Hugh Herr

Der Super Herr

Text: Teresa Reiter
Bilder: Corbis 

Nach einem Schneesturm verlor der Kletterer Hugh Herr beide Beine unterhalb der Knie. Heute ist er ein Pionier der medizinischen Technik und eine Art Cyborg, der die Menschen optimieren will. 

Wenn Hugh Herr eine Bühne betritt, senkt das Publikum den Blick, und alle starren nicht auf ihre eigenen, sondern auf seine Füße. Der charismatische Fünfzigjährige hat demonstrativ die Hosenbeine hochgekrempelt, und wo seine Unterschenkel beginnen sollen, schließen zwei metallene Roboterbeine an seine Knie an. Die beiden Hightech-Prothesen, sagt Herr, seien der erste Schritt in eine Zukunft, in der körperliche Behinderungen wie seine vollständig eliminiert sein werden. Gleichzeitig, scherzt er, seien sie sehr praktisch, denn er könne je nach momentanem Selbstwertgefühl seine Körpergröße verstellen, was ihm vor allem beruflich oft sehr gelegen komme. Das Publikum lacht verhalten, ist unentschlossen, ob es ihm glauben soll, dass er sich „glücklich schätzt“, anstelle seiner eigenen, einst gesunden und starken Beine nun auf diese Prothesen angewiesen zu sein. 

Herr, der bereits als Achtjähriger den 3544 Meter hohen Mount Temple in den kanadischen Rocky Mountains erklommen hatte, galt in seiner Teenagerzeit als eines der größten Sportklettertalente an der US-Ostküste, ja vielleicht sogar der Welt. Ohne Seil wagte er sich in schwindelnde Höhen vor, die zuvor nicht einmal von erfahrenen Kletterern erreicht worden waren. Es schien unvorstellbar, dass ihn irgendetwas aufhalten könnte. Dann kam der Unfall.

1982 besteigt Herr gemeinsam mit einem Freund den Mount Washington, nicht ahnend, dass dies sein Leben völlig auf den Kopf stellen würde. Die beiden geraten in einen heftigen Schneesturm, verirren sich auf dem verschneiten Berg. Bei Temperaturen von 20 Grad unter null und weniger graben sie sich eine Höhle in den Schnee und harren einander umarmend und wärmend fast vier ganze Tage lang aus, bevor sie gerettet werden.

Herr zahlt einen hohen Preis für seine Klettertour. Der „Frostbite“, wie starke Erfrierungen auf Englisch heißen, hat ihm beide Beine abgebissen. Trotz des langen Kampfes der Spezialisten um seine Beine müssen beide amputiert werden. Es kommt ihm wie ein kleines Todesurteil vor, als ihm der Arzt sagt: „Sie werden nie mehr klettern können.“ Gleichzeitig erfährt Herr vom Tod eines Freiwilligen, der bei seiner Rettung mitgeholfen hat. Der Siebzehnjährige ist am Boden zerstört. 

Als die Ärzte ihm die damals gängigen Prothesen zeigen, heißt es, damit könne er ein bisschen gehen. Nur ist „ein bisschen gehen“ ganz und gar nicht das, was er sich unter seinem weiteren Leben vorstellt. Herr kann seine Enttäuschung über die Unzulänglichkeit der verfügbaren Technik nicht verbergen. Die Unfähigkeit, herkömmliche Grenzen zu akzeptieren – die vielen Extremsportlern zu eigen ist – legt den Grundstein für eine Karriere als Bionik-Pionier. Getrieben von der Idee, seine volle Kletterfähigkeit wiederzuerlangen, beginnt Herr sich mit dem menschlichen Bewegungsapparat zu beschäftigen. 

Der ehemals faule Schüler, der seine Zeit lieber auf einem Felsen verbrachte als mit Büchern, studiert Physik und Maschinenbau am Massachusetts Institute of Technology (MIT) und macht in Harvard seinen Doktor in Biophysik. Parallel schraubt er an seinen Erfindungen. Einer seiner Lieblingswitze ist bis heute, dass er hoffe, nicht wieder der „Prä-Amputations-Depp“ zu werden, sobald seine Prothesen perfektioniert und an sein Nervensystem angeschlossen seien. Herr vermutet nämlich, dass der Unfall auch eine Veränderung in seinem Gehirn zur Folge hatte, dass gewissermaßen Kapazitäten freigesetzt wurden, da sein Gehirn sich nun nicht mehr – oder eben ganz anders – mit der Betätigung seiner Füße beschäftigen muss.

Eines Tages, wenn Hugh Herr’s ambitionierte Pläne fruchten, werden Prothesen für jeden zugänglich sein - und es wird so normal sein, wie eine Brille zu tragen.   

Der erste Schritt in die Zukunft

Die Beine, die Herr heute trägt oder, besser gesagt, die ihn tragen, sind vollkommen künstlich. Sie bestehen aus Carbon, Titan und Silikon und einer Handvoll Schrauben und Federn. Unerhört einfach, kann er sie per Knopfdruck anstecken und wieder abnehmen, etwa so wie man Skischuhe an- und auszieht. Nimmt er sie ab, so verändert sich auch seine Haltung, er sieht aus wie ein anderer Mensch. 

In jeder Prothese befinden sich fünf Minicomputer und zwölf Sensoren, die dafür sorgen, dass sich die bionischen Gliedmaßen bewegen, als wären sie aus Fleisch und Blut. Über eine Smartphone-App können die Roboterbeine genauer programmiert werden, was Steifheit und eingesetzte Kraft angeht. Wie der Cyborg-Detektiv aus der 1980er-Jahre-Serie „Inspektor Gadget“ kann Herr seine Beine weiter ausfahren oder einfahren und so seine Körpergröße radikal verändern. Vor allem beim Klettern verschafft ihm das einen Vorteil, denn er kommt heute an Griffe heran, die kein Kletterer mit normalen menschlichen Fähigkeiten zu erreichen vermag, und kann auf Felsvorsprüngen stehen, die schmäler sind, als seine menschlichen Füße es je waren. Genau wie Inspektor Gadget hat Herr nun auch eine Menge anderer nützlicher Werkzeuge in seiner Trickkiste. So gibt es für seine Prothesen etwa Aufsätze mit Spikes, die ihm erlauben, senkrechte Eiswände hinaufzuklettern, ein Hobby, das Herr trotz der traumatischen Begegnung mit dem eisigen Mount Washington nicht aufgegeben hat.

Dabei merkt Herr auch, dass es nicht mehr sein Ziel ist, sich Beine zu bauen, die genau dasselbe können wie biologische Gliedmaßen. Jetzt will er Beine, die seine Kletterfähigkeiten noch verbessern, ihm übermenschliche körperliche Möglichkeiten geben und ihn klettern lassen wie nie zuvor. 

Aber kann so ein Mensch-Maschinen-Wunder überhaupt noch mit Normalsterblichen in einer Liga spielen? Genau diese Frage wurde einem noch berühmteren Träger bionischer Beine zum Verhängnis. Der südafrikanische Sprinter Oscar Pistorius, als „Blade Runner“ bekannt (der 2014 zunächst wegen fahrlässiger Tötungund im Dezember 2015 von einem Berufungsgericht wegen Mordes an seiner Freundin Reeva Steenkamp verurteilt wurde), musste sich einem Verfahren wegen Betrugs stellen. Seine Konkurrenten vermuteten, dass die Prothesen Pistorius einen unfairen Wettbewerbsvorteil verschafften. Das Gericht lud einen Experten, der über die Grenze zwischen noch menschlich und bereits roboterhaft entscheiden sollte: Hugh Herr. Herr schaffte es, ein Urteil zu Pistorius’ Gunsten zu erwirken, sodass dieser bis zu seiner Verhaftung 2013 auf seinen Blades weiterlaufen durfte.

Hugh Herr

Ja, das ist echt! 

Aimee Mullins wurde mit deformierten Beinen geboren, mit denen sie niemals hätte gehen können. Als sie ein Jahr alt war, wurden ihr die Unterschenkel amputiert und durch Prothesen ersetzt. Heute ist sie Fotomodell und Leichtathletin. Hugh Herr fertigt für Mullins spezielle Hightech-Prothesen – und findet diese Frau einfach zum Niederknien.

© Jill Greenberg/Corbis Outline

Herr nennt Pistorius gerne als Beispiel eines idealen Zusammenspiels von Mensch und Maschine. Er schwärmt vom Verschmelzen mit der Technologie und von fließenden Übergängen zwischen natürlichem und synthetischem Körperteil. In ein paar Jahren werde er selbst kleine Implantate in seine verbleibenden Beinmuskeln bekommen, die den Kontakt zwischen ihm und seinen bionischen Beinen verbessern. Und in weiteren zehn Jahren werden seine Roboterbeine direkt an seine Nervenenden angeschlossen sein, ist Herr überzeugt. Er werde nicht nur fähig sein, auf dem Boden zu laufen, sondern auch den Boden zu fühlen, das heißt: seine gesamte Sensorik in den Beinen zurückgewinnen. So würden die metallenen Beine zu „organischen Erweiterungen“ seines Körpers werden, „ganz natürlich“, sagt der werdende Cyborg, offenbar getrieben vom Wunsch, die Auswirkungen des Horrorklettertrips im Eis vollständig ungeschehen zu machen. 

Gerade bei Sportlern, aber auch bei allen anderen Menschen, deren Leben überdurchschnittlich stark von ihrer Bewegungsfähigkeit abhängt, kommt Herrs Arbeit gut an. Ein weiteres berühmtes Beispiel ist die Turniertänzerin Adrianne Haslet-Davis, die bei den Anschlägen auf den Boston Marathon 2013 ihren ­linken Fuß verlor. Auf dem Höhepunkt ihrer Karriere fand sie sich plötzlich in der Situation, ihr Arbeitswerkzeug, ihren Fuß, nicht mehr benutzen zu können. Sie begegnet Hugh Herr in einer Rehabilitations­klinik für die Opfer der Anschläge.

Als Herr ihre Geschichte hört, erkennt er sich selbst in ihr wieder. Wie er war sie durch den Verlust des Beines von ihrer größten Leidenschaft im Leben abgeschnitten. Und genau wie er kam sie nur schwer damit zurecht. Herr beschließt also kurzerhand, ihr auch ein Roboterbein zu bauen. Es soll eine neue Herausforderung für den Bionik-Techniker werden, denn Tänzer bewegen sich ganz anders als Kletterer. Zweihundert Tage dauert es, um ihre Bewegungsdynamik so genau zu erforschen und zu verstehen, dass Herr ihr ein Bein zu geben vermag, das alles kann, was sie damit zu tun gewohnt war. „In 3 ½ Sekunden haben die kriminellen Feiglinge sie von der Tanzfläche geholt“, sagt Herr in seiner Präsentation der Prothese. „In zweihundert Tagen haben wir sie dorthin zurückgebracht.“ Tatsächlich ist Haslet-Davis’ Prothesenmodell ein spezielles Rumba-Bein, das präzise auf die Bewegungen des Tanzes abgestimmt ist.

In einer nicht so fernen Zukunft soll niemand mehr unter körperlichen Behinderungen, wie etwa dem Verlust eines Arms oder Beins, leiden müssen, stellt Hugh Herr sich vor. Es sei nicht anders als mit Brillen. Menschen mit schlechten Augen hätten eine Sehbehinderung, doch dank der Brille, die selbst nichts weiter als eine Prothese sei, würden sie in ihrem täglichen Leben davon nicht behindert. Irgendwann, so sieht es Hugh Herrs Plan vor, sollen seine Prothesen ebenso normal und für alle zugänglich sein wie eine Lesebrille. Er will den Zustand körperlicher Behinderung gänzlich aus der Welt tilgen und volle Rehabilitation zum Mindestmaß des Erreichbaren machen.

Nerven mit Maschinen verbinden

Bionik und Elektromechanik, an der Schnittstelle zwischen Biologie und Design, sollen Herrs Science-Fiction-Traum von medizinischer Technik wahr werden lassen. Es ist ein interdisziplinäres Feld, in dem Neurowissenschaften eine große Rolle spielen, ebenso aber Elektronik, Mechanik und Biologie. Die Schwierigkeit ist und bleibt jedoch die Verbindung zwischen Mensch und Maschine, ein Problem, das schon seinem Namensvetter Hugh Jackman als Wolverine aus „X-Men“ so manch schlaflose Nacht bereitet. Um ein technisches Bauelement zu kreieren, das so hypersensibel auf die Impulse der menschlichen Muskeln, des Skeletts und des Nervensystems reagiert, dass es tatsächlich verlorene Glieder ersetzen kann, braucht es Technologie auf einem Level, von dem die Welt noch weit entfernt ist. Schließlich gelingt es auch bei weniger komplizierten technischen Geräten kaum, sie so intuitiv zu designen, dass der User keine fünfzigseitige Betriebsanleitung benötigt. 

Hugh Herr

Natur nicht imitieren

„Am Anfang zog ich Kletterschuhe über den Prothesenfuß, sagte mir dann: ,Das ist Blödsinn!‘, und warf die Schuhe weg“, sagt Herr. „Ich hatte erkannt, dass die Prothese nicht wie ein menschlicher Fuß aussehen muss, um in einer steilen Felswand zu klettern. Meine Kletterfüße haben jetzt die Größe von Babyfüßen. Sind wirklich sehr, sehr klein, so gelange ich überall hin.“

Hugh Herrs Forschungsgruppe am MIT beschäftigt sich gegenwärtig mit der Entwicklung spezieller Elektroden. Zwei Nervenstümpfe werden dabei mit einer kleinen Röhre verbunden, sodass die Nervenenden nah beieinander sind. Dieser Kanal enthält eine Art Sieb, bei der jedes Loch mit einer Elektrode verbunden ist. Wachsen dann die Nervenfasern durch die Löcher, können sie in direkten Kontakt mit den Elektroden treten und so eine funktionale Schnittstelle zwischen Mensch und Maschine bilden, die einen „beinahe optimalen“ Informationsaustausch gestatten.  

Eine andere Erfindung Herrs ist eine spezielle Knieprothese. Das künstliche Kniegelenk „spürt“ die Stärke und Drehkraft einer Bewegung und passt sich dem individuellen Benutzer an. Das Knie enthält Öl, verdünnt mit winzigen Eisenpartikeln. Ein elektromagnetisches Feld interagiert mit diesen Eisenstückchen und sorgt für das Feintuning des Knies. 

Daneben arbeitet Herr an sogenannten Exo-Skeletten, an Geräten, die sich von außen um den menschlichen Körper wickeln und so beispielsweise Schlaganfallpatienten helfen können, ihre gefühllos gewordenen Arme wieder zu bewegen und die Symmetrie ihres Körpers wiederherzustellen. Das sei nur der Anfang, sagt Herr. Am Ende dieser Entwicklung stünden Geräte, die es möglich machen würden, dass Menschen aus ihren Rollstühlen aufstehen und loslaufen können.

Gleichzeitig aber übt das amerikanische Tech-Superhirn scharfe Kritik an de facto allem, was vor ihm da war. Sogar der gemeine Schuh ist ihm ein Dorn im Auge, weil man davon Blasen bekomme, in seinen Augen ein Paradebeispiel dafür, dass die Menschheit nicht wisse, wie man synthetische Produkte am Körper befestigt. Die Prothesen, an denen er arbeite, seien die „bequemsten Gliedmaßen, die jemals jemand getragen hat“. Läge seinen Ambitionen nicht der Gedanke zugrunde, das Leben der Menschen zu verbessern, ließen sich leicht Parallelen zu den Genies des Bösen ziehen, die wir nur aus Comic-Verfilmungen kennen. Die Art, wie er über seinen wissenschaftlichen Verstand und seinen „ungewöhnlichen Körper“ spricht, erinnern einen zuweilen an Superhelden-Malefizlinge wie Magneto.

„Es gibt keine Grenzen.“
Hugh Herr

Wieder fühlen können

Die Frage, wann seine futuristischen Prothesen tatsächlich verfügbar sein werden, scheint Herr beiseitezuschieben. Er spricht von einer Zukunft, in der sie leistbar und für jeden da sein werden, als wäre das schon morgen zu erwarten. Dieser Fortschritt werde auch gut für die Wirtschaft sein, prophezeit er, denn körperliche Behinderungen würden die Gesellschaft weltweit über eine Trillion Dollar an Gesundheitsleistungen kosten. Ginge es nach ihm, so wäre grundlegende physiologische Funktionalität des eigenen Körpers ein Menschenrecht, denn fast die Hälfte der Weltbevölkerung leide unter irgendeiner Form von kognitiver, emotionaler, sensorischer oder motorischer Fehlfunktion ihres Körpers. „Jeder Mensch sollte das Recht haben, ohne Behinderung zu leben, wenn er will“, sagt Herr. 

Gemessen an der Tatsache, dass derzeit fast eine Milliarde Menschen weltweit nicht einmal Zugang zu sauberem Trinkwasser haben, erscheint Herrs Traum umso utopischer. Auch die von ihm genannte alltägliche Prothese, die heute schon jeder hat, nämlich die Brille, ist längst nicht so verbreitet, wie viele vielleicht glauben. Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) schätzt, dass zwischen einer halben und einer Milliarde Menschen weltweit eine Brille brauchen würden, sich diese aber schlicht nicht leisten könnten. Der Slogan „Prothesen für alle“ bleibt also inzwischen eher für eine Zukunft reserviert, die ebenso weit weg erscheint wie nachwachsende Gliedmaßen.

Doch in Hugh Herrs Augen ist nichts unmöglich. „Es gibt keine Grenzen“ ist einer seiner Lieblingssätze, wenn es um die Verschmelzung von Mensch und Maschine geht. Eines Tages, hofft er, nicht nur das Gefühl in seinen nicht mehr vorhandenen Füßen wiederzuerlangen, sondern auch seine Balance, die vielleicht sogar besser werden könnte, als sie es zuvor war. Kann er heute mit normaler Geschwindigkeit gehen, Treppen steigen und springen, so hofft er, irgendwann in einer Zukunft zu leben, in der er nie wieder Schmerzen erfahren muss, superschnell laufen und superhoch springen kann, und dass dies auch für die weiteren 20 Millionen Menschen gilt, die weltweit auf Prothesen angewiesen sind, um ihren Alltag zu bestreiten und ihre Ziele zu verwirklichen.

Hugh Herr

Besser als das Original

Hugh Herrs Prothesen funktionieren auch bei minus 40 Grad und können auf Knopfdruck ihre Länge verändern. Mit solchen bionischen Prothesen klettert Herr über Felsrouten, die selbst für Athleten mit intakten Beinen unbegehbar sind.

Es sind nur vorsichtige Anspielungen in seinen Aussagen, doch es ist klar, dass Hugh Herr eigentlich von einem durch Technologie ultimativ verbesserten Menschen träumt. Seine Prothesen sind nicht nur dazu gedacht, Menschen, die Gliedmaßen verloren haben, die Kontrolle über ihr Leben zurückzugeben. Stattdessen sollen auch jene, die sich in der „unglücklichen“ Position befinden, über gesunde und natürliche Körperfunktionen verfügen, zu übermenschlicher körperlicher Leistung befähigt werden können.

Herrs Labor entwickelt eine Reihe von Exo-Skeletten, die den Körper stärker machen sollen. Trägt man ein solches und möchte etwas sehr Schweres heben, so transferiert es den Großteil des Gewichts auf die künstlichen Beine. So könnten Menschen viel größere Lasten tragen als bisher und gleichzeitig ihren Körper schonen. Militärische Zwecke, Feuerwehr und Wandern sind nur einige Anwendungsmöglichkeiten, die Herr dafür einfallen. Er sagt eine Zukunft voraus, in der einfach jeder solche Exo-Skelette tragen wird, um seine eigenen Beine und Hüften während des Laufens oder schwerer Arbeit zu schützen. „Es wird uns stärker und effizienter machen“, sagt er. Es werde wunderbar sein, man werde nicht einmal mehr dann außer Atem geraten, nachdem man sich großen Anstrengungen ausgesetzt habe. 

Speziell die militärische Anwendung solcher Prothesen und Exo-Skelette ist ein Thema. Bereits seit Jahrzehnten arbeiten vor allem das US-Militär und seine privaten Partner am Soldaten 2.0. Er soll weniger Schlaf brauchen, schmerzunempfindlicher sein, weitere Strecken zurücklegen können und stärker sein. Ein General der U. S. Air Force sagte dazu einmal, man müsse dem einzelnen Soldaten die gleichen Fähigkeiten verleihen, wie sie ein Kampfflugzeug hat, und den Soldaten als „System“ sehen. Und die U. S. Navy testet gegenwärtig Exo-Skelette, die aussehen wie Roboteranzüge. 

Der „Iron Man“-Anzug, wie er dort genannt wird, könnte bereits 2018 bei militärischen Einsätzen verwendet werden. Das Problem ist bis jetzt noch, dass es in vielen Einsatzgebieten der Navy keine funktionierenden Stromnetze gibt. Manche dieser Anzüge können jedoch ohne Stromquelle verwendet werden – Soldaten vermögen damit etwa 90 bis 100 Kilogramm mühelos über weite Strecken zu tragen, ohne das Gewicht zur Gänze zu fühlen. 

 

Vom Soldaten 2.0 zum Cyborg

Für Hugh Herr bietet sich ein weites Betätigungsfeld hinsichtlich militärischer Nutzung seiner Roboter-Körperteile. Er weist darauf hin, dass das Geschäft mit den Prothesen nach jedem Krieg einen Aufschwung erlebt hat. Dies verhalte sich nicht anders mit dem „Krieg gegen den Terror“, der nach den 9/11-Anschlägen begann. Dieses Ereignis habe dafür gesorgt, dass „enorme Geldmittel“ für diesen Zweck verfügbar seien, so Herr. Den Veteranen, die im Krieg Gliedmaßen verloren haben und denen die Ärzte prophezeien, sie könnten sich nie wieder bewegen, rät Herr daher, eine zweite Meinung einzuholen.

Für Herr, den ersten Cyborg-Professor am MIT, steht jedenfalls fest, dass seine Forschung die Welt verändern wird. Er glaubt die Lücke zwischen Fähig-Sein und Nichtfähig-Sein, zwischen gesundem Körper und Behinderung schließen zu können und spricht von Neuroimplantaten, die den Blinden das Sehen ermöglichen, und maschinellen Körperteilen, die volle Rehabilitation bei jeder Art von körperlichem Manko bieten. „Die Natur treibt Design voran, aber Design auch die Natur“, sagt Herr.

Klicken zum Weiterlesen
05 2016 The Red Bulletin

Nächste Story