Elektroflugzeug für alle

Startups, die in Bayern mit den Weltraum-Experten der ESA zusammenarbeiten

Text: Raffael Fritz
Foto: ESA

Die Europäische Weltraumorganisation ESA hat es sich zum Ziel gesetzt, irdische Anwendungen für Weltraumtechnologie zu finden. Dabei helfen sollen Startups. Ein Lokalaugenschein an drei Standorten der ESA Business Incubation Centres.

Viele Innovationen haben ihren Ursprung in der Raumfahrt. Doch um Anwendungen für Weltraumtechnologie hier auf der Erde zu finden, braucht es kreative Köpfe. Nach ihnen sucht die Europäische Weltraumorganisation (European Space Agency/ESA) mit einem eigenen Inkubationsprogramm.

Wir haben uns an den Standorten 

  • Noordwijk
  • Oberpfaffenhofen
  • Graz

angesehen, wie die ESA Startups unterstützt und mit ihnen zusammenarbeitet.

Station zwei führt uns nach Bayern, wo am ESA BIC Bavaria unter anderem am ersten senkrechtstartenden Elektroflugzeug gearbeitet wird.

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Oberpfaffenhofen, Deutschland

„In einem Startup-Hub? Da würd ich durchdreh’n!“ Nein, ein hippes Gemeinschaftsbüro in der Großstadt – das wäre nichts für Katharina Kreitz. Sie fühlt sich wohl hier am Rande von München, wo der Speckgürtel der Stadt abrupt ins bayrische Landidyll übergeht und die Zeit ein bisschen langsamer zu vergehen scheint – besonders wenn man auf der Landstraße hinter einem Traktor dahintuckert.

Katharina Kreitz und Florian Wehner von Vectoflow

Katharina Kreitz und Florian Wehner von Vectoflow bauen Sonden für die aerodynamische Messtechnik.

© Sebastian Gabriel

Hier zwischen Oberpfaffenhofen und Gilching befindet sich seit 2009 einer der Standorte des ESA BIC Bavaria. Dieser Technologie-Brutkasten bietet Platz für 15 junge Unternehmen. Und eines davon ist die Firma Vectoflow, die drauf und dran ist, die aerodynamische Messtechnik zu revolutio­nieren. Das sei immer ein bisschen schwierig zu erklären, meint Katharina, darum hat sie ein Plastikkästchen mit Anschauungsmaterial dabei und zieht daraus ein metallenes Etwas ­hervor, das einem Zahnarztbesteck verdächtig ähnlich sieht („Das sagen alle!“).

In Wirklichkeit ist es eine Sonde zum Messen aerodynamischer Strömungen. Im Kopf der Sonde befinden sich fünf Löcher, die bereits minimale Druckunterschiede regis­trieren. Und daraus lässt sich ­genau errechnen, woher ein Luftstrom kommt und wie stark er ist. Solche Messsonden gibt es schon lange – mit ihnen plagte sich Kreitz schon während ihres Maschinenbau-Studiums herum, weil sie ständig falsche Messergebnisse lieferten oder einfach kaputtgingen. „Die werden normalerweise von Hand gefertigt wie in einer Uhrenmanufaktur. Trotz aller Sorgfalt kriegt man das ­jedoch einfach nie so genau hin“, sagt Kreitz, „und wir dachten uns, das muss doch besser gehen.“

Es ging: Die Sonden von Vectoflow entstehen in speziellen 3D-Druckern, wo sie exakter, kleiner und aus hitzebeständigeren Materialien gebaut werden. Ihr erster Kunde war ein Formel-1-­Team, mittlerweile bekommen sie Anfragen zu den unterschiedlichsten Projekten, die mit Strömungen zu tun haben: von der Dunstabzugshaube bis zum Raketentriebwerk.

Wie alle Startups am BIC Bavaria bekommt das Team von Vectoflow hier bis zu zwei Jahre lang ein Büro gestellt und kann günstig weitere Räume dazu­mieten. Außerdem gibt es 50.000 Euro Startkapital – und Workshops mit Wissenschaftlern der ESA und Verbindungen zu möglichen Investoren und Industriepartnern. Und wer sich ein wenig in die Kaffeeküche setzt, findet immer interessante Gesprächspartner: etwa Benedikt Seitz und Michael Haus von evalu, die gerade erst eingezogen sind. Sie haben eine smarte Schuheinlage entwickelt, die die Bewegungen von Läufern analysiert und ihnen über eine Smartphone-App Vorschläge macht, wie sie ihre Technik verbessern können. Der digitale Laufcoach soll noch dieses Jahr auf den Markt kommen.

Benedikt Seitz und Michael Haus von evalu

Benedikt Seitz und Michael Haus sind vor kurzem im ESA BIC eingezogen. Mit ihrem Unternehmen evalu entwickeln sie eine smarte Schuheinlage, die Fußbewegungen von Läufern analysiert und ihnen über das Smartphone Tipps gibt, wie sie ihre Technik verbessern können.

© Sebastian Gabriel

Ein paar Büros weiter sitzt das Team von Reactive Robotics: Sie verwenden Sensorik und Steuerungstechnik aus der Raumfahrt, um Therapieroboter für bettlägerige Patienten zu bauen. Und in einem Nebengebäude hat sich das Unternehmen Quantum Systems breitgemacht, das intelligente Drohnen für Landwirtschaft und Vermessungswesen entwickelt.

Sie alle wirken nicht unbedingt wie „Aliens“, sondern einfach wie Menschen, die von ihren Ideen überzeugt sind und alles geben, um sie in die Tat umzusetzen – und die vielleicht ein bisschen nerdiger sind als in anderen Startup-Büros.

Das größte – und vielleicht ambitionierteste – Projekt am BIC Bavaria findet sich im Erdgeschoss des Gebäudes: Es heißt Lilium und wurde von Daniel Wiegand gegründet. „Im Urlaub hab ich mal eine V-22 Osprey gesehen, das ist ein senkrecht startender Truppentransporter von den Amerikanern“, sagt Daniel. Die Osprey mutet ein ­wenig wie eine Promenadenmischung aus Flugzeug und Hubschrauber an – „und ich dachte mir, das wär doch der Wahnsinn, wenn es so etwas für jedermann gäbe“.

Das Team von Lilium arbeitet an einem Elektroflugzeug, das senkrecht startet und landet – und dabei kinderleicht zu bedienen ist. Schon Anfang 2019 könnte es auf den Markt kommen.

© Youtube // Article-TUBE2

Also begann Wiegand, herumzurechnen und Konzepte zu erstellen: Das Flugzeug sollte einen elektrischen Antrieb haben, es musste sicher und leise sein – und so einfach zu bedienen wie ein Smartphone. Am Anfang sei das alles nur ein Gedankenexperiment gewesen, sagt er: „Doch eines Abends habe ich entschieden, gut, ich bau jetzt einen Elektroflugzeughersteller auf.“ Und genau das tat er.

Ein erster, kleiner Prototyp aus Holz wurde erst am Abend vor der Präsentation bei der ESA fertig. Er hob ab. Heute hat Lilium knapp 30 Mitarbeiter, die am ersten ­lebensgroßen Modell des Flugzeugs werkeln. Nach anfänglichem Zaudern erlaubt Wiegand einen kurzen Blick in die Werkstatt: Auf einer Stereoanlage läuft Hip-Hop, der das Surren der 3D-Drucker in der Ecke übertönt. An einer Werkbank sitzen ein paar Mit­arbeiter und schrauben an Rotoren ­herum. Und ganz hinten steht es: Ein tropfenförmiges mattschwarzes Gebilde aus carbonfaserverstärktem Kunststoff, etwas kleiner als ein VW Käfer und so leicht, dass man es problemlos mit ­einer Hand an einem Ende hochheben kann. Noch ist das Flugzeug nur eine leere Hülle, doch in den kommenden Monaten wird es mit der nötigen Technik befüllt, um noch in diesem Jahr ­einen ersten unbemannten Testflug zu machen.

Es seien vor allem die Leichtbau-­Materialien gewesen, bei denen sie vom Know-how der ESA profitiert ­hätten, meint Wiegand. Und auch die exakte Positionsbestimmung, wie sie in der Raumfahrt immer weiter per­fektioniert wird, soll beim Lilium-Flugzeug eine wichtige Rolle spielen: Denn es wird vollautomatisch fliegen können. Anfang 2019 soll das Flugzeug auf den Markt kommen und den Traum vom fliegenden Auto wahr machen, das uns die Science-Fiction seit den „Jetsons“ für die Zukunft versprochen hat – auch wenn die Idee heute noch wirkt wie nicht von dieser Welt.

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