Jürgen Furian

Jürgen Furian: „Denken wie ein Formel-1-Pilot“

Interview: Andreas Rottenschlager
Foto: Kurt Prinz

Jürgen Furian ist Mitbegründer des Wiener Pioneers Festival. Dort lernen Start-ups, wie man aus einer Idee einen Welterfolg macht.

Ein Hoverboard samt Halfpipe, Mikrochips für die Laufhose, ­Roboter mit Gefühlen: Beim Wiener ­Pioneers Festival präsentieren Start-ups seit 2012 die Produkte der Zukunft. Und bekommen von Wirtschafts-Superstars (etwa Shazam-Gründer Chris Barton, Siri-Erfinder Adam Cheyer) praktische Erfolgstipps. Festival-Boss Jürgen Furian: „So entsteht Technik, die in fünf Jahren schon ­unser Leben prägt.“

THE RED BULLETIN: Herr Furian, gibt es eine Eigen­schaft, die sämtlichen erfolgreichen Gründer ­gemeinsam ist?

JÜRGEN FURIAN: Ja. Selbstvertrauen. Die absolut wichtigste Eigenschaft, wenn Sie eine Idee realisieren wollen. Denken Sie an Tim Wester­gren. Er hatte Ende der 1990er die Idee für ein Internet-Radio, das sich dem User-Geschmack anpasst. Wester­gren trug sein Konzept 300 Investoren vor und kassierte 300 Absagen. Trotzdem gab er nicht auf. Heute hat sein Internet-Radio achtzig Millionen Hörer.

Eine solche Ausdauer hätten die wenigsten.

Weil sich die Leute vorm Scheitern fürchten. Aber in der Start-up-Szene ist Scheitern etwas Positives – vorausgesetzt, man lernt daraus. Es gibt eigene Konferenzen, auf denen Firmengründer nur übers Scheitern sprechen. 

Was ist gut daran, wenn mein Projekt schiefgeht?

Dass man aus seiner Komfortzone geworfen wird und dazulernt. Jede Innovation bringt Risiko mit sich. Rennfahrer Mario Andretti sagte einmal: „Wer alles kontrollieren kann, fährt nicht schnell genug.“ Von dieser Haltung kann man lernen.

Start-up-Gründer sind Profis im Verkaufen von Ideen. Hätten Sie einen Tipp für uns? Sagen wir für die Idee, unseren Chef um mehr Gehalt zu bitten?

Wenn Sie eine Minute haben, trainieren Sie nur für diese Minute. Argumentieren Sie aus der Sicht Ihres Chefs. Und das Wichtigste: Seien Sie leidenschaftlich!

Start-up-Guru: „Jede Innovation birgt ­Risiko in sich.“

Können auch nicht alle.

Dann lernen Sie von den Videos der Präsentations­trainerin Nancy Duarte. Nancy hat an Vorträgen von Al Gore und Steve Jobs mitgearbeitet und letztes Jahr bei uns gesprochen. Kern­aussage: Verkaufe alles mit einer Story. Etwa das Thema Mentoring am Beispiel von Luke Skywalker und Meister Yoda.

Sagen wir, ich bin gut vorbereitet, aber schrecklich nervös.

Macht nichts. Ich war selber ein introvertiertes Bürschchen. Ich habe auf der Uni eine einzige Präsentation gehalten. Und alle anderen erfolgreich vermieden.

Wie haben Sie die Angst besiegt?

Ich habe mir gesagt: „Es ist nicht schlimm. Die Leute sind da, um dir zuzuhören.“

Das klingt zu einfach.

Stimmt aber. Sogar die größten Musikstars haben Lampenfieber. Das gehört zum Job. Wir haben ja vorhin über die gute­n Seiten des Scheiterns gesprochen: Wenn du deinen Vortrag versemmelst, wissen zumindest mehr Leute über dich Bescheid als zuvor.

Welche Branche hat die spannendsten Start-ups?

Biotechnik. Kleine Start-ups, die mit wenig Geld unglaubliche Dinge erreichen. 

Zum Beispiel?

Hampton Creek aus San Francisco produzieren Eier aus den Proteinen von Bohnen. Ohne Hühner, ohne Massentierhaltung. Ich war bei denen frühstücken. Ihre Spiegeleier schmecken lecker.

Für das Pioneers Festival trudeln jedes Jahr Bewerbungen aus der ganzen Welt ein, weit mehr, als es Plätze gibt. Wie wählen Sie aus, wer bei Ihnen präsentieren darf?

Es muss sich um Ideen handeln, die in den nächsten fünf Jahren unsere Zukunft bestimmen werden. Wir reden beim Pioneers Festival ausschließlich von der Zukunft. Themenmäßig sind wir breit aufgestellt: Aerospace, Energie, Roboter, Biotechnik. Das schätzt die Branche an uns.

Welche Eigenschaften muss ein guter Speaker haben?

Er darf kein „Speaker“ sein, das ist Punkt eins. Wir wollen Leute, die etwas anpacken, schaffen, scheitern und weiter­machen. Erst dann können sie darüber sprechen. Wir schauen­ uns an, was junge Start-ups brauchen und von welchen Experten sie lernen können. Das ist wie in einer Schulklasse: Von engagierten Lehrern lernst du am meisten.

Welcher Start-up-Lehrer beeindruckt Sie am meisten?

Steli Efti, der Gründer von ElasticSales. Ein Meister, wenn es um Live-Präsentationen geht. Normalerweise laden wir niemanden zweimal ein. Steli kommt aber immer wieder, weil wir dauernd Mails kriegen, die seinen Auftritt fordern. Stelis Fachgebiet ist staubtrocken: Es geht um Umsatzerlöse. Trotzdem gehen die Leute bei seinen Vorträgen ab. Auf unserem YouTube-Kanal gibt’s den Beweis. Steli ist energiegeladen. Und gibt immer präzises Feedback. 

Was ist seine Kernbotschaft?

„Sell first. Build second.“ Es geht um die Angst der Branche, dass du ein Produkt perfekt entwickeln musst, bevor du es verkaufst. Laut Steli ein Riesenfehler. 
Er sagt: Verkaufe es zuerst, auch wenn es nicht perfekt ist. Und schau, ob überhaupt Nachfrage besteht. Du gibst dem Kunden zwanzig Prozent Rabatt auf ein unfertiges Produkt. Dafür ist er der Erste, der das Produkt bekommt.

Angenommen, ich habe eine Idee für eine App. Wie mache ich sie erfolgreich?

Du solltest dir vorab ein paar Fragen beantworten, und die wichtigste davon ist: Do I really, really care? Will ich das wirklich? – Es muss ja nicht jeder Unternehmer werden. Denn es wird eine knallharte Achterbahnfahrt. Und wenn du da nicht wirklich leidenschaftlich bist, wirst du – wenn’s echt schwierig wird – aussteigen.

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05 2016 The Red Bulletin

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