„Die Maschinen werden wissen, was sie sind“

Interview: Georg Eckelsberger
Bild: Weinberg-Clark Photography 

Vishal Sharma hat einen der intelligentesten virtuellen Assistenten unserer Zeit entwickelt: Google Now. Doch die wahre Revolution steht noch aus, sagt er. Selbstlernende Maschinen werden die Welt verändern.

THE RED BULLETIN: Du bist ein vielbeschäftigter Mann, entwickelst virtuelle Assistenten. Woher soll ich wissen, dass ich mit dir und nicht mit einer Maschine skype?

Vishal Sharma:
 Das ist der heilige Gral, der berühmte Turing-Test - kann eine Maschine so intelligent sein, dass wir sie nicht von einem Menschen unterscheiden können?

Was würdest du sagen?

Ich bin nicht sicher. Könnte hier und heute eine geheime Technologie existieren, die es schafft, mein Gesicht und meine Stimme zu konstruieren? Denkbar, aber sehr unwahrscheinlich, die Technik ist noch nicht so weit.

Wie lässt sich ein virtueller Assistent enttarnen?

Die Systeme haben nur zwei Möglichkeiten zu reagieren, wenn sie etwas nicht verstehen: Sie können entweder witzig oder dumm rüberkommen. Der Assistent macht also entweder einen Witz und versucht, dich von deiner eigentlichen Frage abzulenken, oder er gibt zu: „Es tut mir leid, ich habe nicht verstanden, was du gerade gesagt hast.“

Vishal am Podium des Pioneers Festival 2013.

Das größte Problem ist also die Spracherkennung? 

Die menschliche Sprache ist sehr dynamisch und ausdrucksstark. Unsere Intelligenz und unser Bewusstsein drücken sich darin aus – Millionen von Ausdrucksformen und Emotionen. Virtuelle Assistenten versuchen die Sprache möglichst einfach herunterzubrechen und dann jenen Befehlen zuzuordnen, die am besten passen. Dabei entsteht noch kein richtiger Dialog. Trotzdem glaube ich, dass die Interaktion mit Sprache und Gesten in Zukunft eine bedeutende Rolle in der Kommunikation mit Maschinen spielen wird. Manche sagen, funktionierende Spracherkennung ist eine Technologie, die immer fünf Jahre entfernt ist. Ich bin nicht so pessimistisch.

Wie lernen die Maschinen dazu?

Es gibt zwei verschiedene Modelle. Nehmen wir an, wir wollen einem Roboter beibringen, sich zu bewegen. Die erste Möglichkeit ist, bewegliche Roboterteile zu konstruieren und dann Algorithmen zu schreiben, die dem Roboter sagen, wie er sie benutzen soll. Die zweite Möglichkeit sind selbstlernende Roboter. Die Maschine erhält Fähigkeiten, weiß aber selbst nicht, welche Fähigkeiten das sind. Der Roboter erhält zum Beispiel einen Arm mit drei Bewegungsstufen, und du stellst ihn vor die Aufgabe, einen Ball näher an ein Ziel zu bewegen. Der Roboter weiß nicht, wie er die Aufgabe lösen soll, er muss es selbst herausfinden. Mit der Zeit entwickelt er ein Modell seines Arms und seiner Fähigkeiten und leitet die Algorithmen selbst davon ab. Große Teile dessen, was wir als Bewusstsein bezeichnen, kommen aus dieser Form der Körperlichkeit und entwickeln sich durch diese Art des Feedbacks. In gewisser Weise wird sich der Roboter dabei bewusst, was er ist.

„Dem Roboter wird in gewisser Weise bewusst, was er ist.“ 
Vishal Sharma

Feedback ist der Schlüssel zu intelligenten Maschinen?

Ja, aber bei der Spracherkennung funktioniert der Feedback-Bogen noch nicht. Du sagst etwas, und im Gegenzug hat der virtuelle Assistent kaum Möglichkeiten zu reagieren. Er antwortet sinngemäß: „Ich denke, du meinst das so. Meinst du das so?“ Er kann kein wirkliches Feedback geben, deshalb ergibt sich keine Konversation. Die Assistenten wiederum sind aber auf ständiges menschliches Feedback angewiesen, die Geschwindigkeit der technischen Evolution hängt davon ab. Ich bin überzeugt, wir werden eine Möglichkeit finden, dieses Feedback zu ermöglichen. Wenn das passiert, werden wir einen plötzlichen, unerwarteten Sprung vorwärts machen. Es wird mehr und mehr intelligente Systeme geben, und sie werden jeden Tag schlauer werden. Wir bewegen uns auf diese Schwelle zu, aber wir sind noch nicht dort.

Der Turing-Test

Bereits 1950 entwickelte der britische Mathematiker und Informatiker Alan Turing den nach ihm benannten Test, um das „Denkvermögen“ von Maschinen beurteilen zu können. Bei dem Test unterhält sich ein Mensch ausschließlich über Texteingabe am Bildschirm mit zwei unbekannten Gesprächspartnern – einem Menschen und einem Computer. Beide versuchen ihn davon zu überzeugen, dass sie der menschliche Gesprächspartner und keine Maschine seien. Kann die Testperson die Maschine am Ende des Gesprächs nicht identifizieren, ist der Turing-Test bestanden. Bis heute ist das allerdings noch keiner Maschine gelungen.

 Tesla-Gründer Elon Musk und andere Forscher warnen vor den Gefahren eines solchen Durchbruchs. Sind Sorgen angebracht?

Künstliche Intelligenz wird in Zukunft eine sehr mächtige Technologie sein und große Bereiche unseres Lebens bestimmen: Wie unterhalten wir uns miteinander? Wie erhalten wir Informationen über unseren eigenen Körper? Wenn du automatisierten Systemen so viel Kontrolle über die Menschen gibst, muss es eine Debatte darüber geben und eine Art Aufsicht. Wir müssen bösartige Entwicklungen verhindern. All das sind berichtigte Sorgen. Jetzt wäre ein guter Zeitpunkt für die Menschheit, sich mit diesen Fragen zu beschäftigen.

Wie sieht es mit Datenschutz und Privatsphäre aus? Wo ziehst du persönlich die Grenze?

Ich mag Systeme, die viel über mich wissen: Ich klicke hier und dort, und am Ende erhalte ich eine Buchempfehlung auf Amazon. Das finde ich in Ordnung. Wenn du diese Informationen aber zu mir zurückverfolgen kannst, und zwar bis in alle Ewigkeit, dann ist das ein Problem für mich. Ich will die Möglichkeit haben, Systeme dazu zu bringen, mich zu vergessen. Ich mache mir persönlich Sorgen über Datenschutz. Jeder sollte sich Sorgen machen. Dennoch glaube ich, dass Big Data einen demokratisierenden Effekt haben kann – wenn die Systeme allen gleichermaßen zur Verfügung stehen. Wenn jeder Mensch auf der Welt jeden anderen ausspionieren kann, verhindert das die Zentralisierung von Macht. Bisher haben sich die meisten Technologien, die den Menschen individuell zur Verfügung stehen, für autoritäre Systeme als zersetzend erwiesen.

Mit deiner Arbeit verblüffst du Menschen. Aber wann warst du zuletzt selbst erstaunt über eine technische Neuerung?

Das passiert ständig. Wenn ich spät dran bin und mir mein Telefon automatisch Verkehrsinfos anbietet, sagt es in gewisser Weise meine Zukunft vorher – das fasziniert mich. Manchmal sage ich etwas zu Siri, und ich bin mir sicher, dass es mich nicht verstehen wird – und dann versteht mich Siri doch. Das finde ich erstaunlich. Technologie ist magisch.

Große Unternehmen wie Apple und Google bestimmen im Moment den Bereich der virtuellen Assistenten. Welche Rolle können kleine Start-ups spielen?

Der gesamte Bereich ist neu und unerforscht, es gibt immens viel Raum für Kreativität und kreative Zerstörung. Ständig tun sich neue Möglichkeiten auf, deshalb kann kein Konzern den gesamten Bereich dominieren. Nehmen wir Deep Learning als Beispiel: Es gibt so viele unterschiedliche Bereiche, auch Google oder Apple können nicht alles abdecken. Kein anderer technologischer Bereich bietet so ergiebige Chancen für Start-ups.

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05 2016 The Red Bulletin

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