Kreativ-Künstler Dominic Wilcox im Interview

Dominic Wilcox: „Aufschieben heißt, sich vor Entscheidungen zu drücken“

Interview: Christoph Kristandl
Foto: Dominic Wilcox Studio

Mit seiner Gabe, gewöhnliche Dinge in etwas Besonderes, Unerwartetes zu verwandeln, begeistert Dominic Wilcox sein Publikum, Unternehmen und Kinder. Im Interview erklärt der Engländer seine Kreativität und wie du zu guten Ideen kommst.

Dominic Wilcox sieht Dinge anders. Der Designer und Künstler begegnet dem Alltag mit offenen Augen und befindet sich auf der ständigen Suche nach Inspiration. „Ich habe mich selbst davon überzeugt, dass in allem was uns umgibt, hunderte Ideen stecken, die darauf warten, gefunden zu werden. Wir müssen nur intensiv genug Ausschau halten“, sagt er.

Aus der Beobachtung seiner Umgebung und dem menschlichen Verhalten kreiert er Objekte, die seine Wahrnehmungen ausdrücken. Seine Arbeit ist Kunst, Design, Handwerk und Technologie. Und irgendwie verschmelzt er diese Welten miteinander. Resultat: innovative Objekte, die zum Nachdenken anregen, die ein internationales Publikum begeistern und auch das Interesse großer Unternehmen auf sich ziehen.

Für Kellogg’s etwa entwickelte er Gadgets, die das tägliche Familien-Frühstück interessanter und spaßiger machen. Er baute seine Vision eines selbstfahrendes Glasautos mit einem Bett im Inneren. Er veranstaltet die erste Kunstausstellung für Hunde und entwarf Schuhe, die den Träger per GPS stets an den gewünschten Zielort führen.

Wir haben uns bei TEDxVienna mit dem Mann aus Sunderland über Kreativität und den Weg zu guten Ideen unterhalten.

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THE RED BULLETIN INNOVATOR: Es ist schwer, Maßstäbe für Kreativität zu finden. Wie definierst du für dich persönlich Erfolg?

DOMINIC WILCOX: Das ist schwierig, denn ich bin kein sonderlich ambitionierter Mensch.

Bist du nicht?

So etwas wie ein Ziel habe ich nicht. Ich habe eine Idee, mache ein Objekt daraus und gehe über zum nächsten Projekt. Menschen fragen mich manchmal nach dem einen Traum-Objekt, dass ich unbedingt entwerfen will … aber wenn ich wüsste, was das ist, dann würde ich es machen. Ich habe auch keine Vision oder das Bestreben, meine eigene Ausstellung im Pompidou oder in einem anderen großen Museum zu haben, das spielt in meinen Gedanken keine Rolle. Ich arbeite einfach immer an dem, was vor mir liegt.

Mit seinem Projekt Little Inventors realisiert Wilcox Erfindungen, die der Fantasie von Kindern entspringen. Nach dem großen Erfolg in seiner Heimatstadt Sunderland wird 2017 daraus ein weltweites Projekt.

© Youtube // TEDx Talks

Worin liegt das Geheimnis deiner Kreativität?

Ich war immer in vielen Bereichen ein Außenstehender. Ich hatte vor meinen „No Place Like Home“-Schuhen noch nie Schuhe designt. Als Außenstehender kannst du aber auf Schuhe blicken und sagen: „Ok, ich baue da jetzt GPS ein.“ Ich habe vor meinem Car of the Future auch noch nie ein Auto entworfen, während es Menschen gibt, die ihr ganzes Leben damit verbracht haben. Aber ich glaube, dass du, wenn du immer und immer wieder dieselben Dinge designst, dich irgendwann selbst oder die Leute in deiner Umgebung imitierst. Mit einem frischen Blick an ein Thema heranzutreten ist ein großer Vorteil, deswegen ist das mein genereller Ansatz. Mit derselben Methode kannst du überall Kreativität hineinbringen.

Siehst du Kreativität als Talent?

Es ist vielmehr eine Denkweise und es gibt viele Arten, zu versuchen, die zu kreieren. Wichtig ist, einen spielerischen Ansatz zu haben, denn das macht die Dinge leichter und nimmt den Druck. Wenn wir ernst sind, dann ist es, als würden sich unsere Gedanken verspannen. Wenn wir relaxt sind, sind wir hingegen wir selbst. Nehmen wir an, du bist mit deinen Freunden im Pub, ihr erzählt euch lustige Geschichten, dann weitet sich deine Fantasie aus. Aber wenn du in einem ernsten Meeting sitzt, ist deine Kreativität limitiert. Versuch also mit Leichtigkeit und Offenheit an Projekte heranzugehen. Und versteif dich nicht zu früh auf eine Idee. Probier Dinge aus, geh Risiken ein. Zu Experimentieren ist wichtig. Solange es umsichtiges Experimentieren ist, werd nicht verrückt. Ich finde auch, dass Deadlines die Kreativität stimulieren.

Die Dokumentation „The Reinvention of Normal“ begleitet Wilcox dabei, wie er banale Dinge des Alltags in etwas Überraschendes verwandelt.

© Youtube // Liam Saint-Pierre

Deadlines, wirklich?

Ich hatte einmal ein Projekt mit dem Namen „Speed Creating“, eine 30-tägige Challenge. Jeden Tag musste ich etwas Kreatives entwerfen, es bauen, ein Foto davon machen und es auf meinen Blog stellen. Jeden Tag. Ich hatte ein Publikum mit Erwartungen, deswegen wachte ich jeden Tag sehr früh auf, gequält von den Gedanken, was ich an diesem Tag machen könnte. Aber es funktionierte. Etwas aufzuschieben - ich und viele andere Menschen tun das gerne -, ist wirklich nichts anderes als sich vor Entscheidungen zu drücken. Wenn du eine Deadline hast, gibt es ein bisschen Druck. Dann musst du dich für eine Idee entscheiden und kannst nicht warten, bis du sie in deinen Gedanken zu 100-prozentiger Perfektion ausgeformt hast. Du musst Entscheidungen treffen und dich auf deinen Instinkt verlassen. Das ist ein guter Weg, Dinge schnell voran zu treiben und Ideen umzusetzen, die du ansonsten vielleicht „zerdacht“ hättest. Je mehr du über eine Idee grübelst, desto mehr kritisierst du dich und die Idee und engst dich ein.

Du findest, der Drang zur Perfektion hemmt Kreativität?

Ich denke schon. In gewisser Weise bin ich aber auch Perfektionist. Der Weg zu einem Ergebnis, mit dem ich letztlich glücklich bin, ist ein sehr kurviger.

Was machst du, wenn dich die Muse gerade nicht küsst und ein weißes Blatt Papier vor dir liegt?

Das ist entsetzlich. Ich hasse es. Ich zeichne dann alle möglichen Dinge auf, die mit dem Thema zu tun haben. Wenn du ein Objekt siehst, es visualisieren kannst, dann hilft das ein wenig. Tu irgendetwas, füll das Blatt mit Dingen. Du musst nicht auf direktem Weg zu der einen großen Idee gelangen. Mein Stift wandert dann einfach herum, ich kann etwas größer oder kleiner machen oder ihm einfach nur zum Spaß Flügel verpassen. Der Akt des Zeichnens, die Bewegung, die Gedanken – das alles verbindet sich und lässt etwas entstehen. Tob dich aus, gib dem Stift und deinen Gedanken Raum, dann kommt eins zum anderen.

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04 2017 The Red Bulletin Innovator

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