Urška Sršen Interview Bellabeat

Urška Sršen:
„Im Chaos blühe ich auf“

Interview: Andrew Swann
Bild: Daniel Kudernatsch 

Das Leben als Gründerin eines erfolgreichen Startups kann ziemlich chaotisch sein. Urška Sršen, Co-Founder von Bellabeat, weiß das nur zu gut.

Seit dem Sieg bei der Pioneers Startup Challenge 2013 hat sich das Leben von Urška Sršen drastisch verändert. Die Co-Gründerin von Bellabeat generierte Investments in Höhe von mehreren Millionen Euro und operiert mit ihrem Unternehmen auf drei Kontinenten. The Red Bulletin gewährte sie Einblick in ihr Leben als Entrepreneur, die Grundsätze des Networkings und den Umgang mit Stress.

THE RED BULLETIN: Wer ein erfolgreiches Business aufbauen möchte, braucht die richtigen Kontakte. Wie funktioniert das berühmte Networking auf Startup-Events? 

URŠKA SRŠEN: Wenn du Networking betreibst, dann sieht es oft so aus, als würdest du nur ein paar Visitenkarten austauschen. Aber vielleicht hältst du plötzlich die Karte in deinen Händen, die für dich zum Game Changer werden kann und du weißt es noch gar nicht. Es ist enorm wichtig, dass Networking nicht nur ein Wort ist, du musst es intensiv verfolgen. Knüpfe Kontakte, bleib mit ihnen in Verbindung und schau, wie ihr euch gegenseitig helfen könnt.

„Vielleicht hältst du plötzlich die Karte in deinen Händen, die für dich zum Game Changer werden kann und du weißt es noch gar nicht.“

Das Entscheidende ist also, dran zu bleiben?

Genau. Wenn du nur Visitenkarten sammelst und nichts damit anfängst, was bringt das dann? Aber sie sich zu besorgen ist schon ein Schritt in die richtige Richtung. Wenn du die Leute später wieder triffst, sind sie vielleicht offener, weil ihr euch bereits kennt. Anfangs ist es wirklich beängstigend, wenn du niemanden kennst, aber mit der Zeit werden die Dinge einfacher.

Was ist das Wichtigste beim Networking?  

Ich würde sagen, es ist der Respekt, zu jeder Zeit. Und spring die Leute nicht einfach so an. Andererseits sind sie es gewohnt, auf Events offensiv angesprochen zu werden, deswegen sind wir ja alle dort. In Europa müssen wir noch lernen, so selbstbewusst zu sein, einfach zu sagen: “Hey, können wir miteinander sprechen?”

Als Startup solltest du immer bereit für einen Pitch sein. Es ist wichtig, dass du deine Präsentation im Vorhinein übst, damit du eine spezielle Sprache entwickelst und auf deine eigene Art verständlich vermitteln kannst, was du und dein Unternehmen machen. Der größte Fehler, den junge Gründer machen, ist, dass sie ihre Ausführungen verkomplizieren, weil sie so aufgeregt über das sind, woran sie arbeiten. Wenn du dich einer Person präsentierst, muss sie einen guten Eindruck von dir bekommen und sie muss in wenigen Sekunden wissen, was du machst. 

Wie würden Sie uns dann in einem Networking-Gespräch Bellabeat vorstellen?

So: Bellabeat ist ein Unternehmen, das Self-Tracking-Tools für Frauen entwickelt, mit einem speziellen Fokus auf die pränatale Betreuung. Wir versuchen, die pränatale Betreuung durch Wearables zu verbessern.

Urska Srsen

„In Europa müssen wir noch lernen, so selbstbewusst zu sein, einfach zu sagen: ‚Hey, können wir miteinander sprechen?‘”

„Wenn du anfängst dich wohl zu fühlen, dann machst du etwas falsch.“

Die Optik spielt bei Ihren Produkten eine große Rolle. Woher kommt die Inspiration für Ihre Designs?

Bevor ich anfing, an einem Startup zu arbeiten, war ich Bildhauerin, allerdings habe ich hauptsächlich mit Holz gearbeitet. Die Natur ist eine große Inspiration für mich.

Welche Skulpturen haben Sie geschaffen?

Ich habe vor allem konzeptionelle Arbeiten mit Holz und Stein gemacht. Aber meine Karriere als Bildhauerin war recht kurz, weil ich in meinem Abschlussjahr auf der Uni Bellabeat gegründet habe.

Urska Srsen

„Im Chaos blühe ich auf. Ich liebe das Chaos. Ich hatte schon eine sehr lange Zeit keinen freien Tag mehr.“

Die Idee dazu kam von heute auf morgen?

Ja, so habe ich mein Leben schon immer gelebt. Zunächst habe ich mich für Medizin eingeschrieben, mich dann aber für die Bildhauerei entschieden, ehe ich Bellabeat gegründet habe. Ich war immer jemand, der seinem Instinkt gefolgt ist. Du solltest immer vesuchen zu tun, was dir Spaß macht. Ich denke, das ist eine gute Einstellung für ein Startup, denn die Karriere als Gründer ist eine sehr unvorhersehbare. Du musst dich schnell umstellen können. Du befindest dich ständig außerhalb deiner Komfortzone und wenn du anfängst, dich wohl zu fühlen, dann machst du etwas falsch, denn dann stagniert dein Unternehmen einfach. 

Wie sieht ein normaler Arbeitstag in Ihrem Leben aus?

Mittlerweile normalisiert es sich zusehends. Aber wenn du ein kleines Startup bist, arbeitest du vielleicht von zuhause aus. Das heißt, du verlässt deine Wohnung nicht und kommst wochenlang nicht aus deinem Pyjama heraus. Du ziehst dir nur etwas an, wenn ein Meeting oder Ähnliches auf dem Plan steht. Ansonsten stehst du auf und arbeitest, bis du wieder ins Bett gehst. Das ist immer noch so, aber heute wechsle ich zumindest täglich meine Kleidung, weil ich mit anderen Menschen ins Büro muss. Du arbeitest jede Sekunde, in der du wach bist, alles andere ist in der Warteschleife.

Es gibt bei Ihnen also keine Balance zwischen Arbeit und dem restlichen Leben?

Ein Startup zu führen, ist wie ein Künstler zu sein: Das ist ein so persönliches Ding, eine ganz eigene Art zu arbeiten. Der Prozess ist sehr kreativ. Deine Arbeit und deine Hobbys und alles andere verschmelzen in einer Mission, in einem Projekt. Das ist es, warum ich denke, dass die Leute diese Work-Life-Balance verlieren. Sie ist nicht notwendig, weil dein Leben und zugleich deine Arbeit ist. 

Wie entspannen Sie sich dann?

Ich entkomme dem Alltag normalerweise, indem ich einige Minuten recherchiere, etwa andere Unternehmen stalke oder TechCrunch lese. Das ist meine Entspannung - und selbst die ist mit der Arbeit verbunden.

Schalten Sie ihr Handy nachts aus? 

Nein, keine Chance! Unsere Kunden und Investoren sitzen in den USA, wir sind in Europa und produzieren teilweise in Asien. Wir arbeiten also in drei völlig unterschiedlichen Zeitzonen. Wenn es wirklich intensiv wird, geht das rund um die Uhr. Ich wache um drei Uhr auf, um ein Skype-Gespräch mit China zu erledigen, lege mich eine Stunde oder zwei ins Bett, dann arbeite ich mit meinem Team, ein kurzes Schläfchen und dann ein Telefonat nach Amerika. Und das geht immer so weiter.

„Wenn dich dein Körper im Stich lässt, ist das ein Risiko für dein Unternehmen.“

Haben Sie einen Tipp für Menschen in einer ähnlichen Stress-Situation?

Du musst das lieben. Ich denke, Gründer sind eine sehr spezielle Gattung, fast ein wenig masochistisch. Du bist total gestresst, aber gleichzeitig liebst du es und würdest nichts anderes tun wollen. Womit ich kämpfe ist, wenn es ständig richtig brutale Höhen und Tiefen gibt. Dann besteht die Gefahr, dass alles verflacht. Du kannst die Intensität von Freude und Traurigkeit nicht mehr richtig fühlen, weil du zu lange am Limit gelebt hast. Daher ist es sehr wichtig, einen Schritt zurück zu machen, über deine Emotionen nachzudenken und dir klar zu machen, dass das eine ganze Weile so gehen wird.

Man akzeptiert die Situation also?

Ein wenig schon, aber man sieht auch die frühen Anzeichen, denn dieses Verflachen ist Depression. Ich denke, man nennt es Gründer-Depression und die ist sehr verbreitet. Das musst du beachten und dagegen ankämpfen. Wir sind letztlich nur Menschen und müssen auf uns achtgeben. Das ist das Wichtigste, wichtiger als dein Unternehmen. Es ist immer noch sehr hart, diese Balance zu finden, aber Co-Founder und ein Team machen es einfacher. 

Gesund zu essen ist ebenfalls wichtig. Bei Bellabeat dreht sich alles um Gesundheit, also versuchen wir Botschafter dafür zu sein, ein gesundes Leben zu führen. Arbeite und trainiere, denn wenn dich dein Körper im Stich lässt, ist das ein Risiko für dein Unternehmen.

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Wenn Sie eine Woche frei hätten, ohne Arbeit und Verpflichtungen, was würden Sie tun?

Das ist für mich im Moment so abstrakt, dass ich es mir gar nicht vorstellen kann! Aber ich denke, ich würde von Montag bis Sonntag schlafen. Wenn ich genauer darüber nachdenke, könnte ich so viele Bücher lesen, ich könnte Orte besuchen, fernsehen, aber realistisch betrachtet würde ich vermultlich einfach umfallen und einschlafen.

Fürchten Sie sich vielleicht sogar vor dem Moment, in dem Sie Freitzeit haben? 

Ja, genau. Im Chaos blühe ich auf. Ich liebe das Chaos. Ich hatte schon eine sehr lange Zeit keinen freien Tag mehr.

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