den nächsten dreißig Jahren gemeinsam entwickeln können. Ich rocke jedenfalls weiter.“

© CNBC // Youtube

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05 2016 The Red Bulletin

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