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Milch ohne Kuh? Ei ohne Huhn?

Text: Magdalena Miedl 
Bild (Oben): pixabay.com

Fleisch aus dem Labor. Eier ohne Huhn. Und Milch, die nicht aus dem Euter kommt: Isha Datar kennt die Leute, die das Essen der Zukunft erfinden. Sie ist eine von ihnen.

Keine Tiere mehr schlachten

Stimmt es in zwanzig Jahren also doch, dass Fleisch in der Styroportasse im Kühlregal wächst? Derzeit kostet ein In-vitro-Burger noch 250.000 Euro. Normal für einen Prototyp. Geht es nach Andras Forgacs, gehören die ersten, teuren Jahre nach der Marktreife aber sowieso dem Luxussegment. Im Fall von Labor-Leder etwa Spezialbestellungen von Haute-Couture-Häusern. Oder maßgeschneiderten Leckerbissen für die Haute Cuisine, vielleicht gezüchtet aus den Zellen seltener Tierarten. Danach soll sich der Preis radikal reduzieren und sich dem Massenmarkt anpassen.

Was die Nachhaltigkeit betrifft, haben die Fleischlaboranten bereits jetzt alle Trümpfe in der Hand: 99 Prozent weniger Wasser, 96 Prozent weniger Land, 96 Prozent weniger Treibhausgase und immerhin 45 Prozent weniger Energie brauche die Produktion von Rind aus der Retorte, wie Forgacs vorrechnet. Das Fleisch kann lokal dort produziert werden, wo es gegessen wird: in den Städten, wo der Großteil der Menschen längst lebt. Und es müssen keine Tiere dafür geschlachtet werden.

Hingehen, das Messer wetzen und das Tier selbst töten: Dieser Aufgabe stellen sich bewusste Fleischesser immer wieder. Ein ehrenvoller Selbstversuch, der aber am Problem vorbeigeht. Denn es sterben nicht nur die Tiere, die wir essen. Sondern noch sinnloser die, die wir nicht brauchen: Stierkälber, die in der Milchproduktion keinen Nutzen haben. Und männliche Küken, die als ausgewachsene Hähne nicht verkäuflich sind. Allein in Deutschland werden im Jahr zehn Millionen frisch geschlüpfte Hähnchen geschreddert, weltweit sind es mehr als 200 Millionen.

Idealisten widmen sich der Frage, wie die Hühnerzucht durch sogenannte Zweinutzungsrassen tiergerechter werden kann. Damit sind Hühnerrassen gemeint, die nicht entweder auf Eierlegen oder auf Fleischmasse hin optimiert sind, sondern beides gut können. Die Norm sind immer noch Fabrikshallen voller Legehennen, die zu fünft auf einer Käfigfläche von einem Blatt Papier die zwei Jahre ihres Lebens verbringen. Aber diese Fabriken haben keine Zukunft, und das nicht nur aus Tierschutzgründen: Sie sind auf lange Sicht gesehen unwirtschaftlich.

Nervöse Großkonzerne

Isha Datar hat auch dafür jemanden im Portfolio, der weiterweiß. Wäre Josh Tetrick Tierrechtsaktivist, würde er vielleicht in solche Eierfabriken einbrechen und ein paar Hühner befreien. Doch damit hält er sich nicht auf. Joshs geistige Heimat ist das Silicon Valley, und hier denkt man in Lösungen, nicht in Problemen. Tetricks Ansatz ist simpel: Was, wenn wir keine Hühnereier mehr brauchen?

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John Legend schwärmte auf Twitter von Just Cookies: „Mmmmmmm. Just cookie dough by @hamptoncreek. So good.“

© Instagram // @johnlegend

 Und zwar nicht, weil wir verzichten, sondern weil wir das mit den Eiern besser können als die Hühner selber? Das Verhältnis von Energie-Input zu Output ist bei Hühnereiern 39 zu 1, schlechter schneidet nur Rindfleisch ab. Josh Tetrick will es besser machen: Sein Unternehmen Hampton Creek entwickelt pflanzliche Produkte, die traditionell mit Ei hergestellt werden. In amerikanischen Supermärkten und inzwischen auch in Hongkong erhältlich ist Just Mayo, eine eifreie Mayonnaise. Just Cookies begeisterten sogar Oprah Winfrey, die sie als „Smarter Cookies“ lobte. Außerdem gibt es pflanzlichen Cookie-Teig, der zum Selberbacken und Roh-Essen geeignet ist. Überall ausverkauft, seit John Legend auf Twitter davon schwärmte. Demnächst wird es ein Ranch Dressing geben ohne Ei oder Milch, aber „zehnmal köstlicher als die führenden Marken“, verspricht Hampton Creek. Und Ende des Jahres soll es Just Scramble zu kaufen geben, das erste rein pflanzliche „Rührei“-Produkt der Welt. 

Einer Mutter mit wenig Haushaltsgeld ist egal, ob ihre Mayo vegan ist. Ihr sind gute Zutaten, der Geschmack und ein guter Preis wichtig.“
Hampton Creek
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Die Bauernhofidylle war gestern - Massentierhaltung, Überdüngung, Monokulturen und gravierende Umweltzerstörung sind die Gegenwart. 

© MARTIN UDOVIČIĆ

Lauter vertraute amerikanische Nahrungsmittel, Mainstream-Wohlfühlprodukte, hergestellt aus verschiedenen Sorten gelber Erbsen. „Einer Mutter mit wenig Haushaltsgeld ist egal, ob ihre Mayo vegan ist. Ihr sind gute Zutaten, der Geschmack und ein guter Preis wichtig“, heißt es bei Hampton Creek. Das kommt so gut an, dass sogar der Nahrungsmittelriese Unilever unruhig wird: In einem David-gegen-Goliath-Prozess verklagte Unilever Tetricks Unternehmen, er führe die Kunden mit der Bezeichnung „Mayo“ in die Irre, weil kein Ei enthalten sei. Nach monatelanger schlechter Presse zog Unilever dann die Klage zurück. Und für Hampton Creek hat sich der Prozess als die beste nur denkbare Publicitykampagne erwiesen.

Eier ohne Hühner

Während industrielle Nahrungsmittelhersteller sich mit konventionellen Haifischbeckenmethoden zur Wehr setzen, sind die Ernährungspioniere einander freundschaftlich verbunden. Man kennt und schätzt einander. Als Josh Tetrick von seinem Investor Horizon Ventures gefragt wurde, welche weiteren Start-ups unterstützenswert seien, nannte er großzügig die Kollegen von Modern Meadow. Auch Isha ist überzeugt vom Hampton-Creek-Gedanken. „Es läuft für ihn so gut, inzwischen sind wir eher Fans als Unterstützer von Josh“, sagt sie.

„Wenn wir alle unsere Gewohnheiten nur ein Stück verändern, bringt das viel mehr, als wenn eine kleine Minderheit komplett auf tierische Produkte verzichtet.“ 
Isha Datar

In Sachen Ei ist sie gedanklich bereits einen Schritt weiter: Gemeinsam mit den beiden New-Harvest-Volunteers Arturo Elizondo und David Anchel hat sie Anfang März 2015 Clara Foods gegründet. Das Start-up arbeitet daran, tatsächlich Hühnerei aus pflanzlichen Proteinen herzustellen. Erstes Ziel ist Eiklar, das auch zu Schnee geschlagen werden kann und das bei Hitze stockt. Eben all die Eigenschaften, die Hühnereiweiß für viele in der Küche unentbehrlich macht. Noch ist die Website des jungen Unternehmens sehr schlank. Bis zum Ende des Sommers will das Clara-Foods-Trio essbares Eiklar aus dem Labor entwickelt haben.

Muufri existiert nur ein Jahr länger als Clara Foods, hier wird inzwischen schon expandiert: Das alte Labor ist zu eng geworden, der fünfte Mitarbeiter wurde engagiert. Ende 2016 will Ryan Pandya ein vermarktbares Produkt anzubieten haben. Je nach Zusammensetzung könnte Muufri nicht nur Kuh-, Büffel- oder Ziegenmilch, sondern auch menschliche Muttermilch ersetzen. Die Herstellung von Milchprodukten wie Joghurt und Käse ist ein langfristiges Ziel. 

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Den lieben, langen Tag auf saftigen Wiesen grasen ist für die meisten Kühe fern ab von der Realität - den Tieren werden mit Antiobiotika gefüttert, um schneller und ohne krank zu werden ihr optimales Schlachtgewicht zu erreichen.

© Martin Udovičić

Wenn jemand Strategien für bevorstehende Ernährungskrisen empfehlen kann, ist es Zukunftsforscherin Hanni Rützler. Und die sagt: „Es wird viele Konzepte nebeneinander geben, die auch die Eigenheiten der unterschiedlichen Esskulturen widerspiegeln.“ Die Milcherfinder und die Fleischlaboranten sind dabei wichtig: „Die kleinen Start-ups sind im Moment wendiger und zukunftstauglicher. Die können mit Fundraising schnell einen ersten Schritt machen. Und wenn sie erfolgreich sind, weil sie genau die Bedürfnisse, Sehnsüchte und Wünsche ihrer Kunden aufgreifen, dann werden sie auch gerne aufgekauft.“

Genau die Menschen also, die einander bei New Harvest begegnen, dieser Organisation mit dem Namen einer Sekte und der Mission, die Zukunft zu verändern. Sie stellen sich dabei keine dystopischen Szenarien mit verendendem Vieh und hungerbäuchigen Babys vor, sondern eine bessere Variante der Wirklichkeit. So wie damals, als Science-Fiction noch hell und sauber war. Als „Star Trek“ die futuristische Idealversion der Vereinten Nationen war und der Replikato­r auf der USS Enterprise auf Zuruf jedes Gericht der Galaxie bereitstellte. Muufri, Modern Meadow und Hampton Creek arbeiten nicht an Essensimitaten, sondern an echten Nahrungsmitteln. Noch ist das ungewohnt, aber hat im Vergleich zur Praxis der Fleischindustrie Zukunft. Altmodische Rinder mit Hörnern, Ohren, Fell und Euter haben dann vielleicht nur noch Platz als museale Streicheltiere. Und wenn sich dann jemand als Luxus ein echtes Steak leistet, ist die Kuh vor ihrem Tod auf der Weide gestanden. Ein Dasein, das heute für die meisten Rinder längst utopisch ist.

„Die kleinen Start-ups sind im Moment wendiger und zukunftstauglicher. Die können mit Fundraising schnell einen ersten Schritt machen.“
Hanni Rützler

Dorthin werden uns viele kleine Schritte bringen: „Wir entscheiden bei jeder einzelnen Mahlzeit neu, was wir essen. Wenn wir diese Entscheidung informiert treffen, können wir etwas bewirken.“ Als Isha diese Erkenntnis vor vier Jahren bei ihrem TEDx-Talk in Toronto kundtat, reagierten viele ihrer Zuhörer radikal – und stiegen auf vegane Ernährung um. „Dabei hatte ich das gar nicht beabsichtigt“, sagt sie heute. „Wenn wir alle unsere Gewohnheiten nur ein Stück verändern, bringt das nämlich viel mehr, als wenn eine kleine Minderheit komplett auf tierische Produkte verzichtet.“ Und wenn die New-Harvest-Community um Isha ihren Job gut macht, wird der Verzicht ohnehin nicht wehtun. Denn dann gibt es im Supermarkt bald Fleisch, das ohne Tiere hergestellt wurde. Echtes Fleisch.

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05 2016 The Red Bulletin

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