Pioneers

Der Start-Up Experte des Balkans

Text: Teresa Reiter
Bild: Martin Kuipers

Kushtrim Xhakli ist einer der erfolgreichsten Tech-Unternehmer aus dem Kosovo und fördert Seinesgleichen. Mit The Red Bulletin spricht er über Probleme der kosovarischen Start-Up-Szene, Korruption und seine Vision.

Einer der erfolgreichsten Tech-Unternehmer aus dem Kosovo ist der 32-jährige Kushtrim Xhakli. Seine Geschichte beginnt wie die Heldensagen des Silicon Valley – mit einem Schulabbruch. Als die Universität Prishtina nicht wie andere Hochschulen in Europa Reformen durchführte, meldete sich Xhakli enttäuscht ab und ging stattdessen nach Schweden auf die Hyper Island School. In den frühen Dotcom-Jahren begann er als Freelancer Websites zu bauen und landete damit schnell einen Erfolg: Die kosovarische Regierung übernahm die von ihm entwickelte Online-Bildungsplattform Trajnimi und machte sie zu einer offiziellen nationalen Plattform für digitales Lernen. Xhakli nutzte die Publicity und gründete seine erste eigene Firma. Mit Fast Europe Ventures stellte er mobile Zahlungsdienste und Bank Consultancy Services zur Verfügung. Danach fungierte er als Mitbegründer von changers.com, einem Berliner Unternehmen, das Solargeräte herstellt, und landete schließlich bei seinem aktuellen Projekt, dem Digital Banking Index. Dabei werden in der Art des Net Promoter Score Nutzungsbedingungen für mobiles und digitales Banking von verschiedenen Geldinstituten verglichen. 

„Der Kosovo als zerrissenes Land verdient eine Chance, gleichberechtigt an der europäischen Start-up-Szene teilzunehmen“, sagt Xhakli. Darum möchte er der nächsten Generation von Unternehmern die Hilfe bieten, auf die er selbst damals noch nicht zurückgreifen konnte. 

THE RED BULLETIN: Hat Kosovo als Standort Vorteile?

KUSHTRIM XHAKLI: Geographisch liegt der Kosovo sehr günstig. Er teilt gemeinsame Werte mit allen großen Nachbarländern, und wenn ein Produkt im Kosovo funktioniert, kann man es auf größeren Märkten wie Italien oder Türkei replizieren. Ein Vorteil ist auch die geringe Größe des Landes, da muss man von Tag eins an international denken und agieren. Denken Sie an Estland, das ist so groß wie der Kosovo, aber sehr einflussreich.

Was sind die größten Schwierigkeiten, mit denen Start-ups in Südosteuropa zu kämpfen haben?

In Südosteuropa mangelt es uns an Erfahrung und Finanzierung. Aber die größten Hindernisse liegen darin, wie wir denken, wie wir arbeiten – das entspricht nicht internationalen Standards – und in der Angst zu scheitern. Man könnte meinen, dass es an Infrastruktur fehlt, aber das stimmt so nicht mehr. Denn heute gibt es überall Breitband-Internet, in Rumänien und Bulgarien sogar das billigste und schnellste der Welt. Im öffentlichen Sektor gibt es auch Bewegung. Montenegro, Mazedonien und ­Rumänien haben Ministerien, die sich eigens mit ­Informationstechnologie und Telekommunikation beschäftigen. Eines der weltweit fortschrittlichsten SAP Labs ist in Sofia, Bulgarien. Und sieht man sich das Bildungsniveau an, so gibt es in Südost­europa 6000 IT-Absolventen pro Jahr, viele davon multi­lingual, die auch Deutsch und Englisch sprechen. 

 

Korruption? „Kein Problem.“ Weil? „Es fehlt das Geld.“
Kushtrim Xhakli

Hat es der Kosovo schwerer als andere, weil er nicht als souveräner Staat anerkannt ist? 

Der Kosovo hat die größten Schwierigkeiten. Der Kosovo ist das einzige Balkanland, dessen Bevölkerung es nicht erlaubt ist, ohne Visa durch den Schengenraum zu reisen. Unternehmer können nicht einfach ins Flugzeug springen und an einer Konferenz in Berlin teilnehmen. Der Kosovo ist auch in der Internet-Landschaft nicht voll anerkannt. Viele Internetseiten zeigen den Kosovo nicht als Auswahlmöglichkeit in ihren Menüs an. Um das zu ändern, habe ich die E-Government-Plattform Digital Kosovo gegründet. Dort kann jeder für die digitale Miteinbeziehung des Kosovo lobbyieren. 

Eine Chance verdient

Kushtrim Xhakli fördert kosovarische Jungunternehmer im Tech-Sektor. Lebt zwar mittlerweile in Berlin und Vilnius, organisiert aber mit der IPKO Foundation (IF) Events in Prishtina, die junge Start-ups mit Experten, Financiers und Unternehmen aus der EU zusammenbringen. 

 Wie sieht es mit Finanzierung und Förderungen aus?

Firmen verbringen Stunden damit, Antragsformulare auszufüllen, um Geld zu bekommen. Aber bei den meisten Initiativen gibt es keine Evaluierung, wie effektiv die Firma bei der Umsetzung ihrer Ziele war. Ob man Finanzierung bekommt, hängt also eher davon ab, wie gut man Formulare ausfüllen kann, als von der Qualität des Produkts. Aus Geldgebersicht geht es oft nicht um nachhaltiges Unternehmertum oder darum, wie viele Arbeitsplätze kreiert wurden.

Ist Korruption dabei ein Problem?

Bisher gab es noch keine Schlagzeilen über Korruptionsfälle, wenn es um Förderungsanträge geht. Aber wie schon gesagt sind die administrativen Strukturen in Sachen Start-ups noch sehr wenig entwickelt. Man könnte auch sagen: Es gibt keine öffentliche Förderung, daher gibt es auch keine Korruption.

 

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05 2015 The Red Bulletin

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